Morgen ist Klassenkonferenz in der B, und ich muss zugeben, dass mir schon ein bisschen mulmig zumute ist. Schließlich bin ich die einzige Schülerin aus der A und die einzige Zeugin. Und zugleich vielleicht Beschuldigte. Ich liege auf meinem Bett in meinem Zimmer, und vor meinem inneren Auge läuft noch einmal wie ein Film der Tag auf der Laurentiuskirmes ab. Wie schön hatte er begonnen!

 Hier gelangen Sie zur mobil optimierten
Version für den ungestörten Lesegenuss

Mir gefiel die Langsamkeit, mit der sich das große Rad drehte. Das leichte Kribbeln im Magen war mir gerade recht. Als Vogel mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft, das konnte ich mir schon vorstellen, wenn ich auch in den Bergen oder auf den Türmen des Kölner Doms an Höhenangst litt. Merkwürdig! Vielleicht kam mir ja gerade diese langsame Bewegung entgegen. Auf jeden Fall war ich stolz, dass ich mich überwunden hatte, und das dazu auch noch ganz alleine. Wenn das meine Eltern wüssten!

Ich war erstaunt, wieviel Grün sich in der Innenstadt ausbreitete. Und wie dazu die Ochsenblutfarbe des Bürgerhauses passte.

Über was sich meine Nachbarn in der Gondel unterhielten- naja! Is dat schön. Jaa. Kuck mal, der Balkon mit den janzen Blumen. Jaa, is dat schön.

Bei der nächsten Umdrehung fiel mir das Rathaus ins Auge. Es hatte etwas von einem Zuckerbäckerstil. Aber warum nicht? Ich wusste ja längst, dass nicht alles, was modern ist, gleichzeitig auch schön sein muss. Am liebsten aber gingen meine Blicke auf die grünen Hügel hinter unserer Stadt. Wenn ich es nicht so gehasst hätte, hätte ich auf die Idee kommen können, mit meinen Großeltern zu wandern. Aber dann würde ich von meinen Freundinnen noch mehr erstaunt angeschaut. Ich wäre mir noch einsamer vorgekommen.

Mit Luisa konnte ich wenigstens mal nach Köln fahren, ohne zu shoppen. Ich stehe ja auch nicht mehr so auf Markenklamotten wie früher, vor allem, seitdem ich manchmal selber nähe. Manche finden das ja toll. Andere rümpfen darüber die Nase. Bis vor kurzem ging ich ja öfter in die Disko. Aber mein Taschengeld wird knapp, weil ich mir immer häufiger Bücher kaufe. Ich liebe Bücher, vor allem wenn es Fantasy-Romane sind. Und am meisten schätze ich sie, wenn sie mit prachtvollen Bildern oder Zeichnungen geschmückt sind.

Jetzt kommt das Riesenrad langsam zum Stehen. Es dauert aber noch ein Weilchen, bis meine Schüssel dran ist, meine, in der auch die Leute sitzen, die aussehen und reden wie die Fußbroichs. Man könnte solche Leute mal beschreiben. Den Mann mit den silbernen Haaren und seinem kölschen Schneuzer und wie sie sich krampfhaft festhalten. Aber das muss ich gerade sagen, ich mit meiner Höhenangst! Vielleicht schreibe ich später mal so was. Nein, ich schreibe doch lieber Einhorn- und Elfengeschichten! Wie Luisa, meine Freundin. Und am besten ist es, wenn wir zusammen schreiben.

Durch das weiße Gestänge des Riesenrads sieht man dort den Turm der Laurentiuskirche, wie er sich in den blauen Himmel reckt. Das Gestänge erinnert mich an den Eiffelturm, damals bei meinem Sprachaufenthalt in der Nähe von Paris.

Viele Buden und Karussels sind bunt wie Bonbons. Das Krakenkarussel da drüben ist mir zu doll, wie die Krakenarme chaotisch hoch runter gehen, und dieses Schreien und die ekelhafte Lautsprecher-Anmache! Den süßen Stand finde ich schon besser. Was freute ich mich früher, wenn uns Papa ein Lebkuchenherz mitbrachte. Popcorn kann ich auch im Kino essen.

