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Von der Terminvereinbarung bis zum Kennenlernen, von Kontaktaufbau bis zur „Auftragsklärung“: Martin Zender von der Evangelischen Beratungsstelle lädt mit seiner Familienrats-Kolumne zu einem ausführlichen Blick hinter die Kulissen eines Erstgesprächs ein.

Viel Streit zu Hause, Probleme in Kita oder Schule, Probleme zwischen Eltern und Kindern, Probleme auf Paarebene – es gibt viele Gründe, die Menschen zu uns in die Beratungsstelle führen. Der erste Kontakt entsteht in der Regel, wenn sie anrufen, um einen Termin zu vereinbaren. Von unserer Teamassistentin erhalten sie dann schon viele Informationen, damit sie erste Anknüpfungspunkte haben und den Weg zu uns finden, und sei es nur der Hinweis, wo sie ihr Auto parken können. Viele erleben das als hilfreich.

Wenn der Beratungstermin gekommen ist, begrüße ich die Klient:innen an der Tür oder im Wartezimmer. In diesem „Abholmoment“ sind oft schon viele Emotionen spürbar: Sind die Menschen entspannt, aufgeregt, herrscht eine große Anspannung, wirkt jemand traurig und niedergeschlagen oder offen und zugewandt?

Die Beratungsräume liegen in der ersten Etage. Auf dem Weg dorthin kann ich mich bereits auf diesen ersten Eindruck einstellen und mich innerlich vorbereiten, wenn z.B. ein Elternpaar besonders unter Anspannung steht.

Wechselspiel zwischen „Führen und Folgen“

Auf der Treppe gehe ich in der Regel vor, um den Klient:innen Sicherheit zu geben. Oben angekommen überlasse ich ihnen meist den Vortritt auf den Flur und in das Beratungszimmer. Damit signalisiere ich, dass ich sie als kundige Menschen sehe.

Da die Räumlichkeiten noch nicht vertraut sind, bedeutet ihr Vorangehen eine kleine Unsicherheit für die Klient:innen, gleichzeitig gehen sie aber bereits ihren Weg – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Im Behandlungszimmer angekommen, kann ich die Türen hinter uns schließen und der Situation somit einen „Rahmen“ geben.

„Führen und Folgen“ sind in der Beratung ein stetiges Wechselspiel. „Führen“ verstehe ich dabei als eine Einladung an die KlientInnen, einen Weg zu wählen, eine Sichtweise zuzulassen oder etwas auszuprobieren, wozu sie auch nein sagen können.

Im Raum können die Menschen sich aussuchen, auf welchem Stuhl bzw. welchen Stühlen sie sitzen möchte. Wenn ich auch Platz genommen habe, stelle ich mich noch einmal vor. Nach der ersten Begrüßung im Empfang ist mein Name bei all der Aufregung bis oben oft schon wieder vergessen. Erwachsenen nenne ich meinen Namen und meine Profession; bei Jugendlichen erzähle ich noch mehr über meine familiäre Situation, um etwas Anonymität zu nehmen.


Dieser Text ist zuerst im Newsletter „GL Familie“ von Laura Geyer erschienen. Er richtet sich an die Eltern (und Großeltern) jüngerer Kinder, hier können Sie ihn kostenlos bestellen.


Die Rahmenbedingungen der Beratung

Danach beginnt für mich die weitere Rahmung des Gesprächs. Ich frage die Menschen, ob ihnen der Kontext der Erziehungs- und Familienberatung vertraut ist. Sollte das nicht der Fall sein, stelle ich ihnen die Rahmenbedingungen vor.

„Im ersten Moment ist es sicherlich komisch hier zu sitzen, das gehört aber dazu“, sage ich. Damit markiere ich die Tatsache, dass Beratung etwas mit Gefühlen zu tun hat. Meist quittieren die Klient:innen das mit Wohlwollen.

Die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht, das ist für viele wichtig zu hören. Ausnahmen bestehen bei akuter Kindeswohlgefährdung – wenn die Mitwirkungspflicht der Erziehungsberechtigten nicht gegeben ist, kann die Schweigepflicht gebrochen werden, auch das teile ich mit.

Erste Anbahnung einer Beratungsbeziehung

Das Erstgespräch dient dem Kennenlernen und dem Abklären, ob die Klient:innen sich weitere Gespräche mit mir vorstellen können (und ich mit ihnen). Falls es passt, darf in die Begegnung auch Humorvolles einfließen oder einfach nur, was im Moment sonst noch so oben aufliegt (musste mich beeilen, im Stau gestanden, noch eine Zigarette geraucht, nicht sofort gefunden, Parkplatzproblem, etc.).

