Nach fast 30 Jahren endet mit der Bäckerei und Konditorei Theisen eine Ära in Bergisch Gladbach. Reinhard Theisen gibt sein beliebtes Ladenlokal in Hebborn schweren Herzens aus Altersgründen auf. Vor seinem Abschied hat er uns einige Geheimnisse verraten – etwa die besondere Zutat seiner berühmten Zimtschnecken und die Anekdote über das geklaute Stollen-Rezept.

Seine Berufung hat Reinhard Theisen mit 14 gefunden. Mit 67 ist die Liebe für seine Arbeit ungebrochen. „In der Backstube fühle ich mich wohl, das ist mein Metier“, sagt der Konditormeister. „Kuchen machen ist meine Passion, Backen meine Leidenschaft.“ Und genau deshalb fällt ihm der Abschied so schwer, schwingt in seinen Erzählungen Wehmut mit. 

Am 31. Juli schließt Theisen seine Bäckerei und Konditorei in Hebborn, nach fast 30 Jahren. Das Alter und die Gesundheit zwingen ihn dazu, wie er sagt. 

Foto: Thomas Merkenich

Damit endet nicht nur eine beliebte Institution im Stadtteil: „Die Ära der kleinen Bäckerei ist damit auch in Bergisch Gladbach vorbei“, sagt Theisen. Die Lage sei in den vergangenen Jahren extrem schwierig geworden, vor allem durch stark gestiegene Kosten für Rohstoffe, Energie und Personal. „Ich bin froh, dass ich nicht mehr kämpfen muss.“ 

Widerspruch zwischen Herz und Vernunft

Im Gespräch mit dem 67-Jährigen ist der Widerspruch zwischen Herz und Vernunft permanent zu spüren: Er liebt, was er tut, sprudelt vor Tatendrang – „Ich habe stündlich neue Ideen und damit mein Team oft in den Wahnsinn getrieben, weil nichts Bestand hat“ – doch der Körper kann nicht mehr.

Nun bleiben wenige Tage, und bis dahin hat Reinhard Theisen noch mehr zu tun als sonst. „Die Leute bestellen so viel, ich weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll.“ Er scheint überrascht darüber zu sein, wie sehr die Kund:innen die bevorstehende Schließung seiner Bäckerei bedauern. 

Wenn der 67-Jährige von seinem Werdegang und den Stationen seines beruflichen Lebens erzählt, gerät er ins Schwärmen, klingen Dankbarkeit und Begeisterung heraus. Mit 14 jobbt er in einer Bäckerei, die gegenüber von seinem Elternhaus in Rheinland-Pfalz liegt, trägt Brötchen aus. 

Dort arbeiten zwei Konditormeister, „die haben so tolle Sachen gemacht und unglaublich schnell und eingespielt Hand in Hand gearbeitet“, erinnert sich Theisen. „Ich war angefixt und wollte Konditor werden.“

Foto: Thomas Merkenich

Aus Rheinland-Pfalz nach Bergisch Gladbach

Seine Ausbildung absolviert er in Bad Ems an der Lahn, „in einem ganz tollen Café“. Mit 17 ist er bereits Geselle. Es folgen Stationen in einer Pralinen-Manufaktur in Rheinbach, „da haben wir einige Tonnen Schokolade pro Woche verarbeitet“. Die Augen des 67-Jährigen strahlen. 

Später arbeitet er in einer kleinen Konditorei gleich neben der Kölner Agneskirche, „da hatte ich auch wieder Glück“. Während dieser Zeit legt er seine Meisterprüfung ab und lernt seine Frau kennen, eine Kundin der Konditorei. Die beiden werden ein Paar, ziehen nach Bergisch Gladbach, die Heimat seiner Frau.

In Bergisch Gladbach arbeitet Reinhard Theisen bei verschiedenen Bäckereien, unter anderem bei „Lob“ in Paffrath, „das war eine schöne Zeit“. Und damit schließt sich gewissermaßen ein Kreis, wenn im September in die bisherige Bäckerei Theisen eine Lob-Filiale einzieht.

Das eigene Ladenlokal

Das Ladenlokal an der Kreuzung Reuterstraße/ Alte Wipperfürther Straße in Hebborn hatte Reinhard Theisen 1998 von Bäcker Meis übernommen. „Von ihm habe ich auch das Nussecken-Rezept übernommen. Die mache ich immer noch genauso“, berichtet Theisen. 

