In Brügge haben internationaler Künstler für fünf Monate –  und nicht für „einige Tage oder Wochen” – im Rahmen der Triennale 2018 beeindruckende Werke präsentiert.

Zum ersten Mal beteiligt sich Bergisch Gladbach an dem Projekte „Urbane Kunst trifft Nachhaltigkeit” des Eine Welt Netz NRW. Klaus Hansen hat sich die Ausschreibung angeschaut und einen kritischen Offenen Brief verfasst. 

Dokumentation

Betrifft die Ausschreibung: Urbane Kunst trifft Nachhaltige Entwicklung

Ein Offener Brief an die Künstlerinnen und Künstler in Bergisch Gladbach – und alle Beteiligten in Verbänden, Verwaltung und Politik.

Wer in unserem Land hat noch nicht wahrgenommen, dass wir auf dem Weg sind, unsere Lebensgrundlagen, unser Ökosystem zu zerstören? Und wer weiß denn nicht, dass dringend mehr getan werden muss, um die Ziele der großen Klimakonferenzen zu erreichen?

Eine Kunstaktion zur Nachhaltigen Entwicklung. Warum?

Die 17 Ziele der Agenda 2030 (formuliert 2015) sind die wichtigsten Ziele, die wir als verantwortungsvolle Menschen heute anstreben müssen.

Die meisten Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt  – (und wir sensiblen Künstlerinnen und Künstler sowieso, sonst würden wir ja nicht aufgefordert werden) sind gut informiert. Viele sind sich im Klaren darüber, dass jeder von uns seinen Lebensstil ändern muss.

Schließlich sind alle Medien seit langer Zeit voll mit Informationen, selbst die Boulevardmedien. Niemand kann heute noch behaupten, er habe noch nichts von Armut und Hunger, von Luft- und Wasserverschmutzung, dem Verlust an Biodiversität, dem Raubbau an Ressourcen, dem Klimawandel und seinen bedrohlichen Folgen, gehört.

Und ich gehe davon aus, dass alle Mitglieder des Stadtrates und natürlich auch alle Verantwortlichen in der Verwaltung die sich dramatisch zuspitzenden Probleme unserer Welt sehen.

Informationen, Bewusstsein und Engagement sind vorhanden

Die Putzwoche mit rund 1.300 Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen ist ein guter Beleg für das Wissen und das Engagement.

Welche Zielgruppe also soll durch „… große öffentliche Kunstwerke (…), die die Stadt interessanter gestalten und zum Nachdenken über die Herausforderungen der Agenda 2030 anregen sollen …“ erreicht werden?

Und „Wichtig ist dabei, dass das spätere Kunstwerk im öffentlichen Raum entsteht und zum Nachdenken und Diskutieren einlädt.“ Wen? Diejenigen, die den Klimawandel verharmlosen oder gar leugnen? Diese Zielgruppe schaut sich ein Kunstwerk an und versteht?

Ein Werk der ausgewählten Vorschläge soll „prinzipiell temporär (…) einige Tage oder Wochen in der Öffentlichkeit zu sehen sein.“ Das klingt nicht sehr nachhaltig.

Zögerliches Handeln der Politik

Deutschland verfehlt deutlich die festgelegten Ziele für 2020. Ein Trauerspiel. Eine effektive Abgas- und Feinstaubreduzierung durch Tempolimits wird vom Verkehrsminister blockiert. Die zunehmende Nitratbelastung des Grundwassers durch Gülle aus der unerträglicher Massentierhaltung sowie der Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und Insektiziden werden durch die zuständige Ministerin nicht verhindert.

Die Verschmutzung der Meere durch Plastik, Mikroplastik im Wasser, in Meeresbewohnern, in der Landschaft und in der Nahrung nimmt dramatisch zu. Wir kennen alle die Meldungen und die Bilder.

Seit vielen Jahren warnen weltweit Wissenschaftler und schlagen Lösungen vor. Politik muss schneller entscheiden, entschiedener handeln. Das ist ihre ureigenste Aufgabe. Das eingeforderte bürgerschaftliche Engagement läuft ins Leere, wenn Politik ihre Hausaufgaben nicht macht.

Großes Engagement der Jugend

Die kleinen Schritte, die Zaghaftigkeit und Ausreden der Politik haben zu den Protesten der jungen Menschen mit „Fridays for Future“ und zu „Plant for the Planet“ geführt. Sie fordern die Energiewende, die Verkehrswende, Luftreinhaltung, mehr Aufforstung. Sie gehen auf die Straße, um der Politik Beine zu machen.

Politiker antworten mit Formalien zur Schulpflicht („die Regeln einhalten“), machen schlaue Ratschläge („…den Profis überlassen“ – gerade die machen seit Jahren Vorschläge, nur die Politik hält sich nicht an die Spielregeln) oder sie verlangen von den jungen Menschen konkrete Vorschläge zur Lösung der Probleme, anstatt selbst aktiv zu werden.

Politisches Handeln ist angesagt

Unsere Politiker haben offensichtlich mehr Angst vor Stimmenverlusten bei Wahlen als vor der Zerstörung unserer Umwelt. Denn wir erleben Mutlosigkeit und Zaghaftigkeit, wo Mut und Entscheidungsstärke gefordert ist. Viele Bürgerinnen und Bürger sind weiter.

Wie sieht es in Bergisch Gladbach mit Nachhaltigkeit aus?