Das nennen wir in der Beratung auch „Joining“, also Kontaktaufnahme, bevor man über das eigentlich Anliegen spricht.

Mir ist es wichtig, den Klient:innen zu sagen, dass die Beratung ein Mittel zu dem Zweck ist, dass etwas Wünschenswertes für sie herauskommt. Dazu gehört für mich auch, ihnen zu signalisieren, dass sie in den Gesprächen gut für sich sorgen. Dass sie Fragen, die ich ihnen stelle, nicht beantworten müssen. Und dass sie, wenn es ihnen zu viel wird, eine Pause einfordern können und sollen.

Sind wir gemeinsam an diesem Punkt angelangt, ist die erste Anbahnung für eine tragfähige Beziehung in der Beratung meist schon gelungen.

Was ist das Ziel?

Danach beginnt die eigentliche Beratung. Dabei ist für mich bereits im Erstgespräch die Auftragsklärung ein wichtiger Aspekt. Ich frage die Klient:innen: Was soll das Ziel der Beratung sein? Wenn die Beratung erfolgreich wäre, was wäre dann anders als jetzt? Was ist ihre Fragestellung an mich?

Sobald das „Reiseziel“ geklärt ist, geht es weiter. Ein Zugang, den ich gerne in der Beziehungsgestaltung zu Klient:innen nutze, ist der des „wertschätzenden Pacings“ – das bedeutet, den Mensch da abzuholen, wo er steht. Der Begriff stammt aus der Hypnotherapie und hypnosystemischen Therapie.

Welche Fähigkeiten sind schon da, die weiter ausgebaut werden können?

Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, haben sich meist über einen längeren Zeitraum mit ihren als mühsam und vielleicht sogar leidvoll erlebten Realitätsmustern identifiziert. In unseren Gesprächen gilt es dann zunächst einmal, sie in ihrer eigenen Realität abzuholen, damit sie sich überhaupt auf eine Beratung einlassen können.

Eine Klientin beschreibt das Pacing, das sie in der Beratungsstunde erlebt hat, im Interview folgendermaßen: „Also es ist auch eine Aufwertung gewesen eigentlich… also wie eine Wertschätzung auch. Das… für das wo ich mich eigentlich nerve, darüber, wo aber halt auch eine gute Seite hat… und das ist auch anerkannt.“

Sie spricht weiter von „sich ernstgenommen fühlen“, und sie habe sich während des ganzen Gesprächs immer „gut aufgehoben gefühlt“. Es sei ein Gespräch „von Mensch zu Mensch“ gewesen.

Licht auf die Fähigkeiten werfen

Im weiteren Verlauf der Beratung können wir dann versuchen, auf Ausnahmen in dem leidvollen Verhalten und Erleben und auf die Ressourcen der Klient:innen zu schauen. Dafür frage ich zum Beispiel, wann es schon einmal ein klein wenig besser war oder wann das Problem nicht aufgetreten ist. Das gibt Aufschluss darüber, welche Fähigkeiten jetzt schon da sind, die weiter ausgebaut werden können.

Denn alles, was wir erleben, ist auch eine Frage dessen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren. Um das zu verstehen, ist das Bild der Theaterbühne hilfreich: Der Bühnentechniker leuchtet mit dem Scheinwerfer nur einen bestimmten Teil der Bühne aus. Dort schauen alle hin. Der Rest der Bühne bleibt im Dunkeln, obwohl dort auch noch andere Sachen stehen.

So ist es oft auch mit dem Problemerleben. Die gesamte Aufmerksamkeit liegt auf diesem gewohnten Erleben, seine Fähigkeiten sieht der betroffene Mensch gar nicht mehr. Ziel der Beratung ist es letztendlich, Unterschiede in bisherigen Verhaltens-, Denk-, Erlebnis- oder Emotionsmustern zu bilden.


Haben Sie selbst eine Frage an unsere Expertinnen im Familienrat? Dann schreiben Sie uns bitte: redaktion@in-gl.de

Martin Zender ist Diplom-Sozialpädagoge, Systemischer Therapeut und Systemischer Paartherapeut. Er arbeitet in der Evangelischen Beratungsstelle in Bensberg.

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