Der Blick über Beit Jala

Der Blick über Beit Jala

Eine Reisegruppe bestehend aus 25 Personen ist derzeit in der palästinensischen Partnerstadt Beit Jala im Westjordanland unterwegs. Organisiert und durchgeführt wird die Reise vom Verein für die Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach – Beit Jala e.V. um Axel und Sabine Becker. Reiseleiterin Petra Schöning führt die Gruppe zehn Tage durch palästinensisches und israelisches Gebiet. Eine Dokumentation der Reise findet im Bürgerportal statt – sie kann also  fast live mitverfolgt werden.

Der Tag begann für unsere Gruppe mit einer Hausführung in unserer Bleibe: Abrahams Herberge. Eine christliche Pension mit 28 Betten, mitten im Herzen der Stadt auf einer Anhöhe. Generell gibt es viele Hügel und Berge, da die Stadt auf einer Anhöhe von etwa 800 Metern NN in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bethlehem liegt.

Man könnte sagen, Beit Jala ist das Wuppertal Palästinas. Nur schöner. Steigt man auf das Dach, so hat man einen wunderbaren Blick über das Stadtgebiet bis nach Bethlehem; auch die israelische Trennungsmauer und die völkerrechtswidrige Siedlung Gilo auf palästinensischem Gebiet fallen einem sofort ins Auge.

Die Abrahams-Herberge in Beit Jala

Der Geschäftsführer des Hotels, Na’im Mu’allim, hat es sich nicht nehmen lassen, die Führung höchstpersönlich durchzuführen. Er hat in New York Betriebswirtschaft studiert und leitet seit 2013 als neuer Hausherr das christliche Gästehaus. Mu’allim beantwortet viele Fragen der Reiseteilnehmer, viele sind zum ersten Mal mit auf Reise.

Er berichtet von Plänen, eine große Solaranlage zu bauen, um unabhängig von der Stromversorgung durch Israel zu werden: Jährliche Stromkosten um die 50.000 Euro können somit in Projekte investiert werden.

Während die Blicke über die Hausdächer schweifen, erläutert Mu’allim die Wasserrationierung für die palästinensischen Gebiete. „Der Wassermangel und die Knappheit von Ressourcen ist ein Problem, das uns dauerhaft beschäftigt“, erklärt er.

Es schließen sich Fragen nach den militärischen und zivilen Zuständigkeitsbereichen A, B und C im Westjordanland an. In Gebieten und Städten der Kategorie A übt die Palästinensische Autonomiebehörde die vollständige Verwaltung aus, Israelis ist der Zutritt seitens israelischer Gesetze sogar untersagt.

Eine gemeinschaftlich geteilte Verwaltung zwischen israelischen und palästinensischen Behörden findet in B-Gebieten statt, wohingegen in Gebieten der Kategorie C die volle militärische und zivile Verwaltung durch Israel ausgeübt wird.

Beit Jala ist in den vergangenen Jahren sehr geschrumpft

Interims-Bürgermeister William Sha’er mit seiner Assistentin Suzan Qatar Zaidan

Im Anschluss haben wir einen Termin bei Interims-Bürgermeister William Sha’er – er ist solange als regierender Bürgermeister eingesetzt, bis die Wahlen zum Stadtrat stattfinden können; diese wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Bei Sha’er erhält die Gruppe einen Überblick über die politischen und sozialen Verhältnisse in der Region.

Als eines der größten Probleme erachtet er die Verknappung und die damit einhergehende Verteuerung der Wohnungsflächen und des stadteigenen Landes: „Früher hatte Beit Jala eine Stadtfläche von knapp 14 Quadratkilometern, heute sind es noch 4 — wir sind in unserer stadtplanerischen Entwicklung massiv eingeschränkt und können uns kaum entfalten.

17.000 Menschen leben in einem Gebiet, das kaum mehr ausbaufähig ist“, erläutert Sha’er mit Blick auf die Fragen der Teilnehmer. Nehme man das Einkommen eines jungen palästinensischen Arbeiters, so könne dieser „noch 100 Jahre für eine Wohnung hier sparen, und selbst dann wird er sich keine leisten können.“

Das durchschnittliche Bruttoeinkommen beträgt in Palästina etwa ein Viertel des israelischen Einkommens; laut des israelischen Statistikbüros verdient ein Israeli im Durchschnitt etwa 1.800 bis 2.700 Euro im Monat. Viele, gerade junge, Menschen verlassen Stadt und Region Richtung Europa und auch Südamerika mit Blick auf bessere Zukunftsperspektiven. Nur wenige kehren in ihre Heimat zurück. Ein ebenfalls großes Problem für die Stadt.

So geht es weiter: In den kommenden Tagen steht ein eng getaktetes Programm auf dem Plan u.a. mit Besuchen in Bethlehem, Hebron, Jerusalem, Nablus, der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und Beit Jalas Nachbargemeinde al-Ubaidiyya, in der seit Jahren das pädagogische Betreuungsprojekt „Abrahams Zelt“ gastiert.

Weitere Informationen zur aktuellen Situation von Beit Jala

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