Manuele Klein, Beatrix Rey, Christel Klemke-Krocker, Gisela Schwarz, Helga Mols,Detlev Weigand, Rosemarie Steinbach-Fuß, Barbara Stewen, Edda Jende, Verena Kupper, Andrea Pandya

Unter dem mehrdeutigen Titel „es ist alles eitel“ präsentiert der Arbeitskreis der Künstler eine vielschichtige, sehr aktuelle Ausstellung. Ausgangspunkt ist ein barockes Gedicht, dass die 32 Teilnehmer aktuell interpretieren.

Text: Antje Schlenker-Kortum – Fotos: Helga Niekammer 

Ein Jahr lang haben die Künstler zu Titel und Thema philosophiert, reflektiert und produziert. Die Grundlage dafür ist dieses Gedicht:

es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:
Wo jetzt noch Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden.
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch’ und Bein,
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach! Was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind;
Als eine Wiesenblum’, die man nicht wieder find’t.
Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten!

Modernisierte Fassung des Sonett des Dichters Andreas Gryphius (1637)

Objektkasten: Detlev Weigand “Fallen Angel”

Im Katalogtext schreibt die AdK-Vorsitzende Gisela Schwarz:

„Das Sonett von Andreas Gryphius, geschrieben vor fast 400 Jahren, ist die Betrachtung der Veränderung, des Vergehens, des Wandels unter dem Eindruck des alles zerstörenden dreißigjährigen Krieges. „Eitelkeit“ bedeutete damals leerer Schein, Vergänglichkeit –das große Thema der Vanitas, die nicht aufzuhalten ist. Mit Einbeziehung der Hybris, der Selbstüberschätzung.” 

Die Inspiration zum Titel und Thema kam Gisela Schwarz, als sie Bartholdy hörte und das Gryphius- Gedicht las. Schwarz, die selbst ein Foto beigetragen hat, empfindet dabei „die absolute Trauer, die Melancholie, dieses auf dem Boden liegen und dazwischen Phönix aus der Asche, kleine Hoffnungsschimmer“.

Skulptur links: Gisela Heudorf „Fall und Aufstieg”,
Fotografie daneben: Gisela Schwarz „ÜBER leben”,
Installation auf Sockel: „Die Erde ist meine Mutter”, Maria Schätzmüller-Lukas,
Installation ganz rechts Friedrich Förder „Unter dem Knüppeldamm”

Für die meisten Betrachter ist zuerst der Titel von Werk und Ausstellung ein Schlüssel zum Verständnis. Nun suggeriert der Titel „alles ist eitel“ den meisten von uns jedoch etwas völlig anderes als Vergänglichkeit.

Im Zweifel ziehen wir Wikipedia zu Rate:

Eitelkeit (lat. vanitas) ist die übertriebene Sorge um die eigene körperliche Schönheit oder die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters. (…) Eitelkeit hat auch die abweichende, ursprüngliche, aber heute veraltete Bedeutung: Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Leere und Vergeblichkeit.

Beim Gespräch mit Schwarz und mit einigen anwesenden Künstlern wird klar, dass die Künstler des AdK eine ganz umfassende, erfrischend selbstbezügliche Sicht darauf entwickelt haben.

Mary Bauermeister, „Memento Mori, Memento Mary“

Eine Installation aus dem Jahr 1969, eine Zeit, voller Umbrüche. Das Werk als Statement im Kontext der Ausstellung betrachtet, könnte suggerieren, dass man sich auf den Plätzen der 68er längst nicht niederlassen kann und dass ein Gedenken nicht ausreicht, sondern, dass darauf aufgebaut werden muß. Mary Bauermeister gilt heute als eine der wichtigsten Akteurinnen des Fluxus und ist nach wie vor kritisch und aktiv.

Helga Mols „Veónica“

Eine interessante Neuinterpretation des Grabtuchs der Veónica von Francisco de Zurbarán. Mols vergilbtes Baumwolltuch zeugt von scheinbar banalen “biochemischen Prozessen, die Früchte (beispielsweise beim Einkochen) als Press-Abbild auf dem Baumwolltuch hinterlassen”. Dennoch denken wir an „Sterben, Verlust und an die Lücke die jemand hinterläßt“. Das uralte Vergänglichkeitsbild gärt in Mol jedoch weiter zu einer Gesellschaftskritik, denn „wir bedienen uns selbstverständlich, je nach dem, was es uns nutzt, am Leben, dass uns hilft, uns selbst am Leben zu erhalten.“