Im Laufe der Jahre wächst und verändert sich das Sortiment, kommen Trends und gehen wieder. Auch wenn der 67-Jährige Wert auf Traditionen legt: „Ich habe mich Entwicklungen nie verschlossen, gerne Neues ausprobiert.“ Mit einer Auszubildenden tüftelte er an Rezepten in Anlehnung an Torten-Trends aus den USA. 

Dabei ist ihm eines immer wichtig: „Ich verwende nur natürliche Zutaten, verzichte auf unnötige Backtriebmittel und Zusatzstoffe.“ Ebenso auf fertige Gewürzmischungen. „Ich mische alles selbst.“ 

Der berühmte Stollen

Etwa die einzigartige Mischung für seinen Stollen – mit Tonkabohne, Muskat, Vanille. „Der ist so saftig und so lecker“, schwärmt Theisen und fügt mit dem verschmitzten Grinsen eines Lausbubens hinzu: „Das Rezept habe ich geklaut.“ Damals in der Meisterschule habe er es in einem Ordner entdeckt, als er Kopierdienst hatte. „Der Stollen war in der ganzen Stadt berühmt, die Chance musste ich nutzen und kopierte es heimlich.“ 

Bis heute backt Theisen den Stollen nach diesem Rezept – mit einer Abwandlung: statt Schweineschmalz verwendet er Butterschmalz. Dass häufig eine einzelne Zutat den Unterschied macht, zeigen seine berühmten (Zimt)Schnecken, die es in vielen Variationen auch mit Walnüssen und Früchten gibt. 

„Meine geheime Zutat ist ein Spezialzucker, Kandisfarin.“ Dabei habe es sich eigentlich um eine Fehllieferung gehandelt. Der Konditormeister verwendete sie trotzdem – und blieb dabei. Der Stollen und die Zimtschnecken sind seine persönlichen Lieblingsgebäcke, Buttercroissants und Butterkuchen liebt er ebenfalls. „Torten nicht so.“ 

Ich mache das so gern, das kann man sich gar nicht vorstellenReinhard Theisen

Das verwundert angesichts der kunstvollen Torten in verschiedenen Variationen, die vor allem sonntags die Auslage schmücken und den Kund:innen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. „Sonntags ist für mich der stressigste Tag. Da mache ich den Laden zweimal voll: morgens mit Brötchen und nachmittags mit Torten“, natürlich alle frisch gebacken.

Noch immer bereite es ihm eine „riesige Freude, wenn ich etwas Tolles wie eine neue Focaccia-Variation aus dem Ofen ziehe oder der Duft von frischen Croissants die Backstube erfüllt“, sagt Theisen. „Ich mache das so gern, das kann man sich gar nicht vorstellen“, antwortet er auf die Frage, was er am meisten vermissen wird. 

Die Sache mit dem Schlaf

Sehr viel einfacher fällt dem Konditormeister die Antwort auf die Frage, was er nicht vermissen wird: „Nachts zu arbeiten.“ Er habe im Laufe der Jahrzehnte ein massives Schlafdefizit aufgebaut. „Es heißt immer, daran gewöhnt man sich irgendwann. Aber das stimmt nicht. Man lernt, müde zu arbeiten. Und das ist nicht gesund.“

Die Entscheidung aufzuhören, sei in diesem Jahr gefallen. „Meine Frau hat mich gedrängt, ich war eigentlich noch nicht so weit“, sagt er. Rational weiß er, dass es der richtige Schritt ist. Es seien immer größere gesundheitliche Probleme aufgetreten. „Ich bin ganz krumm, auf einem Ohr taub, habe schmerzhafte Verspannungen im ganzen Körper.“ 

Sein Arbeitstag beginnt nachts um zwölf und endet oft erst nachmittags um 14 oder 15 Uhr. Und das jeden Tag. So stressig wurde es in den letzten Jahren, als nach und nach seine Bäcker aufhörten, „also zu einer Zeit, in der man eigentlich eher kürzertreten sollte“. 

Ein Herz für Auszubildende

In den besten Zeiten beschäftigte Theisen in seiner Backstube an der Rommerscheider Straße zwei Bäcker, eine Konditorin und eine Bäcker-Aushilfe. „Und wir hatten immer Auszubildende“, betont Theisen. Insgesamt habe er 50 Menschen in seinem Betrieb ausgebildet, „darunter waren auch viele schwierige und schwer vermittelbare Fälle“. Etwa Menschen mit Behinderungen oder aus schwierigen Verhältnissen. 