Der kleine Junge da, wie süß! Er beugt sich herunter, um sich den Tiger ganz genau anzuschauen. Vor der Losbude mit den tausend vergeblichen Losen auf dem Boden davor. Ob er sehen will, ob der Tiger lebendig ist? Süß!

Diese Geschichte ist fiktiv, aber die Laurentiuskirmes ist an diesem Wochenende
in Bergisch Gladbach ganz real. Hier finden Sie das gesamte Programm
und Beiträge zum aktuellen Streit über das Ponykarussell

Die Beschleunigung in der Raupe war mir immer unangenehm, selbst wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen in der engen Kabine saß und wir uns aneinanderdrückten. Ach, stehen da nicht Typen aus der B auf der Rampe? Das macht mir die Raupe noch unsympathischer. Die blinkenden Lampen da drüben finde ich aber schön. Fast wie in der Disko. Aber diese Bratwürstchen da, ekelhaft! Die riesige Zweibalkenschaukel fasziniert mich schon, wie man da himmelhoch fliegt.

Aber ich weiß nicht. Mit wem sollte ich da drauf gehen? Luisa traut sich ja auch nicht. Auf diese gemütlichen Kinderkarussels mit ihren Pferden und Hirschen ging ich früher ganz gerne, oder Mama und Papa setzten mich auf ein Pony. Aber diese armen Tiere, die da immer im Kreis herumlatschen müssen. Furchtbar. Dass so etwas überhaupt erlaubt ist!

Da steht doch tatsächlich eine Frau mit Schirm bei strahlendem Sonnenschein! Was die wohl denkt? Ach, die schaut sich dieses Monsterbild an. Ein merkwürdiger Typ im grauschwarzen Regenmantel. In der Linken hält er einen weißen Totenkopf mit rotleuchtenden Augen. Aber seine starren weißlichen Augen mit der winzigen Pupille!

Erinnert mich irgendwie an die blonde Jenni aus der B. Die sieht ja fast wie Heino aus. Unwirklich, aber aggressiv. Auf dem Schulhof versuche ich ihnen immer aus dem Weg zu gehen, ihr und ihrer Clique. Aber sie können es nicht sein lassen, mich zu provozieren. Sie wissen wohl, dass ich mich aus dem Handy- und SMS- Betrieb langsam abgesetzt habe. Ich muss auch nicht immer zusammen mit einer Gruppe sein.

Und mittlerweile weiß ich auch, dass nicht alles Mist ist, was unsere Lehrer sagen. Das müssen sie irgendwie mitgekriegt haben. Oder sie riechen so etwas. Dabei weiß ich doch genau, wie ungerecht manche Lehrer bei der Notengebung sind, ungerecht oder undurchschaubar. Und ich habe das auch öfter als Klassensprecherin vor den Lehrern vertreten. Das müssten die von der B eigentlich auch wissen. So was spricht sich doch rum. Vielleicht beneiden sie mich ja auch nur um meine Noten.

Da kommen sie! Jetzt gehe ich einfach mal in die Bude der Wahrsagerin. Wollte ich mir sowieso immer mal anschauen.

Als ich den roten Samtvorhang beiseiteschiebe, bin ich erstaunt. Ich hatte gedacht, hier würde mir eine bunte und unheimliche Fantasy-Welt entgegenleuchten. Entgegen allen meinen Erwartungen und Vorstellungen aber ist dieser Raum fast nüchtern. Zwar wird die hintere Wand auch noch einmal von einem roten Samtvorhang verdeckt, aber vor mir sitzt eine Frau an einem kleinen Tisch, die fast Frau Ohlig, unsere Klassenlehrerin, sein könnte. Sie hat ernste, aber irgendwie auch liebe Augen und schaut mich intensiv an.

„Na, dann setz dich mal auf diesen Stuhl!“ höre ich ihre erstaunlich tiefe Stimme aus ihrem zierlichen rotgeschminkten Mund.

„Und nun nimm mal dieses Pendel in die Hand!“

Sie gibt mir ein kegelförmiges Pendel aus Rosenquarz an einer Messingkettte. Dann mischt sie ein Kartenspiel und fächert die Karten mit der Rückseite halbkreisförmig auf den Tisch. Zwischen den Karten und ihrer goldenen Bluse ruht eine Glaskugel in einer dickwandigen Glasschüssel.

