Placato, ergo sum!

In den letzten Wochen vor dem Tag der Tage, dem Tag von Wahl und Zahl, der großen Scheidelinie zwischen politischer Ambition und puristischer Arithmetik, zwischen elastischem Wurf der Visionen und gestrenger Addition der Stimmen, da kam es im politisch sonst und bis auf gewisse Ausnahmen eher behäbigen Herrlisch Raubach noch einmal zu einer nie gesehenen Passion der Plakate.

Getreu des alten Lehrsatzes aus den „Politischen Regeln“ des griechisch-römischen Philosophen Klebetolles: „Placato ergo sum!“ (Ich plakatiere, also bin ich!), lieferten sich insbesondere die schwarze und hellrote Partei  – dabei ebenso atem- wie aussichtslos verfolgt von den übrigen –  eine plakative Materialschlacht im Dienste der politischen Aufklärung des Bürgers.

Bürger, an die Fassaden!

Godehard Möring rief in dem Zusammenhang sogar zu verschärfter Bürgerbeteiligung auf. Über Splitter erklang sein Notruf:

Weil nahezu sämtliche Masten für Licht und Verkehr bereits unter der Last geballt politischer Information ächzen, sollen Hauseigentümer nun die sichtfreundlich gelegenen Außenfassaden ihrer Gebäude für sachdienliche Hinweise zur Wahlentscheidung verfügbar machen.

Demokratie soll leben – also heißt´s kleben!

Zuvor waren erst wieder zwei massive Großkampagnen von Schwarz und Hellrot gegeneinander gebrandet. Im Vertrauen auf eine bis zum Wahltag einschließlich reichend verlässliche Wetterprognose, hatten die Schwarzen ihren Bürgermeister, den „theoretischen Gründer, praktischen Hüter und denkenden Lenker Herrlisch Raubachs“ noch einmal herausgestellt:

„Es ist Sommer an der Schlunde – Danke Trutz Altwasser in dieser Stunde! Wochenend´ und Sonnenschein, hier ist´s so schön, ganz schwarz zu sein!“

Die Sache mit dem „theoretischen Gründer“ HR´s übrigens verdankt sich einer aus Mitteln des städtischen Werbeetats finanzierten Broschüre, verfasst vom langjährigen Ex-Pressesprecher Paul Schliesser, der darin zu dem nicht ganz unumstrittenen Schluss gelangt:

Hätte Trutz Altwasser vor rund 750 Jahren hier gelebt, wäre er sehr wahrscheinlich der Gründer Herrlisch Raubachs gewesen.“

Vom „Gründerer“ zum „Plünderer“ Herrlisch Raubbachs

Diese diskrete kleine Grußadresse an HR´s „Regierenden“ war bis dahin übrigens nur den Dunkelroten aufgefallen, die mit einer empörten Handzettel-Aktion und in Anspielung auf den erst kürzlich eingetüteten HeLKuW-Deal (wir berichteten) etwas sprachschüttelnd dagegen hielten:

Trutz Altwasser – Vor 750 Jahren nicht möglicher Gründerer, sondern sicherer Plünderer Herrlisch Raubachs!“

Die gerade erwähnt sommervereinahmende Plakatkampagne der Schwarzen erhielt allerdings einen ganz eigenen Dämpfer durch die leidige Unschärfe längerfristiger Wetterprognosen. Ein auch über HR ziehendes Gewitter- und Regentief samt Abkühlung inspirierte denn auch die Hellroten zur spontanen Gegenkampagne:

Sommer versprochen, Regen gerochen! – Danke Trutz Altwasser! Für ein zuverlässiges Stadtklima steht Rüdiger Buschek!“

Plakatflut schwillt weiter

Natürlich blieb auch den anderen Kombattanten kaum eine Wahl, als in wennschon ungleich bescheidenerem, teils aber durchaus originellem Maße hier anzuschließen:

Grün braucht auch Wasser, aber nicht den alten Trutz!“

Für eine sozial gerechte Verteilung von Sonnenschein und Regentropfen!“

Zur Sonne, zur Freiheit: Jeder ist seines Sommers Schmied! – Individuelle Wetterverantwortung stärken!“

Und die Plakatflut schwoll weiter.

Dann erinnerte man sich auch noch einer vor Beginn des Wahlkampfes geführten Diskussion über das Plakatieren an sich. Da hatten nämlich die grüne Partei und ein paar sonstige Parteikrümel angeregt, auf Plakate dieses Mal weitgehend zu verzichten oder mindestens nur maßvoll zu plakatieren.

Alle waren sich zwar im Grundsatz einig gewesen, aber bei Umsetzung der bekundeten Einigkeit im Grundsatz kam es, wie so oft, zur Umsetzung bzw. –kehrung des eigentlichen Grundsatzes.

