So sah die Kirmes zu Anfang des 20. Jahrhunderts aus. Sie ist aber viel älter. Foto: Stadt BGL

Seit mindestens 1842 wird in Gladbach Kirmes gefeiert; daher gibt es in diesem Jahr eine Laurentiuskirmes der Superlative: Mit einem Extratag, mit einem modernen Riesenrad, historischen Fahrzeuge – und einem gesellschaftlichen Auftrag. 

17 Buden, ein Orgelspieler und ein Harfenmädchen kamen am 14. August 1842 zu den Kirchmesstagen vor St. Laurentius in Gladbach. Der Polizeidiener trieb die Standgebühren ein, schickte dem Kommunaleinnehmer Melchior Tutt in Bensberg zwei Taler und 27 Silbergroschen und hielt den Vorgang säuberlich auf einem Zettel fest. 

Diesen Zettel präsentiert jetzt Stadtarchivar Albert Eßer – und liefert damit den offiziellen Beleg, dass die Laurentius-Kirmes (mindestens) 175 Jahre alt ist. Dieses Jubiläum wird in diesem Jahr gefeiert – und zwar mit einer ganz besonderen Kirmes, kündigte Kirmesmacher Burkhardt Unrau jetzt an. Albert Esser hat vier Dokumente transkribiert:

Akte C 910, Gladbach, den 16ten August 1842
Euer Wohlgeboren übersenden wir anbei die Standgelder, welche von Unterzeichneten während den drei Kirchmestagen zu Gladbach am 14., 15., 16. August 1842 erhoben worden sind, und zwar auf die Fußlänge einer Bude pro Fuß mit 1 Silbergroschen, und folgt das namentliche Verzeichniß der Budeninhaber hierselbst bei:

1. Eduard Rohseher: Sg. 5.

2. Steffen Prenschug [?]: „ 8.

3. Mathias Strunden: „ 4.

4. Robert Blomhof: „ 7.

5. Wilhelm Rohseher: „ 10.

6. Wittwe Schneider: „ 6.

7. Gottfried Schiefer: „ 5.

8. Heinrich Keller: „ 10.

9. Johan Schäfer: „ 5.

10. Catharina Pejosberg [?]: „ 2.

11. Christian Schmidt: „ 2.

12. Wittwe Kippels: „ 2.

13. Anna Maria Klau: „ 6.

14. Franz Borsbach: „ 2.

15. Theodor Mettmann: „ 6.

16. Johann Mettmann: „ 3.

17. Godokus Bruckmann: „ 4.

Summa 2 Rth. 27 Sgr.

Von herumziehenden Orgelspieler und Harfenmädchen:

1. Herr Gottfriedt Heidelberg: 5 Sgr.

2. Jf. Josepha Prodlep [?]: 5 Sgr. 10 Sgr.

Diese 10 Sg. sind der Armenkasse zum Empfang überwiesen worden.

Ganzer Betrag: 3 Rth. 7 Sgr.

Solches bescheinigen die Gendarmen Hinzen und Friedrich Heinrich Schlimbach, Polizeydiener

Dem Herrn Communalempfänger Tutt Wohlgeboren werden obige Standgelder im Betrage von Zwey Thaler siebenundzwanzig Sgroschen hiermit zum Empfang gegen.

Ausstellung einer Quittung darüber übersandt

Gladbach, den 17. August 1842

Der Bürgermeister Kolter

Akte C 912, Blatt 16 – 1852
B. Gladbach, am 13. August 1852

Aushülfe der Gendarmerie zur Erhaltung der Ordnung bei der hiesigen Kirmeß betr.

Soeben zeigte mir die Wirthin Wwe. Peter Kierdorf von hier an, dass sie bei Gelegenheit der hiesigen Kirmeß am 15, 16 und 17 d. Mts. für ihre eigene Wirthschaft, gegen Vergütung und freie Beköstigung, einen Gendarm zu haben wünsche, um vor jeder Ordnungswidrigkeit um so sicherer geschützt zu sein.