Edda Jende, „Lebensbrücke“

Eine Installation mit poetischen Details, eine Metapher für individuelle „Aus- und Rückblicke von Geburt zum Tod”. Zugleich könnte man auch eine gesellschaftliche Vision darin sehen, ein Weg von einem Dasein in ein Anderes. Ein hoffnungsvolles Bild, das den Bogen spannt “zwischen Zeit und Ort und einen Weg, den man gehen muß, ganz gleich wie beschwerlich er ist”. Links im Hintergrund Christiane Klapdor, „Das Ei ist ein Ei ist ein Ei”

Heike Kehres-Woost, „Metamorphose“

 „Metamorphose” (ganz rechts im Bild) ” ist ein abstraktes Werk, dass man von nahem betrachten muß. „Eisen oxidiert, verwandelt sich” und sie als Künstlerin steuere den Zufall, erläutert Kehres-Woost. Dann bearbeite sie den Verwandlungsprozess, der der gleiche sei,  der in jeder Zelle und in allen Dingen stattfinde. Sie wuchs im Ruhrgebiet auf, daher habe sie eine sinnliche Beziehung zu Eisen und zum industriellen Verfall.

Skulptur links im Bild: Andrea Pandya „Seelenwert”

Bild mittig: Yoko Suzuki-Kämmerer „Zeichner unbekannt”

Barbara Stewen, „Es ist angerichtet”

Eine Kulisse zum Gedicht „was dieser heute baut, reißt jener morgen ein“? Durch das Fenster deutet sich die Rückgewinnung der Natur bereits an, ganz wie im Gedicht „wird eine Wiese seyn“. Die Fotografin hat eines ihrer Fotos von maroden Häusern in Polen ausgewählt und dem Verfall sprichwörtlich ein Gesicht gegeben; sie hat einen selbstgemalten Betrachter nachträglich in das Foto eingefügt.

Rosemarie Steinbach-Fuß, „Melancholie“

Das Gemälde rechts im Bild: Eine Allegorie für die schöpferische Kraft der Natur. Wir sehen „den Körper einer Mutter, vom Leben gezeichnet, gepeinigt, um Halt ringend, auf einer Mauer balancierend. „In Traurigkeit aber entschlossen, sehe sie herab auf das Werk des Menschen.

Links im Bild die Malerei von Gisela Eich-Brands, „Was jetzt?” mit der Einladung ihm einen Stempel aufzudrücken, der auf dem Sockel bereitliegt.

Andrea Pandya „Seelenwert“

Die Künstlerin hat einen Expertenblick auf unsere Eitelkeit, denn sie ist Maskenbildnerin. Sie liebt die Weiblichkeit und sie hat eine verständnisvolle Sicht darauf. Ihre Installation stückelt collagenhaft ein chimärengleiches Objekt aus äußerlichen Wertbegriffen und inneren Selbstbildern.

Christel Klemke-Krocker, Der Wald stirbt – der Wald lebt.

Diese abstrakte Malerei thematisiert Vergänglichkeit, ein Revival des barocken Vanitas-Motivs. Auch diese Künstlerin setzt damit ein Statement zum „Klimawandel mit katastrophalen Folgen“ und bietet eine Hoffnung darauf, daß „die Natur sich langsam erholt und erneuert.“ (Katalog)

Verena Kupper, „Es ist kurz nach zwölf“

Die Künstlerin brennt ein dramatisches Bild von der Erde in unser Bewußtsein. Mit stilistisch verwendeten, selbstredend – sinnlichen Materialien, wie verbranntes Papier und Asche, schichtet sie ein eingängiges Bild einer fragilen, düsteren Welt, dass uns ganz offensichtlich mahnen soll.

Beatrix Rey, „Die große Trockenheit“

Die Künstlerin ist wie viele Künstler der Geschichte sehr naturverbunden, eine Haltung, die heute jedoch zwangsläufig eine gesellschaftskritische Auseinandersetzung abverlangt. Der dürre Zweig wird zum Statement inszeniert und zugleich ist er mahnend melancholisches Sinnbild. Klimawandel ist gewissermaßen ihr Kernthema. Rey arbeitet aus Überzeugung überwiegend mit Naturmaterialien oder mit Fundstücken, die sie am Rhein findet. 

Daneben das Gedicht „Es ist alles eitel”.

Manuele Klein, „…aequalitas“

Malerische Gestalten auf Acryl in rot-schwarzen Strukturen, dahinter Texte in Weiß zu den symbolischen Bedeutungen der Farben. Alles installativ auf verschiedenen Ebenen arrangiert und als Schattenprojektion inszeniert.  Ein Blickwechsel auf „Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn“? Im Vordergrund Manuele Klein und Detlev Weigand

Viele der AdK-Werke zeugen von einem gefühlt aufkommenden Revival der Vanitas-Motive. Vielleicht ja, weil Vergänglichkeit ein Grundthema aller Kunst ist. Sicher auch weil ein Statement gegen die Zerstörung von Natur und Lebensraum ein dringliches Anliegen der Künstler ist.

