Twilight over Herrlisch Raubach – Die HeLKuW-Connection 3

„Zum diesjährigen Osterfeste können wir unserer Stadt Herrlisch Raubach nun das vorerst dickste Ei aller Zeiten ins Nest legen!“, freute sich ein stolzer Bürgermeister Trutz Altwasser nach einer gelungenen Schlacht- und Hebelaktion in Sachen Vertragsunterzeichnung. Die war notwendig geworden angesichts eines möglicherweise drohenden Bürgerumkehrens gegen den immer umstrittener gewordenen Multimillionen-Deal auf Pump.

„Unsere Freunde Godehard Möring und Blacky U. Decker haben sich um Herrlisch Raubach hier unsterblich verdient gemacht!“, erklärte der Bürgermeister weiter. Denn diese beiden hatten im Zuge der Beobachtung des Kommunikationsverkehrs von Splitter und Racelook deutlich verdächtige bis potentiell gefährliche Andeutungen bürgerlichen Nichtverstehens ausgemacht und gerade noch rechtzeitig Alarm geschlagen.

„Jedes Bürgerumkehren bedeutet Ärger vermehren!“

Als er das Stichwort „Bürgerumkehren“ dort erstmalig gelesen habe, sei ihm sofort klar geworden, dass gehandelt werden müsse, bestätigte der Leiter des bürgermeisterlichen Büros, Blacky U. Decker. „Jedes Bürgerumkehren bedeutet Ärger vermehren!“ erklärte auch Godehard Möring. Denn in einer depressitativen Demokratie könne der Dreisatz politischer Funktionalität nur lauten: „Bürger belehren, Desinteresse vermehren, Einmischung abwehren!“

Letztere begann anscheinend zu drohen, je mehr seltsame Details des HeLKuW-Geschäfts (HeLKuW=Herrlische Lisch-, Kraff- und Wasserwerke) in einer kuriosen Mischung aus Unbekümmertheit und Zufälligkeit ans Licht traten. Und kräftig wachsende Widersprüche fanden sich dann auch nicht bloß in den Untiefen einer hoch elastischen Zahlenmagie hinsichtlich der eisern behauptet wirtschaftlichen Vorteile dieses schuldenfinanziert städtischen Kapitalinvestments, wie sie beispielsweise von dem als die berüchtigten The Excel-Twins bekannten Duo Alwin Striegelmann und Bodo Küpper aufgedeckt wurden.

Einträglicher Handschlag über unverträglichem Schuldenberg

Einer immer größeren Zahl von Bürgern war, davon abgesehen, zunehmend aufgefallen, dass die auf den letzten Metern vor Vertragsabschluss mit der DomEnergie noch fix propagierte „Neuausrichtung der Versorgung in HR“ allenfalls in einem sehr speziellen Sinne eine Rolle und die entscheidende Energiefrage hier überhaupt keine solche spielte.

Es kam der Verdacht auf, dass diese „Neuausrichtung“ sich stattdessen vor allem auf die „Versorgung“ diverser Bedürftiger aus dem politischen Betrieb Herrlisch Raubachs richtete und sich Schwarz und Rot zu diesem Zwecke über einem unverträglichen Schuldenberg künftiger Bürgerbeteiligung einträglich die Hand reichten.

„Eine Union aus Schwarz und Rot ist für die Versorgung joot!“

Anlässlich einer feuchtfröhlich inoffiziellen Vorfeier des so gut wie abgeschlossenen Deals hatte denn auch der schwarze Fraktionschef Karl „Charly“ Dönekes zu fortgeschrittener Stunde und bereits leicht lallend die Losung ausgegeben: „Eine Union aus Schwarz und Rot ist für die Versorgung joot!“

Damit war die gelungene Vorführung im Rat Herrlisch Raubachs begossen worden, bei der von Schwarz und Rot Seit´ an Seit´ ein Hochamt der depressitativen Demokratie zelebriert worden war. Und der hellrote Fraktionschef Claas Forsthauer hatte sogar den melancholischen Kantor der neuen politischen Sangesbruderschaft geben dürfen.

171 Prozent Zustimmung verbieten jeden Zweifel, erst recht Widerspruch

„71 Prozent des Rates von Herrlisch Raubach haben dem zukunftsverwaisenden HeLKuW-Geschäft mit 100-prozentig schlafwandlerischer Sicherheit die mehr als verdiente Zustimmung gegeben – Das bedeutet unter dem Strich eine 171-prozentige Mehrheit!“ Und dies verbiete jeden Zweifel, erst recht Widerspruch am bzw. gegen des Rates letzten Ratschluss, hatte es dazu in einer Erklärung der Pressstelle Herrlisch Raubachs geheißen.

