In der Arbeitsgemeinschaft Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) Bergisch Gladbach“ sind alle versammelt, die in diesen Bereich aktiv sind – und der Jugendhilfeausschuss hatte am Mittwochabend Vertreter aller Seiten eingeladen. In einem Dialogforum sollten Politikern und Fachleuten Bilanz ziehen und Wünsche für die Zukunft formulieren.

„Das ist das absolute Minimum“

Denn soviel ist klar: die offene Jugendarbeit hat in den vergangenen Jahren erhebliche Beiträge zum Sparprogramm der Stadt leisten müssen und leidet aktuell unter starken Kostensteigerungen. Soviel machte Thomas Droege, Leiter der Katholischen Jugendagentur und Vorsitzender des OKJA gleich zum Auftakt klar: Statt mehr als ein Dutzend hat Bergisch Gladbach nur noch sieben Jugendzentren, die Ausgaben wurden um 40 Prozent gekürzt.

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Rund 760.000 Euro gibt die Stadt noch pro Jahr für diesen Bereich aus. „Das ist das absolute Minimum“, betonte Droege. Und selbst so hochgelobte Einrichtungen wie das inklusive Cafe Leichtsinn sei alles andere als gesichert: „2016 läuft die Finanzierung definitiv aus. Darüber werden wir reden müssen.“

Urbachs Überraschung

Lutz Urbach (Archivbild)

Die Mahnung richtete sich an den Stadtrat und an den Bürgermeister. Doch Lutz Urbach gelang es rasch, die Teilnehmer des Dialogforums zu gewinnen. Erstens mit seiner Vorstellung:

Ich bin der Lutz, bin 48 Jahre alt und war früher viel im Jugendheim Brück. Heute bin ich Bürgermeister.“

Aber dann kommt er gleich zur Sache: „Ich habe hier eine echte Nachricht zu verkünden.“ Er habe am Nachmittag ein weiteres Mal mit Landrat Herman-Josef Tebroke telefoniert, der auch für die Kommunalaufsicht zuständig ist. Im Ergebnis habe Tebroke erstmals eingeräumt, dass die offene Kinder- und Jugendarbeit einen Beitrag zur Prävention leiste, dadurch spätere Ausgaben im Bereich der Erziehungshilfe einspare – und damit eigentlich zu den Pflichtaufgaben einer Kommune zählt.

Die irrsinnige Unterscheidung zwischen Pflicht und Freiwilligkeit

Hört sich logisch an und ist eine alte Forderung vieler Stadträte. Auch im gestern Abend verabschiedeten Koalitionsvertrag von CDU und SPD heißt es ausdrücklich:

In jedem Fall werden wir sicherstellen, dass die OKJA mindestens in ihrer bisherigen Form fortgeführt werden kann. Auch hier gilt, jede Investition in die Bildung der Kinder spart nachher Kosten bei der Reparatur von Entwicklungsschäden.“

Nur wurde genau das vom komplizierten Haushaltsrecht konterkariert. Dort wird zwischen Pflichtaufgaben, die eine Kommune auch in größter Finanznot erfüllen muss, und freiwilligen Leistungen unterschieden. Zu den freiwilligen Leistungen gehörte bislang die Jugendarbeit. Und damit unterlag sie einem besonderen Sparzwang innerhalb eines sogenannte Korridors. Aber, so Urbach, in Zukunft „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ nicht mehr.

Die Reaktionen waren im Saal einhellig positiv. Damit, so die vorherrschende Meinung, sei ein wichtiger Schritt erreicht worden, aber dann doch nur ein Etappenziel.

Doch was, so die prompte Nachfrage, ist mit der Stadtteilarbeit und insbesondere die Netzwerke, die unter anderem den Abenteuerspielplatz Gronau betreiben? Hier muss Urbach bremsen: die Einigung mit Tebroke beziehe sich nur auf die offene Jugendarbeit.

Und natürlich können die Jugendzentren jetzt nicht plötzlich mit viel mehr Geld rechnen. Denn, so Urbach, jede Ausgabe in diesem Bereich schlage auf das Haushaltsdefizit der Stadt durch.