„Nun gehe mit dem Pendel langsam über die Karten, und halte an, wo es ausschlägt.“

Ihre dunkelblonden oder besser gesagt goldenen Haare rahmen ein Gesicht mit gutmütigen Backen und tiefliegenden Augen.

Ich lasse das Pendel über die Karten gleiten. Meine Finger zittern ein wenig. Zu meiner Überraschung fühle ich plötzlich über einer Karte ein deutliches Ziehen in dem Pendel.

„Hier!“ kommt es trocken aus meiner Kehle.

„Dann wollen wir mal sehen.“

Sie deckt die Karte auf. Es ist ein Handy darauf abgebildet.

„Nun noch einmal! Fünfmal insgesamt.“

Immer noch schaut sie mich intensiv an, so dass ich ein wenig verlegen werde.

Eine Karte mit einem Buch, eine mit einem Schwert, eine mit einem Herzen und eine mit einem Einhorn werden aufgedeckt.

„Nun lege die Karten vor dich hin, und überlege, ob dir die Reihenfolge gefällt, oder ob du sie ändern würdest.“

Ohne zu wissen, warum, schiebe ich das Buch und das Handy auseinander, so dass das Einhorn dazwischenpasst. Die Frau lächelt mich an. Mir wird ganz warm bei ihrem Blick.

„Du kannst beruhigt sein. Du brauchst dir keine Sorgen über dein Schicksal zu machen.“

Woher weiß sie, dass ich mir Sorgen mache?

„Nach der Welt der Werbung kommst du über die Welt der Fantasy-Literatur ganz ernsthaft zur Literatur. Du musst nur überlegen, was du in dieser Welt willst. Es stehen dir allerdings auch manche Kämpfe bevor. Aber dadurch lernst du erst richtig die Wirklichkeit kennen. Die Kämpfe machen dich stärker, dich und dein Herz. Und mit Sicherheit findest du ein Herz, welches ähnlich wie deines empfindet.“

„Ich wünsche dir alles Gute“.

Die Frau gibt mir die Hand, eine Hand, die sich gleichzeitig weich und warm und fest anfühlt. Ich stehe auf und verlasse den Raum.

Draußen sehe ich den Süßigkeiten-Stand mit der Galerie von Lebkuchenherzen, darüber rote und blaue Luftballons. An seinem Ende ist die Schüssel zu sehen, aus der ein Mann mit weißer Kochmütze Zuckerwatte herausdreht. Vor ihm steht ein kleines Mädchen, dessen Gesicht vollkommen verdeckt ist von einer Zuckerwattenkugel. Das möchte ich jetzt auch, bestelle mir auch eine Kugel.

Ich tauche hinein in die klebrige Süßigkeit, bin plötzlich wieder fünf Jahre alt und mit meinen Eltern zum ersten Mal auf der Kirmes. Der Himmel ist nun noch blauer, und ich laufe auf grünen Wiesen dem Horizont entgegen. Mein Herz ist leicht und froh.

„Lass uns auch mal lecken!“

Eine fordernde Stimme reißt mich aus meinem süßen Traum.

Vor mir hat sich Jenni mit ihrem provozierenden weißen Schal aufgebaut, neben ihr ein grinsendes Gesicht mit straff herabhängenden schwarzen Haaren unter einem weißen Hut und daneben ein weiteres freches Blond in einem Trainingsanzug mit Rallyestreifen, wie ihn meistens Jungen tragen. Eine Hand in einer grünen Jacke mit einem herausforderndem Ausschnitt greift nach meiner Zuckerwatte und meint:

„Sei nicht so egoistisch!“

Ich will aber nicht andere in meine Zuckerwatte hineinlutschen lassen, und diese Typen da schon gar nicht!

Ich versuche mich abzuwenden. Sie folgen mir aber und greifen nach dem Stab in der Zuckerwatte.

„Lass das sein!“ fauche ich.

