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In der vergangenen Sitzung des Planungsausschusses haben wir ein „Integriertes Handlungskonzept Bensberg” verabschiedet, das die Grundlage für einen millionenschweren Förderantrag an die Landesregierung bildet. Die Neugestaltung der Schlossstraße nimmt darin einen breiten Raum ein. Dabei fiel mir auf, dass in den Vorlagen der Verwaltung überall die alte Schreibweise „Schloßstraße” verwendet wurde.

Auf meine diesbezügliche Frage erhielt ich die Antwort, dass die „Schloßstraße” ein Eigenname sei und deswegen weiterhin die alte Schreibweise gelte.

Da uns die Neugestaltung der Schlossstraße in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen wird, habe ich es für nötig gehalten, dieser Frage einmal nachzugehen. Im Internet habe ich tatsächlich beide Meinungen gefunden, z.B. ist Wirtschaftswissen.de der Meinung, dass „neue Straßen auch nach der neuen Rechtschreibung geschrieben werden („Schlossstraße”). Wenn dieser Name allerdings schon vor der Rechtschreibreform entstanden ist, wird er wie ein Eigenname „Schloßstraße” geschrieben.”

„Sprachpingel” vertritt die Auffassung: „Wir haben es mit einem kurz ausgesprochenen o zu tun, deshalb schreibt man „Schloss” mit ss – und demzufolge „Schlossstraße« mit drei s.”

Das Urteil der Duden-Redaktion

Dieser Meinung bin ich auch.  Dass die Entstehungszeit des Straßennamens für seine Rechtschreibung zuständig sein soll, überzeugt mich nicht. Wichtig ist für mich, dass die Duden-Redaktion in „Richtiges und gutes Deutsch”, Band 9, schreibt: „Die Schreibung auf den Straßenschildern weicht oft von den Regeln ab, doch unabhängig von der Schreibweise auf Schildern sollen Straßennamen, beispielsweise innerhalb von Adressen, nach den gültigen orthografischen Regeln geschrieben werden.”

Ich interpretiere das so, dass die Faßbenderstraße oder die Litfaßstraße selbstverständlich weiterhin mit „ß” geschrieben wird, da sie nach Personen benannt wurden, aber die Marktstraße, die Schlossstraße und die Bahnhofstraße nach den jeweiligen orthografischen Regeln.

Zum Thema „Historische Schreibweisen“ schreibt die Duden-Redaktion „Auf altüberlieferte Straßennamen lassen sich die vorstehenden Regeln nicht ohne weiteres anwenden; manchmal liegen auch alte Flurnamen zugrunde, die nach den heutigen Regeln nicht mehr zu analysieren sind“. Auf die „Schlossstraße“ trifft diese Aussage meines Erachtens nicht zu.

Die Meinung des Orthografietrainers

Dr. phil. habil. Hans G. Müller ist Lehrer für Deutsch und Geschichte, Dozent an der Universität Potsdam und Herausgeber der Internet-Plattform „Orthografietrainer.net“. Da ich früher schon gelegentlich mit ihm über die eine oder andere Frage korrespondiert habe, bat ich ihn um eine Stellungnahme. Er schreibt:

Lieber Herr Kühl,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre Mail. Ich freue mich über Ihre anspruchsvollen Nachfragen ebenso wie über Ihr Interesse an meiner Meinung.

In der Tat haben Sie bereits wesentliche Aspekte zusammengetragen und es bleibt mir kaum mehr etwas zu ergänzen: Das „Schloss” allein, von dem die Straße ihren Namen ableitet, trägt nicht Eigennamencharakter genug, um eine Abweichung von der gültigen amtlichen Norm zu rechtfertigen. Wenn überhaupt, so könnte nur die Tradition der Straße selbst die Beibehaltung der alten Schreibung rechtfertigen: Christian Stetter, einer der theoretischen Väter der Rechtschreibreform, definiert die Entstehung von Eigennamen als einen Akt der „ursprünglichen Taufe”, mit der ein individuelles Element der Welt seinen Namen erhält. Ein solcher geistiger Taufakt liegt sicherlich auch der “Schloß/ssstraße” zugrunde, die seither selbst Eigennamencharakter besitzt. Damit ließe sich die Abweichung von der Norm sozusagen historisch rechtfertigen. Analoge Beibehaltungen bei Eigennamen sind belegt, allerdings mindestens ebenso oft – wahrscheinlich sogar häufiger – orthografische Angleichungen: Wer würde heute noch „Brandenburger Thor” schreiben?

Das Problem liegt letztlich in einem sprachlichen Dilemma zwischen Wandel und Kontinuität, das sich kaum argumentativ, sondern höchstens statistisch auflösen ließe. Es gab um die Mitte des letzten Jahrhunderts die Tendenz, Eigennamen orthografisch zu “normalisieren” (man liest in Büchern dieser Zeit bisweilen von “J. W. Göthe” etc.), aber zu einer umfassenden Akzeptanz in der Gesellschaft hat das nicht geführt.

Beim speziellen Fall „Schlossstraße” sehe ich noch das Gegenargument der grafischen Gestalt auf Sie zukommen, das oft gegen die dreifache Reihung gleicher Konsonanten angeführt wird und das sich durch das „ß” freilich leicht vermeiden ließe.

Alles in allem bin ich Ihrer Auffassung, da diese mit den bereits von Ihnen angeführten Aussagen des IdS übereinstimmen, darüber hinaus auch weil ich die Leistungsfähigkeit der Sprache in ihrer Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten sehe, schließlich natürlich auch, weil ich als Didaktiker an einem möglichst stringenten System ohne viele Sonderregeln interessiert bin. Gleichwohl muss ich eingestehen, dass ich meine eigene (und Ihre) Auffassung nicht als zwingend einstufen kann.

Ich hoffe, ich konnte Ihrer Argumentation dennoch etwas weiterhelfen.

Herzliche Grüße nach Bergisch Gladbach, Hans G. Müller

Daraus ziehe ich folgenden Schluss: Wer weiterhin „Schloßstraße‘‘ schreiben möchte, z.B. weil ihm das Nebeneinander von drei s merkwürdig vorkommt, kann das guten Gewissens tun. Ich würde auch vorhandene Straßenschilder nicht auswechseln oder noch vorhandene Drucksachen wegwerfen.

Meine Empfehlung lautet jedoch, bei neuen Schildern, neuen Veröffentlichungen oder neu zu druckenden Briefbögen die aktuelle Schreibweise „Schlossstraße“ anzuwenden.

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Manfred Kühl

Mitglied des Rates Sprecher der CDU-Fraktion im Planungsausschuss

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