In diesem Jahr werden 1.700 Jahre jüdisches Leben in ganz Deutschland gewürdigt (#2021JLID). Mit der Veranstaltungsreihe Forum Ostwest richten auch der Kreis und das Katholische Bildungswerk den Fokus auf dieses wichtige Thema. Das Programm ist breit gefächert und zoomt von globalen Themen hinein in lokale Geschichten. Dabei ergibt sich auch eine gute Gelegenheit, um mehr über die Spuren jüdischen Lebens vor Ort zu erfahren.

Rund 20 Veranstaltungen listet das Programm der mittlerweile vierzehnten Ausgabe von Forum Ostwest auf. Die Veranstalter haben eine umfassende Vortragsreihe aufgesetzt. Sie wird ergänzt durch ein Begleitprogramm mit Ausstellungen, einem Rundgang, einer kleinen Filmreihe sowie einer Podiumsdiskussion, Puppentheater und Ausstellungen. Details zum Programm stehen im Internet bereit.

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Die Eröffnung erfolgt am Dienstag 18. Mai 2021 mit dem Online-Vortrag „Judentum ist Vielfalt“ durch Dr. Juri Kaufmann, Leiter der Alten Synagoge Essen. Die Teilnahme an sämtlichen Veranstaltungen ist kostenlos.

1.700 Jahre – so weit reicht die Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland nachweislich zurück. Im Jahr 321 wurden Jüdinnen und Juden in Köln erstmals urkundlich erwähnt. Bundesweit ist daher das große Themenjahr „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ ausgerufen worden. Mehr Infos unter https://2021jlid.de/

Jüdisches Leben im Bergischen

Spannend sind dabei vor allem die Beiträge mit lokalem Bezug. Denn sie lenken den Blick auf jüdisches Leben in der Stadt, das im gegenwärtigen Alltag eher unterrepräsentiert ist. Sei es kulturell oder auch religiös.

So wird Achim Rieks am 1. Juni vom Begegnungscafé Himmel un Ääd über jüdische Biografien in Schildgen berichten. Dabei geht es auch um den Kennedy-Fotografen Jacques Lowe, zu dem es auch eine Ausstellung im Himmel und Ääd geben wird. In der Familie Reichenbach war der Vater jüdischen Glaubens, die Mutter Katholikin. Drei Söhne der Familie wurden katholische Priester. Mit Dr. Paul Silverberg wird die Erinnerung an einen der einflussreichsten deutschen Industriellen der Weimarer Zeit sowie Freund Konrad Adenauers lebendig. Rieks erinnert aber auch an Opfer des NS-Regimes, wie Dr. Erich Deutsch, der in Theresienstadt ermordert wurde.

Einen ungewohnten Blick richtet Dr. Thomas Becker auf die jüdische Gesellschaft im Bergischen. Lange Zeit war die Universität Bonn die einzige Hochschule in der Nähe. Becker, Archivar der Universität Bonn, erzählt, welche Studienfächer die Studenten jüdischen Glaubens aus der Region gewählt hatten, und welche Biografien dahinter steckten. Eine neue, spannende Annäherung an das Thema.

Der Jüdische Friedhof in Zündorf (Foto: Gabriele Emrich)

Zündorf erzählt

Mit einem Rundgang durch Zündorf entführt das Forum Ostwest die Teilnehmer in Zeiten, als der Ort noch zum Rheinisch-Bergischen Kreis gehörte und eine lebendige jüdische Gemeinde beherbergte. Gabriele Emrich wandelt vor Ort auf den Spuren dieser Gemeinde, die von Handwerkern, Metzgern und Händlern geprägt war. Zündorf beherbergte eine kleine Synagoge. Noch heute zu besichtigen ist der kleine, versteckt liegende jüdische Friedhof.

Ein Angebot für Kinder bietet Gerd J. Pohl im Kontext des SchulFORUMs mit seinem Puppenspiel „Der Golem – Joschi und der Mann aus Lehm“. Mit kunstvoll gearbeiteten Figuren wird die jüdische Legende auf feinsinnige und zugleich humorvolle Art gezeigt und in die Gegenwart übersetzt.

Das Stück richtet sich an Grundschüler und die ersten beiden Jahrgangsstufen der Sekundarstufe II. Aufführungen können von Schulen und anderen Interessierten sowohl im Bensberger Puppenpavillon als auch an jedem anderen passenden Veranstaltungsort wie Schulaula und Kulturzentrum direkt beim Puppenpavillon gebucht werden.

Aber auch die Events mit globalem Fokus sind einen Besuch wert: „Gemeinsam mit vielen Expertinnen und Experten gehen wir hier der Kultur- und Migrationsgeschichte des Judentums nach,“ erklärt Kreiskulturreferentin Charlotte Loesch.

So spricht Prof. Dr. Yvonne Kleinmann von der Universität Halle über die Geschichte jüdischer Lebenswelten im östlichen Europa. Prof. Dr. Verena Dohrn von der Georg-August-Universität Göttingen konzentriert sich unter der Überschrift „Bleib ich, bleib ich nicht?“ dem Aspekt der Immigration osteuropäischer Juden. Unter dem Gesichtspunkt der Flüchtlingsthematik, aber auch des verstärkt aufflammenden Antisemitismus ein Vortrag mit hoch aktuellem Bezug.

