Lisa Müller ist Opfer moderner Heiratsschwindler geworden. Am Tag des Kriminalitätsopfers macht sie zusammen mit der Polizei auf diese perfide Betrugsart aufmerksam und erzählt ihre sehr persönliche Erfahrung mit dem „Romance Scamming” – das kaum bekannt, aber weit verbreitet ist.

Lisa Müller war eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Jetzt sitzt die Mitte, Ende 50-Jährige, die eigentlich anders heißt, an einem runden Tisch in der Polizeiwache Bergisch Gladbach. Um sie herum eine Handvoll JournalistInnenen, denen sie erzählt, was noch nicht einmal ihre Familie und Freunde wissen: Lisa Müller ist einer Bande „romantischer Betrüger” zum Opfer gefallen.

Diese Form des Betrugs, das sogenannte Romance Scamming, wird in der Öffentlichkeit kaum thematisiert, obwohl sie bereits seit 2005 bekannt ist. Deshalb möchte die Polizei am heutigen „Tag des Kriminalitätsopfers“ darauf aufmerksam machen.

„Straftaten, die wie diese im Verborgenen stattfinden, sind nicht weniger brutal als solche, die in der Öffentlichkeit geschehen“, sagt Pressesprecherin Sheila Behlert. „Romantischer Betrug geht massiv an die Psyche und verursacht meist auch einen hohen materiellen Schaden.“ Viele Fälle kommen nie zur Anzeige, weil sich die Betroffenen schämen.

Auch Lisa Müller wäre von alleine wohl nicht zur Polizei gegangen.

Jeden Tag mehr Nachrichten

„Der erste Kontakt lief über Instagram“, erzählt Müller. Das war im August 2018. Ein Mann beantragte, ihrem auf privat gestellten Profil zu folgen. Sie schaute sich sein Profil an: ein ganz normaler Kerl in ganz verschiedenen Kontexten, kein besonderer Schönling. Sie schaltete ihn frei.

Irgendwann schrieb er ihr, sie antwortete. Alles auf Englisch. Der Mann, mit dem Müller glaubte zu schreiben, behauptete, mit seiner Familie aus den USA nach Deutschland gekommen zu sein; er arbeite für die Army, sei mittlerweile geschieden und seit 2007 in Kabul stationiert.

Jeden Tag wurden es mehr Nachrichten. Er wünschte ihr einen guten Morgen, schrieb ihr, wie toll sie sei; bald sprach er von Liebe.

„Im Nachhinein frage ich mich natürlich schon, wie er sich so viel Zeit genommen hat, um mit mir zu schreiben“, sagt Müller.

Opfer werden emotional abhängig gemacht

Wahrscheinlich waren es viele verschiedene Menschen, die Müller schrieben, sagt Claudia Kammann, Leiterin des Kriminalkommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz. Romantische Betrüger seien in der Regel Banden, viele agierten aus West-Afrika. „Wir rechnen das der organisierten Kriminalität zu“, sagt Kammann.

Das Internet macht es den Kriminellen leicht. Die Kontaktaufnahme erfolgt über soziale Netzwerke wie Instagram oder Facebook, über vernetzte Computer-Spiele und Partnerschafts-Plattformen. Betroffen sind überwiegend Frauen in den 40ern, 50er, aber auch Männer und ältere Menschen – „sie versuchen es einfach pauschal und gucken, wer antwortet“.

Diejenigen, die reagieren, werden dann permanent angeschrieben, umgarnt und schließlich emotional abhängig gemacht. Das kann sich durchaus über Wochen oder Monate ziehen. „Diese Leute sind geschult, sie merken, wann jemand eingespannt ist“, sagt Kammann.

Dann weisen sie auf ein Problem oder eine vertrackte Lebenssituation hin, sagen, dass sie Geld brauchen. Die Opfer sind zu dem Zeitpunkt emotional schon so gebunden, dass sie nicht das Gefühl haben, einer oder einem Fremden Geld zu überweisen.

