AfD-Kandidat Roland Hartwig mit Hermann-Josef Tebroke (CDU), Maik Außendorf (Grüne) und Nikolaus Kleine (SPD) beim Stammtisch XXL des Bürgerportals. Foto: Thomas Merkenich

AfD-Kandidat Roland Hartwig mit Hermann-Josef Tebroke (CDU), Maik Außendorf (Grüne) und Nikolaus Kleine (SPD) beim Stammtisch XXL des Bürgerportals. Foto: Thomas Merkenich

Vögel fliegen in Schwärmen, um gemeinsam stärker zu sein. Ich habe den Verdacht, dass die AfD und ihre Unterstützer diesen Schwarm-Effekt nutzen.

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Am Mittwochabend kam eine Handvoll von ihnen zum XXL-Stammtisch des Bürgerportals. Sie applaudierten laut, wenn ihr Kandidat Roland Hartwig sprach. Sie buhten laut, wenn die anderen Kandidaten eine Äußerung tätigten, die ihnen nicht gefiel.

Sie fielen den anderen Kandidaten und den Fragen stellenden Bürgern ins Wort, oft mit zuspitzenden, pauschalisierenden oder unwahren Zwischenrufen. Als es etwa um Abschiebungen nach Afghanistan ging, riefen mehrere Männer, das seien doch „alles Kriminelle“.

Das gleiche spielte sich in der Kommentar-Sektion unter dem Facebook-Livestream ab. Zwei, drei AfD- und mitterechts/LKR-Mitglieder posteten, was das Zeug hielt.

Seitenhiebe auf die anderen Kandidaten bzw. Parteien (es werde geheuchelt, emotionalisiert, gelogen und geträumt) oder als Fakten verpackte Halbwahrheiten wie die, dass „Merkels Gäste“ schon 4,2 Milliarden Euro ins Ausland geschickt hätten.

Die Summe an sich ist richtig – verschwiegen wird allerdings, dass sie im Jahr 2016 von sämtlichen in Deutschland lebenden Migranten überwiesen wurde, und nicht, wie suggeriert, von den Flüchtlingen. Der Großteil des Geldes, nämlich 800 Millionen Euro, ging in die Türkei. Die Überweisungen nach Syrien sind im Vergleich zum Vorjahr von 18 Millionen auf 67 Millionen Euro gestiegen.

Verschwiegen wird auch, dass, laut Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW), die seit dem Beginn der „Flüchtlingskrise“ zugewanderten Menschen bis 2020 das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent steigern werden.

Und der genannte Kommentar kam just als Reaktion auf die Anmerkung eines Kandidaten, die Flüchtlinge würden das Geld, das sie vom deutschen Staat erhielten, ja auch in Deutschland ausgeben und damit wieder in den Kreislauf zurückführen.

Die gesamte Debatte, zusammengefasst in 4:26 Minuten:

Was zeigt das? Die AfD-Freunde sind gut organisiert, sie treten in (kleinen) Gruppen auf und sind laut – wie ein Vogelschwarm. Zusammen wirken sie stark. Vielleicht stärker, als sie eigentlich sind.

Wie geht man damit um? Muss man lauter sein als die AfD? Sich noch mehr aufplustern als ihre Anhänger? Ich weiß es nicht. Mir persönlich widerstrebt das, denn es hieße, sich auf dasselbe Niveau zu begeben.

Dass das wenig erfolgversprechend ist, haben einige AfD-Gegner am Mittwochabend gezeigt: Roland Hartwig nach den Emails zu fragen, die Alice Weidel geschrieben haben soll, oder nach dem syrischen Hausmädchen, das sie beschäftigt haben soll – das war leider ebenso populistisch wie die Zwischenrufe von Hartwigs Fanclub.

In einem Fall aber ist es definitiv geboten, seine Stimme zu erheben: bei der Bundestags-Wahl am 24. September. AfD-Sympathisanten werden mit Sicherheit wählen gehen. Laut aktuellen Umfragen käme die Partei auf 12 Prozent und wäre damit drittstärkste Kraft. 28 Prozent der Befragten wussten noch nicht, für wen sie stimmen sollten – oder wollten nicht zur Wahl gehen.

Was passiert, wenn so viele Bürger nicht wählen gehen, hat sich in den USA gezeigt. 42 Prozent der wahlberechtigten Amerikaner sind zu Hause geblieben, tatsächlich für Trump gestimmt hat also nur ein Viertel von ihnen.

Es fällt mir diesmal nicht leicht zu entscheiden, wen ich wähle. Aber eins weiß ich: Jede Stimme, die die AfD nicht bekommt, zählt. Insofern ist es meiner Meinung nach Pflicht für jeden, der das so sieht, am Sonntag in einer Woche wählen zu gehen. Je mehr Vögel sich zusammentun, desto stärker ist der Schwarm.

Diese drei Gespräche stehen bis zur Wahl noch an:

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Sehr geehrte Frau Geyer,

    da Sie in diesem Beitrag suggerieren, dass ich (als Fraktionsmitglied von mitterechts/LKR) gemeinsame Sache mit der AfD und deren “Schwarm” mache, möchte ich nur kurz festhalten, welche Dinge ich kommentiert habe.

    1.) Ich habe ein Mal den Hinweis gegeben, dass der Bund sehr wohl die Rentenkassen bezuschusst, da dies von einem der Herren falsch gesagt wurde.

    2.) Wie Sie richtig erkannten, gab es auch populistische Fragen der AfD Gegner. Dies war in einem Fall Herr Kommenda. Hier habe ich darauf hingewiesen, dass dieser erstens ein Fraktionskollege von Herrn Kleine ist und zweitens in der letzten Ratssitzung gefordert hat, der AfD keine Räume mehr zur Verfügung zu stellen, da die Gegendemonstranten nachts das Rathaus beschmierten und am nächsten Tag einen Polizeieinsatz verursachten.

    Dies war rein zur Information der Zuschauer und zur besseren Einschätzung der Fragesteller.

    Ihr Beitrag ist als Meinung gekennzeichnet, aber auch hier sollte man in der heutigen Zeit sachlich korrekt bleiben.

    Beste Grüße

  2. Wenn “anders” Diffamierung, Volkshetzte, Lügenverbreitung bis hin zu handgreiflichen Überredungsversuchen heißt, kann das eine streitbare Demokratie nicht tolerieren. Hier kann man nur mit dem Satz “Wehret den Anfängen” antworten, wie wir das leidvoll lernen mussten.

  3. BRAVO !!!

    War das in den 30er Jahren nicht ein ähnliches Prinzip: In Mengen auftauchen, Krawall machen und später dann auch Schlägereien mit (angeblich politischen) Gegnern provozieren?