In der Stadt der Schirmherrschaft für diese Kunstaktion steht Nachhaltigkeit nicht auf der To-Do-Liste, schon gar nicht auf der Prioritätenliste. Zur Erinnerung ein paar Beispiele:

  • In der neu zu gestaltenden Fußgängerzone in Bensberg werden fast 100 Parkplätze und natürlich die Durchfahrt geplant. Mehr Lärm- und Abgasemissionen. Sinnvoll? Nachhaltig? Nein.
  • Betonierung des Forumparks in der Maria-Zanders-Anlage, um Flächen für Kirmes und Public Viewing vorzuhalten. An dieser Stelle wäre eine durchgehende Grünanlage als Kulturpark von der Villa Zanders bis zum Forum eine großartige Lösung für kommende Generationen gewesen. Stattdessen ist der Boden versiegelt worden. Nachhaltigkeit?
  • Duckterath: Geplant ist die Umwandlung einer Brache zu einem Parkplatz. Der Park&Ride-Platz ist gut, notwendig. Aber nachhaltig ist das Parken in einer Parkpalette mit drei Ebenen, nicht das Parken auf der dreifachen Fläche. Die könnte eine Wildblumenwiese werden.
  • Der Autoverkehr wird nach wie vor bevorzugt. Die Umsetzung des vorliegenden zukunftsweisenden Mobilitätskonzeptes mit mehr Radverkehr und einem verbesserten ÖPNV wäre nachhaltiges Handeln.
  • Driescher Kreisel und die Flächen rundherum: Statt fröhlicher Blumen wächst Wüstengras aus dem Split. Nachhaltig? Wohl kaum.
  • Es gibt noch immer keine städtische Aktion zusammen mit Cafés und Fastfood-Ketten gegen die Coffee-to-go-Becher-Plage.

Fazit

Ich gehe sicher nicht fehl in der Annahme, dass Künstlerinnen und Künstler nur vor den Karren gespannt werden, um eine PR-Aktion zu starten. Nicht, um politische Handeln vor Ort auszulösen. Eine PR-Aktion in einer Stadt, die die meisten Kriterien für Nachhaltigkeit nicht erfüllt.

  • Die 2015 definierten 17 Ziele sind vielen Menschen sehr bewusst
  • es gibt keine wirkliche Zielgruppe – außer der allgemeinen
  • lediglich ein Kunstwerk soll temporär aufgestellt werden

Möglichst viele Künstlerinnen und Künstler sollen sich konzeptionell mit den 17 Zielen auseinandersetzen, ihre Ideen und Übersetzungen vorstellen. Und dann wird ein Kunstwerk ausgeführt, das für einige Wochen „die Stadt interessanter gestaltet“. Und dabei geht es doch wirklich um existentielle Ziele.

Warum ich die PR-Aktion nicht unterstütze

Liebe Kollegin, lieber Kollege, die möglicherweise gut gemeinte Aktion dient meines Erachtens vor allem dazu, ein paar nette PR-Bilder zu produzieren. Aktionismus. Man schmückt sich mit Kunst.

Die Initiatoren werden sich mit den Ideen der Künstlerinnen und Künstler abbilden lassen, die Initiatoren werden sich gegenseitig feiern und auf Medienresonanz hoffen. Dann wird ein Werk – ein (!) Werk – aufgestellt. Nur – die Situation in Bergisch Gladbach (und woanders) wird sich auf diese Weise nicht ändern.

Und so bleibt ein schaler Beigeschmack nach dem Motto: „Wir ändern zwar nichts, aber es ist schön, dass wir mal darüber geredet haben“.

Sinnvolles Engagement unterstützen

Deswegen unterstütze ich die Bewegung „Fridays for Future“. So wie Tausende von Eltern, Großeltern und Wissenschaftlern. Die jungen Menschen haben die ganze Problematik unserer Bedrohung im Blick. Und sie drücken auf das Tempo. Ich hoffe, sie werden Politik nachhaltig verändern. Vielleicht gelingt es sogar, auch der Politik in unserer Stadt auf die Sprünge zu helfen.

Mit freundlichen Grüßen,

Klaus Hansen
Designer, Fotograf und Kommunikationsberater

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Klaus Hansen

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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1 Kommentar

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  1. Ihr Offener Brief zur Ausschreibung „Urbane Kunst trifft Nachhaltige Entwicklung“

    Sehr geehrter Herr Hansen,

    vielen Dank für die Zusendung Ihrer Gedanken zu der Ausschreibung und der kritischen Reflexion zum Stand der Nachhaltigkeit in der Stadt. Auch mich treibt dieses Thema sehr um, so dass ich froh war, dass Bergisch Gladbach in diesem Jahr offizieller Kampagnenort von „Weltbaustellen NRW“ ist. Natürlich reicht eine Kunstaktion nicht aus, um auf alle offenen und zu bearbeitenden Punkte hinzuweisen. Daher ist diese eingebettet in eine Reihe von Veranstaltungen zu Thema Nachhaltigkeit und Globale Nachhaltigkeitsziele. Diese dienen der Vernetzung der bereits aktiven Bürger*innen unserer Stadt und der Sensibilisierung bzw. Mobilisierung weiterer.

    Die Kunstaktion ist ein sehr wichtiger Baustein in diesem Prozess, da sie zur kritischen Auseinandersetzung mit dem eigenen Tun anregen soll. SIe kann aber auch genau die Lücken aufzeigen, die Sie in Ihrem Brief beschreiben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Christian Gollmer