Die Stadtverwaltung hatte einen exzellenten Entwurf für die Neugestaltung der Schlossstraße vorgelegt. Doch jetzt sieht es so aus, als würde die Begegnung von Menschen zugunsten der Begegnung von Autos geopfert.

Im Jahre 2015 erteilte die Stadt Bergisch Gladbach den Auftrag zur Erstellung eines integrierten Handlungskonzeptes (InHK) Bensberg, der die Voraussetzung einer möglichen Inanspruchnahme von Städtebaufördermitteln zur Aufwertung des in die Jahre gekommenen Stadtteils Bensberg bildet.

Das InHK wurde im Dezember 2016 in einem langen und mehrstufigen Abstimmprozess unter breiter Beteiligung von Bürgern, Anwohnern, der Interessengemeinschaft Bensberger Händler (IBH), der Immobilien Standortgemeinschaft (ISG) und vielen Interessierten erarbeitet und fertiggestellt.

Die Neugestaltung der Schlossstrasse nach diesen Vorschlägen wird nach derzeitiger Planung in mehreren Bauabschnitten bis über das Jahr 2025 in der Umsetzung hinausgehen.

Zentraler Baustein in diesem Konzept bildet die Neugestaltung der Schlossstrasse unter dem Leitbild „Straße der vielfältigen Begegnungen“. In einem Realisierungswettbewerb konnten sich im Jahre 2017 nach einem Preisgericht die Gestaltungsvorschläge des club L94 aus Köln einstimmig durchsetzen.

Kerngedanke des Konzeptes bildet die Verkehrsführung als Einbahnstraße von Nord nach Süd, wobei der ruhende Verkehr weitgehend zugunsten einer Flaniermeile mit Außengastronomie umgestaltet werden soll.

Hierdurch würde ein ca. 3 Meter breiter Gehweg als Ort menschlicher Begegnungen entstehen, der aktuell beidseitig der Schlossstr. als Parkplatz für Anwohner und Kunden reserviert ist und somit das vorhandene Stadtbild verschandelt.

Nicht nur der Gewinner des Realisierungswettbewerbs club L94 sondern auch die übrigen Wettbewerbsteilnehmer entwarfen bei Ihren Gestaltungsideen übereinstimmend einseitig parallel angeordnete Parktaschen in der Größenordnung von ca. 65 Stellplätzen, um die Aufenthaltsqualität und Einsichtnahme auf die Schlossstr. zu erhöhen und entsprachen damit ebenfalls dem Wunsch und Willen der Teilnehmer bei der Erstellung des InHK.

Im März 2018 wurde einem von der Stadt ausgewählten Teilnehmerkreis mittels einer Ortsbegehung das neue Konzept des Siegerentwurfs präsentiert. Derselbe Teilnehmerkreis wurde am 11.9.2018 erneut eingeladen, um über den aktuellen Status hinsichtlich des InHK Bensberg Wettbewerb Schlossstr. zu berichten.

Im Vorfeld der Einladung formulierte eine Hand voll Bensberger Händler Äußerungen wie „Ich habe Angst, dass die Seele von Bensberg verloren geht“ oder „Je mehr Parkplätze desto besser“.

Hierbei schien offensichtlich vergessen worden zu sein, dass sich auf der Schlossstr. bereits vor mehreren Jahren eine Fußgängerzone als Ort der Begegnung von Menschen befunden hat. Mittlerweile begegnen sich dort jedoch primär nur noch Autos und die Schlossstr. ist zu einem Angstraum für Fußgänger, Fahrradfahrer und Mütter mit Kindern verkommen.

Ältere Mitbürger müssen Hindernisläufe veranstalten, mit Rollator ein Wagnis, diese Straße zu benutzen. Die Seele von Bensberg ist folglich schon lange zugunsten eines unansehnlichen, hoffnungslos verstopften Parkplatzes verloren gegangen.

Als Gegenpol zu den Stimmen einzelner Händler wurde am 10.9.2018 ein Artikel des AK Baukultur veröffentlicht, wo dazu aufgerufen wurde, dass sich alle beteiligten Händler, Grundstückseigentümer, Politiker und Bürger ihrer Verantwortung für die Gesamtstadt bewusst werden und sich zu einem gemeinsamen Vorgehen zur Umgestaltung der Schlossstraße auf Grundlage des Siegerentwurfs zu verständigen.

Am 11.9.2018 stand jedoch das durch den Bürgerwillen definierte und auf dieser Basis vom club L94 entwickelte und verabschiedete Konzept in dieser Form nicht mehr im Fokus. Stattdessen wurde darüber berichtet, dass die Wettbewerbsjury das Planungsbüro dazu aufgefordert hatte, Alternativen zum derzeitigen Konzept zu präsentieren. Es stand nun nicht mehr zur Debatte – wie ursprünglich geplant – 65 parallel zur Straße angeordnete Parkbuchten zu schaffen sondern