„Da ist jemand, der mag mich und braucht meine Hilfe“

So kam es auch bei Lisa Müller. Nach vier, fünf Wochen, es war Mitte September, schrieb der „Amerikaner“: Als er nach Kabul ging, habe er seine wichtigsten Habseligkeiten in Großbritannien eingelagert. Jetzt habe er Nachricht erhalten, dass die Einlagerungsfrist auslaufe. Er wisse nicht, wo er die „versiegelte Familienschatzkiste“ hinschicken könne. Wenn er nicht in zwei Tagen eine Lösung hätte, würde alles verloren gehen.

Müller fühlte sich gedrängt, Hilfe zu leisten. „Ich bin bisher immer ein sehr hilfsbereiter Mensch gewesen. Und da ist jemand, der mich mag, mich sogar liebt, angeblich, mit dem ich mich verstehe, und der braucht meine Hilfe.“

Sie sei schon verliebt gewesen in die Person, mit der sie glaubte zu schreiben. Er habe Weihnachten zu ihr kommen, sie endlich kennenlernen wollen.

Nachdem Müller sich bereiterklärt hatte, das Paket anzunehmen, erhielt sie eine E-Mail. Die Lieferfirma schrieb, sie müsse einen dreistelligen Betrag überweisen, damit sie die Sendung losschicken könnten.

Müller schließt die Augen, drückt die Lippen aufeinander.

Sie schrieb ihrem Freund. Er antwortete mit großer Verzögerung. Der Druck, etwas tun zu müssen, wuchs mit jeder Minute. Dann endlich schrieb er, dass er ihr das Geld zurückzahlen würde. Müller tätigte die Überweisung, erhielt eine Bestätigung über die Zahlung. „Und dann nahm der ganze Horror seinen Lauf“.

Die angebliche Lieferung bliebt am Londoner Flughafen hängen, am Berliner Flughafen, in Köln. Das Bundesministerium der Finanzen, Interpol, die „Anti Terrorist Unit“ verlangten weitere Zahlungen, immer höhere Beträge. Müller erhielt jedes Mal ein Zertifikat, täuschend echt wirkende Fälschungen verschiedenster Behörden.

„Die Horrormails von dieser ‚Company‘ kamen immer zum späten Abend hin, und immer, wenn ich sie aufgemacht habe, dachte ich, ich sterbe gleich. Es wurde immer schlimmer. Aber ich habe immer noch geglaubt, dass alles seine Richtigkeit hat.“

Irgendwann Mitte Dezember kam Lisa Müller an den Punkt, dass sie nicht mehr zahlen konnte. Die „Company“ ließ nicht locker, schrieb, es liege ein Haftbefehl gegen ihren Kontakt vor, sie würde Schwierigkeiten bekommen, man müsse ihre Daten offenlegen.

Doch dann erhielt sie einen Brief von der Polizei. Eine Einladung zur Zeugenaussage. Erst da wurde ihr klar: Sie war Opfer eines Betrugs geworden.

Zum Verständnis: Banken sind nach dem Geldwäschegesetzt verpflichtet, auffällige Zahlungen zu melden. Überweist jemand wie Lisa Müller innerhalb kurzer Zeit hohe Summen auf verschiedene Konten, erwächst der Verdacht auf Geldwäsche oder Terrorfinanzierung.

Müller war geschockt. Dann begann sie zu recherchieren. Sie fand eine Menge Foren, die sich mit dem Thema Scamming beschäftigen, die Fake-Profile aufdecken, auf denen man auch verdächtige Personen melden kann.

Sie gab den Namen der „Company“ mit dem Schlagwort Scamming bei Google ein und fand einen Eintrag, der sie als Fake entlarvte. Und noch etwas fand sie heraus: Die unauffällige Webseite der angeblich britischen Firma war in Ghana gemeldet.

Schaden im sechsstelligen Bereich

Die Täter sitzen im Ausland, agieren mit Verschleierung – deutsche Handynummern, englische Webseiten. Genau das macht die Ermittlungen so schwer, sagt Kommissarin Kammann. Sie kann auch keine genauen Zahlen nennen, weil „Romance Scamming” schlicht als Betrug aufgenommen wird.

