Uwe Reichel-Offermann, NRW-Verfassungsschutz, Herbert Reul, NRW-Innenminiser, Stephan Santelmann, Landrat RheinBerg, Rainer Deppe, MdL, Klaus Grootens, Kreisdirektor Oberberg. Nicht auf dem Foto: Awo-Vorstandschefin Beate Ruland

Das Präventionsprogramm „„Wegweiser – Gemeinsam gegen gewaltbereiten Salafismus“ ist jetzt auch in RheinBerg und Oberberg angekommen. Drei Mitarbeiter:innen der AWO kümmern sich um Heranwachsende, die abzugleiten drohen – und betreiben eine aktive Aufklärungsarbeit.

Auch wenn der gewaltbereite Salafismus nicht mehr die Schlagzeilen beherrsche, die Gefahr der Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Heranswachsenden sei nach wie vor akut, sagte Innenminister Herbert Reul bei der Vorstellung des Projektes in Bergisch Gladbach. „Wir wollen den islamistischen Rattenfängern das Wasser abgraben und Aufklärung gegen Hass setzen”, sagte Reul.

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Zwar gebe es im Rheinisch-Bergischen Kreis und im Oberbergischen Kreis keine gefestigten salafistischen Strukturen, ergänzte Uwe Reichel-Offermann, der stellvertretender Leiter des NRW-Verfassungsschutzes. Es seien aber rund 80 bis 90 Personen in der Region bekannt, die dieser Szene zuzurechnen seien.

Was ist Salafismus? Anhänger der extremistisch-salafistischen Szene verstehen die islamische Religion als Ideologie und die Scharia als gottgegebenes Ordnungs- und Herrschaftssystem. Dieser Ideologie folgend wird Demokratie als „falsche Religion“ und die Teilnahme an Wahlen als „Götzendienst“ angesehen. Einen Beitrag zum Verständnis des Phänomens leistet die Broschüre „Extremistischer Salafismus als Jugendkultur – Sprache, Symbole und Style“ des NRW-Verfassungsschutzes.

Mit Sorge betrachte der Verfassungsschutz, dass sich diese Szene weiter in private Räume zurückziehe, dass sie zunehmend auch Mädchen und junge Frauen anziehe und dass die individuelle Radikalisierung sehr schnell verlaufen könne.

Vor diesem Hintergrund sei das NRW-Programm „Wegweiser” weiterhin wichtig – und bislang auch sehr erfolgreich, berichtete Innenminister Reul. Seit dem Start vor gut sechs Jahren seien rund 1000 Personen beraten und betreut worden – mit einer Erfolgsquote von fast 90 Prozent.

Bergisch Gladbach komplettiert das Netz

Beate Ruland

Die Betreuungsstelle in Bergisch Gladbach ist die inzwischen 25. in NRW, damit sei das Netz komplett. Die AWO Rhein-Berg habe nicht lange gezögert, sich auf die Ausschreibung zu bewerben, berichtet  Beate Ruland, die Vorstandsvorstizende der AWO Rhein-Oberberg. Schließlich habe der Wohlfahrtsverband viel Erfahrung mit jungen Leuten und sei sehr gut vernetzt.

Zunächst sind es drei Mitarbeiter:innen, multikulturell und mehrsprachig, die die Beratungsstelle in der „Roten Schule” in Heidkamp aufbauen.

Sie gehen Hinweisen aus dem Umfeld nach und beraten gefährdete Personen, begleiten diese Personen langfristig und versuchen, Multiplikatoren wie zum Beispiel Lehrer für die Gefahr der Radikaliserung zu sensibilisieren. Dabei arbeiten sie eng mit dem Schulpsychologioschen Dienst und dem Kommunalen Integrationszentrum des Kreises zusammen.

Die Aufklärungsarbeit sei besonders wichtig, betont der Innenminister. Erst wenn Erzieher und Lehrer gut informiert seien könnten sie die Hinweise liefern, die später zu individuellen Beratungen und Begleitungen führen.

Kontakt: „Wegweiser” bei der AWO Rhein-Oberberg
Bensberger Straße 133, 51469 Bergisch Gladbach
Telefon: 02202 708 1020
Sprechzeiten: Mo + Mi: 14 bis 16; Do, Do, Fr 10 bis 12 Uhr
Mail: wegweise@awo-rhein-oberberg.de
Website

Hintergrund: Was ist Wegweiser?

Wegweiser ist ein umfassendes Präventionsprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen gegen gewaltbereiten Salafismus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Salafistische Ideen können auf junge Menschen sehr anziehend wirken. Das Versprechen einer idealen Welt und die Einfachheit einiger salafistischer Weltbilder scheinen für Jugendliche in schwierigen persönlichen Lebensumständen besonders attraktiv zu sein. Sie nutzen diese Ideen oft als eine Form von Protest gegen die (Mehrheits-)Gesellschaft oder gegen die eigene Familie.

