Unsere frühsommerlichen Buchtipps: Ein schneller Krimi aus Nigeria, ein Glanzstück der leisen Zwischentöne und eine Geschichte von Verlust, Trauer und Neubeginn.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin.
Blumenbar 2020, € 20,00.

Die junge nigerianische Autorin legt mit ihrem Debütroman einen Thriller der besonderen Art vor. Sie hat im englischsprachigen Raum zahlreiche Preise dafür abgeräumt und stand u.a. auf der Shortlist für den renommierten Booker Price.

Erzählt wird die Geschichte von Korede, einer jungen ambitionierten Krankenschwester im heutigen Lagos. Als bitterbösen Nebeneffekt zu ihrem verantwortungsvollen Job avanciert sie ungewollt zur Tatortreinigerin.

Gleich zu Beginn des Buches bekommt der Leser Einblick in ihre auf den Kopf gestellte Welt. Ihre jüngere Schwester Ayoola hat zum wiederholten Mal einen ihrer Liebhaber erstochen und bittet wieder ihre große Schwester um Hilfe bei der Beseitigung der Spuren und der Entsorgung der Leiche. Auch dieses Mal ist Korede zur Stelle, ausgerüstet mit Bleiche und allem was dazu gehört.

Aber etwas ist anders, Korede wird zunehmend missmutig und hinterfragt die Taten ihrer Schwester immer mehr. Sind alle vorherigen Taten ohne Probleme aus der Welt geschafft worden, treten bei diesem Fall unvorhergesehene Hindernisse auf. Damit nimmt die Geschichte einen ganz anderen Verlauf als erwartet.

Allen Widrigkeiten zum Trotz halten die beiden Schwestern weiter zusammen, auch wenn die Stimmung der Älteren zunehmend kippt.  So könnten sie auch unterschiedlicher nicht sein, die eine praktisch veranlagt, bodenständig und beruflich erfolgreich, die andere wunderschön, verträumt und männermordend. Als sich die Jüngere dann zu allem Überfluss auch noch dem Schwarm ihrer Schwester, einem jungen Krankenhausarzt, zuwendet, nimmt das Unheil seinen Lauf.

Entstanden ist ein schnelles Buch mit kurzen Kapiteln und überraschenden Wendungen, schrill aber nicht so schrill wie das Cover vermuten lässt. Es hat durchaus seine tiefgründigen Passagen, in denen der Leser eintaucht in das heutige Nigeria mit all der Korruption und den alten patriarchalischen Strukturen. Dort ist ein Frauenleben nicht viel Wert, Männer beherrschen den Alltag.

Trotz alledem blitzen immer wieder schwarzhumorige Absätze auf, die das Buch abrunden und ihm den letzten Schliff geben, nichts ist nur schwarz oder weiß.

Sehr spannend, temporeich, zum Mitfiebern und zügigen Durchlesen hebt sich dieses Buch wohltuend vom täglichen Krimieinerlei ab. Sehr empfehlenswert!

Ein Buchtipp von Sylvia Jongebloed

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Graham Swift: Da sind wir.
dtv Verlag, 160 Seiten, € 20,00.

Mit seinem neuen Roman legt der mehrfach preisgekrönte Autor wieder ein Glanzstück der leisen Zwischentöne vor und übertrifft sein letztes Buch noch einmal. Swift, Romancier und Erzähler, Meister des Unausgesprochenen, liefert wieder eine Geschichte über die „kleinen“ Leute ab, die den Leser sofort gefangen nimmt.

Wir tauchen ein in das England der Fünfzigerjahre und finden uns im mondänen Seebad Brighton wieder. Hier lernen wir Jack, den Entertainer, Ronnie, den Magier und Evie, seine Assistentin kennen. Jack hat Ronnie, seinen Freund aus Kriegstagen, nach Brighton geholt, um die Show, in der er mit sehr großem Erfolg als Entertainer, Conferencier, Tänzer und Sänger arbeitet, als Zauberkünstler aufzuwerten.

Ronnie und Evie, die mehrfach Zersägte!, entwickeln sich rasch zu Publikumslieblingen, so dass Jack immer mehr in den Hintergrund gerät. Er behält dabei sein Pokerface und macht das Beste aus der Situation, wenn auch zähneknirschend. The Show must go on. Inzwischen hat sich bei Ronnie und Evie eine Liebesbeziehung angebahnt und die beiden haben sich verlobt.

Jack, der von Anfang ein Auge auf Evie geworfen hatte, fügt sich in sein Schicksal. Er scheint wieder der Verlierer zu sein. Doch es kommt anders. Als Ronnie an das Totenbett seiner in London lebenden Mutter gerufen wird, kommen sich Jack und Evie näher und beginnen eine Affäre.

