Rainer Stuhlmann liebt die Menschen in Israel und in Palästina, aber er teilt auch seine Kritik nach beiden Seiten aus. In der Kirche zum Heilbrunnen berichtete er über die Lebensumstände auf beiden Seiten.

Am 5. Dezember abends in der vollen Kirche zum Heilsbrunnen: Der Referent Rainer Stuhlmann, Gast des Beit-Jala-Vereins und des Freundeskreises Ganey Tikva, nahm die Zuhörer mit auf eine Reise nach Nes Ammim in Israel und nach Beit Jala in Palästina.

Er entpuppte sich als aufmerksamer Beobachter des Alltags im Heiligen Land, als ein sachlicher, realistischer und gerechter Freund der Menschen, der jüdischen Israeli jedweder Couleur, der christlichen bzw. muslimischen Palästinenser jedweder Couleur, der Drusen …

Die Reise startete in Nes Ammim, dem 1963 gegründeten Friedensdorf in der Nähe von Haifa (Zeichen für die Völker, Zeichen der Völker), und Rainer Stuhlmann erzählte zunächst, wie er Israel erlebt hat und was es für die jüdischen Bürger bedeutet: Zum Beispiel zeigte er das Foto aus einem Zug auf der Strecke Haifa Tel Aviv am frühen Morgen, in dem ein gläubiger Jude seine rituellen Gebete verrichtet.

Diese Freiheit, Jude zu sein, den jüdischen Glauben offen zu leben, gebe es (nur) in Israel – so etwas könne man beispielsweise in Berlin nicht sehen. Stuhlmann, der frühere Ostermarsch-Teilnehmer, lernte sogar die israelische Armee schätzen, schließlich verhindert das Militär mit dem Abwehrsystem „Iron Dome“ auch Raketenangriffe auf Nes Ammim.

In Beit Jala angekommen schilderte Stuhlmann die Lebensumstände der Palästinenser, die Flüchtlingslager und das Problem des vererbten Flüchtlingsstatus, wie auch die Über- oder Eingriffe der israelischen Armee.

Der Bau der Mauer blieb nicht ausgespart: Sie sollte in den Anfängen zur Absicherung Israels vor Terroranschlägen dienen. Jüngere Aktivitäten und Pläne zeigen jedoch, dass sich die Mauer heute in das palästinensische Kernland hineinfrisst. Die Mauer auf dem Boden der anderen als ein Hemmnis des Friedens!

Ebenso wie die Schlüsselsymbolik auf palästinensischer Seite: Der Schlüssel symbolisiert das Rückkehrrecht der Palästinenser in ihre früheren Häuser und Wohnungen auf heutigem israelischem Boden, die oft schon längst nicht mehr existieren.

Stuhlmann ist gnadenlos gerecht, er liebt die Menschen auf beiden Seiten, teilt aber auch nach beiden Seiten aus.

Wer hoffte, eine Seite würde als die richtige bestätigt, war hier fehl am Platz. Es gibt zwei Stühle, von denen keiner richtig, keiner falsch ist, es gibt nur einen Weg zwischen den beiden Stühlen hin zum Frieden und zur Versöhnung. So ging die Reise zurück nach Israel, zu den Friedensinitiativen, die mit vielen kleinen Schritten Wissen und Verstehen vermitteln.

Des einen Freiheit schafft des anderen Sicherheit, und des einen Sicherheit schafft des anderen Freiheit. Wie soll das gehen?

Politische Lösungen konnte und wollte Stuhlmann nicht anbieten, aber die Gewissheit, dass es nur mit dem respektvollen Hören auf die unterschiedlichen Narrative, mit dem liebevollen Einlassen auf den anderen gelingt, Frieden miteinander zu machen und eine würdevolle Koexistenz zu gestalten.

Wie gut passte da der Bibelspruch an der Wand der Kirche zum Heilsbrunne von Avishai Levin, dem früheren Bürgermeister von Ganey Tikva: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”

Stuhlmann schloss seinen Vortrag mit einem Gedicht von Jehuda Amichai:

Der Ort, an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.

Und ein Flüstern wird hörbar
An dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.

Rainer Stuhlmann war nicht zum letzten Mal Gast des Beit-Jala-Vereins und des Freundeskreises Ganey Tikva!

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1 Kommentar

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  1. Die oben beschriebene Ausgewogenheit von Herr Stuhlmanns Vortrag kann ich leider nicht bestätigen. Ungeniert wurden die palästinensischen Narrative als Wahrheit vorgestellt und Israel als Landräuber gebrandmarkt. Die Mauer wurde getreu dem palästinensischen Narrativ als Instrument der Annektion gedeutet, deren Schutzfunktion jedoch bestritten. Formulierungen wie „die unterdrückten Palästinenser“, „das Volk, das eingemauert ist“, „die Palästinenser warten auf Gerechtigkeit“ lassen Neutralität vermissen und erklären Israel im Umkehrschluss als den Schuldigen an dem Konflikt.

    Auch der ehrfurchtsvolle Besuch von Herr Stuhlmann an Yasser Arafats Grab stößt mir unangenehm auf. Heute weiß man, dass er die Weltöffentlichkeit gleich mehrfach hinters Licht geführt hat, in dem er immer wieder die Änderung der PLO Charta vorgetäuscht aber letztlich nie durchgeführt hat. Deswegen steh dort für jedermann immer noch nachlesbar, dass der bewaffnete Kampf der einzige Weg zur Befreiung Palästinas ist (Artikel 9) und der Zionismus in Palästina auszutilgen sei (Artikel 15).

    Nach dem Besuch dieser Veranstaltung kann ich gut verstehen, warum der Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein im April diesen Jahres eine geplante Reise mit Herrn Stuhlmann abgesagt hat. Auch ein noch so freundlicher und förmlicher Vortrag kann einfach nicht über die Einseitigkeit von Herrn Stuhlmann hinwegtäuschen. Wer als Freund Israels eine neutrale Stellungnahme erhofft hatte, wurde stark enttäuscht.