Eine der besten Schulen Deutschlands befindet sich in Heidkamp: Beim Deutschen Schulpreis gehört das DBG zu den 18 Finalisten. Gewinner sind die Schüler:innen schon jetzt. Denn die Nominierung ist das Resultat eines innovativen Schulkonzepts, das Schüler, Lehrer und Eltern während der Pandemie entwickelt haben – und das weit über die Krise hinaus weist.

„Beworben haben wir uns beim Schulpreis im Bereich Beziehungsgestaltung“, erklärt Frank Bäcker, Schulleiter am DBG. „Und zwar mit Ideen, die eigentlich aus einer Art Schockstarre geboren wurden“, ergänzt Sandra Altwicker. Die Lateinlehrerin ist stellvertretende Schulleiterin am einzigen Ganztagsgymnasium in Bergisch Gladbach.

Die Schockstarre hielt nur kurz – und zwar bei der Schließung der Schule im ersten Lockdown. Dass eine Schule länger als einen Tag schließen könne, sei bis dahin undenkbar gewesen, erklären die beiden. Dann habe man alle bisherigen Strukturen über den Haufen geworfen und angefangen, „Schule neu zu denken“, wie Bäcker sagt. Und eine Zukunftswerkstatt ins Leben gerufen.

Schule mehr als nur ein Ort

Heraus gekommen sind neue Ideen, mit denen man Schule flexibler gestalten wolle. Gemeinsam entwickelt und getragen von Schulleitung, Schüler:innen, dem Kollegium sowie den Eltern. Die Idee: Schule sollte mehr als nur ein Ort sein. Kommunikation, Kooperation, Akzeptanz und Wertschätzung wurde auf eine neue, digitale Basis gestellt.

Diese Konzepte habe man beim Schulpreis vorgestellt. Mit dem bekannten Ergebnis.

Bäcker und Altwicker sind immer noch ein wenig perplex. Wenn sie jedoch erklären, an welchen Schulkonzepten und Ideen sie auch weiterhin noch tüfteln, wird deutlich: Sie brennen für die Schule der Zukunft. Sie soll mehr als nur ein Ort sein. Erreichen will man dies mit Methoden, die über den Unterricht per Videokonferenz hinausgehen.

Schulleiter Frank Bäcker setzte sich bei einer Kunstaktion für einen Anschluss an das schnelle Internet an den Steuerknüppel

Neue Stundenplanstruktur

Eines der Highlights ist der so genannte „FreiDay“: Schüler:innen können klassenübergreifenden an Projekten arbeiten. Themen sind z.B. Ozeane, Klima, soziale Gerechtigkeit.

„Als wir damit anfingen, haben wir Jahrgänge aufgelöst, die Schüler:innen fanden zu neuen Projektgruppen, probierten die Vernetzung untereinander aus“, schildert Sandra Altwicker. Diese Form der kollaborativen Arbeit kommt an. Auch weil es Themen sind, die sie beschäftigen.

Digitale Lernzeit

„Muss jeder Schüler und jede Schülerin jeden Tag zur Schule kommen“, fragt Bäcker. „Und wie kann digitales Lernen aussehen?“ Auch diese Frage stellte sich das DBG-Team und entwickelte die „digitale Lernzeit“.

„Ob Schüler:innen hier in der Mensa essen und die folgenden Kurse in der Schule besuchen, oder ob der Mittagstisch zuhause steht und der Nachmittagsunterricht per Internet erfolgt – das überlassen wir den Kindern“, schildert Sandra Altwicker. Die Kids können selbst entscheiden, wo sie ihre Lernzeit verbringen.

„Manche Schüler:innen profitieren davon. Es ist mitunter einfacher, sich in einem Videochat zu Wort zu melden, als im Präsenzunterricht vor einer vollen Klasse“, ergänzt Bäcker. Die „digitale Extrovertiertheit“ als Bonus des Distanzunterrichts – ein angenehmer Nebeneffekt.

Chats

Mit der Entscheidung „wann lerne ich wie und von welchem Ort“ stärke man die Selbständigkeit der Schüler. Und komme ihnen auch beim Schulbeginn entgegen. „Um 07.55 zuhause am Schreibtisch zu sitzen ist für manche einfacher als vorher noch einen langen Schulweg in Kauf nehmen zu müssen“, erzählt Altwicker.

Das digitale Lernen wird zudem durch Chats ergänzt. Hierzu seien virtuelle „Breakout“ Rooms konzipiert worden, wo sich Gruppen zu Debatten treffen könnten. Zugleich seien Lehrer einfach per Message zu erreichen, z.B. bei Fragen zum Lehrstoff. Und auch die Schulleitung könne darüber z.B. Vorschläge posten. „Wenn es gut läuft bekommt man ein like„, schmunzeln die Pädagogen.

Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung – gemeinsam mit der ARD und der ZEIT Verlagsgruppe – gute Schulen und ihre innovativen Schulkonzepte aus. Aus dem Wettbewerb ist mittlerweile ein bundesweites Netzwerk von exzellenten Schulen, Schulpraktikern und Bildungswissenschaftlern entstanden, die gemeinsam das Ziel verfolgen, die Schulentwicklung in Deutschland voranzutreiben.
www.deutscher-schulpreis.de

Natürlich werfe dies auch Fragen nach der Work-Life-Balance auf. Müssen Lehrer:innen noch abends auf Fragen im Chat antworten? Bäcker und Altwicker sehen dies gelassen. Wer sich abgrenzen wolle, der tue dies. Wer aber abends um 22.00 Uhr noch Antworten schreibe, könne dies ebenfalls tun. Auch Lehrer:innen profitieren so von der neuen Flexibilität.

Scheitern ist kein Versagen

Klingt ein wenig nach Social Media, die neue Kommunikationskultur am DBG. „Durchaus, manche Themen gehen auch gerne mal viral“, meint Bäcker, und spielt auf massenweise Geburtstagswünsche an seinem Wiegenfeste an.

Die Umsetzung der Projekte erfolgt mit dem Videokonferenz-Programm Microsoft Teams. Dort können neben Video-Konferenzen auch Chat-Rooms eingerichtet werden.

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WLAHM statt WLAN? Buddeln für Breitband am DBG

Mit einer ungewöhnlichen Aktion macht das Dietrich Bonhoeffer Gymnasium auf den fehlenden Breitbandanschluss aufmerksam. Schüler:innen der Klasse 5D haben im Kunstunterrichts einen Graben ausgehoben – als Symbol für den dringend benötigen Anschluss ans Glasfasernetz. Ein Testlauf hatte zuvor gezeigt, dass der Digitalunterricht in der Schule eigentlich funktioniert. Was fehlt ist ein schnelles Internet.

Natürlich ist bei den Online-Tools der schnelle Klick zu Wikipedia oder Online-Übersetzungstools nicht weit. Das ist Bäcker und Altwicker auch klar. „Die Aufgaben- und Prüfungsformate müssen sich entsprechend ändern, weg von der Abfrage des reinen Wissens, hin zur Anwendung, zum Sinnzusammenhang“, sagt Sandra Altwicker.

Da probiere man sich aus, das könne auch mal scheitern. Wichtig sei doch dass man als Schule vorlebe: Scheitern ist kein Versagen.

Positives Feedback

Aktuell agiert das DBG unter Corona-Ausnahmeregeln. Die Bezirksregierung gestatte entsprechend die Versuche an der Schule. Ob es nach der Pandemie, bei Rückkehr zum Schulalltag, so weitergehen könne, sei noch offen. Die Digitalisierung werde gefordert, da könne man die Projekte sicherlich nicht so einfach zurückdrehen.

Und vielleicht helfe der Schulpreis ja bei der Überzeugungsarbeit in Richtung Verwaltung. Bäcker und Altwicker sind zuversichtlich, dass ihr pädagogisches Silicon Valley Bestand haben wird.

Schließlich fußt das neue Konzept auf breiter Zustimmung. „Wir haben bei Schüler:innen, Kolleg:innen und Eltern eine Umfrage platziert, und dabei Änderungswünsche, aber vor allem viel Begeisterung für das DBG 2.0 erfahren“, erzählt Frank Bäcker. Er und seine Kollegin wissen aber auch, dass es nicht immer einfach ist alle mit ins Boot zu holen. Daher ist ihnen das positive Ergebnis umso wichtiger.

„Das ist meine Schule“

Eines haben sie aber bis jetzt noch nicht geschafft. Die Frage „Wozu brauche ich das?“ wird von den Schüler:innen mitunter immer noch gestellt, geben die beiden offen zu. „Dies wird wohl immer ein Problem der Schule bleiben“, seufzt Bäcker.

Er ist und bleibt aber Optimist: „Wenn fünfzig Prozent unserer Schüler:innen sagen Das ist meine Schule, dann haben wir mit dem neuen Konzept schon viel gewonnen!“ Dann wäre die Schule mehr als ein Ort.

Ob die Schule es bis ins Finale schafft ist noch offen. Die beiden Schulleiter zeigen sich optimistisch. Demnächst komme ein TV-Team für Aufnahmen vorbei, dann gebe es einen virtuellen Schulbesuch. Im Mai erfolge dann der Endausscheid, erklären Bäcker und Altwicker die nächsten Schritte.

Als eine der 18 besten Schulen Deutschlands habe man jedoch bereits ein nicht unbeträchtliches Preisgeld erhalten. Man überlege noch was damit zu tun sei, so der Stand der Dinge. Ein Ausgleich zum Digitalen wäre nicht schlecht. „Vielleicht Hühner halten“, grinst Bäcker.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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1 Kommentar

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  1. Was für eine tolle Nachricht, nicht nur für das DBG! Und es ist der Beweis dafür, dass Schule mit viel Phantasie und Kreativität auch in schwierigen Zeiten neu gestaltet werden kann. Man muss es nur wollen.
    Es bleibt zu hoffen, dass die Schulaufsicht den Motivationsschub nicht unnötig durch Festhalten an alten Strukturen und altem Denken („Das haben wir doch immer so gemacht, das hat sich bewährt!“) abbremst oder gar ins Gegenteil verkehrt. Beispiele dafür aus der Vergangenheit gibt es gewiss reichlich.