Helmut Busch, Hauptschullehrer mit ganzer Seele

Helmut Busch ist ein recht ungewöhnlicher Hauptschul-Abgänger: 35 Jahre hat er dort verbracht, erst vor wenigen Tagen hat sich der Rektor von der Schule im Ahornweg verabschiedet. Und so ganz hat der 63-Jährige sie noch längst nicht hinter sich gelassen. Er ist und bleibt ein Fan der Institution Hauptschule und würde „seiner“ Schule einen würdevollen Tod wünschen. Daher wird dieses Gespräch ein Plädoyer.

Dass die Ganztagshauptschule Ahornweg dem Tod geweiht ist, ist klar. Den anderen Hauptschulen im Kreis gibt Busch bedauernd noch fünf Jahre: „Dann war’s das.“ Acht hat RheinBerg noch, sechs haben schon den Auflösungsbescheid.

Die Hauptschule Ahornweg hat in diesem Schuljahr keine Schüler mehr aufgenommen, der Betrieb läuft Schritt für Schritt aus. Räume und Teile des Kollegiums gehen in die neue Gesamtschule am gleichen Ort über.

Die Ursache ist für Busch eindeutig: die Eltern haben das Vertrauen in die Institution Hauptschule verloren, die Schüler wandern zur Gesamtschule ab. Gerade 259 Schüler hat die Hauptschule Ahornweg noch. Nur noch 6,1 Prozent der Schüler Bergisch Gladbachs besuchen eine Hauptschule.

Allerdings ist diese Entwicklung kein neuer Trend, Busch begleitet den Rückbau seit vielen Jahren. Er war seit 1997 Rektor der Hauptschule Herkenrath, die – mangels Nachfrage – 2006 mit der Schule am Ahornweg unter seiner Leitung zusammen gelegt und 2007 in eine Ganztagshauptschule umgewandelt wurde. Einst gab es mindestens sieben Hauptschulen in Bergisch Gladbach (siehe Karte unten), jetzt sind es nur (noch) zwei.

Letzter Anlauf zur Stabilisierung des „asozialen“ Standortes

Schon 2007 stand die Schulform mit dem Rücken zur Wand. Die Zusammenlegung mit Herkenrath und die Ganztagsbetreuung waren der verzweifelte Versuch, den als „asozial“ verrufenen Standort Ahornweg und die Hauptschule grundsätzlich zu stabilisieren.

Immerhin verfügte Busch da noch über 48 Lehrer, drei Sozialarbeiter und 22 Angestellte für die Mittags- und Nachmittagsbetreuung – bei 500 Schülern. Sie boten eine Alternative an, zur IGP und zur letzten anderen Hauptschule, Im Kleefeld. Buschs Ziel war klar: möglichst viele Jugendliche in die Ausbildung bringen.

Nach vier Monaten in meiner ersten Lehrerstelle war ich in eine tiefe Sinnkrise gefallen. Aber das habe ich rasch überwunden, und danach hat mir der Beruf immer Freude bereitet – nie Stress.” Helmut Busch

Allerdings räumte ihm eine Studie der FH Köln keine rosige Zukunft ein: schon zum Schuljahr 2016/17 werde es für den Ahornweg keinen Bedarf mehr geben, spätestens zwei Jahre später drohe auch im Kleefeld das Aus. Tatsächlich ging es noch schneller. Zur demographischen Entwicklung hinzu kamen der Imageverlust der Hauptschule – und eine landespolitische Förderung für die Gesamtschule.

Auch Bergisch Gladbach folgte dem Elternwille und gründete 2013 neben der IGP eine zweite Gesamtschule – eben am Ahornweg, wo sie an die Stelle der Hauptschule und der ebenfalls sich auflösenden Realschule rückt. Organisatorisch läuft das relativ reibungslos, ein Teil der Lehrer wandert mit den Räumen in die neue Schulform.

Lieber ein schneller Tod als langes Siechtum

Offen ist dabei zunächst die Frage, wie lange sich die absterbende Schule wird halten können. Lange genug, um auch die letzten der jetzt dort lernenden Jugendlichen 2018 zum Abschluss zu führen?

Daran zweifelt Busch, irgendwann fehle die kritische Masse. Für zwei, drei Klassen kann die Schule nicht das geforderte differenzierte Angebot bereithalten, spätestens 2016 wäre wohl Schluss. Die letzten Klassen müssten dann ins Kleefeld wechseln, viele der Lehrer zuvor zwischen beiden Standorten hin- und herspringen.


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Das hält Busch für eine schlechte Lösung. Statt dessen solle die Ganztagshauptschule Ahornweg so schnell wie möglich mit der GHS Kleefeld zusammen geführt werden.

