Die aktuelle Ausstellung von Klaus Hansen „Kunst im Straßenraum“ hat den bergischen Denker, Dichter und Autor Reiner Thor zu einer einer dreistündigen hinter- und tiefsinnigen Rede auf der Jahresversammlung der Arbeitsgruppe „Guter Geschmack“ animiert. Wir veröffentlichen im folgenden Auszüge dieser bemerkenswerten Rede.


Hier wird Kunst demokratisch, niedrigschwellig, für jeden zugänglich

„ … Unbemerkt von großen Teilen der Öffentlichkeit in Bergisch Gladbach und weit darüber hinaus ist hier über Jahrzehnte Kunst im öffentlichen Raum der Stadt etabliert worden. Gefördert, wenn nicht sogar initiiert, unaufgeregt und stillschweigend, von einer Verwaltung, die viele bisher nicht für feinsinnig hielten. Lassen Sie es mich so sagen: Niemand hatte ihr eine solche Kunstaktion zugetraut. Doch dieser Verwaltung ist, wenn auch nicht alles, so doch vieles zuzutrauen …

… „Kunst im Straßenraum“. Nicht zu verwechseln mit „Street Art“. Denn „Street Art“ ist auch eine Kunst der Gegenwart, aber doch anders gemeint. Künstlerinnen und Künstler der Jetztzeit wie Banksy haben sich große Verdienste erworben, aber die Werke in Bergisch Gladbach haben einen anderen Stellenwert, sind nachhaltig, ja, nachhallend, anregend und vielleicht sogar subtiler in ihrer ironisch-distanzierten Wirkung. Francis Piccabia hat schon in den frühen Jahren des vorigen Jahrhunderts gesagt: „Etwas, das noch kein Mensch gesehen hat, ist bis zu dem Augenblick unverständlich, in dem unsere Suggestion ihm einen idealen Sinn verleiht.“ Und das geschieht hier.

Was hier mit Fotos dokumentiert worden ist, kann sich sehen lassen. Auch wenn es immer wieder übersehen wird – denn es sind ja häufig gerade die kleinen Dinge, die gern übersehen werden. Und es sind die Dinge, die wir täglich vor Augen haben. Ein Dank an den Fotografen.

Hinweis der Redaktion: Am 18. Juni lädt Fotograf Klaus Hansen interessierte Bürger zu einem kunstsinnigen Spaziergang zur „Kunst im Straßenraum”. Sie können sich bei Facebook anmelden, oder per Mail: info@in-gl.de

Ich bin geneigt, meinen großen Weimarer Kollegen zu zitieren, der in seinem Vers „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“ (1827) schrieb: „… Sieht man vom Markt in die Kirche hinein, ist alles dunkel und düster; und so sieht’s auch der Herr Philister …”, um dann nach der Aufforderung, in die Kapelle einzutreten, fortzufahren: „… Bedeutend wirkt ein edler Schein; Dies wird euch Kindern Gottes taugen; Erbaut euch und ergetzt die Augen!“ Genauso ist es. Wer bereit ist, sich auf das kleine Kunstabenteuer im Straßenraum einzulassen und mit wachem Blick flaniert, wird immer wieder überrascht werden ….

… Wir haben das Glück, Gegenwartskunst um uns herum erleben zu dürfen. Täglich 24 Stunden, mit wechselndem Licht in völlig unterschiedlichen Wettersituationen, zu den verschiedenen Jahreszeiten. Und eben nicht im Museum. Dazu noch kostenlos …

Man wirft der Kunst häufig vor, sie sei elitär, eben Hochkultur. Nein, hier wird Kunst demokratisch, niedrigschwellig, für jeden zugänglich. Und jede und jeder kann sich einen Reim darauf machen. Zum Beispiel: „Liegt die Kunst dir hier zu Füßen, kannst du dieses nur begrüßen.“ (Oder sollte man nicht besser sagen: „… kannst du dieses still genießen?“) Sei’s drum.

Gegenwartskunst, auch wenn sie sich zum Teil an frühere Werke anlehnt bzw. sie zitiert, wie die Arbeit „Hommage an Ernst Wilhelm Nay“, ist nicht nur eine schwere Arbeit für den Künstler, sondern auch für die Rezipienten. Deswegen sind Tafeln, ähnlich den schönen Stelen mit Gedichten am Strunder Lyrikpfad, geplant. Gesucht werden für das Kunstprojekt jetzt Sponsoren.

