Zusammen leben, gemeinsam kochen, erfordert Raum. Das Mehrgenationenhaus in Refrath ist ein erster Projekt dieser Art in GL. Foto: Thomas Merkenich

Seit Anfang des Jahres gibt es eine neue Gruppe, die sich mit Gesprächsangeboten und gemeinsamen Aktionen der Einsamkeit im Alter entgegensetzt. Ein zweites wichtiges Thema ist das Wohnen. Noch befindet sie sich im Aufbau – weitere Mitglieder dieser aktiven Nachbarschaftshilfe sind herzlich willkommen.

Ziel der im Januar gegründeten Gruppe „Gemeinsam statt einsam“ ist ein gegenseitiges Kennenlernen in entspannter Atmosphäre, um der Einsamkeit im Alter entgegenzuwirken. Zudem sollen gemeinschaftliche Wohnkonzepte entwickelt und umgesetzt werden.

Das konkrete Mittel gegen die Einsamkeit sind gemeinsame Aktivitäten und regelmäßiger Austausch. „Wir reichen einander die Hand, machen uns gegenseitig Mut und helfen, wo immer es nötig ist, sagt Marion, die Initiatorin und SHG-Leiterin.

Ein verbindliches Miteinander

Die Gruppe baut sich mit Hilfe der Selbsthilfekontaktstelle derzeit auf, mit der Hoffnung, dass sich eine feste Gruppe bildet. „Wir sind an Senioren interessiert, die verbindlich miteinander umgehen und regelmäßig teilnehmen möchten“, sagt Marion. „Nur in einer festen Gruppe können wir unser Konzept des gemeinsamen Wohnens umsetzen und Freundschaften schließen.“

„Gemeinsam gegen einsam“
Treffen an jeden 1. Samstag des Monats, 16 Uhr
Selbsthilfe-Kontaktstelle Rheinisch-Bergischer Kreis
Odenthaler Str.19.
Kontakt: 02202-9368921 oder selbsthilfe-rbk@paritaet-nrw.org. 

Derzeit nehmen ältere Menschen teil, mehr Frauen als Männer, meist alleinstehend, verwitwet oder kurz vor dem Ruhestand. Alle Gruppenmitglieder sind mit ihrer jetzigen Wohnsituation unzufrieden. Vielen von ihnen fällt es schwer, alleine zu leben – nachdem sie ihr ganzes Leben mit einem/r Partner:in zusammen gewohnt hatten. Nun sind sie dabei ihr Leben als Single zu erlernen. Ohne Partner:in fühlen sich manche sehr einsam. Alle in der Gruppe wünschen sich daher viel Gemeinschaft in der Gruppe.  

Die Gruppe verfolgt zwei Ziele. Zunächst sollen persönliche Gespräche, gemeinsame Freizeitgestaltung und gegenseitige Hilfe ähnlich wie eine Nachbarschaftshilfe der Einsamkeit entgegenwirken. Gemeinsame Aktivitäten minimieren das Einsamkeitsgefühl, indem diese das Wir-Gefühl stärken.

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Langfristig soll eine Wohnform gefunden werden, die der Situation und den Bedürfnissen der Gruppenmitglieder entspricht. „Wir wollen das Thema Wohnen im Alter vorantreiben“, erklärt Marion. Alle innerhalb der Gruppe fragen sich, wie und wo sie im Alter wohnen möchten, wo Ihr Platz im Alter ist. 

Der Austausch ist themenspezifisch ausgerichtet und geht somit weit über das gemeinsame Plaudern bei Kaffee und Kuchen hinaus. „Wir reden und arbeiten zielorientiert“, erklärt Marion, die sich als Wegbereiterin versteht und Mitstreiter:innen aktiv anspricht. „In unser geplantes Wohnprojekt soll das gesamte individuelle Wissen fließen, das alle in die Gruppe einbringen“. 

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in RheinBerg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

„Gemeinsam gegen einsam“ möchte Begegnung, Aktivität, Gespräch und Vernetzung vor Ort, die eigene Wohn- und Lebenssituation reflektieren, sich über verschiedene bedarfs- und bedürfnisgerechte Wohnoptionen austauschen und erfolgreiche Best-Practice-Beispiele kennenlernen. „Schön wäre es, in Politik und Verwaltung Impulse für ein zufriedenstellendes und bedürfnisgerechtes Älterwerden zu setzen“, beschreibt Marion die Zukunft der Gruppe. 

Altsein macht verletzbar

Wer sich einsam fühlt, erlebt eine Diskrepanz zwischen den gewünschten und vorhandenen sozialen Beziehungen. Einsamkeit ist so vielseitig wie die Menschen, die sie verspüren. (Quelle Kompetenznetz Einsamkeit).

Allgemein wird Einsamkeit ausschließlich mit sozialer Isolation gleichgesetzt. Doch das ist nicht so. Das Gefühl von Einsamkeit setzt viel früher ein, wie in dieser Gruppe zu erfahren ist. Marion, alleinstehend, lebt beispielsweise in einem Mehr-Parteien-Wohnhaus und erlebt, dass die meisten hier wohnen, ohne sich für Andere zu interessieren. Auch das eine Form von Einsamkeit. 