Der Ausstellung gelingt es, omnipräsente, aber existentielle Themen, wie vor allem den Klimawandel, in ein weites Sichtfeld einzuordnen und ihn damit vor abschleifender Polemik zu schützen. Die Verwendung des Titels „es ist alles eitel“ ist also ein interessanter Kunstgriff.

Zur Ausstellungseröffnung am Sonntag findet eine Performance statt, mit einer Tänzerin und drei Musikern, die zum Thema „es ist alles eitel” entwickelt wurde. Inhaltlich ginge es es um den Wandel der Zeit, eines Menschen und seines Bewusstseins verrät Schwarz im Gespräch mit Detlev Weigand, einem der Musiker.

Tänzerin und Töne mit teils sogar „kämpferischen Anklängen” thematisieren Menschliches, Krieg und den Wandel der Zeit, schwärmt Gisela Schwarz.

Auch die Lesung von Jürgen Becker „Jetzt die Gegend damals” sei unbedingt ans Herz gelegt. Zur Finissage wird es ein Konzert der Gebrüder Lippstein geben, aber dazu später mehr.

Rechts im Bild: Christiane Burlons Diptychon, „human architecture” spiegelt sich nicht nur inhaltlich. Darin wird Architektur, erdacht nach dem Vorbild der menschlichen Anatomie malerisch gegenübergestellt.

Links im Bild Petra Christine Schiefer, „Wahn-itas. Fotografie mittig: Magret Schopka, “Intarsia”

Ausstellungsort: Kulturhaus Zanders, Hauptstraße 267-269, 51465 Bergisch Gladbach

Ausstellungsdauer: bis zum Sonntag, 14. April 2019

Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags, sonntags von 15 bis 18 Uhr

Vernissage:

Sonntag, 17. März 2019, 11 Uhr

Begrüßung: Christine Burlon, AdK-Vorstand
Einführung: Gisela Schwarz, Kulturjournalistin
Lesung: Jürgen Becker „jetzt die Gegend damals“
Performance: Christiane Budden (Tanz), Manuele Klein + Detlev Weigand, Hans Gressler + Stefan Albus (Musik)

teilnehmende AdK-Künstler:

Mary Bauermeister Christiane Budden, Christine Burlon, Gisela Eich-Brands, Martin Elsässer, Renate Fischer, Sigrid Fischer, Friedrich Förder, Ursula Henze, Edda Jende, Heike Kehres-Woost, Christiane Klapdor, Manuele Klein, Daphna Koll, Eneka Kramer-Razquin, Helga Mols, Andrea Pandya, Alo Renard, Beatrix Rey, Yoko Suzuki-Kämmerer, Dagmar Sachse, Maria Schätzmüller-Lukas, Petra Christine Schiefer, Gisela Schwarz, Elisabeth Schwamborn, Barbara Stewen, Detlev Weigand

teilnehmende Gastkünstler:

Eckard Alker, Boris Becker, Jürgen Becker (Lesung), Rango Bohne, Wiebke Dallmayer-Böhm, Margret Schopka, Hans Gressler + Stefan Albus (Musikperformance), Manuel + Rafael Lippstein (Konzert zur Finissage)

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5 Kommentare

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  1. Text: Antje Schlenker-Kortum – Fotos: Helga Niekammer
    Vielen vielen Dank für die sehr ausführlichen Informationen und die professionellen Fotos zur Ausstellung !!!
    Freue mich auf die Ausstellung, die ich mir jetzt gut vorbereitet ansehe …

  2. Ein gelungener Artikel und eine prima knackige Einführung in das doch sehr vielschichtige und komplexeThema “es ist alles eitel”.
    Sehr herzlich bedanke ich mich, dass die Autorin Antje Schlenker-Kortum in diesem Bericht so einfühlsam auf die einzelnen Werke eingeht.
    Auf ihre Beiträge möchte ich in der regionalen Kulturbetrachtung nicht mehr verzichten!

  3. Vielen Dank, für die sorgsame und sehr ausführliche Herangehensweise in dem
    Artikel über diese besondere Ausstellung.

    Grossartig geschrieben!!

  4. Toller, sehr ausführlicherArtikel und eine sehr positive Resonanz auf die Ausstellung „es ist alles eitel“!
    Vielen Dank, Antje

  5. Der Bericht ist so sorgsam geschrieben,
    so präzise recherchiert, und die künstlerischen Aussagen verständlich wiedergeben. Herzlichen Dank an Frau Antje Schlenker Kortum und an Helga Niekammer für die Fotografien