Sie schätzt, dass die Zahl angezeigter Fälle letztes Jahr im einstelligen Bereich lag – die Schadenssumme dafür meist im sechsstelligen Bereich. „Die Täter rechnen den finanziellen Ruin ihrer Opfer mit ein“, so Kammann.

Psychische Belastung ist groß

So schlimm ist es bei Lisa Müller glücklicherweise nicht gekommen, aber auch sie hat bei der Geschichte eine sechsstellige Summe verloren. Einen Teil konnte sie über die Bank zurückholen, das meiste ist weg.

Weitaus belastender sind aber die psychischen Folgen. Müller „funktioniert“ weiter, geht zur Arbeit. Der Alltag alleine zu Hause fällt ihr schwer.

„Ich habe mich sehr stark zurückzugezogen, weil ich mit niemandem darüber reden kann“, sagt sie und schluckt. Hinzu kommen Selbstvorwürfe: „Ich bin von mir selbst enttäuscht, dass ich nicht nachgedacht habe, dass ich so vernebelt war.“

Behlert erinnert sie daran, dass sie manipuliert worden ist, Kammann fügt hinzu: „Ist der  Kopf einmal ausgeschaltet und das Herz angesprochen, ist man emotional nicht mehr in Lage, die Alarmsignale wahrzunehmen.“ Genau deshalb ist es ihr so wichtig, Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken. Und genau deshalb hat sich Müller auch dazu entschiedene, ihre Geschichte öffentlich zu machen.

Jetzt versucht sie, ihren Weg wieder zu finden, mit der Sache klarzukommen. Und bald wieder die Frau zu sein, die mit beiden Beinen im Leben steht.

Wie kann ich mich schützen?

  • In sozialen Netzwerken und Partnerschafts-Plattformen prüfen: Wer sieht mein Bild und meine Daten?
  • Gesonderte E-Mail-Adresse anlegen
  • Neue Kontakte kritisch prüfen, bevor emotionale Bande geknüpft sind
  • Ist das Profil erst wenige Tage alt?
  • Ist die Person auf dem Profilbild „zu schön um wahr zu sein“, das Foto eventuell sehr klein und unscharf?
  • Gibt es nur wenige Fotos, vielleicht sogar nur das Profilbild?
  • Wird das Foto auch auf anderen Seiten verwendet? (Google Bildersuche, Tineye.com, yandex.com, Sherlock, Forensics)
  • Suchmaschinenanfrage: „Profilname+Scammer”
  • Scammerforen aufsuchen
  • Gefühlscheck: Was würde ich meinen Freunden raten, wenn sie in meiner Situation wären?
  • Kein Geld überweisen
  • Keine Briefe oder Päckchen annehmen, weiterleiten oder selbst schicken
  • Keine Ausweise und andere Dokumente in Kopie übersenden (Missbrauch für Betrügereien)
  • Keine sensiblen Daten und intimen Fotos senden (Erpressung)

Was kann ich tun, wenn ich Opfer geworden bin?

  • Zahlungen versuchen rückgängig zu machen
  • Kontakt abbrechen
  • Scammer dem Netzwerk melden, über das er oder sie Kontakt aufgenommen hat
  • Chats, Überweisungsbelege etc. sichern
  • Strafanzeige bei der Polizei erstatten – wichtig, wenn die Bank den Verdacht der Geldwäsche erhebt!

Spezielle Hilfestellen für die Opfer von Romance Scamming gibt es nicht. Mögliche Anlaufstellen sind:

  • Lebensberatungsstellen
  • Schuldnerberatung
  • PsychologInnen

Laura Geyer

Journalistin. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg, ein Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro. Jetzt glücklich zurück in Schildgen.