Sie lassen es nicht sein, greifen nach meiner Hand und versuchen sie an sich zu ziehen. Nun reißt mir der Geduldsfaden. Wut steigt in mir hoch. Ich schubse die Zuckerwatte Jenni ins Gesicht. Einen Augenblick schaut sie verblüfft aus der traurigen Ruine der rosa Kugel.

„Das ist doch nicht normal!“ kommt es verärgert-weinerlich aus ihrem verkniffenen Mund. Dann hat sie ihre gewohnte Aggressivität wieder zurückgefunden.

„Das wirst du büßen!“

Während sie mit der Linken die klebrigen Überreste aus ihrem Gesicht klaubt, holt sie mit der Rechten weit aus.

Ich drehe mich auf dem Absatz um und renne durch den Forumpark, an den kindlichen Ponyreitern vorbei, auf den Bürgersteig an der Hauptstraße. Nun höre ich ihre Absätze, wie sie alle hinter mir herrennen. Ich erreiche die Glastür der Stadtbücherei, sie öffnet sich automatisch, ich stoppe hinter der Tür und bleibe schwer atmend stehen.

Die Frauen an der Theke, wo man die gelesenen Bücher abgibt und die neuen in den Computer eintragen lässt, schauen kurz auf. Haben sie etwas gemerkt? Zumindest ist es merkwürdig, so eine abgehetzte Person eintreten zu sehen. Als ich mich kurz umschaue, stelle ich mit Genugtuung fest, dass Jenni und ihre Bande vor der Glastür stehen geblieben sind. Wie Ungläubige vor einer Kirchentür, kommt es mir in den Sinn

Nun muss ich so tun, als sei ich eine ganz normale Besucherin der Stadtbücherei. Keine, die auf der Flucht ist. Deshalb gehe ich zunächst noch nicht zur Toilette im Erdgeschoss, sondern ganz normal die Treppe hinauf in Richtung großer Büchersaal. Langsam, um wieder zu Atem zu kommen. Halte mich am Treppengeländer fest. Ziehe mich daran hoch. Die Glastür öffnet sich. Ich lasse mich auf die blauen Polster in der Korbbank sinken, nehme mir zur Tarnung eine Zeitung, die vor mir auf dem Glastisch liegt, lese darin, ohne auch nur einen einzigen Satz zu verstehen.

Vor mir steht die Figur der Zeitungleserin, aus Papiermaché gefertigt. Schaut sie mich mitleidig an? Oder ist sie völlig gleichgültig? Warum können die mich nicht in Ruhe lassen? Bin ich anders als die anderen? Sind sie normal oder ich, oder keiner? In diesem Moment möchte ich nicht einmal Luisa neben mir.

***

Schließlich erhebe ich mich und begebe mich zu den Regalen mit den Autoren von Romanen und Erzählungen. Sie sind nach dem Alphabet geordnet. Ich suche den Buchstaben P. Wo ist PO? Hier: Poe. Edgar Allan Poe. Es war das erste Mal, dass mich eine Lektüre im Deutschkurs so gepackt hatte, dass ich mehr von diesem Autor lesen wollte. „Die Maske des roten Todes“ ähnelte irgendwie meinen geliebten Fantasy-Romanen. Aber gleichzeitig war es anders. Ich weiß auch nicht wie. Vor allem die Beschreibung der sieben Räume fesselte mich und das Erschrecken, welches die Versammlung erfasste bei dem Glockenschlag zur vollen Stunde. Aber was soll ich nun ausleihen? Dieser Band hier trägt den Titel „Die Abenteuer des Gordon Pym“. Ob das was ist?

„Das musst du lesen. Es wird dir bestimmt gefallen.“

Ich schrecke zusammen, obwohl mir die Stimme angenehm in den Ohren klingt. Neben mir steht Oliver mit seinen dunklen Augen. Wenn man sie anschaut, weiß man nie, wo er in Wahrheit ist. Ich mag ihn. Aber ich weiß noch nicht, wo ich ihn einsortieren soll. Er besucht den gleichen Deutschkurs wie ich, ist aber nicht in meiner Klasse. Er nimmt mir den Band aus der Hand, den ich gerade aus dem Regal genommen habe. Als sich unsere Finger berühren, fangen meine Gedanken an abzuschweifen. Ich weiß aber nicht wohin. Oliver blättert ein wenig in den Seiten und zeigt mir eine Seite:

„Hier zum Beispiel. Lies mal, Katharina!“

Er kennt meinen Namen!? Natürlich kennt er meinen Namen!