Marina Frenk (Foto: Emanuela Danielewicz)

Mit der Schauspielerin, Musikerin und Autorin Marina Frenk haben die Veranstalter zudem eine spannende Künstlerin ins Programm genommen. Sie ist selbst als Kind einer jüdisch-russischen Familie aus Moldawien nach Deutschland geflüchtet. Und dies ist das zentrale Thema ihres Debütromas „ewig her und gar nicht wahr“.

Frenk spürt darin zentralen Themen wie der Suche nach der eigenen Herkunft und der Ankunft in einer neuen Gesellschaft nach (Lesung in der Pfarrkirche Herz Jesu in Schildgen).

Desintegriert Euch?

Das Buch unter dem Titel „Desintegriert Euch!“ von Max Czollek könnte auch als Überschrift für die Podiumsdiskussion am 21. Juni dienen. Der Autor wendet sich gegen das „Integrationstheater“ der jüdischen Menschen in Deutschland. Er plädiere vielmehr für die Beibehaltung von Eigenheiten, zur Abgrenzung um die eigene Identität zu wahren, fasst Stefan Andres vom Katholischen Bildungswerk zusammen. „Wer bemüht sich in welcher Form um Gesellschaftsinn?“, bringt Andres das Thema auf den Punk.

Antworten soll das Podium finden, das unterschiedliche Sichtweisen präsentiert: Mit Rabbiner Yechiel Brukner aus der Synagogen-Gemeinde Köln ist eine eher orthodoxe Stimme vertreten. Ariella Dumesch bringt als Leiterin des Jugendzentrums der Synagoge eine säkulare Sichtweise ein. Thomas Frings vom Erzbistum Köln erläutert seine Sicht des interreligiösen Dialogs. Roman Salyutov ist als Musiker und Dirigent in Bergisch Gladbach in vielen Spannungsfeldern der Thematik aktiv.

Coronakonform

Das Forum Ostwest findet unter den Bedingungen der Pandemie statt. Die zentrale Vortragsreihe wird daher online durchgeführt. Nach Anmeldung erhalten Interessenten den Zugangslink. Aus technischen Gründen ist dabei die Zahl der Teilnehmer auf knapp 100 begrenzt.

Szene aus dem Film „Rabbi Wolf“, der am 17. Juni in Rommerscheid gezeigt wird (Britzka Film, Fotograf: Uli Holz)

Ursprünglich seien die Vorträge in den acht Kommunen geplant gewesen, um den kompletten Kreis zu erreichen, meint Charlotte Loesch. Coronabedingt sei man auf das Online-Format gewechselt. „Das bringt jedoch auch Vorteile mit sich“, ergänzt Stefan Andres. So biete die Online-Plattform mehr Möglichkeiten für Chats und schaffe so mehr Transparenz als herkömmliche Präsenzvorträge.

Einige Elemente wie die Ausstellungen oder die Lesungen könnten bei Bedarf ins Internet verschoben werden, machen die Veranstalter klar. Bei der Filmreihe in St. Engelbert könnte dies indes schwierig werde. Man hofft bis dahin auf eine Entspannung der Lage.

Erinnerungen freilegen

Jüdisches Leben in Deutschland: Das Forum Ostwest richtet in diesem Jahr einen interessanten, facttenreichen Blick auf 1.700 Jahre deutsch-jüdische Geschichte. Die Veranstaltungsreihe bündelt auf kluge Weise wissenschaftliches Know-how, künstlerische Perspektiven, Früher und Heute, Debatte, Vortrag sowie Film und Literatur. Ein vielversprechendes Programm!

Aber es gibt noch einen weiteren, wichtigen Aspekt:

Wer sich auf Spurensuche des jüdischen Lebens in Bergisch Gladbach begibt, wird nicht so leicht fündig. Zwar gibt es die Städtepartnerschaft mit der Stadt Ganey Tikva. Aber dann wird es schon schwierig. Gab es eine Gemeinde vor Ort? Wie leben Menschen jüdischen Glaubens heute in der Stadt?

Insofern leistet die diesjährige Auflage des Forum Ostwest nicht nur einen gut gemachten und wichtigen Beitrag zur Würdigung des landesweiten Jubiläumsjahres. Mit gezielt lokalen Themen richtet es auch einen kleinen aber wichtigen Fokus auf das jüdische Leben in der Stadt. Und legt so Erinnerungen frei, die nicht vergessen werden dürfen.

Forum Ostwest – mehr Infos
Start: 18. Mai 2021
Web: https://forum-ostwest.de/
Kontakt: Kulturamt des Rheinisch-Bergischen Kreises, kultur@rbk-online.de, 02202/ 13 27 70

Aufmacherbild von Ri Butov auf Pixabay

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Holger Crump sei (mal wieder!) großer Dank für seine interessante Übersicht und Herr Salyutov (mal wieder) für seine herausragenden Kulturimpulse.

  2. Freue mich und bin sehr geehrt, zur spannenden Veranstaltung am 21. Juni als einer der Podiumsgäste eingeladen worden zu sein – da werde ich viel zu sagen haben.

    Auch zu unserer Veranstaltungsreihe im August – November erwarten wir viele Gäste, sowohl regional als auch bundesweit.