Problematisch wird dies dann, wenn salafistische Gruppierungen Gewalt gutheißen: Sie predigen die Überlegenheit des eigenen Glaubens und die Unterlegenheit aller Andersdenkenden. Gewalt kann für sie ein Mittel sein, um ihre Weltbilder in der Gesellschaft durchzusetzen.

Wegweiser setzt sehr früh an und soll mögliche Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen und jungen Heranwachsenden bereits in ihren Anfängen verhindern. Ein Einstieg in die salafistische Szene soll vermieden werden. Gleichzeitig wollen wir denjenigen helfen, die erste Schritte hinein in die Szene unternommen haben. Ziel ist immer, gemeinsam den Ausstieg zu schaffen.

Wer kann sich an Wegweiser wenden?

Alle Interessierten und Betroffenen, die Fragen zu den Themen extremistischer Salafismus und Radikalisierung haben oder konkrete Unterstützung benötigen, wie beispielsweise:

  • Familienmitglieder, die befürchten, dass sich ein*e Angehörige*r radikalisiert haben könnte.
  • Freund*innen, Lehrkräfte, Mitschüler*innen, Sozialarbeiter*innen oder Arbeitskolleg*innen, die Veränderungen bei einer Person feststellen und diese nicht einordnen können.
  • Institutionen wie z.B. Schulen, Jugendeinrichtungen sowie Behörden, die Hilfestellung und Informationen zum Thema extremistischer Salafismus wünschen.

Welche Ziele verfolgt Wegweiser?

Prävention // Beratung // Begleitung // Sensibilisierung

  • Radikalisierungsprozesse von jungen Menschen vorbeugen bzw. frühzeitig erkennen
  • Medienkompetenz hinsichtlich Radikalisierungswegen im Internet vermitteln
  • den kritischen Umgang mit Medien fördern
  • Unterschiede zwischen religiös bedingtem Extremismus und gelebter Religiosität verständlich machen
  • islamfeindliche und antimuslimische Tendenzen und Positionen hinterfragen
  • für Diskriminierung und Ausgrenzung sensibilisieren
  • Perspektivwechsel, Impulse und Anregungen zum Thema ermöglichen
  • Diskussionen zur eigenen Position/eigenen „Identität“ anregen

Wegweiser respektiert religiöse Überzeugungen, aber nicht den Missbrauch der Religion für Extremismus und Gewalt.

Ziel der Wegweiser-Berater*innen ist es, die Radikalisierung von Jugendlichen zu verhindern. Wir glauben, dass Krisen in bestimmten Lebenslagen Menschen für extreme Weltbilder empfänglich machen.

Die Jugend ist eine solche kritische Phase, in der Menschen nach Orientierung und Sicherheit suchen.

Extremist*innen bieten in dieser Zeit oft einfache Lösungen für komplexe Probleme. Jugendliche sind somit besonders gefährdet, extremistische Weltbilder zu übernehmen, um ihre persönliche Lebenssituation zu bewältigen. Da Probleme nicht aus der Lebenswirklichkeit junger Menschen ausgeschlossen werden können, ist es wichtig, ihnen Kompetenzen mit auf dem Weg zu geben, um mit problematischen Situationen umgehen zu können – ohne auf extremistische Ideologien zurückzugreifen.

Im Falle einer Gefährdung versuchen die Berater*innen möglichst frühzeitig Kontakt zu dem Betroffenen aufzunehmen und Hilfe für einen Lösungsprozess anzubieten. Ergänzend zur Beratung und Begleitung gefährdeter junger Menschen bezieht Wegweiser das soziale Umfeld in die Arbeit ein. Über Personen aus dem direkten Umfeld kann ein leichterer Zugang zu den Betroffen hergestellt werden.

Die Wegweiser-Beratungsstellen sind mit lokalen Netzwerkpartner*innen z.B. aus Schulen, Sozialverbänden, kommunalen Ämtern, Vereinen und Moscheegemeinden vernetzt. Indem vorhandene Strukturen genutzt werden, kann eine effiziente und schnelle Hilfe gewährleistet werden.

Wichtig für die Präventionsarbeit ist die Sensibilisierung von Multiplikator*innen, um Verunsicherungen entgegenzuwirken und somit Überreaktionen zu vermeiden: Gefährdete junge Menschen sollen nicht zu Gefährder*innen erklärt und damit stigmatisiert werden.

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Redaktion

des Bürgerportals. Kontakt: info@in-gl.de

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1 Kommentar

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  1. Eine spannende Frage in diesem Zusammenhang ist ja: wer wird überhaupt religiös, wer nicht – die Religionspsychologin Victoria Rationi hat diese Frage in mehreren Publikationen ausführlich untersucht – spannend!

    G. Frantik