Ich zwinge mich zu lesen:

„Der letzte Rest von Rausch war verschwunden, und die Ernüchterung machte mich doppelt furchtsam und unentschlossen. Ich wußte, daß ich vollständig unfähig war, ein Boot zu lenken, und daß der Sturm und die starke Ebbe uns unaufhaltsam dem Verderben entgegentrieben. Wir hatten weder einen Kompass bei uns noch Lebensmittel, und bei der Schnelligkeit, mit der das Boot vorwärtsschoss, war es unausbleiblich, daß wir bei Tagesanbruch die Küste aus dem Gesichte verloren hatten. Solche und ähnliche angstvolle Gedanken durchsausten mit rasender Schnelligkeit mein Gehirn und machten mich eine Zeitlang zu jeder Handlung unfähig.“

„Du hast Recht. Das gefällt mir.“

„Sag ich doch.“

Nun wissen wir beide nicht so recht, wie wir weiterreden sollen. Dabei ist an sich keiner von uns auf den Mund gefallen. Wieso sind meine Hände auf einmal so verschwitzt? Wir gehen gemeinsam zur Ausleihtheke. Als ich aufgefordert werde, meinen Leserausweis zu zeigen, stelle ich fest, dass ich ihn nicht dabei habe. Was nun?

„Ach, dann nehme ich dein Buch einfach auf meinen Namen“, meint Oliver. Die Bibliotheksangestellte wirft einen kurzen kritischen Blick auf uns, dann händigt sie uns unsere Bücher aus. Oliver steckt beide Bücher, seins und meins, in einen grünen Beutel, den er dabeihat.

„Gehst du auch zur Haltestelle?“ fragt er, und ich sage ja, obwohl ich das vor einer Minute noch nicht wusste.

Wir gehen auf die automatische Glastür zu, sie öffnet sich, wir hören den Lärm der Kirmes im Hintergrund.

Kaum haben wir den Platz vor der Bücherei betreten, empfängt uns ein lautes Gejohle.

„Jenni!“ durchfährt es mich.

„Schaut euch mal dieses schöne Pärchen an! Und so vornehm! Sie lesen Bücher. Wollen was Besseres sein.“

Ihre Schlitzaugen über dem martialischen weißen Schal sind hasserfüllt.

„Lässt du deinen Lover denn an deiner Zuckerwatte lecken?“

Die mit dem weißen Hut stößt mich vor die Brust, so dass ich gegen Oliver taumele.

Die anderen lachen.

„Lasst sie in Ruhe!“ ruft Oliver.

Nun fallen alle über ihn her, stoßen ihn, schubsen ihn.

Mich packt eine unbändige Wut. Ich stürze mich auf Jenni, gebe ihr einen heftigen Stoß vor die Brust, sehe noch ihr erstauntes Gesicht. Sie taumelt, stolpert über den niedrigen Zaun aus Eisenrohren, fällt rücklings auf das niedrige Gestrüpp vor dem Spielplatz, bewegt sich nicht. Ihr weißer Schal hat sich in den Ästen des Gestrüpps verfangen. Einen kleinen Moment lang spüre ich so etwas wie Genugtuung.

Danach ist es wie in einem Traum. Leute kommen vom Spielplatz. Anrufe auf Handys. Irgendwann das aufgeregte Tatüü des Rettungswagens. Blinkendes Blaulicht gibt Katastrophenalarm. Jenni wird von zwei Männern auf eine Bahre gelegt und abtransportiert.

Ich schaue mich um. Nun erst sehe ich die anderen wieder. Sie haben ihre Augen auf mich gerichtet, mit Blicken, aus denen das Wort Mörder spricht. Oliver steht daneben, als komme er von einem anderen Stern. Mehrere Leute reden auf mich ein. Ich verstehe nicht viel von dem, was sie sagen. Wie soll das weitergehen?

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

1 Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.