Auf die absolute Unantastbarkeit solcher depressitativ-demokratisch zustande kommender Entscheidungen wies im Zuge erwähnter Feier auch noch einmal ausdrücklich der Althumamist Dr. Friedrich Wilhelm Stiege für die hellrote Fraktion und Partei hin: „Was der Weltgeist für Pegel … hupps, pardon, Hegel, ist ein Ratsbestuss … (ructus alcoholis) … Ratsbeschluss für den Bürger … Denn hier findet die Wahrheit ihren Steiß … Preis … Prost – Auf die neue große Kopula … Koalition an unserer wunderbaren Schlunde!“

Chefberater Dr. Ambrosius Tünchlein entdeckt Überraschendes

Die trotz der per Ratsbeschluss im hegelschen Sinne eben zu sich selbst gekommenen Weisheit dann doch verstärkt aufkommenden Zweifel und gar Widersprüche seitens einer wachsenden Zahl von Bürgern, hatte Bürgermeister Altwasser, unter anderem über Splitter und Racelook, zunächst kurzerhand für beendet erklärt: „Der Rat hat beschlossen, jetzt wird geschossen!“ Und da solle sich besser niemand in den Weg stellen, denn die Versorgungszukunft dulde keinerlei Aufschub mehr!

Aber dann war durchgesickert, dass der Chefberater Herrlisch Raubachs bei dieser Transaktion, Dr. Ambrosius Tünchlein, noch etwas Überraschendes entdeckt hatte. Nach dem erfolgten Ratsbeschluss habe er sich nämlich die Verträge spaßeshalber doch etwas genauer angesehen und dabei festgestellt: Die HeLKuW dient ihrem Mutterkonzern DomEnergie eigentlich bloß noch als Vehikel für kapitale Beteiligungsgeschäfte.

Mit dem großzügig kreditfinanzierten Rückkauf von HeLKuW-Anteilen würde die Stadt Herrlisch Raubach daher jetzt zum gleichberechtigten Partner bei den Zentralen Versorgungswerken von Futschgorod, der Hauptstadt des kleinen Großfürstentums Chaosien im südöstlichen Kaukasus. Diese Entdeckung hatte Dr. Tünchlein mit etwas glasigem Lächeln und nicht ohne Stolz dem findigen Gregor Platzdaweg in einer Art halbfreiwilligem Interview mitgeteilt.

Beteiligung in Chaosien: „Herrlisch Raubach goes global in energetics!“

Da sich auch keiner der Entscheidungsträger die Verträge bis dahin überhaupt oder genauer angesehen bzw. wenn angesehen, allenfalls in überschaubaren Teilen verstanden hatte, blieb jetzt nur noch die Flucht nach vorn. Nach der Devise: „Make bad news for good news“ hatte Godehard Möring folgende Parole ausgegeben:

Allerdings konnte jeder Bürger per Muugel nun unter anderem leicht feststellen, dass die künftig partnerschaftlich verbundenen Zentralen Versorgungswerke Futschgorod ihre Energie etwa von einem recht bejahrten Hochtemperament-Feuerwasser-Reaktor der Baureihe Explotov 3, einer seinerzeit bulgarisch-albanischen Koproduktion, beziehen. Diese explosive Erkenntnis führte nun doch zu einem gesteigerten Interesse am unmittelbar bevorstehenden HeLKuW-Deal, zu erwachend kritischer Aufmerksamkeit und sogar ersten Überlegungen in Richtung eines möglichen Bürgerumkehrens gegen den bereits vollzogenen Ratsbeschluss. Auf Seiten der Repräsentanten des politischen Hauptbetriebes hielt sich ein zu allem entschlossen entschiedenes Abwarten mit einem zu allem fähigen und willigen Durchziehen der Transaktion zunächst noch die Waage. Bevor’s beim Bürger zweimal klingelt, klingelt’s nächtens beim Notar „Macht ist, wenn man’s macht und einen keiner daran hindert.“ Getreu diesem Satz aus dem „Kleinen Leitfaden (nicht nur) für den Lokalpolitiker“ entschloss sich dementsprechend ein schwarz-roter Alarmtrupp, aufgrund der Netz-Meldungen von Godehard Möring und Blacky U. Decker in Richtung eines möglichen Bürgerumkehrens, dann zur sofortigen Aktion. Nach spontaner Mobilisierung auch der zuständigen DomEnergie-Repräsentanten, wurde der Herrlisch Raubacher Notar Dr. Helmbrecht Siegelschneider gegen halb drei Uhr morgens aus dem Bett geläutet, um an Ort und Stelle den sofortigen und unumkehrbar gültigem Vertrag zwischen Herrlisch Raubach und der DomEnergie in Sachen HeLKuW zu beurkunden.