Plakative Einsicht muss plakatiert werden

Schwarz und Hellrot ließen sich jedenfalls nicht lumpen und machten klar, dass sie es seien, die gegen maßloses Plakatieren stehen! Eine schon  in Sichtweite der Urnenlinie mit 2000 Plakaten noch einmal durchstartende Kampagne der Schwarzen war denn auch knapp und griffig:

Plakate?! – Mit uns nicht!! Deshalb Ihre Stimme für Trutz Altwasser und Schwarz!“

Die Replik der hellroten Partei ließ allerdings nicht lange auf sich warten: Immerhin 1500mal konnten die Herrlisch Raubacher im Stadtgebiet lesen:

Dies ist kein Plakat! – Die Wahrheit wählen mit Hellrot und Rüdiger Buschek!“

Von mangelnder Konsequenz und drohendem Nagelkissen

Sowohl der grünen Partei als auch den sonstigen Parteikrümeln wurde nun im Zuge dieser einsichtigen AntiPlakat-Plakatkampagne der großen Zwei mangelnde Konsequenz vorgeworfen, weil sie sich hier nicht mit entsprechenden Plakaten beteiligten. Der stets wohlgelaunte CDU-Ratsherr Matthäus Eichen betonte einmal sanft mahnend:

Wer seine politischen Grundsätze und Forderungen nicht plakatiert, zeigt sein Desinteresse an der Information des Wählers!“

Schlaflose Nächte habe übrigens, so heißt es, inzwischen wohl Claas Forsthauer, Fraktionschef der Hellroten. Als künftiger Vorsteher des kleineren Partners in der angeschlichenen GroKo mit den Schwarzen, sehe er sich schon auf einem Nagelkissen plaziert, um Abbitte für die störrische Kampagne seines eigenen Bürgermeister-Kandidaten zu leisten.

In welchen Kreis kommt wohl das Kreuz? 

Denn von einer stichelnden Nachwahl zwischen dem kaum bezweifelt erstplazierten Trutz Altwasser (Schwarz) und Rüdiger Buschek (Hellrot) gehen die Meisten aus, obwohl einige auch eine Zweitplazierung von Dieter Scholle-Furth (Grün) für nicht ganz ausgeschlossen halten.

Große Verunsicherung löste indes die Projektstudie einer Gruppe von Politikwissenschafts-Studenten aus der nahen Rheinmetropole aus. Im Rahmen neuester Feldforschungs-Methoden im Rahmen bevorstehender Kommunalwahl-Entscheidungen, kam die am Beispiel Herrlisch Raubachs durchgeführte Studie zu dem Ergebnis, dass bei der kommend hiesigen Wahl die Wahrscheinlichkeit eines kreativ-intelligenten Entscheidungsquerschnitts ausgesprochen hoch sei.

Der Wähler, das unbekannte Wesen

Dies löste teils heftige Reaktionen aus. Karl „Charly“ Dönekes, Fraktionschef der Schwarzen, stellte unumwunden klar:

Subversiv renitente Wahlentscheidungen braucht hier kein Mensch! Und der anständige Herrlisch Raubacher Wähler weiß, was er zu wählen hat!“

Unterstützung kam durch das hellrote Urgestein Dr. Friedrich Wilhelm Stiege:

Zwischen mehr als zwei Möglichkeiten zu entscheiden, überfordert die Meisten.“

Daher solle der Wähler sich auf die beiden ernst zu nehmenden Alternativen konzentrieren, damit sei er voll ausgelastet.

Die in den Rat wollen. Oder noch höher hinaus

Der Wähler, das unbekannte Wesen. Wir alle in und um Herrlisch Raubach wissen, dass im Zentrum des Wahlkampfes nur er alleine steht, er, der heiß Begehrte wie Umworbene, der tausend-,  zehntausendfache Bachelor, um dessen Gunst die ringen, die in den Rat wollen. Oder noch höher hinaus.

Da kann es dann beim kardiokonkurrierend konvulsischen Liebeswerben, zumal derart kurz vor dem begehrten „Ja“- oder gefürchteten „Nein“-Wort des heftig Umworbenen, auch schon mal heiße Reifen und Ohren geben.

So hatte ein seinerseits besonders aktiver und aufmerksamer Wähler auf der racelook-Gruppenseite „Politik in HR“ ein akribisches Postkasten-Verzeichnis der bei ihm bereits eingegangenen bzw. noch ausstehend parteilichen Werbedrucksachen erstellt und damit ein buchstäbliches Wettrennen um seine Gunst wie Stimme ausgelöst.

Wettrennen um des Wählers Gunst wie Stimme

Denn kaum hatten die für seinen Wahlkreis zuständigen und hier noch säumig gewesenen Bewerber  – in dem Falle der schwarzen und gelben Partei –  den entsprechenden racelook-Eintrag gelesen, schon schwangen sie sich, samt komplettem Drucksachen-Satz und Give-away-Sammlung, am frühen Abend hinter die Steuer ihrer Autos in Richtung Postkasten des besagten Wählers. Denn am Ende zählt jede Minute beim Kampf um jede Stimme.

