Die Kette zeigt in einer Ausstellung Kunstwerke von Menschen mit einer psychischen Erkrankung – die auf diesem Weg ihre Lebensrealität darstellen. Und die ihren individuellen Weg aufzeigen, die Erkrankung zu bewältigen. Wie es dazu kam und was er selbst auf dieser Reise erlebt hat, berichtet ein Betroffener in diesem Beitrag.

Wir veröffentlichen einen Beitrag der Kette e.V.

Hi, ich bin Flo und ich möchte euch sehr gerne von unserer Kunstausstellung erzählen. Bevor wir das machen, folgt hier eine Einleitung in das Thema und ein kleiner Einblick in mein Leben mit psychischen Erkrankungen.

Wer das nicht lesen möchte, weil das gerade zu viel ist oder das Ganze überspringen möchte, kann gerne nach unten scrollen bis zum KAFFEE (oder direkt dorthin springen). Dort stehen alle weiteren Informationen zur Ausstellung.

Für alle anderen geht’s jetzt hier los:

Stell dir vor, dein Handy hat 30 Apps offen. Alle gleichzeitig. Einige spielen Musik, andere schicken Push-Nachrichten, manche frieren ein und lassen sich nicht schließen.

Genau so fühlt sich an vielen Tagen mein Kopf an: laut, anstrengend und überfordernd.

„Wired Heart“ wird in der Ausstellung gezeigt. Copyright: Aenn Alien

Es gab Tage in meinem Leben, da war ich froh, dass ich es geschafft hatte, aufzustehen und irgendwie den Tag zu überleben, ohne mir etwas anzutun. Und das war genug, denn das hat schon immens viel Kraft gekostet.

So geht es vielen Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Und das ist nur ein Beispiel. Das kann bei der nächsten Person schon ganz anders aussehen. So unterschiedlich und individuell wir Menschen oft sind, so sind auch die Diagnosen und Symptome sehr unterschiedlich.

Keinem Menschen kann eine psychische Erkrankung angesehen werden und auch wenn mehr Menschen mittlerweile etwas mit Depressionen, Burn-out oder Angststörungen anfangen können, gibt es immer noch sehr viele Thematiken, die tabuisiert sind – und über dem ganzen Thema liegt (leider) weiterhin sehr viel Scham und Stigmatisierung.

Deshalb bleiben viele innere Kämpfe und Auseinandersetzungen damit im Verborgenen.

Eine Reise an sehr dunkle Orte

Für mich fühlt es sich an, als hätte ich mich ab dem Zeitpunkt meines ersten Klinikaufenthalts auf eine Reise begeben. Ich habe in dieser Zeit sehr viel über mich gelernt. Wer bin ich überhaupt, was ist mir im Leben wichtig, was sind meine Schwierigkeiten und woher kommen diese überhaupt?

Und das Wichtigste: Wie kann ich an diesen Problemen arbeiten und diese lösen, verändern oder zumindest akzeptieren?

Diese Reise hat mich an sehr dunkle Orte geführt. Ich habe sehr viele Dinge bewusst angesehen, die ich so gar nicht an mir leiden kann. In meinem Umfeld gab es viel Unverständnis und „gut gemeinte Ratschläge“, die nur Druck und Selbsthass bei mir ausgelöst haben. Ich habe mich ständig mit anderen verglichen und an mir, meinem eigenen Wert und meinen Fähigkeiten gezweifelt.

Auch kleine Schritte sind Fortschritte

Nach einer Zeit habe ich aber auch die ersten Fortschritte bemerkt – auch wenn ich erst einmal ein Bewusstsein dafür entwickeln musste, dass kleine Schritte auch Fortschritte sind.

Ich habe viel über mich gelernt. Ich habe einen mitfühlenderen Umgang mit mir selbst gelernt und viele tolle Menschen auf meinem Weg getroffen.

Natürlich verlief dieser Weg nicht konstant in Richtung Verbesserung, sondern es gab sehr oft Rückschläge und auch wieder tiefe Phasen.

Die frustrierende Wahrheit, der ich mich irgendwann stellen musste, war, dass manche Belastungen mich mein Leben lang begleiten werden. Aber auch, dass ich lernen kann, damit umzugehen und auf mich zu achten.

Und vor allem, dass ich trotzdem in der Lage bin, mein Leben zu leben und zu gestalten.

Als Peer-Berater andere unterstützen

Mittlerweile arbeite ich als Peer-Berater bei Die Kette e.V., dem sozialpsychiatrischen Zentrum in Bergisch Gladbach. Dort berate und unterstütze ich – als Betroffener – andere Menschen in ähnlichen Lebenslagen.

An den meisten Tagen bin ich sehr zufrieden mit der Person, die ich heute bin, und ich bin glücklich mit dem Leben, das ich nun führe. Hätte mir jemand vor 10 Jahren gesagt, dass ich einmal so über mich denken und reden würde, hätte ich wahrscheinlich innerlich mit den Augen gerollt. Mit Schweißperlen auf der Stirn hätte ich mich gefragt, wann diese soziale Interaktion endlich vorbei ist und wann ich mich wieder in meiner Wohnung unter einer Decke vor der Welt verstecken kann.

KAFFEE – unsere Ausstellung

Um den individuellen Weg von betroffenen Menschen sichtbar zu machen, haben wir in den letzten Monaten gemeinsam Kunstwerke aller Art erstellt. Teilweise haben sich Künstler*innen auch jahrelang mit dem Thema beschäftigt.

Gemeinsam mit über 20 Kunstschaffenden haben wir Bilder, Fotografien, Masken und Skulpturen gestaltet und gesammelt.


Copyright: Alice Filip

Ausstellung:
Die Suche nach dem (verlorenen) Ich

28.1. bis 25.2.2026
zu besichtigen täglich während der Öffnungszeiten der VHS

VHS Bergisch Gladbach
Buchmühlenstraße 12
51465 Bergisch Gladbach

Vernissage: 28.1., 18 Uhr

Ein Projekt des Die Kette e.V. in Zusammenarbeit mit der VHS Bergisch Gladbach, gefördert von der Aktion Mensch

Das Ganze ist der Abschluss unseres Empowerment-Projektes, welches in den letzten 5 Jahren das Ziel hatte, Menschen mit psychischen Belastungen im Rheinisch-Bergischen Kreis zu „empowern“, das heißt sie darin zu stärken, für sich einzustehen, sich eine Stimme zu verschaffen, Selbstvertrauen zu gewinnen/zu verbessern, ihre eigenen Ressourcen zu erkennen und ihre eigenen Ziele zu verfolgen.

Am 28. Januar 2026 eröffnen wir unsere Ausstellung in der VHS in Bergisch Gladbach mit einer Vernissage, die von einer Aufführung unserer Theater-AG und einer musikalischen Darbietung unserer Trommelgruppe begleitet wird.

Lasst euch berühren, inspirieren und herausfordern.

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  1. Herzlichen Dank für den einfühlsamen Bericht, der mir durch die Brille eines Betroffenen die Formen psychischer Erkrankungen näher gebracht hat. Von daher fand ich auch die Beschriftung der Karnevalskostüme von Freunden und Mitgliedern der „Kette“ beim Karnevalsumzug so gelungen: „Aus der Nähe betrachtet ist niemand normal.“ Ich wünsche viel Zuspruch für die Vernissage und eine gelungene Ausstellung.

  2. Danke für diesen berührenden Bericht der kleine Einblicke in die Situation psychisch Beeinträchtigter gibt.