  • Variante 1)
    95 Parkplätze, indem von der Kölner Str. bis zum DM (Nikolausstr.) die Parkplätze schräg angeordnet werden. Durch die schräge Anordnung geht die Einsichtigkeit in die Straße verloren und die Breite der Stellplätze erhöht sich um 2 Meter zulasten der geplanten Flaniermeile für Fußgänger. Darüber hinaus sollen nun vom Wendehammer auf der Höhe der privaten Tiefgarage bis zum Aldi (Stockbrunnen) statt einer, zwei Parkstreifen für Autos entstehen. Durch diese Variante bliebe lediglich der Bereich zwischen DM und Wendehammer als Ort der Begegnung von Menschen erhalten. Der übrige Teil der Schlossstr. viele hingegen weiterhin dem derzeit bestehenden Bild eines unansehnlichen Parkplatzes zum Opfer.
  • Variante 2)
    105 Parkplätze, indem von der Kölner Str. bis zum Wendehammer schräg angeordnete Parkbuchten realisiert werden. Vom Wendehammer bis zum Aldi würden bei dieser Variante ebenfalls auf beiden Seiten der Straße Parkbuchten entstehen. Bei dieser Variante würde der gesamte Bereich der Schlossstr. als der Ort der Begegnung von Menschen zugunsten der Begegnung von Autos geopfert.

Die Stadtverwaltung unter Federführung von Herrn Honecker hat den mehrjährigen Entscheidungsprozess exzellent gestaltet und ein überzeugendes Ergebnis vorgelegt. Durch beide nun vorgelegte Varianten wird der in 2016 verabschiedete Gestaltungsauftrag des Bürgerwillens hinsichtlich des InHK jedoch nachträglich verändert.

Die Veränderung wurde auch mit den Teilnehmern der Informationsveranstaltung am 11.9.2018 nicht gemeinsam entwickelt sondern diesen lediglich präsentiert.

Bei dieser Vorgehensweise drängt sich die Frage auf, warum in einem mehrjährigen, aufwändigen Prozess unter Mitwirkung aller interessierten Bürger ein Konzept erarbeitet und ein Wettbewerb ausgelobt wurde, um das Ergebnis dieses Prozesses anschließend einfach zu ignorieren.

Da wäre es doch einfacher und kostengünstiger gewesen, wenn sich die Politik mit einer Handvoll Händlern hinter verschlossenen Türen getroffen hätte, deren Wünsche aufgenommen und anschließend entsprechend umgesetzt hätte.

Bei dieser Vorgehensweise hätte man sich anschließend zumindest nicht dem Vorwurf aussetzen müssen, öffentliche Gelder für einen aufwändigen Prozess verschwendet zu haben, deren Ergebnisse nach deren Verabschiedung einfach ignoriert würden.

Heribert Thimme

wurde 1955 in Köln geboren und wohnt seit seiner Hochzeit 1977 in Refrath, seit 2015 in Bensberg. Er ist kein Mitglied einer politischen Partei, interessiert und engagiert sich jedoch für Themen, die sein persönliches Umfeld als Bürger der Stadt Bergisch Gladbach berühren.

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2 Kommentare

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  1. Obwohl ich grundsätzlich auch sehr distanziert zu dem Kinderkram mit 65 – 165 Parkplätze stehe, scheinen mir Ihre Anmerkungen, Herr Thimme, etwas zu kurz gesprungen sein.

    Wo z.B. kann man das Votum „der Bürger“ hören, lesen oder einsehen? Wie viele „Bürgervertreter“ haben denn an den diversen Diskussionen, runden Tischen und Auswahlverfahren teilgenommen? Hat es z.B. einmal – und da geht ein großer Vorwurf an die Ortspresse – eine Befragung der Bensberger Bevölkerung gegeben?

    Man kann m.E. nicht die Sorgen der Händler, auch wenn man sie nicht teilt, ignorieren und behaupten, nur der Bürger hat hier ein Recht, zu entscheiden. Ohne Händler haben wir keine Schlossstraße. Man sollte auch nicht verlangen, dass alle Besucher der Schossstraße nach ihrem jeweiligen Gustos behandelt werden und mit Rollstuhl, Rollator, Krücken, Gehstock, humpelnd oder freien Fußes vor jede Ladentür gelangen kann. Die Schossstraße alleine einem „Ort der Begegnung der Menschen“ zu widmen, klingt diskriminierend. Sind Autofahrer keine Menschen?

    Was bleibt ist die Suche nach der goldenen Mitte, an der sich hoffentlich, nachdem sich Herr Flügge aus seinem Ohrensessel erhoben hat und auf sie zugegangen ist, die Eigentümer an der Schlossstraße beteiligen, die Jahrzehnte die Realisierung eines Parkdecks an der Steinstraße verhinderten. Vor dem Hintergrund dieses kleinlichen Beharrens auf der eigenen Meinung ist dieses Verhalten in meinen Augen nicht geeignet, Bensberg momentan und in Zukunft weiter zu bringen.

  2. Ja, Herr Thimme, wie Sie sagen: „…die Begegnung von Menschen (wird) zugunsten der Begegnung von Autos geopfert“.

    Da die Bergisch Gladbacher SPD mehr oder weniger im Kielwasser der CDU zu fahren scheint, ist sicherlich nicht zu erwarten, dass der Rat diese Denkrichtung der Stadtverwaltung noch einmal kritisch hinterfragt.