Bürgermeister Altwasser erklärte am nächsten Tag, dass er im tätigen Einvernehmen mit dem hellroten Partner zum Wohle aller Bürger Herrlisch Raubachs und im Sinne einer Verteidigung der Demokratie gehandelt habe. Claas Forsthauer verkündete im Namen der hellroten Fraktion und Partei: „Hier ging es um nichts weniger als darum, die 171-prozentige Mehrheitsentscheidung des Herrlisch Raubacher Rates und damit auch unsere depressitative Demokratie vor unbefugtem Zugriff zu schützen!“

Gleichgewicht des Unwissens als Idealzustand

Auf die Frage, ob ihm und Trutz Altwasser oder überhaupt wem die damit eingegangenen Energiepartnerschaft mit Futschgorod bei der Abstimmung vor Augen gestanden habe bzw. überhaupt als Vertragsbestandteil bekannt gewesen sei , betonten beide, gerade eine auf möglichem Unwissen gegründete Mehrheitsentscheidung der einmal Gewählten verdiene den wissentlichen Respekt der unwissend Wählenden, weil sich hier das Prinzip der Gleichheit von Wählenden und Gewählten ideal verwirkliche.

Ein Bürgerumkehren gegen den HeLKuW-Deal sei durch die couragiert rasante Vertragsschließung nun jedenfalls völlig sinnlos geworden. „Wir begreifen das auch als Hilfestellung für verunsicherte Bürger, die sich von unverantwortlich demokratischen Unruhestiftern kurzfristig zu unüberlegten Handlungen verführt sahen“, hieß es aus dem bürgermeisterlichen Büro.

Von der HeLKuW, über Futschgorod, zum Landluftkreuz

Nach dem erfolgreich beendeten Plattenstreit und den jetzt für alle Ewigkeit blind fixierten Geschäftsbeziehungen zwischen Herrlisch Raubach und der HeLKuW bzw. DomEnergie (letztere kann sich jetzt endlich über die dringend benötigte Frischkapitalzufuhr aus dem nun reichlich aufgestockten Schuldentopf Herrlisch Raubachs freuen), wies Trutz Altwasser, auch im Blick auf die kommenden Wahlen, den Blick wieder voraus:

„Zwischen den Herrlischen Höhen und den Massiven des Kaukasus spannen sich nun die Aktivitäten unserer Innovationsperle an der heimischen Schlunde! Und auf den bald schon vergoldeten Platten der Fußgängerzone Herrlisch Raubachs werden die Bürger der kommenden Welt-Landluft-Metropole herrlischen Zeiten entgegen schreiten! Euch allen wünsche ich: Frohe Ostern!“

PS: Gregor Platzdaweg hat sich entschlossen, seine brisanten Recherchen über die eigentlichen Hintergründe und Hintermänner des rätselhaften HeLKuW-Deals in späterer Buchform zu veröffentlichen.

H-G. Ullmann

ist gebührend ratloser Bürger, gelegentlicher Zaungast am Spielfeldrand, findet interessante Gespräche ohne Scheuklappen inspirierend und bewahrt sich den Reiz (manchmal auch fassungslosen) Staunens als Mittel geistiger Ausgeglichenheit.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2 Kommentare

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Hui, in diesem Artikel steckt viel Mühe!

    Aber leider verstehen vermutlch wieder nur Insider, wer wirklich gemeint ist und was tatsächlich gelaufen ist. Sind wir tatsächlich schon wieder soweit, dass alles nur verklausiert beschrieben werden darf/kann wie seinerzeit beim Erich?

    Ich würde mich freuen, wenn mir jemand diesen Deal einmal verständlich erklärt und vor allem, welche Optionen es für den Normalbürger noch gibt mitzubestimmen.