Der alte Gohrsmühle-Schriftzug am Werk von Metsä Board Zanders

Sind Sie ein Zanderianer oder ein Metsä-Mann? Bei der Frage stutzt Andreas Euler kurz – und geht dann in den Spagat: „Offiziell heißt unser Unternehmen Metsä Board Zanders. Aber einfach nur Zanders ist für mich in Ordnung.“

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Zum Glück habe die Papierfabrik den traditionsreichen Namen nach dem Verkauf durch die Familie Zanders immer behalten dürfen. Der Name steht für Qualität und ist die größte Überlebenshoffnung der so klein geschrumpften Firma im Herzen von Bergisch Gladbach, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit dem Bürgerportal.

Seit fast 15 Jahren arbeitet der 45-jähriger Euler an der Gohrsmühle, seit sechs Monaten ist er der Chef des Unternehmens, das einmal das Größte der Stadt war. Auf 480 Mitarbeiter schrumpfte die Papierfabrik, große Teile des gewaltigen Werksgeländes liegen brach. „Wir müssen jetzt erst einmal wieder auf die Beine kommen – und dann wachsen“, beschreibt Euler seine Aufgabe.

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Zahlen zum Umsatz und zum Ergebnis veröffentlicht Metsä für das Tochterunternehmen nicht. Der Geschäftsführer macht aber kein Geheimnis daraus, dass Zanders Verluste schreibt und während der Umstrukturierung auf Zuschüsse der finnischen Mutter angewiesen ist. Aber der Chemieingenieur, der zuvor Werksleiter an der Gohrsmühle war, hat ein ehrgeiziges Ziel:

Wir wollen wieder schwarze Zahlen schreiben. Und zwar kurzfristig, nicht erst in ein paar Jahren.“

Andreas Euler: Geboren in Köln, Chemieingenieur mit Studium in Kön und Aachen, Einstieg 1999 in der Technologieabteilung der Gohrsmühle, 2010 Produktionsleiter in Bergisch Gladbach und Düren, Werksleiter Gohrsmühle, seit Ende 2013 Geschäftsführer der Metsä Board Zanders GmbH

Luxuspapier – statt für Briefe jetzt für Parfüm und Whisky

Dabei setzt Euler auf beide Komponenten des Unternehmensnamens, auf Metsä ebenso wie auf Zanders. Als Tochter des Papierweltkonzerns kann er viele Vorteile innerhalb des Firmenverbundes und einen international bekannten Namen nutzen. Mindestens genauso wichtig sei die Marke Zanders.

Klar, das Briefpapier von Zanders ist längst Historie. Aber mit Chromolux biete das Unternehmen ein extrem hochwertiges Papier für die Verpackung von Luxuswaren aller Art an. Markennamen darf Euler nicht nennen. Doch bei vielen Champagner- und Whisky-Sorten, Parfüm oder teuren Zigaretten kann man davon ausgehen, dass Etiketten und Verpackung aus Papier aus Bergisch Gladbach stammen.

Betriebsvereinbarung legt Basis für Neuanfang

Ende 2013 hatte die Unternehmensleitung auf kräftigen Druck des sehr aktiven Betriebsrates eine Betriebsvereinbarung unterschrieben, die eine Jobgarantie für 480 Mitarbeiter auf mindestens drei Jahre vorsieht. Dafür verzichtete die Belegschaft auf Teile vom Urlaubs- und Weihnachtsgeld und kehrte ohne Ausgleich zur 40-Stunden-Woche zurück.

Gleichzeitig verordnete der Betriebsrat Eulers Vorgänger Ari Kiviranta ein Restrukturierungskonzept, das neben dem Kerngeschäft auch den Aufbau einer Lohnfertigung und eines so genannten Paper Business Parks vorsieht. Alle drei Bestandteile des Rettungsplan setzt Euler jetzt nach und nach um.

Doch im Gespräch wird deutlich, dass er sich die schnellen Impulse für eine Stabilisierung des Unternehmens vom Papiergeschäft erwartet. Er ist eben ein Anhänger der „weißen Kunst“ – und nur notgedrungen Liegenschaftsmanager.

Neue Nischen und Produkte für Chromolux

PM3 – das Herzstück der Papierfabrik Zanders

Zunächst will Euler den Absatz seines Vorzeigeproduktes Chromolux von derzeit 50.000 auf mindestens 60.000 Tonnen pro Jahr ausbauen. „Der Weltmarkt allein für Etiketten ist drei Millionen Tonnen groß und wächst. Da sind wir seit 50 Jahren gut im Geschäft“, gibt sich der Geschäftsführer selbstbewusst. Neue Papiersorten seien bereits entwickelt worden, wie zum Beispiel „Zan Label“ für Digitalprodukte.

Für diesen Markt sei Zanders mit seinen hochspezialisierten Papiermaschinen PM2 und PM3 und dem großen Know How seiner Mitarbeiter hervorragend gerüstet.