Kurioserweise begegneten sich beide Bewerber (Alfred-Stefan Brauss von den Schwarzen auf BMW und Fips Clever von den Gelben auf Audi ) noch auf der zur Wohnstraße des angezielten Wählers führenden Hauptstraße. Ein kurzer Blickwechsel, ein blitzender Gedankensprung  genügte den zwei kommunalpolitischen Halbschwergewichtlern, um zu erkennen, was die Stunde geschlagen hatte:

Von der Wählerwerbung zum Führerscheinentzug

Wer als erster den Wähler-Postkasten im Stadtteil Verschoich erreichen würde, der wäre seinem Ziel um eine Stimme näher! Umgekehrt galt es, eine mögliche Erstankunft des Konkurrenten im politischen Verkehrswettstreit zu verhindern.

Die schlussendliche Bilanz der Verkehrspolizei: Neben ungezählten Übertretungen der StVO und zwei eingezogenen Führerscheinen, ein kumulierter Kfz-Sachschaden in Höhe von 39.000 EUR, eine durchbrochene Grundstückeinfriedung und ein zerstörter Vorgarten.

Pit Schnell, herbeigeeilt gelber Bürgermeister-Kandidat und automobiler Rennamateur, erklärte noch am finalen Schauplatz des Kandidatenrennens seinen Parteikollegen Fips Clever gegenüber den anwesenden Pressevertretern zum Sieger, denn schließlich sei dessen ramponierter Audi ein paar Zentimeter dichter an der wählerischen Hausmauer zum Stehen gekommen als Alfred-Stefan Brauss´ demolierter BMW.

Grüner Appell: Mehr Wählergunst durch Radelkunst!

Von Seiten der grünen Partei bemängelte deren BM-Kandidat, Prof. Dieter Scholle-Furth zeitnah via Splitter:

Zuviel Gas macht kein´ Spaß – Mehr Wählergunst durch Radelkunst!“

Trutz Altwasser griff umgehend das überbordende Freiheitsverständnis der Gelben scharf an:

Wer gelb wählt, will die wüste Wildbahn auf der Straße! Nur mit Schwarz ist sicher, dass immer die Schwarzen gewinnen!“

Für die Dunkelroten machte deren BM-Kandidat Aticus Fernando Magellan in einer bereits am Folgetag verfügbar mehrstündigen duhupe-Ansprache darauf aufmerksam, dass sich in einer nach kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten eingerichteten Welt und aufgrund der dadurch zustande gekommenen wie bedingten und immer disproportionaler werdenden Eigentumsverhältnisse nicht jeder einen BMW oder Audi oder überhaupt ein Auto, geschweigen denn …

GroKo-Prügel für Politikverweigerer

Am gleichen Abend kam es unterdessen zu späterer Stunde noch zu einer veritablen Massenschlägerei, als die Wahlkampf-Teams von Trutz Altwasser und Rüdiger Buschek bei fortgeschrittenem Alkoholkonsum im Zuge ihres Herrlisch Raubacher Kneipen-Votefishings aufeinandertrafen.

Allerdings verprügelten sich die Teams nicht gegenseitig, sondern droschen bereits  großkoalitionär gemeinsam auf unbeteiligte Lokalgäste ein, die sich hartnäckig der Aufnahme politischer Gespräche verweigerten.

Dass die Nerven kurz vor dem Wahltag blank liegen, zeigt im Übrigen auch die aktuelle Polizeistatistik: Wiederholt gingen Notrufe verängstigter Bürger ein, die sich von allzu aktiven Wahlkreis-Kandidaten bedrängt sahen: Von frühestmorgendlich bis spätabendlich, teils sogar nächtlich höchstmotiviert angreifenden Ratsbewerbern verschiedener Parteien handeln hier die entsprechenden Protokolle.

Wenn der Wähler einmal wählt …

Ausdauerndes Sturmklingeln, verzweifeltes Hämmern an Wohnungstüren und sogar teils akrobatische Versuche, durch offene Balkon- / Terrassentüren oder Fenster zum persönlichen Überzeugungsgespräch auch mit offensichtlich verstockten Wählern zu gelangen, legen Zeugnis ab von leidenschaftlichem Engagement und tiefer Sachbeseeltheit im Sinne der Zukunft Herrlisch Raubachs. Denn wenn der Wähler erst einmal wählt …

Mit einem letzten Premium-Plakatmotiv im Größtformat markiert die schwarze Partei im Übrigen noch einmal ihren Anspruch auf diese Zukunft:

Letzte Einstellung mit großem Streichorchester

Bürgermeister Altwasser, im Arm ein Baby, an der Leine einen Hund, auf der Schulter eine Katze, unter dem Arm eine Kunstrasen-Rolle, führt, während er per Handy eine Telefonkonferenz mit mehreren privaten Investoren hält (angedeutet durch jeweilige Sprechblasen mit Investitionszusagen), ein älteres Ehepaar und eine Schülergruppe über die Hauptstraße zum Heinrich-Abendauer-Platz, der, in sanftrot-goldenes Abendlicht getaucht, übersät ist mit sichtlich ergriffen applaudierenden Menschen aller Altersgruppen in oranjefarbenen Hemden …

The End … Oder doch nicht …?!

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

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