Aktuell arbeiten neben Theisen noch eine Konditorin und eine Auszubildende in der Backstube (die sich seit einem Jahr in Schildgen befindet). Dazu kommen drei Fahrer, die Backwaren ausliefern, feste Verkäufer:innen im Laden sowie Schüler:innen und Student:innen, die am Wochenende aushelfen. Eine Mitarbeiterin arbeitet seit der Eröffnung 1998 im Laden.

Zuletzt habe er wegen der Auszubildenden noch weitergemacht, nun hat sie für ihr letztes Ausbildungsjahr einen anderen Betrieb gefunden. Der Schritt, seine Beschäftigten nun entlassen zu müssen, fiel Theisen besonders schwer. „Mir war es immer wichtig, meine Leute eigenständig arbeiten und Verantwortung übernehmen zu lassen und für eine Wohlfühlatmosphäre im Betrieb zu sorgen.“

Foto: Thomas Merkenich

Bäckerei Lob übernimmt

Einige Mitarbeiter:innen arbeiten ab September in der künftigen Lob-Filiale weiter. „Wir hatten einige Bewerber für die Übernahme“, berichtet Theisen. Es habe sich herumgesprochen, dass der Standort gut laufe – durch die Lage an der Alten Wipperfürther Straße nicht nur für die Menschen in der unmittelbaren Umgebung ideal, sondern auch für Handwerker und Pendler.

Aus alter Verbundenheit freut sich Reinhard Theisen darüber, dass Peter Lob übernimmt: „Er war mein größter Konkurrent und hat immer dafür gesorgt, dass ich mich anstrenge. Ich befinde mich im Lob-Land, habe ich zu ihm gesagt, wenn ich ihn getroffen habe.“ 

Über die bevorstehenden Veränderungen informiert Reinhard Theisen seine Kund:innen mit einem persönlichen, handgeschriebenen Text auf einer Tafel im Ladenlokal. „Es war mir eine Freude Sie täglich mit unseren Backwaren verwöhnen zu dürfen“, schreibt Theisen.

Torten auf Bestellung

Auf einer weiteren Tafel verkündet der Konditor: „Ich werde weiterhin ganze Kuchen, Torten, Blechkuchen für Sie auf Bestellung backen und direkt zu Ihnen nach Hause liefern.“ Auch individuelles Catering bietet er an. Unter dem Markennamen „Theisens tolle Torten“ backt der Konditormeister auch künftig für verschiedene Anlässe. 

„Theisens tolle Torten“
Telefon: 0157 503 42 258
Internetseite

Zunächst bis April läuft der Mietvertrag für die Backstube in Schildgen weiter. „Nachts aufstehen muss ich dann nicht mehr, das wird komplett entspannt“, glaubt er. Und hat schon wieder neue Ideen im Kopf. Etwa besondere Kunsttorten: Mithilfe von KI möchte er Bilder in einem bestimmten Kunststil auf Fondant oder Esspapier drucken, inklusive Bilderrahmen. 

Wenn der 67-Jährige über den letzten Tag der Bäckerei und Konditorei Theisen am kommenden Freitag spricht, steigen ihm Tränen in die Augen. Doch schnell lächelt er. Nach einem Abschiedsfest mit der Belegschaft freut er sich auf einen Urlaub mit seiner Familie in Holland und auf mehr Zeit mit seiner Frau, dem Sohn, den drei Enkelkindern. „Die mussten mich viel entbehren.“ 

Jetzt sind Sie dran: Welche Erinnerungen verbinden Sie mit „Bäcker Theisen“, was sind Ihre liebsten Backwaren aus der Hebborner Konditorei und Bäckerei?


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Lieber Herr Theisen,
    man schluckt erst einmal leer, wenn man liest, dass Sie nun „ausschlafen“ dürfen, aber Sie haben sich diesen Ruhestand von Herzen mehr als verdient!
    Meine Frau hat damals bei Ihnen ihre Ausbildung gemacht, und wir beide verbinden so viele wunderbare, warme Erinnerungen an diese Zeit und vor allem an Sie. Sie sind nicht nur ein absoluter Meister Ihres Fachs und ein fantastischer Konditormeister, sondern vor allem ein wunderbarer, herzlicher Mensch mit dem Herz am rechten Fleck.
    Vielen Dank für all die Jahre, die unzähligen süßen Genüsse und die tolle Unterstützung und Prägung damals. Für den neuen Lebensabschnitt wünschen wir Ihnen von ganzem Herzen alles Gute, beste Gesundheit und jede Menge schöne Momente abseits der Backstube.
    Alles Liebe

  2. Herzlichen Dank für die leckeren Croissants, Käseküchlein, Zimtschnecken, belegten Brötchen, Joghurttörtchen, …

    Es war so schön, eine kleine, feine Bäckerei in der Nähe zu haben!

