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Ulrike Oeter und Michael Wittassek zeigen zwei raumfüllende Installationen in der Villa Zanders. Die beiden Kunstschaffenden setzen sich dabei mit zwei schöpferischen Persönlichkeiten der vergangenen Jahrhunderte auseinander. Und liefern mit ihren Arbeiten zum Abschluss des Forum Ostwest wichtige Denkanstöße, nicht nur zur Frage nach der jüdischen Identität.

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Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Forum Ostwest ist eine Veranstaltungsreihe des Rheinischen Kreises, die sich in den vergangenen Wochen mit 1.700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland beschäftigt hat. Den Schlusspunkt der Reihe markiert die Ausstellung in den Kabinetträumen der Villa Zanders.

Zu sehen sind dabei zwei Installationen, die sich mit den Biographien der deutschen Dichterin Else Lasker-Schüler (Ulrike Oeter) sowie dem litauisch-französischen Philosophen Emmanuel Levinas (Michael Wittassek) auseinandersetzen.

„Beide werden in Hinblick auf ihr Schaffen (…) nicht zwangsläufig mit ihrem jüdischen Hintergrund in Verbindung gebracht“, sagt Dr. Petra Oelschlägel, Leiterin des Kunstmuseums Villa Zanders. Vielmehr gehe es um die Erfahrung von Fremdheit, um die Suche nach Heimat.

Die beiden Geistesgrößen, denen sich Oeter und Wittassek widmen, bieten zentrale biografische Anknüpfungspunkte. So verbrachte Lasker-Schüler auf der Flucht vor den Nazis viele Jahre im Exil. Levinas entwickelte nach der Ermordung seiner Familie durch die Nazis eine bemerkenswerte Philosophie des „Fremden“.

Ulrike Oeter: Else Lasker-Schüler

Im Zentrum von Oeters Installation steht die Projektion eines Portraits von Else Lasker-Schüler. Fragil, auf einer Leinwand aus Papier, darüber immer wieder pendelnde Schatten von Blumen. Daneben ein hölzerner Kubus, ein nachgebauter Flaschenkeller. Der Blick in den Sternenhimmel wandert klaustrophobisch an den Latten des Käfigs entlang. Phantasiewörter der Dichterin sprießen aus dem Ensemble.

Foto: Thomas Merkenich

Ein weiteres Element, ein Kleid aus Papier, verweist auf die Alter egos, derer sich Laser-Schüler bedient hat. „Auf ihre orientalische und jüdische Sehnsucht“, wie Oeter erklärt.

Eine Wand quillt über von Zitaten aus Lasker-Schülers Gedichten. „85 Prozent ihrer Lyrik war Liebeslyrik, dabei war sie keine einfache Frau, wie alleine ihr Portrait schon andeutet“, sagt Ulrike Oeter. Sie will erkunden, was sich zwischen diesen Polen befindet.

Die Künstlerin spannt Gegensätze in der Installation auf, regt zum Lesen und Nachdenken an, umkreist die Betrachter mit Exponaten, so wie Lasker-Schüler wohl ihre Mitmenschen umkreiste. Deren Sehnsucht nach Liebe rieb sich an dem Unvermögen, Nähe wirklich zuzulassen, schildert Oeter. In der Tat war Lasker-Schüler zweimal geschieden.

„Fernste Nähe“ Ulrike Oeter und Michael Wittassek
Villa Zanders, 20. August bis 3. Oktober 2021
Infos und Rahmenprogramm auf den Webseiten des Kunstmuseums

Nähe und Distanz prägen auch den Rhythmus der Dichterin. Lasker-Schüler lebte tagsüber in Kaffeehäusern, zog sich am Abend in einen Flaschenkeller zum Schreiben zurück. „Hier entstanden Gedichte, die zugleich lieblich und scharf sind“, erklärt die Rösrather Künstlerin Ulrike Oeter und zitiert aus einem Liebesgedicht: „Ich nähe mich in den Saum Deiner Haut ein!“ Verweist auf Phantasieworte wie „Maschentausendabertausendweit“, die fest mit dem Flaschenkeller verbunden sind.

Besucher:innen tauchen bei Oeters Installation in einen schillernden Assoziationsraum ein. Die Arbeit verwebt auf kongeniale Weise Biografie und Werk, welches bei Lasker-Schüler erst recht nicht unabhängig voneinander zu denken ist. Gleich einem alten „Tibetteppich“, so der Titel eines Gedichtes von Laser-Schüler.

