Am Heiligabend allerspätestens sollte der Christbaum geschmückt sein. Höchste Zeit, um über weihnachtliches Brauchtum zu reden. Die Künstler im Atelierhaus A24 haben damit schon begonnen. 

Schon einige Tage vorm heiligen Abend gilt es rechtzeitig den idealen Weihnachtsbaum zu ergattern. Nicht zu früh, frisch muss er sein, nadeln darf er noch nicht. Künstlich? Edel? Selbst schlagen? Mieten? Zwischenzeitlich bombardiert das Smartphone mit Werbung zum aktuellen Weihnachtstrend in Sachen Christbaumschmuck. Der Gründe genug, um über weihnachtliches Brauchtum und Alternativen zu reden.

Es muß nicht immer alles perfekt sein, gerade zum Fest der Besinnlichkeit. Nehmen wir folgende, alte aber witzige Tradition zum Anlass, um exemplarisch auf Feiertagsrituale einzustimmen. Zuvor ein kleiner Spinxer in die geschmücktte Stube der Künstler.

Alternative Bräuche unter Künstlern

Im Atelierhaus & Galerie A24 – TechnologiePark Bergisch Gladbach wurde bereits letzte Woche das interne Weihnachtsfest von den Künstlern ausgerichtet. Seit einigen Jahren gibt es hier den Brauch keinen Weihnachtsbaum zu kaufen, sondern einen Baum zu kreiieren.

In diesem Jahr wurde eine Hasendrahtrolle kegelförmig drapiert und  kunstvoll bis zur Decke behangen mit allen Arten von Christbaumschmuck.

Für viele Künstler beginnt das alternative Denken schon beim Weihnachtsbaum. Sie schaffen mit dem Kunstbaum einen Anlass zur anregenden Diskussion über den Sinn und Unsinn von Anpflanzung und Abholzung von Weihnachtsbäumen.

Aber darum geht es den Künstlern nicht primär. Das Dekoteam setzt sich zusammen aus den Freiwilligen der Ateliegemeinschaft, die Spaß daran haben, für sich und für andere zu schmücken.

Dieser künstliche Baum, ganz aus Hasendraht, wurde von den anderen Künstlern überschwänglich gelobt. Trotz oder wegen seiner  Überladenheit?

Dafür spricht das Lob einer Künstlerin, die vor allem von seiner Vielfalt fasziniert war: „Von allem was dabei, Strohsterne, Äpfel, Kugeln, Rentiere, Lametta. Toll!“

Ein anderer Gast lobte den praktischen Aspekt:  „Wow, der ist toll, der nadelt nicht“.  Eine weitere Künstlerin ergänzte: „Die Maschen sind super zum Schmuck anhängen!“

Der Christbaum der Künstler des A24

Diese Lobpreisungen an den Weihnachtsbaum erinnern an eine alte schwäbische Tradition.

Das Christbaumschauen

Zumeist gegen Ende der Weihnachtzeit ist es in Teilen von Baden-Württemberg und Bayern alter Brauch, Freunde und Nachbarn zu besuchen, um den jeweiligen Christbaum in seiner heimeligen Umgebung zu begutachten. Umgangssprachlich nennt sich das „Christbaumschauen“ oder auch “Christbaumloben”. Für jedes Lob gibt es einen Schnaps.

Je nach Durst und Laune lobt man eben übertrieben oder nur anregend. Die durch Alkohol gelockerte Zunge kann beim überschwänglichen Lobgesang durchaus dienlich sein. Dennoch, bei aller Sitte sollte man sein Trink- und Schwätzverhalten gut einschätzen können, sonst lobt man womöglich unglaubwürdig.

Das Loben selbst ist in der Tradition des Christbaumschauens ein höchst kreativer Akt. Dabei geht weniger darum, dass das Gelobte das Lob verdient hat. Sachlich nachvollziehbare Kriterien sind kein Muss, im Gegenteil, es zählt Glaubwürdigkeit und Erfindungsreichtum.

Ganz gleich, ob man das Lob will oder nicht, gelobt wird trotzdem. Die Möglichkeiten der stilvollen Selbstdarstellung und der unterhaltsamen Diskussion scheinen unendlich. Je nach Lust und Kompetenz geht der Lobende in seinem Lob ein auf die Art des Tannengrüns, auf den Wuchs des Baumes, auf die Platzierung innerhalb des Stuben-Interieurs und vor allem auf die farbliche Zusammenstellung des Christbaumschmucks.

Mit dem “Christbaumschauen” bekennt man sich zur Pflege von Brauchtum und Gemeinschaft. Hashtag „Heimat“. Jedes Lob ein Schnaps. Wer landläufige Gepflogenheiten kennt, weiß, dass vor allem Jugendliche diese Sitte für ihr übermäßges Tringvergnügen vorschieben. Vielleicht sollte die Tradition ein Update erfahren, nach der Art: jedes Lob ein Like?

Eine Ode an den Tannenmakel

Beim “Christbaumloben” wird traditionell auch dann gelobt, wenn man ein unschönes Tannenexemplar erwischt hat und auch wenn man sich nach aktueller Stiletikette stilistisch vergriffen hat.

Vor dem Makel des Baumes und seiner möglichen Kritik daran, muss man in dieser Sitte also keine Scheu haben, im Gegenteil. Der wohlwollende Rezipient nutzt den vermeintlichen Schönheitsfehler gern, um ihn eine andere Funktion oder eine doppelbödige Botschaft anzudichten.

So wird einer mickrigen Rotfichte kurzerhand die Absicht nachgesagt, mit ihrer zurücknehmenden Erscheinung die bunte Tapete zu betonen. Einer krummen Kiefer kann man beispielsweise eine Stilsicherheit in der modernen Einrichtung nachsagen oder auch liebevoll den schrägen Geschmack der Gastgeber ansprechen.

Einige Christbäume sind schon geschmückt- bereit, um gelobt zu werden.

Privates schauen und schauen lassen

Wer kennt dieses Bedürfnis nicht. Gerade an Weihnachten kommt man nicht umhin, beim Weihnachtsspaziergang unwillkürlich durch die Fenster in die Stuben zu spinxen. In die Schmückung des Baumes wird viel Mühe und Geld investiert.

Wie die Baden-Württemberger hört auch der Gladbacher gern ein Lob von Gästen, die beispielsweise die Wahl der hochwertigen Nordmanntanne zu würdigen wissen. Oder man inszeniert stolz den edlen Baumschmuck, der schon seit Generationen zum Familienschmuck gehört.

Wie beim “Christbaumschauen” wird hierzulande auch gelobt, wenn auch viel seltener und seriöser als beim baden-württembergischen “Christbaumloben”. Während der Feiertage feiern viele Gladbacher gern im engsten Familienkreis. Es gibt eben keine allgemeine Gruppendynamik, kein Brauchtum, mittels dessen man in fremde Stuben schauen darf.

Aber auch dem Gladbacher würde eine solche Tradition des Lobens sicher gut stehen. Schließlich stehen die Rheinländer mit ihren Büttenreden gut im Training, gerade während der Karnevalszeit. Das „Christbaumschauen“ ist ein witziges Kennenlernabenteuer, durchaus wert, um mal in der WhatsApp-Gruppe, im Verein oder unter Nachbarn auszuprobiert zu werden.

Ist das nicht eine schöne Idee? Menschen zum Christbaumloben einzuladen, gerade  wenn man weiß, dass diese um die Feiertage allein sind? Oder einfach mal zum Christbaumloben bei den Nachbarn reinzuschneien?

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