Eine typische Menage a Trois? Keineswegs, hier irrt der Leser. Der Autor arbeitet die Charaktere seiner Hauptfiguren sehr genau aus und richtet dabei sein besonderes Augenmerk auf Ronnie, der im Laufe der Erzählung immer mehr zur Hauptfigur avanciert. Seine schwierige Kindheit wird ausgeleuchtet und man erfährt scheinbar Nebensächliches, das zum Ende der Geschichte noch an Bedeutung gewinnen soll.

Wir hören von seinem geliebten Freund aus Kindertagen, dem Papagei Pablo, der nur zwei Sätze sprechen konnte „Wo ist Pablo“ und „Da bin ich“. Hier erklärt sich einerseits der Titel des Buches und andererseits schließt sich der Kreis.

Ein doppeldeutig magisches Buch. Es zieht den Leser in seinen Bann und spielt gleichzeitig mit seinen Wahrnehmungen, so dass er sich fragt, was ist jetzt real, was Illusion. Doppelbödiges kommt zu Tage, Rätsel lösen sich scheinbar auf und werden wieder in Frage gestellt. Dem Autor ist mit einer scheinbaren Leichtigkeit eine faszinierende Geschichte gelungen, die noch lange nachhallt. Sehr, sehr empfehlenswert!

Ein Buchtipp von Sylvia Jongebloed

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Sigrid Nunez: Der Freund.
Aufbau Verlag 2020, € 20,00.

Die Autorin, einst Assistentin von Susan Sontag, hat sich längst aus deren Schatten in die erste Liga der zeitgenössischen amerikanischen Literatur geschrieben. Für das vorliegende Buch erhielt sie 2018 den National Book Award.

Die Ich-Erzählerin, eine New Yorker Schriftstellerin, verliert ihren besten Freund durch Suizid. Hier beginnt die Geschichte, die uns mitten in den amerikanischen Literaturbetrieb katapultiert, hinein in das kulturelle Leben des Big Apple.

Sie trauert um diesen Mann, der ihr seit ihrem Studium ein platonischer fast väterlicher Freund gewesen ist. In Rückblenden ruft sie die verschiedenen Stationen ihres Lebens auf, in denen er sie begleitet hat bzw. immer präsent und mit Rat und Tat für sie da war.

Aber auch die andere Seite der Geschichte wird nicht verschwiegen, die Zeiten ohne ihn, sein familiäres Leben, seine drei Ehen. Auch seine menschlichen Unzulänglichkeiten werden thematisiert und man lernt einen nicht nur sympathischen Menschen kennen, sondern einen Womanizer und Macho, der am Ende seines Lebens unter Depressionen und Selbstzweifeln litt.

Was ihr von ihm bleibt ist seine riesige Dogge, die ihr von Ehefrau Nr. 3 förmlich aufgedrängt wird. Dieser Hund holt sie Schritt für Schritt wieder aus der Trauer raus, hinein ins Leben.

Ein sehr lebensbejahendes Buch ist hier entstanden, sicher manchmal etwas traurig oder wehmütig ob der vergangenen Zeiten, aber es zieht den Leser nie runter. Im Gegenteil, das Buch ist so bunt wie der Einband.

Die Autorin schüttet ein Füllhorn von Zitaten und Reflexionen zur Literatur über den Leser aus, sie philosophiert, karikiert den amerikanischen Literaturbetrieb, den Neid und die Eifersüchteleien unter den Autoren. Das ist sehr kurzweilig und einfach sensationell gut geschrieben.

Birgit Jongebloed und Pia Patt führen die Buchhandlung Funk

Auf dem Klappentext des Buches steht, man möchte ständig irgendwelche Passagen ankreuzen, aber man kann nicht ein ganzes Buch anstreichen. Übertrieben? Nein, es ist tatsächlich so. Die Autorin lässt den Leser teilhaben an ihrem immensen Wissen über Literatur von Rilke bis Simenon. Das ist bereichernd und nie langweilig.

Das vorliegende Buch erzählt von Verlust, Trauer, Beziehung zwischen Mensch und Hund und Neubeginn. Der exzellente Erzählstil zusammen mit den profunden Kenntnissen über Literatur und Philosophie wertet die Geschichte zusätzlich auf und ist ein Must Read für jeden Literaturbegeisterten Leser und gleichermaßen ein gelungener Einstieg für alle Interessierten.

Ein Buchtipp von Sylvia Jongebloed

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Viel Spaß beim Lesen.

Ihre Birgit Jongebloed und Pia Patt

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Jongebloed bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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