Was die Netzwerke und den Abenteuerspielplatz angehe, liege der Ball im Feld der Politik, wiederholt der Bürgermeister seine bekannte Argumentation. Darüber müsse der Stadtrat im Rahmen der anlaufenden Haushaltsberatungen nachdenken und eine Lösung finden. Dabei verhehlt Urbach nicht eine gewisse Frustration in dieser Debatte.

Auf eine weitere Nachfrage, ob man nun darauf hoffen können, dass auch andere Bereiche der Sozial- und Jugendarbeit dem Korridor entkommen könnten, bremst Urbach deutlich. Er werde nichts tun, um jetzt öffentlich die Kommunalaufsicht unter Druck zu setzen. Aber, soviel wird klar, Gespräche laufen weiter.

Netzwerke als Pflichtaufgabe – oder gar nicht

Allerdings, auf Facebook in der Gruppe „Für den Erhalt des ASP“ gibt es dann noch einen Nachschlag zu dieser Debatte. Dort widerspricht Lutz Urbach scheinbar dem Bericht des Bürgerportals auf Twitter:

Auch Netzwerkarbeit ist präventive Arbeit und wird daher bezüglich der Freiwilligkeit nicht anders zu bewerten sein als die Offene Kinder- und Jugendarbeit! Ich bewerte den Beitrag des Bürgerportals an dieser Stelle als unzutreffend.“

Und auf die Bitte um Klärung schreibt der Bürgermeister:

Die Mittel für die Netzwerkarbeit sind nach unserer Überzeugung nicht im Korridor der freiwilligen Leistungen darzustellen. Es bleibt die Frage, zu welchen Ergebnissen die Haushaltsberatungen führen werden.“

Im Klartext heißt das wohl: Wenn sich der Stadtrat bereit findet, die Netzwerkarbeit ab 2015 zu finanzieren, dann kann das nach Einschätzung Urbachs nur im Bereich der Pflichtaufgaben geschehen. Wenn der Landrat das nicht akzeptiert, dann werde auch diese Lösung nicht funktionieren. Eine Interpretation, die der Bürgermeister (zunächst) nicht zurückwies.

Mehr Disziplin, mehr Streetworker, mehr Geld?

Der Rest der Veranstaltung des AK OKJA, die von Doro Dietsch moderiert wurde, verlief ziemlich harmonisch. Vertreter der Arbeitsagentur gaben zu bedenken, dass potenzielle Arbeitgeber (zum Beispiel Handwerker) eine gewisse Disziplin der Jugendlichen zu schätzen wissen.

Forderungen an die Jugendzentren, Jugendlichen abzuholen, die an der Straßenecke abhängen und nicht von selbst kommen, stießen auf ein skeptisches Echo. Für echte Streetworker reichten die Kapazitäten nicht – aber mit Graffiti-Workshops oder den Bauwagenprojekte gingen die Jugendzentren schon weit nach draußen.

Mit einem eigens produzierten Film (wird nachgereicht) wollten der AK OKJA noch einmal deutlich machen, wie wichtig die Arbeit seiner Einrichtungen ist. Der Streifen der jugendlichen Filmemacher ist sehr gut gelungen, hatte in dieser Runde aber nur Unterhaltungswert: wie wichtig die Jugendzentren sind, waren allen hier Versammelten vollkommen bewusst.

In guten Händen – und auf dem Weg zu mehr Selbstbewusstsein

Aber vielleicht nicht in der ganzen Bevölkerung. Doro Dietsch fragte: „Angesichts der eher geringen Ausgaben entfaltet die offene Jugendarbeit eine erstaunliche Wirkung. Kann es sein, dass die Arbeit mit Pubertierenden zum Beispiel gegenüber den Angeboten von Kleinkindern unterschätzt wird?”

Eine Mutter brachte es spontan auf den Punkt:

Mir ist es unheimlich wichtig zu wissen, wo mein Sohn hingeht, gerade in der Pubertät. Er trainiert im FreSch Breakdance – und da weiß ich ihn in guten Händen. Und nicht nur das: dort hat er ein tierisches Selbstbewusstsein gewonnen.“

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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