Auffällige Bodenaufkleber weisen den Weg zum Schienenersatzverkehr, der im hinteren Teil des Busbahnhofs abfährt. Für Sehbehinderte gibt es keine Hinweise. Foto: Redaktion

Drei Monate lang fährt zwischen Bergisch Gladbach und Köln-Mülheim keine S-Bahn. Pendler:innen müssen auf alternative Verkehrsmittel ausweichen. Wir haben die Leser:innen des Bürgerportals gefragt, wie sie das tägliche Abenteuer Schienenersatzverkehr meistern, was gut läuft und wo es hakt. Ein in Teilen überraschendes Zwischenfazit.

Ein Geständnis vorab: Ich bin sehr froh darüber, dass ich beruflich nicht mehr nach Köln pendeln muss. Und daher auch von der aktuellen S 11-Sperrung relativ selten betroffen bin. Meine persönlichen Erfahrungen mit Alternativen sind daher überschaubar. Mit dem Rad zur Straßenbahn, mit dem Auto zum Regionalzug – so lautet meine bisherige Bilanz, seitdem die S 11 nicht mehr fährt.

Unserem Besuch aus dem Allgäu wollten wir nach der langen Zugreise nicht auch noch eine lange Busreise mit dem Schienenersatzverkehr (SEV) nach Bergisch Gladbach zumuten. Also haben wir unsere Gäste mit dem Auto vom Bahnhof Mülheim abgeholt – und einige Tage später auch dort wieder hingebracht.

Mit dem Rad zur Straßenbahnstation

Am Wochenende bin ich mit dem Zug nach Osnabrück gefahren. Vorher habe ich hin- und her überlegt, wie ich am besten von Bergisch Gladbach nach Köln komme. Schließlich bin ich mit dem Rad nach Thielenbruch gefahren und von dort mit der Straßenbahn nach Köln-Mülheim. Weiter ging es mit dem Regionalzug. 

Wir haben die Leser:innen des Bürgerportals gefragt, welche Erfahrungen sie bisher mit dem Schienenersatzverkehr machen und welche S 11-Alternativen sie nutzen. Zusammengefasst beklagen viele die erheblich längere Fahrzeit mit dem Bus des SEV. 

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Mit Bus und Rad nach Köln: Bahn bietet für S 11-Sperrung zweite Ersatzlinie an

Am Freitag um 21 Uhr stellt die S 11 den Betrieb ein – bis zum 3. Juli fahren keine Züge zwischen Bergisch Gladbach und Köln-Mülheim. Zur Entlastung der Pendler bieten Bahn und regionale Verkehrsträger neben dem bekannten Schienenersatzverkehr eine weitere Anbindung an die KVB in Köln-Dellbrück an. Zudem erproben sie ein neues System mit Leihfahrrädern.

Am Stau und Ersatzverkehr vorbei: Mit dem eigenen Rad nach Köln

Die Sperrung der S 11 für fast vier Monate steht kurz nach Ostern bevor, der Schienen-Ersatzverkehr per Bus erfordert wenigstens die doppelte Zeit. Daher befürchtet der ADFC, dass viele Pendler:innen mit dem Auto zur Arbeit fahren – und wirbt für das eigene Rad. Gerade nach Köln gibt es attraktive Radpendlerrouten, eine davon stellt der ADFC bei einer Schnuppertour vor.

Statt 13 Minuten, die die S-Bahn normalerweise von Bergisch Gladbach bis Mülheim benötigt, hat Rainer Lingmann im Berufsverkehr rund eine Stunde gebraucht, weil sich der Bus über die Bergisch Gladbacher Straße und diverse Seitenstraßen „gequält“ habe. „Und zuverlässig ist der SEV-Bus auch nicht, bei Hin- und Rückfahrt fiel jeweils die als nächstes auf dem Plan stehende Fahrt aus“, so Lingmann.

H. Culmann ist um 16 Uhr am Bahnhof Köln-Süd gestartet und um kurz nach 18 Uhr in Bergisch Gladbach angekommen. „Der SEV ist im üblichen Berufsverkehr gekrochen. So wird das nichts“, lautet seine ernüchterte Bilanz.

Zwei Ersatz-Buslinien

Diejenigen, die  den SEV nutzen, wählen größtenteils die Bus-Linie SEV S 11 A, der entlang der S-Bahn-Strecke die Haltestellen der S 11 ansteuert. Die alternative Bus-Linie SEV S 11 B, die vom S-Bahnhof Bergisch Gladbach über Duckterath zur Stadtbahn-Haltestelle Mauspfad und zurück verkehrt, wird seltener genutzt. 