Das würde der allgemeinen Verunsicherung ein Ende bereiten, für Lehrer und Schüler ein stabiles Umfeld garantieren, der neuen Gesamtschule Platz für die Expansion verschaffen – und der Hauptschule Kleefeld womöglich neues Leben einhauchen.

Stadtrat muss über Containerlösung entscheiden

Allerdings: derzeit ist im Kleefeld, wo ja auch eine Realschule untergebracht ist, kein Platz für zusätzliche Klassen. Daher schlägt Busch vor, wie bereits bei der Fusion von Herkenrath und Ahornweg erprobt, zwei Container mit jeweils zwei Klassenräumen zu mieten. Auf der Wiese hinter dem Schulzentrum Kleefeld (Foto oben) wäre dafür Platz, jedoch müsste die Stadt Bergisch Gladbach die notwendigen Anschlüsse für Wasser, Licht und Heizung finanzieren. Eine Option, die derzeit geprüft wird.

Über diese konkreten technischen Fragen hinaus sorgt sich Helmut Busch aber ganz grundsätzlich, was aus seinen Schützlingen in Zukunft werden soll – wenn es einmal mehr keine Hauptschulen geben wird. Denn er ist sich sicher, dass nicht alle, die bislang zur Hauptschule gingen, von den Gesamtschulen aufgenommen werden können.

Gesamtschule vor der Überforderung

Erstens aus Kapazitätsgründen. Zweitens und vor allem aus pädagogischen Gründen. „Ich halte die Gesamtschule für die beste überhaupt denkbare Schulform, wenn man dem Anspruch gerecht werden will, die Schüler möglichst lange zusammen zu halten”, bekennt Busch. Aber auch sie könne nicht alle aufnehmen und schon gar nicht alle angemessen fördern.

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Busch war vor 35 gezielt in die Hauptschule eingestiegen, hatte auch Sozialpädagogik studiert. Mit einem idealistischen Ziel: „Ich wollte dazu beitragen, dass benachteiligte Schüler so viel Chancengleichheit wie möglich bekommen”.

Genau das hat Busch jahrzehntelang gemacht. Und musste mit ansehen, wie sich das Umfeld verschlechterte. Die Daten hat er im Kopf: „seine“ Schüler kommen aus 38 Nationen, 57,6 Prozent haben einen Migrationshintergrund, knapp ein Drittel der Eltern sind arbeitslos oder Hartz-VI-Empfänger.

Tüte Chips ersetzt das Frühstück

Und das merke man den Schülern an. Vielen von ihnen fehle jegliche Struktur, statt mit einem Frühstück im Bauch kämen sie mit einer Tüte Chips und einer Flasche Eistee in der Hand in die Schule. Nach dem 10. Schuljahr würden sie entlassen, ohne für das Leben gewappnet zu sein.

Das zeige sich daran, dass sich nur ein Drittel auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz machen. „Die Schüler haben einfach Angst, oder sie sind zu bequem”, beobachtet Busch. Statt sich in den Arbeitsprozess einzuordnen drehten die meisten eine Ehrenrunde im Berufskolleg. Erst danach, so das Gefühl des Ex-Rektors, seien sie etwas reifer.

Hauptschüler leiden unter schlechtem Ruf – zu Recht

Helmut Busch bei seiner letzten Entlassfeier 2013

Zur Verunsicherung trage aber auch der schlechte Ruf der Hauptschüler in der Gesellschaft. Oft zu Recht, räumt Busch ein: die heutigen Schüler seien zwar nicht dümmer oder weniger eingliederungsbereit als frühere Generationen. Sie hätten aber Grundtugenden wie Zuverlässigkeit oder Pünktlichkeit nicht gelernt. Weil ihnen das familiäre Netz, die Vorbilder und Strukturen zuhause fehlten.

Deshalb seien die Hauptschulen so wichtig (gewesen). Und auch der Ganztag. Weil sich hier die Lehrer und die ganze Schule auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Klientel eingestellt hätten, erläutert Busch. Nur, das sieht er mit  Bedauern ein, werde dieses Angebot von den Eltern nicht geschätzt. Gerade diejenigen, die es aus pädagogischen Gründen am nötigsten hätten, legten keinen Wert auf den Ganztag. Und auch sonst will eigentlich niemand mehr seine Kinder zur Hauptschule schicken.

„Erhaltet die Hauptschulen …“

Daher lautet Buschs Plädoyer: „Erhaltet die Hauptschulen …“ und schiebt gleich hinterher: „wohl wissend, dass es nicht geschehen wird“.

Damit kommt auf die Gesamtschulen, aber auch auf alle anderen überlebenden Schulform, ein ordentlicher Brocken zu. Sie müssen alle die Schüler, die bislang durch ihr Rost fielen, „abgeschult” wurden, jetzt selbst integrieren. „Und dafür werden sich diese Schulen gewaltig verändern müssen.”

Lesen Sie noch mehr – im Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit Helmut Busch:

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G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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