Harald Mohr (Stadtkulturverband) moderierte die Kulturdebatte mit Marcel Kreutz (links) und Alexander Felsch (rechts). Fotos: Philipp J. Bösel

Wie hältst du es mit der Kultur? Der Gretchenfrage stellten sich die Bürgermeisterkandidaten Alexander Felsch und Marcel Kreutz im Theas Theater. Die Beteiligung war hoch, der Saal ausgebucht. Das Publikum, darunter viele Akteurinnen und Akteure der Kulturszene, redete mit Herzblut über das eigene Engagement und seine Sorgen. Wer übernimmt die Führung in der Kulturpolitik? Wofür setzen sich die Favoriten für die Chefrolle im Rathaus ein?

Die Kulturpolitik spielt vor der Kommunalwahl am 14. September keine Hauptrolle; für die Kulturszene und auch für viele Kulturinteressierte dagegen ist es viel mehr als nur eine Nebensache, wie es mit der Unterstützung von Theater, Kunst und Musik in Bergisch Gladbach weiter geht. Bei der gemeinsamen Veranstaltung des Theas Theaters und des Bürgerportals unter dem Titel „Wieviel Kultur braucht der Mensch?“ war der Saal mit 90 Personen fast ausgebucht.

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Moderator Harald Mohr, Vorstandsmitglied des Stadtkulturverbands, konfrontiert die Kandidaten Marcel Kreutz (SPD/Grüne) und Alexander Felsch (CDU/FDP) zunächst mit der Aufgabe, ihr Verhältnis zur Kultur zu erläutern. Kreutz erinnert sich an seine Begeisterung als Schüler für „Nathan der Weise“, Felsch schildert seine Liebe für die Musik. Künstlerisch aktiv ist keiner von beiden.

Fotos: Philipp J. Bösel

Nach dieser launigen Aufwärmrunde geht es dann sehr schnell um die großen Herausforderungen, mit denen sich vor allem die freie Kultur in Bergisch Gladbach konfrontiert sieht. Immerhin 1.300 Künstler:innen und Künstler, sagt Mohr, sind im Stadtkulturverband vertreten.

Herausforderung Nr. 1. Finanzierung: Das Theas Theater zum Beispiel bekomme nur 10.000 Euro von der Stadt, sagt Christoph Overbeck, der Vorsitzende des Fördervereins. Im Vergleich: Das seien die Kosten für die Sanierung einer einzigen kleinen sanitären Einrichtung. Trotz einiger Nachfragen wollen sich beide Bürgermeisterkandidaten die ganze Veranstaltung über nicht auf finanzielle Zusagen für die Kultur einlassen: „Wir müssen den Haushaltsentwurf abwarten“ – hier sind sich die beiden politischen Konkurrenten einig.

Das wollen viele im Publikum nicht so stehen lassen. Zum Beispiel Renate Vorwerk: „Bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus entstanden auf Anhieb 17 Veranstaltungen,“ sagt die Vorsitzende der Kinderschutzorganisation „Terre des Hommes”. Zwar leisteten die Ehrenamtlichen sehr viel, aber ohne Unterstützung aus dem Rathaus gehe es nun einmal nicht.

Foto: Philip J. Bösel

Herausforderung Nr. 2: Kultur – nur als Hobby für überwiegend ältere Menschen und ohne Bedeutung? Mitnichten: Zur Kultur gehört auch die Jugendarbeit. Allen voran die Jugendzentren wie das UFO in Bensberg, das Cross in Gronau, das Q1 und das Café Leichtsinn in der Innenstadt, die Krea in Refrath.

Martin Greiber vom UFO beklagt, dass im Moment immer noch Unklarheit herrsche, ob die Mitarbeiter der Jugendzentren im Januar weiter beschäftigt werden – weil die Verhandlungen der Träger mit der Stadt über eine auskömmliche Finanzierung andauern.

Zur Kultur in Bergisch Gladbach gehört auch die Förderung von Kindern durch städtische Einrichtungen, wie die Max-Bruch-Musikschule oder die Aktivitäten der Stadtbliothek. Die Verantwortung für diese städtischen Institutionen sind jedoch auf verschiedene Fachbereiche verteilt. Einen Posten Kultur, der die Ausgaben über alle Fachbereiche hinweg umfasst, findet man im Haushalt der Stadt Bergisch Gladbachs nicht.  „Wie wollen Sie hier eine bessere Vernetzung herstellen?“, ist die erste Frage aus dem Publikum.

Herausforderung Nr. 3 könnte eine Lösung sein: Das Zauberwort „Vernetzung“ fällt oft. Gemeint ist eine gut ausgestattete Stelle, die städtische Mitarbeiter:innen, Ehrenämtler und Professionelle koordiniert. Die gibt es derzeit in Person von Petra Weymans, die zusammen mit einer Verwaltungsangestellten auf einer halben Stelle das gesamte Kulturbüro darstellt. Und die in einem Jahr in den Ruhestand geht.

„Wir brauchen wieder eine Frau Weymans. Und am besten mit Unterstützung“, kommt die Forderung aus dem Publikum und wird mit heftigem Applaus belohnt. Die Kulturszene der Stadt könne viel leisten und vernetzte sich auch eigenständig. Dennoch besteht weitgehend Konsens im Saal: „Die Führung muss von der Stadt kommen.“

Dass sich das lohnt, weil die Kultur, die kreativen Kräfte, die Basis für eine breite Kreativwirtschaft sind, dafür argumentiert Stefan Weiß, als freier Regisseur unter anderem am Theas tätig. Tatsächlich ist die Kreativwirtschaft eine potente Branche, die schon 2023 bundesweit einen Umsatz von mehr als 200 Mrd. Euro erwirtschaftete.

