Investitionen in einer ordentlichen zweistelligen Höhe, womöglich gar dreistellig, verspricht der Wettbewerb „Digitale Stadt”, für den sich Bergisch Gladbach gute Chancen ausrechnet. Unter Volldampf erarbeitet Michael Möller, IT-Chef und kommissarischer Leiter des Fachbereichs Allgemeine Verwaltung der Stadt, seit Weihnachten eine Bewerbung, die am 15. März beim IT-Verband Bitkom und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund abgeliefert werden muss. „Wir sind schon fast fertig”, sagt Möller zuversichtlich.

Ein Gewinn wäre eine große Chance, und schon aus sportlichem Ehrgeiz gibt Möller mit seinem kleinen Team alles. Die digitale Infrastruktur der Stadt würde immens aufgewertet: Ein sogenanntes Giganetz, eine Breitbandversorgung bis ins letzte Haus und eine LTE-Funkabdeckung bis in den letzten Winkel gehört zum Angebot der Sponsoren. Hinzu kämen Hilfen bei der Digitalisierung von Verwaltung, Handel oder Gesundheitsvorsorge.

Ein Wettbewerb mit Kosten, Risiken und Nebenwirkungen

Im Gegenzug muss der Gewinner einige Bedingungen akzeptieren. Punkt eins, das betont Möller immer wieder, um falsche Erwartungen zu dämpfen: es fließt kein Geld, mit dem die Stadt an lokale Unternehmen Aufträge vergeben könnte.

Es sind ausschließlich Sachleistungen, die die 19 Sponsoren (von der Telekom bis Samsung, siehe unten) des Wettbewerbs beisteuern und eben auch selbst ausliefern. Die haben ein klares Interesse: Bergisch Gladbach oder Jena oder Gütersloh soll als Modellstadt fungieren, als digitale Musterhaussiedlung für zukünftige Aufträge. 

Punkt zwei, und der wirkt noch nachhaltiger: Das Projekt „Digitale Stadt” läuft über zwei Jahre, und ist nur für diese zwei Jahre finanziert. Danach hat Bergisch Gladbach womöglich ein hochmodernes digitales Dokumentenverwaltungssystem – muss dafür aber ab dem dritten Jahr Wartungsgebühren zahlen.

Rund 20 Prozent der Investitionen sind bei IT-Projekten als jährliche Betriebskosten zu erwarten; bei einem „Geschenk” von zum Beispiel 40 Millionen Euro müsste Bergisch Gladbach jedes Jahr acht Millionen Euro finanzieren. Ein Teil davon könnte durch einen Effizienzgewinn ausgeglichen werden; aber eben nur ein Teil.

„Die Folgekosten dürfen wir daher nicht aus dem Blick verlieren”, warnt Möller. Auch sind die ersten beiden Jahren für die Stadt nicht kostenlos: das Projektmanagement müsste sie selbst bezahlen.

Unterstützerschreiben werden nach wie vor angenommen

Dennoch setzt Möller im Moment alles daran, eine optimale Bewerbung einzureichen. Die besteht neben einer Bestandsaufnahme aus drei Teilen: einer weit gespannten Vision für ein dennoch realistisches Gesamtkonzept, einem Vorschlag für das Projektmanagement und einer Sammlung von Unterstützerschreiben

Gerade beim dritten Punkt, der von der Jury genauso stark wie die beiden anderen gewertet wird, „besteht noch Luft nach oben”, drückt sich Möller vorsichtig aus. Unternehmen, Vereine, Fraktionen und Parteien können ein entsprechendes Formular ausfüllen und darlegen, warum ausgerechnet Bergisch Gladbach der beste Kandidat für die digitale Modellstadt ist. Bislang, das klingt deutlich durch, ist die Zahl der Unterstützerschreiben noch nicht überwältigend. 

Hinweis der Redaktion: hier können Sie das Formular herunter laden. Die Stadt nimmt sie unter der Adresse digitalestadt@stadt-gl.de weiterhin an.

Zu den Inhalten der Bewerbung äußert sich Möller nur vage – weil er weiß, dass sich die Bewerberstädte genau beobachten. Mitmachen dürfen nur Städten in der Einwohnerklasse 100.000 bis 150.000, wobei Bitkom eine Abweichung nach oben und unten von zehn Prozent erlaubt – womit sich gut 40 Städte bewerben können. Nicht alle Bewerber sind bekannt, aber u.a. sind Paderborn, Konstanz, Gütersloh, Jena, Heidelberg, Cottbus und Wolfsburg dabei.