    Herzlichen Dank an Herrn Theisen und das ganze Team!

  3. Wie schade!!! Bäcker Theisen hat die besten Croissants in Bergisch Gladbach, die leckersten Brötchen, wunderbaren Streuselkuchen, ganz zu schweigen von den köstlichsten Zimtschnecken, gebacken.Man schmeckte, dass er keine Industrieprodukte verwendete. Ob Lob diese Qualität hat?
    Traurig, dass es keinen Nachfolger gibt, der die kleine unabhängige Bäckerei weiter führt. Uns wird sie fehlen!
    Danke, Herr Theisen!
    G. Becker aus der Reuterstraße

  4. Wie sollen wir ohne unseren Bäcker Theissen auskommen.Mir läuft das Wasser im Mund zusammen wenn ich an seine Neujahrsbrezel denke.Beim Bäcker Lob schmeckt alles gleich halt nach Fertigprodukten Egal was man bekommt.
    Natürlich geht Gesundheit vor.Wir als Stammkunden der Backerei Theissen wünschen Ihnen alles alles Gute .Vor allem gesunden Schlaf.

  5. Extrem schade, dass jetzt der letzte handwerkliche Bäcker und Konditor aufhört- wenn auch absolut verständlich. Unsere Antwort wird sicherlich sein, zukünftig mehr selbst zu backen.
    Dem Team um Herrn Theosen besten Dank für die letzten Jahre und alles Gute für die Zukunft!

  6. Wie schade, dass ein weiterer kleiner, inhabergeführter Qualitätsbetrieb verschwindet. Ich war hier immer gerne, wenn ich in der Gegend war (ist nicht meine unmittelbare Nachbarschaft). Ich wünsche Herrn Theisen einen angenehmen Halbruhestand, ein bisschen weiter geht es für ihn ja doch noch!

  7. Wie schade , dass diese brsondere Bäckerei schließt. Ich werde die Lachsbrötchen am Morgen , den Gemüsekuchen am Mittag und die Joghurt Törtchen am Nachmittag sehr vermissen und auch das nette Personal ! Alles Gute für alle im Ruhestand !

  8. Erstmal vielen Dank Frau Stolzenbach, für diesen schönen Artikel! Meine Favoriten sind (waren) tatsächlich die Zimtschnecken, die Winzerbrötchen und gelegentlich mal ein Törtchen… auch wenn ich beim bezahlen schonmal tief schlucken musste, machte für mich Klasse statt Masse einer der letzten Handwerksbäcker in GL den Unterschied, und sehr schade, dass es ab August keine Alternative mehr in Hebborn gibt! Und eines hat mich noch beeindruckt “mit 17 schon Geselle” … Respekt Herr Theisen, alles Gute für Ihre Zukunft!

    1. Pardon, das waren Millionen so: mit 14 nach acht Jahren “Volksschule” für drei Jahre in eine “Lehre”. Nach bestandener “Gesellenprüfung” war man dann eben mit 17 ein Geselle. Wie ab 14 ging es dann auch weiter mit der 48-, dann 44-, dann irgendwann der 40-Stundenwoche. Ob Bäcker, Dachdecker, Schlosser.

      Aber natürlich wurde nicht aus jedem Geselle ein in seinem Fach so guter wie Herr Theisen.

      1. Sehr sehr schade aber natürlich nachvollziehbar. Besonders haben wir uns immer Sonntags auf ein leckeres Stück Kuchen gefreut. Das ist nun Geschichte und es gibt in Zukunft nur noch den Einheitsbrei von Lob. Ich wünsche Herrn Theisen auf jeden Fall einen tollen Ruhestand.

  9. so schön zu lesen, so traurig zu lesen –
    – Herr Theisen, ich wünsche Ihnen Alles Gute,
    mögen Sie Ihre freie Zeit gesund genießen