Die Kandidaten live erleben: In einer weiteren Ausgabe unseres BürgerClubs diskutieren wir am Mittwoch, 3.9., ab 20 Uhr mit den Bürgermeister Favoriten Marcel Kreutz und Alexander Felsch über die Frage „Wie werden unsere Schulen schneller besser“. Dieses Mal in Kooperation mit und moderiert von den Schulpflegschaften – in der Aula des Albertus-Magnus-Gymnasiums (AMG). Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, hier finden Sie alle Infos.

Alle sechs Bewerber:innen für das Amt des Bürgermeisters haben wir zum „Kandidaten-Karussell“ am 8. September bei uns in die Redaktion eingeladen. Dafür ist eine Anmeldung erforderlich.

Alle Infos zur Kommunalwahl finden Sie auf unserer Schwerpunktseite

Ein echter Hoffnungswert für die Kreativwirtschaft und für die lokale Kultur ist das „Zukunftsquartier Zanders“, in dem die Kultur neben Arbeiten und Wohnen ihren Platz haben soll. Im Moment werde die lang erkämpfte Atelieretage auf Zanders bezogen, berichtet Harald Mohr.

Und wie halten es nun Kreutz und Felsch mit der Kultur? Beide bemühen sich nach Kräften, ihre Unterstützung zu versichern. Eine Schirmherrschaft – na klar. Eine auch nur weiche finanzielle Zusage? Dazu lässt sich keiner der beiden Kandidaten hinreißen.

Claudia Timpner, als Intendantin des Theas Gastgeberin des Abends, mit Marie Zintl und Lucas Wielpütz. Fotos: Philipp J. Bösel

Der Clou des Abends war, dass zwei Künstler:innen auf der Bühne schon ganz zu Beginn die vielleicht beste Frage des Abends gestellt hatten. Die Musiker:innen Lukas Wielpütz und Marie Zintl hatten die engagierte Veranstaltung eingeleitet und eigens ein Lied für die Veranstaltung komponiert: „Was wäre ein Lächeln ohne Empfänger?“

Kultur ohne Publikum ist ein Lächeln ohne Empfänger. Kultur ohne Politik bleibt zwar Kultur, aber sie erreicht das Publikum vielleicht nicht mehr. Kultur gibt Identität und Zukunft. Kultur entwirft die Welten. Politik ermöglich sie oder verhindert sie. 

Unser Chatbot zur Wahl in GL: Wir haben eine Künstliche Intelligenz mit den vollständigen Programmen der Parteien in Bergisch Gladbach gefüttert. Nun können Sie in einem Chat Ihre Fragen stellen. Probieren Sie es aus, fragen Sie nach Übereinstimmungen mit eigenen Präferenzen, lassen Sie die Aussagen der Parteien zu bestimmten Themen vergleichen, …

die Diplom-Betriebswirtin ist Journalistin und Theaterpädagogin.

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  1. Das ist mir alles zu pauschal, nichts sagend und ziellos! Man diskutiert seit Jahren um den heißen Brei, Fotos für den Wahlkampf sind natürlich gerne gesehen, aber gerade bei Herrn Felsch ist mir in seinem 100 Tage Sofortprogramm aufgefallen, dass das Wort Kultur kein einziges Mal gefallen ist. Symptomatisch für die gesamte Lage. Die Forderungen von Frau Vorwerk und Herrn Greiber sind richtig, konstruktiv und klar.

    Meine wären: 1. Massive Erweiterung der institutionellen Förderung
    2. Schulen mit Förderprogrammen ausstatten und kein Geld nach dem Giesskannenprinzip verteilen (siehe Sofortprogramm, absolut wirkungslos)
    3. Kulturetat auf eine halbe Millionen EUR aufstocken
    4. Stadtfeste als Stadt selbst ausrichten. Weg von Agenturen, zurück zur eigenen Stärke. Spart sehr viel Geld
    5. Kulturbüro personell auf zwei Vollzeitstellen ausbauen, damit hat man genug Kompetenz und eine seriöse Anlaufstelle. Eine zweite Frau Weymans werden wir leider nicht bekommen
    6. vereinfachte Strukturen für Veranstaltungen mit Zugriff auf städtische Ressourcen

    Wer es ernst mit de Kultur meint, der stellt sich nicht ans Fenster und applaudiert

    1. Joa,

      1. Ich persönliche finde, dass Theater gerne an den Rundfunkgebühren beteiligt werden können. Das wäre mal eine Maßnahme und ein guter Einsatz der Gebühren. Aber bitte mit Genderverbot.
      2. Das Programm von AF ist endlich mal etwas anderes. Die Verwaltung unter Migenda ist leider keine pragmatische.
      3. In einem Kulturrat sitzen meist studierte die den Rest der Bevölkerung nicht mitnehmen. Der muss aus der Bevölkerung kommen und kann sicherlich auch mal mit Ehrenämtern ausgestattet werden. Auch das wäre mal was neues. Da kommen Leute rein, die es machen wollen und keine die es des Geldes wegen übernehmen. (Thema Anpacken)
      4. Das empfinde ich als sehr gute Idee und bekommt vollsten Support.
      5. Die Bürgerbüros sind mir wichtig und es gilt eher diese zu besetzen.
      6. Hier bin ich eher dagegen. Das soll bitte über die Rundfunkgebühren mit abgedeckt werden.