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5 Kommentare

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  1. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll, ich bin an einen solchen Betrüger geraten. Es fällt mir schwer darüber zu schreiben, ich habe gerade eine Sendung im Fernseher hierzu gesehen, ich weiß, dass ich traumatisiert bin von dieser Aktion, gern würde ich anderen Frauen helfen, ich habe 70000 € verloren und meine komplette Familie.
    Gerade sehe ich, dass ich wohl nicht allein mit dieser Geschichte bin, ich bitte um Hilfe und was kann man tun,was tun andere. Wo kann man Hilfe bekommen

  2. Auch gibt es vergleichbares Männer sind auch Opfer.Es gibt beiderlei Geschlecht die ihre Freunde anpumpen Kredite bei der Bank nehmen und am Ende nicht wissen wie sie es bezahlt bekommen.Ich wurde auch schon in dieser Form angeschrieben aber ich habe eine eingebaute Sirene die reagiert sehr schrill sobald das Wort Geld fällt.Irgendwann habe ich zufällig gelesen das es diese Foren gibt und ich arbeite jetzt für eines als Lockvogel denn die bedienen sich gerne älteren allein stehenden Frauen von denen sie glauben sie sind leichte Opfer und so ist es leider auch.Ich bin nach 51 Jahren glücklicher Ehe sicher weniger gefährdet als einer der das Glück nie kenne gelernt hat.Viele habe ich kennen gelernt, die leider erst nachdem sie nichts mehr hatten, wach wurden.Viele dieser Lumpen haben wir schon zur Strecke gebracht und es wird ja auch öffentlich gemacht.Eine unserer Mitstreiterinnen und Opfer hat ein Buch geschrieben das vielen helfen könnte kein Opfer zu werden.Diese Mitstreiterin arbeitet als Mentorin also nicht unerfahren und doch Opfer.DA kann man sehen was die für eine Gehirnwäsche Die Betrüger klauen Bilder aus dem Internet,ich hatte schon mal das Foto von Markus Söder in Wirklichkeit stecken da Schwarzafrikaner hinter Hauptsächlich aus Ghana und Nigeria
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    schauen Sie auch https://www.romancescambaiter.de da sind mehr als tausend Betrüger gelistet

  3. Mein Mitleid hält sich in Grenzen,andauernd wird in Zeitungen und im Fernsehen vor diesen Betrügern gewarnt.Eine komplette Sendung XYZ und fast jeden Monat in RTL und in RTL2. Wer es den Tätern so leicht macht muss sich nicht wundern da sind doch die Männer nicht alleine Schuld.Es gibt genügend Foren in denen man sich informieren kann. http://www.romancescambaiter.de ist eine und da gibt es viele mehr.Hier könnt Ihr die Lumpen in Massen finden.Foto geklaut von ehrbaren Bürgern kommen die Täter aus Ghana und und Nigeria.

  4. Ich habe keine Ahnung, ob es Vergleichbares mit Männern gibt. Ich wäre auch kein gutes Opfer, weil ich seit 38 Jahren glücklich verheiratet bin und vermute, diese Masche zieht nur bei Menschen, die einsam sind. Trotzdem ist mein Erstaunen sehr groß, dass so etwas bei all den Verbrechen, die täglich auf solche Weise begangen werden und der entsprechenden Warnungen, die auch täglich in der Zeitung stehen, geschehen kann. Gehört nicht ein sehr großer Schuss Naivität dazu, sich derart einwickeln zu lasse. Ich gratulier Frau Müller, dass sie den Weg zur Polizei gefunden hat und diese Praktika nun anprangern kann. Gleichzeitig aber möchte ich raten, die Finger von jeder Art sozialem Netzwerk zu nehmen, denn nicht nur auf die hier geschilderte Art und Weise werden die Nutzer hinters Licht geführt, die einschlägigen Anbieter begehen täglich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Daten zahlreiche Verbrechen, die nicht oder zu wenig bekämpft werden.

  5. Auch ich hatte einen angeblichen Soldaten aus Kabul kennen gelernt. Genau die gleiche Masche. Jeden Morgen gegen 4 Uhr bekam ich Liebeserklärungen.Doch man konnte erkennen,das diese aus einem Übersetzungsprogramm waren, obwohl er sagte das er in Deutschland geboren war. Ich würde skeptisch und habe alles im Internet gefunden. Die angebliche Masche mit dieser Kiste usw. Zum Schluss hat er noch Geld haben wollen, weil angeblich seine Tochter in England total krank ist. Da habe ich ihn auf unsere deutsche Krankenversicherung hingewiesen. Habe aber auch direkt danach allen Kontakt gelöscht. Und habe Gott sei Dank nie einen Cent bezahlt