Allerdings ist Zanders soweit heruntergeschrumpft, dass die gesamte Belegschaft nur noch dazu ausreicht, eine der beiden großen Papiermaschinen auf Touren zu bringen, die jeweils andere steht solange still. Sollte der Chromolux-Bereich wie geplant wachsen, seien daher mittelfristig Neueinstellungen möglich.

Viel freie Kapazitäten für Lohnfertigung

Das Zandersgelände direkt am Rand der Bergisch Gladbacher Innenstadt

Weite Teile des Zanders-Geländes gleichen einer tipptopp gepflegten Geisterstadt. Zu besten Zeiten haben hier mal 3000 Mitarbeiter rund 360.000 Tonnen Papier hergestellt; aktuell wären sogar bis zu 400.000 Tonnen drin, schätzt Euler. Die gigantischen Papiermaschinen PM2 und PM3 seien zwar bereits 45 bzw. 22 Jahre alt, durch ständige Erneuerungen aber „absolut modern“ und zudem vielseitiger einsetzbar als jüngere Maschinen.

Dennoch, rund fünf Sechstel der Kapazitäten auf dem Zanders-Gelände liegen brach. In einem ersten Schritt bietet Euler daher die Lohnfertigung für andere Papierfabriken an. Kontrakte über 5000 bis 6000 Tonnen seien bereits abgeschlossen worden. Nicht viel, aber immerhin ein Anfang.

Vor dem Hintergrund, dass der gesamte Markt in Deutschland unter Überkapazitäten leidet, sei das ein Erfolg, argumentiert Euler. Auch hier könne Zanders mit der Qualität von Maschinen und Personal punkten – und Papiere herstellen, die sonst weit und breit keiner drauf habe.

Aber selbst wenn die Lohnfertigung rasch wächst, die Leerstände von Hallen und Flächen bleiben.

Viel Raum für einen Paper Business Park

Hier setzt das Konzept „Paper Business Park“ an: andere Unternehmen aus der Papierbranche und ihrem Umfeld sollen auf dem 350.000 Quadratmeter großen Zanders-Gelände angesiedelt werden und mit dafür sorgen, dass das eigene Kraftwerk, die Kläranlagen, die gewaltigen Parkplätze und Hallen wieder stärker genutzt werden.

Das sei allerdings nicht kurzfristig zu bewerkstelligen, berichtet Eulers. Zwar habe Bergisch Gladbach einen sehr zentralen Platz in Deutschland und Europa, ein Flughafen liegt gleich nebenan, das Autobahnnetz ist extrem dicht.

Wenn da nicht das leidige Problem mit dem Autobahnzubringer wäre. Denn Zanders hat zwar einen eigenen Gleisanschluss, aber über die Schiene werde nur noch die Kohle für das Kraftwerk angeliefert. Alle anderen Produkte werden per LKW gebracht, alle fertigen Waren wieder über die Straße verschickt. In einer Wirtschaftswelt mit engen Produktionsketten und Lieferzeiten von zum Teil nur 24 Stunden sei das anders nicht möglich, begründet der Zanders-Chef.

Bislang hat er kleinere Verträge über die Vermietung von Büroflächen abgeschlossen. So ist eine Abteilung der VR Bank gerade in dem Verwaltungsgebäude direkt am Haupttor eingezogen.

Vordereingang: Altes Verwaltungsgebäude, neues Firmenschild

Resteverwertung nennt Euler das etwas respektlos. Aber große Unternehmen, die in Bergisch Gladbach große Flächen buchen würden, fielen nicht so einfach vom Himmel. Immer wieder führt der Zanders-Chef Gespräche mit Interessenten, aber bei 30 Kontakten komme man vielleicht in einem Fall weiter. Daher hat er sich für diese großen Ansiedlungen einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren gesetzt.

„Wir wollen die Spitze haben“

Dennoch wehrt sich Eulers gegen gegen Pessimismus. „Wir müssen jetzt auf der Papierseite schnell vorankommen.“ Mit „einer großen Portion Geduld und Glück“ könne man auch einen großen Partner für den Paper Park finden. Aber zur Not, betont der Zanders-Chef, „können wir auch aus eigener Kraft überleben“.

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Zu den eigenen Stärken zählt Euler vor allem die alten Fähigkeiten der eigenen Mannschaft, die aus dem uralten Produkt „Papier“ immer wieder etwas Neues heraushole. In seiner eigenen Abteilung für Forschung und Entwicklung verfüge er zwar nur über sechs Leute, aber die ständige Innovation sei für jeden einzelnen Mitarbeiter eine ständige Herausforderung.

Darauf baut Euler auch seine Vision für die Zukunft auf: „Wenn irgendwo auf der Welt nach einer ganz besonderen Lösung für seine Etiketten sucht, dann muss er als erstes an Zanders denken.“ Der gesamte Metsä-Konzern produziere 1,2 Millionen Tonnen Papier, „davon wollen wir die Spitze haben. Bislang funktioniert das ganz gut.“

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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