Letztlich wird in der Installation von Ulrike Oeter die Intensität des Schreibens greifbar, auch aber nicht nur anhand der kaligrafischen Lyrik-Fragmente. Man ahnt, unter welchen Bedingungen Kreativität möglich war. Oder waren die Bedingungen gar Voraussetzung für die Lyrik Lasker-Schülers?

Ulrike Oeter präsentiert eine feine, eine sensible Arbeit, die den leider etwas verloren gegangenen Stellenwert von Lasker-Schüler als Ausnahmeerscheinung der avantgardistischen Moderne hervorhebt. Und die auf die Lebenskraft einer Dichterin verweist, Exil, Fremdheit, Verlust der äußeren Heimat trotzend.

Foto: Thomas Merkenich

Michael Wittassek: Emmanuel Levinas

Um sich der Installation des Bergischer Gladbacher Künstlers zu nähern, sollte man sich kurz mit der Philosophie von Emmanuel Levinas auseinandersetzen. Wittassek selbst stieß während eines Stipdeniums am Kunstmuseum von Arras auf den Philosophen, „der nie einen Bezug zur Kunst hatte“, schildert Wittassek.

Levinas setzte sich mit der menschlichen Begegnung auseinander, dem Aufeinandertreffen des Ichs mit einer unbekannten Person. Diese Person ist nach Levinas Auffassung nicht einfach als Vertreter der Gattung Mensch zu verstehen, sondern als Individuum. Unverwechselbar, mit einem einzigartigen Antlitz, das dem Ich einen Zugang zum fremden Gegenüber ermöglicht.

In der Begegnung mit dem Fremden wächst Verantwortung für das Gegenüber, ein Bewusstsein für dessen Freiheit. Diese Verantwortung bildet letztlich die Basis für die Entstehung einer Gesellschaft.

Wittassek, der sich in seiner künstlerischen Arbeit vor allem mit Aspekten der Entstehung von Fotografie auseinandersetzt, thematisiert eben dieses Menschenbild in seiner Installation. Sie besteht aus großformatigen, deformierten Fotografien, Makroaufnahmen. Um diese Fotos hat Wittassek Glasscheiben angeordnet, in denen sich der Betrachter spiegelt.

Die Fotografien symbolisieren das Fremde, denn sie brechen die Erwartungshaltung des Betrachters an das Medium Foto auf. Die Bilder dienen nicht als Abbild eines Objekts, sie stehen in neuem Zusammenhang.

Der Betrachter wird angesichts der Fotos zunächst einmal in eine ungewohnte Situation versetzt. Setzt sich mit dem Fremden, dem Ungewohnten auseinander. Entwickelt Emotionen, eine Haltung, Nähe, Distanz, Verantwortung für das Gegenüber. Die Relation zum Gegenüber, dem Fremden, also dem dekonstruierten Foto, wird durch die Scheiben versinnbildlicht, in denen sich der Betrachter spiegelt.

Es ist entwaffnend einfach, auf welche Weise Wittassek den Betrachter in das Werk zieht, ihn dazu auffordert sich in die Arbeit einzubringen, sich mit dem Fremden auseinanderzusetzen. Nur er, der Betrachter, vollendet das Kunstwerk. Der Transfer – Interaktion mit dem Kunstwerk als Sinnbild der Interaktion in der Gesellschaft – liegt auf der Hand, wäre aber zu kurz gedacht.

Wittasseks Arbeit wirkt nach, „wie ein Theaterstück, es bleibt in Erinnung“, sagt der Künstler. Und damit auch die Aufforderung Levinas nach der Akzeptanz des Fremden. Ein humanistisches Manifest.

Foto: Thomas Merkenich

Fazit

Ulrike Oeter und Michael Wittassek gehen mit ihren Installationen drängenden Fragen nach: Wie wollen wir mit dem dem Verlust der Heimat, wie wollen wir mit dem Fremden umgehen? Gibt die Sprache eine Antwort, sind es kulturelle Praktiken? Welche Rolle spielt dies in der jüdischen Identität? Und welche Impulse liefert dies für eine diversifizierte Gesellschaft?

Foto: Thomas Merkenich

Ein spannender Schlusspunkt, den das Forum Ostwest mit dieser Ausstellung setzt. Legt sie die Antwort auf diese Fragen doch nicht zuletzt auch in die Hände der Betrachter. Die – frei nach Levinas – mit dieser Freiheit ein großes Stück Verantwortung für den anderen übernehmen.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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