Das Älterwerden macht verletzbar. Der Körper der älteren Menschen bremst oft aus und sie verfügen nicht mehr wie früher über ihre Kräfte. Ältere passen irgendwie nicht mehr ins Leistungssystem und fühlen sich daher oft wie „abgehängt und nicht mehr dazugehörig“, meint Marion. „Viele Ältere haben niemanden, mit dem sie über ihre alltäglichen Dinge sprechen können.“

Trotz sozialer Kontakte suchen die Gruppebesucher:innen nach angemessenen Gesprächspartnern, die ihre altersspezifische Situation verstehen und nachvollziehen können. Wie in jeder Selbsthilfegruppe tut das Gespräch mit Gleichgesinnten gut. 

Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Nicht nur bei älteren Menschen, sondern es betrifft auch besonders Kranke, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung und zunehmend junge Leute. Es ist daher das Anliegen der Gruppe, Einsamkeit zu thematisieren, Betroffene und Angehörige dafür zu sensibilisieren und gezielt über Hilfsangebote zu informieren.

Wohnen im Alter

Einsamkeitsgefühle sind untrennbar mit altersspezifischen Wohnsituationen verknüpft. Seniorengerechte Wohnungen stimmen oftmals nicht mit den Wohnbedürfnissen älterer Menschen überein. Diese verlassen nur ungern ihre gewohnte Umgebung und müssen sich beispielsweise mit wesentlich kleineren Wohneinheiten arrangieren. In stationären Einrichtungen besitzen Ältere in der Regel lediglich ein Zimmer, das kaum Platz für vertrautes Mobiliar bietet.

Besonders denjenigen, die früher in größeren Wohnungen oder Häusern lebten, fällt es schwer, sich im Alter zu verkleinern. Vielen fehlt ihr geliebter Garten. In vielen Seniorenwohnungen sind Haustiere nicht erwünscht. Viele Seniorengerechte Wohnungen sind teuer und kaum bezahlbar. „Über solche Mankos müssen wir reden können“, meint Marion.  

Ein älterer Mensch muss sich altersbedingt mit so vielem arrangieren, doch bis wohin? fragt sich die Gruppe. Diese möchten ihr vertrautes Leben und das bisherige Wohnumfeld gerne beibehalten. Gewohnheiten bieten ihnen Sicherheit. In welchem Umfeld würde ich gerne leben? Das ist daher eine zentrale Frage in der Gruppe.

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Das altersgerechte Wohnen, das sich die Selbsthilfegruppe vorstellt, stellt Gemeinsamkeit und Begegnung in den Mittelpunkt und zwar unabhängig davon, ob jemand pflegebedürftig und krank oder gesund und mobil ist. In diesem Wohnkonzept, dass die Gruppe anstrebt, kann sich beispielsweise bei Bedarf eine Pflegekraft und eine Reinigungskraft finanziell geteilt werden.

Wie sie gemeinsam wohnen werden, ob in einem Haus oder einer großen Wohnung, im Eigentum oder zur Miete, das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar. Auf jeden Fall soll eine große gemütliche Wohnküche vorhanden sein, in der gemeinsam gekocht wird, und ein großer Gemeinschaftsgarten. Marion erwähnt Holland, wo in Neubauten für Senior:innen bereits viel Raum für gemeinsame Veranstaltungen einplanen. 

Networking ist angesagt

Die Gruppe sucht von Beginn an den Kontakt zu Fachleuten, die sich bereits intensiv mit alternativen altersgerechten Wohnformen beschäftigen. In Kürze ist beispielsweise das „Netzwerk Wohnen und Versorgen Bergisches Land“ in der Gruppe zu Gast. 

„Gemeinsam gegen einsam“ orientiert sich am „ZWAR Projekt, 2023 von der Stadt Rösrath initiiert. „ZWAR“ steht für „Zwischen Arbeit und Ruhestand“ und basiert auf dem Prinzip sozialer Netzwerke in Kommunen. (www.zwar-ev.de).

In verschiedenen Gruppen wie Freizeit, Wandern, Kultur, Garten, Bildung, Wohnen/Leben im Alter treffen sich die, die sich mit der Gestaltung ihrer nachberuflichen Lebensphase beschäftigen. Sobald in der Selbsthilfegruppe die Teilnehmerzahl steigt, sollen ähnliche Arbeitsgruppen gebildet werden. Mit der vorerst geringen Teilnehmerzahl ist dies nicht machbar.

Der Phantasie ist keine Grenzen gesetzt. Bedürfnisorientiertes Wohnen ist für die Gruppe auch in leerstehenden Räumen, beispielsweise im Marien-Krankenhaus oder in den alten Stadthäusern denkbar, sodass bereits zur Bürgergenossenschaft für Wohnraumbeschaffung in Bergisch Gladbach Kontakt aufgenommen wurde. 

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In dieser Selbsthilfegruppe finden sich tatkräftige Menschen zusammen, die aktiv ihr Leben selbst in die Hand nehmen und mitgestalten möchten. Sie warten nicht, bis es andere für sie tun. Sie haben Großes vor und engagieren sich dafür, ihre Zukunft nicht nur zu planen, sondern auch konkret umzusetzen.

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