Ich erlaube mir daher die gehorsamste Bitte, der Herr Landrath wolle geneigtest wo möglich einem der Gendarmen hierzu Auftrag ertheilen.

Der Bürgermeister Herweg

Akte C 912, Blatt 29 und 34 – 1853
An den Herrn Landrath

B. Gladbach, den 10.8.53

Die Beginnung der Tanzmusik bei Gelegenheit der Kirmeß betr.

In der Verordnung Königlicher Regier. vom 6. Mai s. Amtsblatt Stück 20 über die öffentlichen Tanzbelustigungen geschieht zwar keine Erwähnung von dem Gottesdienste rücksichtlich des Beginns der Tanzmusik, jedoch scheint es im Sinne derselben zu liegen, bei Festsetzung der Zeit auf 4 Uhr Nachmittags den sonntägigen Gottesdienst zu berücksichtigen.

Ich erlaube mir daher die gehorsame Anfrage, ob diese Stunde auch für den Montag beachtet werden muss oder ob die Ortsbehörde befugt ist, an diesem Tage den Beginn der Musik gleich nach beendigtem Gottesdienste vormittags beginnen zu lassen.

Zu dieser Anfrage bin ich Um so mehr veranlasst, als in Bensberg von der Ortsbehörde in diesem Sinne die qu. Verordnung verstanden worden und die Tanzmusik am Montage gleich nach beendigtem Gottesdienste begonnen worden ist. Möchte aber diese Gestattung an die höhere Zustimmung geknüpft sein, so bitte ich den Herrn Landrath gehorsamst, geneigtest genehmigen zu wollen, dass für den Montag die Tanzmusik nach beendigtem Gottesdienste Vormittags begonnen werden dürfe, denn der hier für kirchliche Zwecke bestehende Junggesellen- und Jungfrauen-Verein, welche beide ausgedehnt sind, haben bisher hauptsächlich nach beendigtem montägigen Gottesdienste ihre Kirmeß gehalten und an die spätere Zeit sich weniger angeschlossen.

Aber auch in polizeilichem Interesse möchte ich die Gestattung wünschen, damit auf den Tanzböden für die spätere Zeit ein nicht zu großes Gedränge stattfinde, und schon dadurch vermehrt wird, dass der bisherige dritte Tag ausfällt und für diesmal ein Tanzlokal weniger als bisher, vorhanden ist.

D.B. Herweg

Akte C 912, Blatt 30 – 1853
Gladbach, den 10.8.53

Die bei Gelegenheit der hiesigen Kirmeß erforderliche polizeiliche Aushülfe betr.

Um Eventualitäten bei Gelegenheit der hiesigen Kirmeß am Sonntag, den 14., Montag, den 15 d. Mts. nach Erforderniß entgegentreten zu können, bitte ich den Herrn Landrath geneigtest auf diese Tage die Gensdarmerie hierhin beordern lassen zu wollen.

Der Bürgermeister Herweg

Tatsächlich wird die Laurentiuskirmes 2017 die längst ihrer langen Geschichte: ausnahmsweise beginnt sie bereits am Freitag (11. August) um 16 Uhr: mit einem Umzug von sieben historischen Fahrzeugen von der RheinBerg-Galerie zum Konrad-Adenauer-Platz. Unter anderem fährt Manfred Sistig aus Schildgen mit einer Betz-Zugmaschine aus dem Jahr 1957 und einem Küchenwagen von 1928 mit. 

Burkhardt Unrau mit Helmut Sistig, Ute Unrau, Albert Eßer, Schönfelder, Horst Steinfeld und Lutz Urbach

Burkhardt Unrau mit Manfred Sistig, Ute Unrau, Albert Eßer, Schönfelder, Horst Steinfeld, Lutz Urbach

Auf dem Marktplatz wird die Jubiläumskirmes am Freitag (11.8.) um 17 Uhr offiziell eröffnet, wie immer mit der Ausgabe der Freifahrt-Chips. Die Schaustellermesse findet am Samstag um 10 Uhr in St. Laurentius statt, danach gibt es bei einem kleinen Frühstück die Möglichkeit, mit den Schaustellern ins Gespräch zu kommen. 