Keine aalglatte, sondern eine ehrliche Bewerbung

Die Stadtverwaltung hatte nach dem ersten Aufruf sehr viele Vorschläge und Anregungen aus der Stadt erhalten; nach einer Bürgerbefragung und verwaltungsinternen Besprechungen wurden bei einem Runden Tisch  weitere Ideen gesammelt und strukturiert.

Seither arbeitet Möller mit einer Mitarbeiterin sowie mit Unterstützung der Fachhochschule der deutschen Wirtschaft (FHDW) sowie der Internetagentur Oevermann Networks an der Bewerbung. „Je mehr Leute wir einbeziehen, desto schwieriger wird die Abstimmung in dieser kurzen Zeit”, erläutert der IT-Mann  seine Strategie. Auf die Hilfe einer Beratungsfirma hat Bergisch Gladbach dabei – im Gegensatz zu einigen Konkurrenten – bewusst verzichtet. 

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Das Ergebnis werde „keine aalglatte, sondern eine ehrliche Bewerbung”, sagt Möller. Für alle fünf Segmente (Mobilität, Energie, Gesundheit, Bildung, Verwaltung) wurden zwei bis drei Leuchtturmprojekte skizziert. Darüber soll so etwas wie ein „Bürgerportal” gelegt werden – eine Plattform, die alle digitalen Bereiche zugänglich macht.

Digitale Veränderung erfassen und steuern

Die Klammer für alle Projekte, so Möller, sei es, die ohnehin anstehenden digitalen Transformationsprozesse in allen Bereichen der Stadtgesellschaft zu erfassen und zu steuern; Schulen, Betrieben und Verwaltungseinheiten sollen dabei Hilfen angeboten werden.  Am Ende soll dabei eine Effizienzsteigerung herauskommen, die jeder Bürger in Form von Zeitgewinn spüren kann – egal, ob bei der Beantragung eines Ausweises oder beim Versuch, von Schildgen nach Bensberg zu kommen. 

Gegenüber den Wettbewerbern habe Bergisch Gladbach den Vorteil, aus vielen relativ eigenständigen Stadtteilen zu bestehen. Damit könnten hier Konzepte erprobt werden, die sowohl für Großstädte als auch für Mittelzentren einsetzbar sind – was für die Sponsoren wie für den Mitveranstalter Städte- und Gemeindebund attraktiv sein könnte.

„Wir werden nicht für die Schublade arbeiten”

Mit dem Wettbewerbsbeitrag erhalte Bergisch Gladbach auf jeden Fall eine „Roadmap”, einen Masterplan, für die Digitalisierung der gesamten Stadt. Und zwar ganz unabhängig davon, ob Möller und sein Team den Bitkom-Wettbewerb gewinnen oder nicht.  „Wir werden auf jeden Fall nicht für die Schublade arbeiten, sondern die IT-Roadmap für die Stadt fortschreiben”, beschreibt der IT-Chef seine eigene Motivation. 

Genau das ist sein Plan B: die Digitalisierung auf eigene Faust. Dann fehlen zwar die Millionen für die Infrastrukturausstattung, aber die Stadt hätte den Prozess selbst in der Hand. Sie könnte selbst definieren, welche Projekte ihr wichtig sind, welche Anforderungen sie erfüllen sollen. Die würden dann EU-weit ausgeschrieben, womit der Anbieterkreis sehr viel größer als der Sponsorenkreis des Wettbewerbs wäre. Und die Stadt könnte die Projekte über eine lange Laufzeit kalkulieren, nicht nur über zwei Jahre. 

Das machen die anderen:
Jena dokumentiert die Bewerbung auf einer eigenen Website
Kaiserslautern präsentiert sein Konzept so
Paderborn setzt auf die Nähe zu Nixdorf
Wolfsburg hat sich mit Volkswagen zusammen getan 
Heidelberg mobilisierte mehr als 400 Bürger

Jetzt aber ist die Stadt auf den Plan A fokussiert: Alles tun, um den Wettbewerb zu gewinnen. Bis zum 15. März muss die Bewerbung abgegeben werden; danach soll es nach dem Terminplan der Veranstalter sehr schnell weiter gehen. Die Jury, die von den Sponsorenfirmen besetzt wird, bewertet die Anträge nach einem Punktesystem; am 31. März wollen Möller und Bürgermeister Lutz Urbach nach Berlin fahren, um als einer der drei Finalisten ihr Konzept vorzustellen. Schon am 13. Juni soll der Gewinner vorgestellt werden, am 1. Juli das Projekt beginnen.

G. Watzlawek

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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