Mit dem Beitrag zum Wettbewerb um die „digitale Stadt” rechnet sich Bergisch Gladbach wenigstens einen Platz in der Endrunde aus. Dafür hat die Stadt ein Konzept eingereicht, dass den Bürgern einen konkreten Nutzen in Form von Zeitersparnis bringen soll.

Den 193 Seiten starken Beitrag hat der städtische IT-Chef Michael Möller am 15. März abgeschickt, aber so lange die Jury noch nicht entschieden hat will er sich noch nicht in die Karten schauen lassen. Bei einem Pressegespräch mit allen Beteiligten präsentiert er immerhin Titel, Konzept und ein paar Details.

Hinter der Überschrift „Digitale Stadt – für mehr Lebensqualität” steht die Idee, dass eine Digitalisierung vieler Lebensbereich, die den Bürgern auf einer einheilichen Plattform zur Verfügung steht, Zeit spart – und damit mehr Lebensqualität bietet. 

Etwas konkreter wird das an einigen fiktiven Personen, die Teil der Bewerbung sind und deren Tagesablauf in Form einer „Citizens Journey” nachverfolgt wird.  

Da ist zum Beispiel  Britta Hahn. Sie  informiert sich morgens in der „Bergisch Gladbach App” über die aktuelle Verkehrslage und lässt sich  das Verkehrsmittel und die Strecke empfehlen, die am schnellsten zur Arbeit führt. Zehn Minuten gespart, zehn Minuten mehr Lebensqualität.

Den ganzen Tag sehen Sie hier, die ganze Präsentation dokumentieren wir unten.

Der Wettbewerb wurde vom IT-Branchenverband Bitkom und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund ausgeschrieben, es winken Sachleistungen von 19 Unternehmenssponsoren in zweistelliger, womöglich sogar dreistelliger Höhe – für den Ausbau einer Kommune zur „digitalen Musterstadt”.

Alle Details zum Wettbewerb finden Sie hier:

Auf dem Weg zur digitalen Stadt GL – so oder so

In einem zehnwöchigen Sprint hatten Möller und sein kleines Team eine 193 seitige Bewerbung zusammen gestellt. Dabei stützte er sich auf die Mitarbeit der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW), der IT-Firma Oevermann Networks und der PR-Agentur Alpha & Omega.

Sie befragten Bürger, versammelten mögliche Akteure an einem runden Tisch, organisierten Gesprächrunden in der FHDW sowie bei Oevermann und riefen öffentlich zur Einreichung von Vorschlägen auf. 

Michael Möller (im hellen Jacket) mit den Vertretern der FHDW, von Oevermann Networks und Alpha & Omega

Rund 600 Vorschläge wurden eingesammelt, die das Team auf 30 „Leuchtturmprojekte” verdichtete. Zudem kamen 83 Unterstützerschreiben am Ende doch noch zusammen, von Unternehmen, Organisationen, Vereinen und Initiativen, die sich unverbindlich hinter die Bewerbung stellten. Darunter  auch die Stadt Köln und die regionale Initiative „Digital Cologne”.

Was genau diese Projekte nun sind, wird vorerst nicht verraten. Nur Beispiele nennt das Team:

  • Im Bereich Verkehr ein Echtzeit-Verkehrsleitsystem, eine Smartparking-App und eine digital vernetzte E-Ladestation.
  • Die Bürgerbüros sollen zu „Bürgeroasen” aufgerüstet werden, in denen sich Interessierte über die Möglichkeiten der digitalen Welt informieren und schulen lassen können. 
  • Für die Schlade mit ihren fossilen Schätzen entwickelten Studenten der FHDW ein Museum-4.0-Konzept, bei dem Inhalte auf eine Datenbrille zur Verfügung gestellt werden. 
  • Ebenfalls in der FHDW entstand die Idee, die meistens kaum bekannten Standorte der Defibrillatoren leicht auffindbar zu machen und die lebensrettenden Geräte über eine zentrale App warten zu lassen.

Alle 30 Leuchttürme sollen in einer einzigen, modular aufgebauten Stadtapp integriert werden, alle Informationen also über einen einzigen Zugang auf dem Smartphone (0der andere Geräte) zugänglich sein. 

Damit die Bürger das überall und immer nutzen können ist ein sogenanntes Giganetz, eine LTE-Mobilverbindung bis in den letzten Winkel und ein stadtweites Wlan die Basis des Konzeptes. 

Insgesamt haben sich 14 Städte an dem Wettbewerb beteiligt, darunter auch einige digitale Schwergewichte wie Heidelberg, Jena oder Paderborn.

Dennoch ist Möller zuversichtlich, dass die Stadt wenigstens unter die letzten drei kommt. Dann darf Lutz Urbach zum sogenannten „Bürgermeister-Pitch” nach Berlin reisen und das Konzept persönlich vorstellen. 

Das machen die anderen:
Jena dokumentiert die Bewerbung auf einer eigenen Website
Kaiserslautern präsentiert sein Konzept so
Paderborn setzt auf die Nähe zu Nixdorf
Wolfsburg hat sich mit Volkswagen zusammen getan 
Heidelberg mobilisierte mehr als 400 Bürger

Am 17.6. wird der Gewinner präsentiert, dann startet sofort die Umsetzung, das Projekt selbst läuft in den Jahren 2017 und 2018.

Die Sponsoren finanzieren die gesamten Investitionen und den Betrieb für diese beiden Jahre. Ob und in welcher Höhe damit Personalkosten für die Stadt verbunden sind ist noch nicht klar.

„Wir behalten die Fäden in der Hand”

Die Stadt bezahlt auf jeden Fall das Projektmanagement. Das besteht aus einem von der Stadt besetzten Lenkungsausschuss sowie einem permanenten Projektbüro, das von einem städtischen Angestellten und einem externen Experten geleitet wird. Für jedes der Einzelprojekte gibt es Teams, in denen auch die Vertreter der Sponsorunternehmen mitarbeiten.

„Wir halten auf jeden Fall die Fäden in der Hand und bestimmen, was gemacht wird”, betont Möller. Der Stadt sei es wichtig, dass eben die Projekte realisiert werden, die den Bürgern etwas bringen. Und nicht nur den Sponsoren, die hier Produkte entwickeln und testen, die sie später vermarkten können. 

Lesen Sie mehr, reden Sie mit
Alle Beiträge zum Thema
Die Wettbewerbsunterlagen
Die Debatte in der Facebookgruppe „Politik in GL”

Nach den zwei Jahren müsse man dann sehen, welche Projekte sich bewährt haben, und welche nicht. Denn ab 2020 muss die Stadt selbst die Kosten tragen bzw. refinanzieren. Und dann spielt es eine große Rolle, ob die digitalen Ansätze tatsächlich Effizienzgewinne bringen, die sich rechnen.

Plan B: Ein Masterplan für die Digitalisierung auf eigene Faust

Was aber passiert, wenn Bergisch Gladbach nicht „die digitale Modellstadt” wird? Diese Möglichkeit hat das Team von Anfang an einkalkuliert und immer im Blick gehabt, wenigstens einen Teil der Projekte auch auf eigene Faust umsetzen zu können.

„Das dauert dann zwar etwas länger, aber wir haben uns jetzt mit der Bewerbung einen digitalen Masterplan für die ganze Stadt erarbeitet. Und die ziehen wir durch”, kündigt der IT-Chef an. 

Dem schließt sich Bürgermeister Urbach an: „Wir werden so oder so profitieren, auch wenn wir am Ende vielleicht nicht gewinnen.”

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.