Die meisten der in dieser Ausstellung gezeigten Werke brauchen keine Erklärung – schon gar nicht von mir. Allerdings haben mich einige Kunstwerke so berührt, dass ich näher auf sie eingehen möchte.

Für jeden etwas*: Um einen klassischen Gullydeckel herum hat der oder die Künstlerin die unterschiedlichsten Materialien spannungsreich arrangiert: Pastös aufgetragene verschiedene Asphaltsorten Gladbacher Provenience, hartgebrannte rote Ziegel, sechseckige – an eine Bienenwabe erinnernde Sammlung (eine zarte Anspielung an den „fleißigsten“ Bach der westlichen Hemisphäre?) dauerhafter Overather Betonsteine, dazu die niedrige Schwelle eines „Bürger“steiges.

Im Vordergrund verweist ein kleines Loch auf die Vergänglichkeit alles Irdischen, im Hintergrund ruht eine hellgraue, mit einen Stahlrahmen eingefasste Betonplatte.

Kreuzweise: Das strenge Stakkato der klar strukturierten, rechteckigen roten Ziegel, gebrannt aus Paffrather Ton, eingelegt wie eine Intarsie in bunten, schwingenden quadratischen Granit aus italien, wird unterbrochen durch eine gegeneinander versetzte, den 90° bzw. 180° Winkel immer wieder verlassende, rhythmisierende Schrägstellung.

Und dann dazu eine die strengen Materialien konterkarierende 4-Steine-Füllung mit bewährtem Gladbacher Asphalt. Großartig. Und das hinter dem Bergischen Löwen.

Semper paratus: Ein- und Ausfahrt Tag und Nacht freihalten – es wird nicht nur unbändiger Freiheitswille dokumentiert („Freie Fahrt für freie Bürger“), hier wird gleichzeitig auch deutlich, unter welchem Druck bedeutende Persönlichkeiten stehen: Immer auf dem Sprung, allzeit bereit, wie diese gute, alte Pfadfinderregel uns sagt.

Wer wollte nicht gern alles freihalten? Oder wie der Kabarettist Rogner es in Abwandlung der Aussage ausdrückte: „Freifahrt aushalten!“ Wir haben verstanden.

Die Wüste lebt: Der Driescher Kreisel (vorgestellt in einem anderen Foto als „Leicht beschrankt“) gibt Bergisch Gladbach einen besonderen Flair: Bepflanzt mit Hartgras einer Vulkaninsel dokumentiert dieses mit sorgfältig geplantem Abstand eingesetzte Grün des Kreisels und der umliegenden Brachflächen die Nähe der Wüste zu unseren Konsumtempeln.

Eine immerwährende Mahnung an uns, Armut und Dritte Welt nicht aus den Augenwinkeln zu verlieren.

Etwas später in dieser Serie kommt mein Lieblingsfoto:

Happening: 50 Jahre ist es her, dass in Wuppertal das letzte große Happening mit Joseph Beuys stattfand. Großartig nun diese Erinnerung. Die Einbeziehung eines breiten Publikums beim Werk „Happening“ scheint gelungen: Es entstand ein temporäres Werk mit wechselnden Zuständen und damit wechselnder Sicht in der Straße der gestalteten Ödnis. Eine Dauerleihgabe an die Bevölkerung und von dieser mit tiefem Verständnis gut angenommen.

… Damit soll es aber für jetzt genug sein. Ich wünsche der Gruppe „Guter Geschmack“ weiterhin gutes Gelingen. Dabei möchte ich die Gelegenheit nutzen, hier und heute allen zum Wohle dieses Kleinods an der Strunde wirkenden Menschen ein engagiertes „Weiter so!“ zurufen. Getreu dem Motto: „Da kann man nicht meckern!“

*Mit diesem Plakatmotiv wird sich die Kreisstadt am Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ um den Zuschlag bewerben. Die Chancen stehen nicht schlecht.

PDFDrucken

Reiner Thor

ist ein freier bergischer Autor. Er widmet sich den kleinen und großen Themen, die vielen Menschen unter den Nägeln brennen: Pro bonum, contra malum. Parallel arbeitet er an einem großen Sittenroman seiner Heimatgemeinde. Hinter dem Pseudonym steckt (natürlich) Klaus Hansen.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.