Mehrere Leser berichten, dass diese Buslinie häufig fast leer ihre Strecke fährt. „Die S 11B ist für mich leider keine echte Alternative. Die Linie 18 der KVB startet erst in Buchheim, sodass mir ab Mauspfad die direkte Anbindung Richtung Hauptbahnhof fehlt“, schreibt etwa Thomas Henke

Stattdessen nutze er aktuell als Pendler montags bis freitags die Linie S 11A von Bergisch Gladbach nach Mülheim. Insgesamt brauche er zwar etwa 30 Minuten länger pro Strecke. Trotzdem stellt Henke nach einer Woche „überrascht“ fest: „Der SEV läuft aktuell zuverlässiger als die S 11 im normalen Betrieb.“ Um 7 Uhr seien die Busse recht leer, nachmittags gegen 16 Uhr seien sie zwar voller, „aber ich habe bisher immer einen Sitzplatz bekommen. Alles in allem muss ich sagen, das passt erstmal so“.

Entspannter zum Ziel

Ähnlich beschreibt es Martina Matiske: „Ich bin mit dem Ersatzverkehr zufrieden. Es dauert zwar erheblich länger, aber man kommt entspannt ans Ziel und wenn die Häufigkeit der Verbindungen so bleibt, kann man sich gut darauf einstellen.“

Verschiedene Ausweich-Alternativen hat Jörg Borger-Besser getestet. Insgesamt bewertet er seine Erfahrungen während der Hauptverkehrszeit als „durchwachsen“. Mit dem Bus S 11A verdopple sich seine Fahrzeit auf rund 60 Minuten. Insbesondere rund um die Haltestellen Dellbrück und Holweide sind die Gelenkbusse aus seiner Sicht zu lang und zu sperrig. Sein Verbesserungsvorschlag: Alternativ die vorhandenen Bushaltestellen auf der Bergisch Gladbacher Straße anfahren, um die „zeitfressende Rangierei“ zu vermeiden.

Borger-Besser hat außerdem den Bus 452 von Gladbach nach Refrath genutzt: „Ein voller Bus bringt mich im Stau zur Haltestelle der Stadtbahnlinie 1“. Auch für diese Strecke hat er insgesamt 60 Minuten benötigt. Sein derzeitiger Favorit ist die SEV-Bus-Linie S 11B, „die mich günstigstenfalls in 50 Minuten von Tür zu Tür bringt“ und die schnellste Verbindung zur Stadtbahn sei. 

Das ist ein Zustand, der so nicht tragbar ist.Michael Schmocker

Ausführlich beschreibt Michael Schmocker, als regelmäßiger Nutzer der S 11, das tägliche Abenteuer Schienenersatzverkehr: „Wie erwartet läuft es eher schlecht.“ Während die SEV-Linien seinen Beobachtungen zufolge eher schwach besetzt seien, fahren die Busse der Linien 451 und 452 „an der Kapazitätsgrenze“, die Stadtbahnen der Linie 1 seien im Berufsverkehr häufig überfüllt. 

Schmocker regt zusätzliche Busse nach Refrath an und statt der engen Taktung der SEV-Busse diese nicht nur bis Mülheim, sondern bis zum Bahnhof Deutz fahren zu lassen. „Der SEV ist derzeit eine Qual“, findet Schmocker. Aus 40 Minuten täglicher Reisezeit seien knapp zwei Stunden geworden. „Das ist ein Zustand, der so nicht tragbar ist.“ 

Daniela Ali beklagt, dass es für blinde und sehbehinderte Menschen keine speziellen Wegweiser zu den Haltestellen des Schienenersatzverkehrs gibt. Ali ist selbst sehbehindert und kann die Schilder und Markierungen weder sehen noch mit ihrem weißen Stock ertasten.

Die Sache mit den Radrouten

Jörg Schmitter lobt die Tatsache, dass es zwei Schienenersatzverkehre zur Auswahl gibt, auch wenn der Bus „viel zu lange benötigt“. Er fahre häufig mit dem Rad nach Köln-Ehrenfeld und sei sehr gespannt auf die Radrouten gewesen, die nun ausgearbeitet und ausgeschildert wurden. „Ich habe für mich eine schöne Verbindung zwischen Buchforst und Kalk gefunden, die ich bisher nicht kannte“, so Schmitter. 

