Die „Trutzburg“ in der Gartenstraße 30 in Bensberg

Die „Trutzburg“ in der Gartenstraße 30 in Bensberg

Der erste Eindruck ist abweisend. Fast wie eine Trutzburg wirkt das Dreier-Reihenhaus in der Bensberger Gartenstraße. Zwei der drei Eingänge sind versperrt, beim Klingeln in der Mitte blickt man in die Kamera der Schließanlage. Doch sofort geht die Tür auf und man befindet sich in einer frisch gestrichenen, freundlichen – Trutzburg.

Offiziell heißt das Haus Jugendhilfestation Stiftung Scheurer, und es soll genau das sein: ein sicherer Rückzugsraum für Kinder und Jugendliche, die eine Auszeit von ihrer eigenen Familie brauchen. Entweder aufgrund einer so genannten „Inobhutnahme” des Jugendamtes – oder weil sie selbst hier Hilfe suchen.

Bislang musste das Bergisch Gladbacher Jugendamt diese Kinder auf die Reise schicken, in ein Kinderheim nach Köln oder auch schon mal bis ans andere Ende von Nordrhein-Westfalen. Denn das einzige Kinderheim der Stadt, das Kinderdorf Bethanien, ist auf solche Fälle nicht eingestellt. Damit wurde für viele Kinder der notwendige Eingriff zur Katastrophe, weil sie nicht nur aus der Familie, sondern auch aus Schule oder Kindergarten und Freundeskreis gerissen wurden.

„Kontextnahe Krisenintervention”

Damit ist jetzt Schluss, „kontextnahe Krisenintervention” heißt der Fachbegriff für das neue Angebot in Bensberg. „Wir haben zum Beispiel eine Sechsjährige hier. Die geht ganz normal weiter in ihre Kita, trifft sich mit ihren Freundinnen und auch die Mutter kommt regelmäßig zu Besuch”, erläutert Einrichtungsleiter Jochen Witting.

Bis zu zwölf Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren kann Witting unterbringen, in der Regel für maximal drei Monate. Damit ist die Station ein Kinderheim auf Zeit. Die Betroffenen werden geschützt, meistens vor Gewalt in der eigenen Familie, und alle Beteiligten bekommen Zeit, die Probleme in den Griff zu bekommen und in die Familie zurückzukehren. Erst wenn das nicht gelingt, wechseln die Kinder in ein reguläres Heim.

Jochen Wittig

Jochen Witting

Damit das nicht nötig wird, bietet die Jugendhilfestations ein intensives Programm. Zwölf Pädagogen und Sozialarbeiter sind im Schichtdienst rund um die Uhr vor Ort. Die Kinder leben in zwei Gruppen und müssen sich an relativ strenge Weck-, Essens- und Bildschirmzeiten halten.

„Uns geht es darum, dass sie Strukturen lernen”, sagt Witting. Dafür steht der 45-Jährige auch selbst ein, der zunächst 18 Jahre lang in der Forstwirtschaft gearbeitet hatte, davon acht Jahre als Forstwirtschaftsmeister. Dann studierte er noch einmal und sammelte als Diplom-Sozialpädagoge in der ambulanten und stationären Jugendhilfe in Köln Erfahrung.

Stiftung erfüllt nach 40 Jahren ihren Zweck

Gut eine halbe Million Euro und viel Eigenarbeit hat die Stadt Bergisch Gladbach investiert, um aus einem ehemaligen Ausländerwohnheim die stationäre Jugendhilfeeinrichtung zu machen. Betrieben wird sie von der GL Service gGmbH, der gemeinnützigen Tochter der Stadt.

Dabei konnte die Stadt auf eine Stiftung zurückgreifen, die der Einrichtung den Namen gibt und seit Jahrzehnten nutzlos herumlag. Die Eheleute Scheurer, berichtet GL-Service-Geschäftsführer Stephan Dekker, hatte schon in den 70er Jahren der Stadt ein Grundstück vermacht, mit der Auflage, ein Kinderheim zu bauen.

Allerdings kam dann die Gebietsreform – und das Grundstück in Untereschbach gehörte nicht mehr zum Stadtgebiet. Daraufhin wurde es  verkauft, das Geld angelegt. Und lag bereit, als Bruno Hastrich, der damalige Leiter des Fachbereichs Soziales, vor drei Jahren die Idee eines Jugendschutzzentrums entwickelte.

Idealer Standort mitten in Bensberg

Inzwischen wurde mit dem ehemaligen Ausländerwohnheim in der Gartenstraße ein idealer Standort gefunden, sehr zentral und nahe bei Schulen, Kindergärten und öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Haus wurde von den Mitarbeitern der GL Service gGmbH aufwendig renoviert, Anfang Januar konnten die Türen geöffnet werden und allmählich füllt sich das Haus mit Leben.

Dass es (leider) genügend Bedarf für eine Jugendhilfestation gibt, daran zweifelt Dekker nicht. Sechs der Plätze sind für Kinder aus Bergisch Gladbach reserviert, die anderen können auch aus dem Rheinisch-Bergischen Kreis belegt werden.

In der Regel werden die Kinder und Jugendlichen von den Jugendämtern geschickt. Es ist Jochen Witting aber ganz wichtig, dass die Jugendhilfestation ihrem Namen gerecht wird – und für alle Jugendlichen eine offene Tür und ein offenes Ohr hat, die sich in einer akuten Notsituation befinden. Und das 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.

Kontakt: 
Jugendhilfestation „Stiftung Scheurer“
Gartenstraße 30, 51429 Bergisch Gladbach (Bensberg)
Telefon: 02204/7591470
Jochen Witting: 02204/7591631
Fachdienst: 02204/7591632

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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1 Kommentar

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  1. Hier hat die Stadt in Zusammenarbeit mit der Stiftung Scheuren, mal etwas Sinnvolles gestaltet.
    Wir sind gerne bereit die Jugendhilfestation zu unterstützen. Bitte melden Sie sich unter 02202/2806444

    Mit freundlichen Grüßen

    Uwe Stumpf