Für diese Kirmes hat Unrau einige besondere Attraktionen gewonnen: Auf dem Marktplatz wird das modernste Riesenrad Deutschlands stehen, das 38 Meter hoch aufragt. Und im neuen Forumpark zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder die 20 Meter hohe Achterbahn „Wilde Maus”. Wie immer sind der Breakdancer und der Route-66-Autoscooter dabei.

Einen weiteren Blick in die Vergangenheit erlaubt eine originale Wellershaus Orgel aus dem Jahr 1892, die in 81 Tonstufen ohne Wiederholung 13 Stunden am Stück spielen kann. 

 Fünf Tage Kirmes enden, wie immer mit einem Höhenfeuerwerk, am Dienstagabend. 

Unrau, der die ehrenamtliche Aufgabe des Kirmes-Organisators vor 37 Jahren von seinem Vater geerbt hatte, nutzte die Gelegenheit für einen Rückblick und einen großen Dank an die Stadtverwaltung, die über all die Jahre immer ein offenes Ohr und Auge für die Kirmes gehabt habe.

Burkhardt Unrau: Dieser Mann ist Kirmes

Was alles andere als selbstverständlich sei – wie das Beispiel vieler anderer Städte zeigen, in denen der Freiraum für ein Volksfest dieser Art immer weiter aus den Zentren gedrängt wird. 

Auch in Bergisch Gladbach, daran erinnert Unrau, hatte die Laurentiuskirmes zehn Jahre lang, von 1970 bis 1980 während des Baus des Bergischen Löwen nach Gronau ausweichen müssen. Doch dann konnte sie zurück ins Zentrum kommen, weil die Stadtverwaltung darauf geachtet hatte, dass dafür genug Platz bleibt und alle Versorgungsleitungen gelegt sind. 

12 Personen, die sich für die Kirmes stark gemacht haben
Burkhardt Unrau kümmert sich seit 37 Jahren um die Gladbacher Kirmes; jetzt hat er aufgelistet, wer „in meiner Ära” zum Erhalt des Volksfestes wie lange beigetragen haben – und kommt auf exakt 175 Jahre:

Franz Karl Burgmer, Bürgermeister, 4 Jahre

Franz Heinrich Krey, Bürgermeister, 5 Jahre

Holger Pfleger, Bürgermeister, 5 Jahre

Maria-Theresia Opladen Bürgermeisterin 10 Jahre

Klaus Orth Bürgermeister 5 Jahre

Lutz Urbach Bürgermeister 8 Jahre

Helmut Unrau Ordnungsamt 40 Jahre

Hans Pütz Ordnungsamt 16 Jahre

Ute Unrau Ordnungsamt 17 Jahre

Burkhardt Unrau Mister Kirmes seit Geburt 65 Jahre

Außerhalb der Rechnung nennt Unrau die beiden Stadtdirektoren Otto Fell und Dr. Hans-Joachim Franke

Immerhin ist die Bergisch Gladbacher Kirmes zu Pfingsten und im Spätsommer das größte Volksfest des Rheinisch-Bergischen Kreises und ein wichtiger Bestandteil des lokalen Brauchtums. Sie sei zwar alt, aber als gemeinsames Fest und Attaktion für Kinder und Jugendliche in der Zeit wachsender Verunsicherung in der Gesellschaft zeitgemäßer denn je: „Die Kirmes macht Spaß – und wenn ich die leuchtenden Augen der Kinder sehe, weiß ich, warum ich das alles macht”, sagt Unrau. 

Drängelgitter oder Betonpfeiler werde es auf der Kirmes nicht geben, betont der Organisator: „Angst und Schrecken haben auf der Kirmes keinen Platz.”

Fotos von Marcus Ruhkiek (Pars Pro Toto) porträtieren die Laurentiuskirmes 2013

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Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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