„Leider ist die Beschilderung nicht optimal“, kritisiert Schmitter. An vielen Kreuzungen wisse man nicht wohin. Die neuen Schilder hingen teilweise unter den bisherigen Radfahrschildern, seien missverständlich und irreführend. „Wenn man viel mit dem Rad fährt, kommt man ans Ziel. Für Neulinge ist es schwierig“, so sein Fazit.

Noch bis zum 3. Juli haben alle S-Bahn-Nutzer:innen Zeit, die für sie beste Alternative zur S 11 herauszufinden – auch für die Sperrungen, die in den kommenden Jahren folgen.

Sperrzeiten der S 11 im Überblick: 

  • 10.4. bis 3.7.2026 Vorbereitung eines digitalen Stellwerks in Mülheim
  • 9.7. bis 15.10.2027 Neubau der Verkehrsstationen Holweide und Dellbrück
  • 10.12.2027 bis 7.1.2028, keine Angaben
  • Februar bis März 2029, keine Angaben
  • November 2029, keine Angaben
  • 4. Quartal 2030 bis 1. Quartal 2032 (Bau 2. Gleis, voraussichtlich)

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Zweites Gleis der S 11 soll 2031 gebaut werden

Seit 15 Jahren hofft Bergisch Gladbach auf ein zweites Gleis für die S 11, doch bislang wollte keiner der Verantwortlichen ein Datum für den Baustart oder gar die Fertigstellung nennen. Jetzt hat Dezernent Ragnar Migenda indirekt einen Zeitplan erkennen lassen. Für den Bau muss Bergisch Gladbach allerdings für bis zu anderthalb Jahre auf die S-Bahn verzichten.

Wofür ist die Sperrung notwendig?

Bislang wird die Strecke analog gesteuert, u.a. über das historische Stellwärter-Häuschen an der Tannenbergstraße. Nun soll in Köln-Mülheim ein modernes digitales Stellwerk gebaut und die ganze Strecke mit einer digitalen Leit- und Sicherheitstechnik sowie zusätzlichen Weichen ausgestattet werden. Das soll die Zuverlässigkeit der S11 verbessern und ist zudem Voraussetzung für den zweigleisigen Ausbau der Strecke.

Das Gleis im S-Bahnhof wird inzwischen von Bauzügen genutzt. Foto: Redaktion

Entlang der Strecke werden rund 15 Kilometer Kabelführungssysteme gebaut, 70 Schächte ausgehoben und 20 Gleisquerungen eingerichtet. In Dellbrück wird eine weitere Weiche eingebaut, so dass die Züge künftig an allen drei Bahnsteigen die Richtung ändern können. Zudem stehen Vorarbeiten für die Errichtung der Leit- und Sicherungstechnik an.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Ich nehme den Bus nach Frankenforst (6:13 in Bergisch Gladbach), steige in Refrath in die Straßenbahn 1 und fahre so Richtung Neumarkt.
    Aktuell ist das für mich die beste Lösung. Beide Ersatzbusse (S 11A und S 11B) habe ich getestet für mich sind das keine lößungen.

    Die Ersatzbusse sind zum größten Teil deutlich weniger belegt als der Bus nach Refrath, der ist gnadenlos überfüllt und man findet kaum noch einen Stehplatz. Parallel dazu fahren teilweise leere Ersatzbusse.

    Es muss zwingend eine Lösung geben: entweder direkt nach Köln Hbf oder wenigstens nach Refrath (oder wo anders, wo die 1 fährt [227 und 400 sind auch überfüllt]) von Bergisch Gladbach aus.

    Am Abend, im Feierabendverkehr ab ca. 15 Uhr, ist die Hölle los die Busse kommen kaum voran oder kommen erst gar nicht.
    Auch der Ersatzbus aus Mülheim ist bis Holweide voll, danach extrem leer. Das heißt: alle anderen fahren diese Strecke nach Bergisch Gladbach nicht so zurück.

  2. Hallo… ich fahre jeder Morgen um 5.43 mit den 436, von der Dechant Müller Straße aus, nach Dellbrück Hauptstraße, dann mit der Linie 3 zur Severinstraße, dann weiter mit den Bus nach Raderberg.. hin klappt es weitgehend.

    Zurück ist echt eine einzige Katastrophe … Busse überfüllt, fallen aus, dann echt überfüllt.

    Und passenderweise ist der Bus gerade weg, wenn man in Dellbrück ode, mit der Linie 1 in Refrath ankommt .. dann wartet man nochmal 20 Minuten und fährt im Schritttempo durch den Berufsverkehr .. aber, was will man machen .. man ist drauf angewiesen…