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„Frühstück im Grünen“: Die aktuelle Ausstellung von Michael Broermann im Partout Kunstkabinett zitiert ein Werk des französischen Künstlers Manet. Und verweist damit auf eine spannende Serie des Kölner Malers. Dass sein Oeuvre weit über die Malerei hinausgeht, zeigt die putzmuntere, absolut sehenswerte Werkschau in Herkenrath.

Michael Broermann bezeichnet sich selbst als Maler. Er kommt aus der figürlichen Malerei. Gleichwohl ist er in vielen Medien zu Hause. Widmet sich der Malerei, der Zeichnung und Grafik, und der Plastik. Pendelt zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit, der Adaption von Werken der Kunstgeschichte, der Entwicklung und Emanzipation von Motiven über das Ursprungsmedium hinaus.

Die Werkschau im Partout Kunstkabinett erschließt die enorme Vielfalt mit einem wunderbaren Ausstellungsdesign der Galeristin Ursula Clemens-Schierbaum. Es dokumentiert unterschiedliche Schaffensphasen, stellt Bezüge zur Entwicklung der Plastiken her, fasst Adaptionen und Serien in den Kabinetträumen zusammen.

Was gibt es bei Broermann und in der Ausstellung zu entdecken?

Abstraktion – von der Ansicht zur Einsicht

„Das Abstrakte funktioniert nur mit gegenständlichem Bezug“, sagt Broermann. Und verweist auf Arbeiten wie Poller Wiesen (2017, Öl auf Leinwand), Saline 0209 (2009, Öl auf Leinwand), Schwimmer im Blau (2020, Öl auf Leinwand). Abstraktion ist hier nie Selbstzweck, sondern verweist ganz im Gegenteil subtil und farblich kraftvoll auf das Wesen des Objekts der künstlerischen Auseinandersetzung.

Den Betrachter nimmt Broermann stets mit: Blickwinkel, Ausschnitt, Fokus des Malprozesses offenbaren sich angenehm und rasch. Auch und vor allem bei Arbeiten, die aus bloßen Farbflächen zu bestehen scheinen.

Die Sichtweise des Malers ist wohlwollend präsent, macht den Betrachter zum Gefährten und nimmt ihn quasi emotional huckepack: Aus der Ansicht wird eine Einsicht, berührend, dynamisch, von großer Erzählkraft durchdrungen.

„Ich finde an der Abstraktion nichts abstraktes“, sagt Broermann dazu. Der Schwimmer im Blau belegt dies eindrucksvoll.

Schwimmer im Blau, 2020, Öl auf Leinwand, 140x160cm, (C) Michael Broermann

Stillleben

Das etwas angestaubt anmutende Stillleben sei gleichwohl für ihn schon immer ein Thema gewesen. Es muss sich aber nicht klassisch um unbeseelte Objekte handeln. Die Ausstellung zeigt, wie Broermann das Genre weiterentwickelt und präsentiert dazu mit der Koi-Serie (alle 2021, Öl auf Leinwand) neue Arbeiten.

„Ich hatte etwas Zeit in einem Gartencenter und entdeckte die Fische, die mich zu interessieren begannen“, schildert er. Nachdem er ihnen eine Weile zugeschaut hatte schoss er ein paar Fotos, als Basis seiner Malerei. Spielte mit der Bewegung, den Lichtreflexen der Neonröhren.

„Das schafft Tiefe, spannt weitere Ebenen auf“, erklärt der Künstler. Auch hier scheinen die Arbeiten zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zu „springen“. Sie legen den Schwerpunkt auf die Bewegung, weniger auf den Gegenstand.

Koiballet noir II, 2021, Öl auf Leinwand, 120x160cm, (C) Michael Broermann

Serien

Michael Broermann arbeitet immer wieder in Serien. „Vielfalt als Prinzip“ heißt es dazu im übertragenen Sinne im Katalog. Die Schaffenskraft des Künstlers erinnert – wenn der Vergleich gestattet ist – an Künstler wie Johann Sebastian Bach und dessen schier unendlichen Kosmos an kreativem Output.

Denn: Das Fundament der künstlerischen Aussage steht unverrückbar, wenn Änderungen von Nuancen im Schaffensprozess immer wieder zu eigenständigen und spannenden Werken führen, egal ob in der Musik oder in der Kunst. „Ein Bild braucht das nächste, um sich zu beweisen“, sagt Broermann dazu.

Das wird bei den Kois deutlich, bei Broermanns abstrakten Arbeiten rund um das Thema Wasser, den Streifenbildern oder den frühen Arbeiten mit Linol aus der Serie Tavola (1995), die sich Besucher der Ausstellung unbedingt zeigen lassen sollten.

Frühstück im Grünen

Eine seiner zentralen Serien-Themen ist zudem „Frühstück im Grünen„, nach einem weltberühmten Bild des französischen Malers Edouard Manet, zugleich Titel der Ausstellung im Partout Kunstkabinett. Manets Werk sorgte seinerseits für einen Skandal, platzierte es doch eine nackte Dame ohne religiösen oder mythologischen Bezug erstmals neben bekleideten Herren.

Manet am Rhein, 2015, Öl auf Leinwand, 75x140cm, (C) Michael Broermann

Künstler wie Monet oder Picasso beschäftigen sich bereits damit, es taucht immer wieder im Kontext weiterer Kunstgattungen auf. Auch Michael Broermann klopft das Werk seit rund 20 Jahren immer wieder auf seine Möglichkeiten ab. Die Ausstellung präsentiert dazu seine Arbeit Manet am Rhein (2015, Öl auf Leinwand), die das Skandalbild ironisch in „Rhein“-ländischem Umfeld zitiert, auf der Rückseite eines so genannten Kilometersteins der Schiffahrt. Auch Linoldrucke mit wunderbar flächigen Farbarrangements bieten einen weiteren Einblick in die Adaption des berühmten Vorgängers.

Eine neue, unlängst fertiggestellte Arbeit aus dieser Serie zitiert neben Manet und Michelangelos Adam auch einen Akt von Broermann. Ganz in rot gehalten treibt Broermann die Darstellung in Richtung Abstraktion, löst das Motiv des Frühstücks langsam auf – für den Betrachter, auch für sich?

Emanzipation des Motivs, Entwicklung der Farbe

Von Manets Frühstück und Broermanns Adaptionen ist es nicht weit zu den Akten, denen sich der Kölner Maler ebenfalls intensiv widmet. Hier stechen in der Ausstellung vor allem die kleinen Formate ins Auge: Aquarelle und Zeichnungen, die mehr Präsenz in der ansonsten wunderbar gehängten Ausstellung verdient hätten.

Die Akte verweisen auf eine weitere Arbeitsweise Boermanns: Der Emanzipation des Motivs. Aus den Akten wurden Einstrichzeichnungen aus einer einzigen Linie. Hieraus entwickelte Borermann kleine Plastiken aus feinem Draht, ebenfalls aus einem Stück gefertigt.

Der Akt ist mithin der Zweidimensionalität entflohen, erobert den Raum, erlangt Tiefe, lotet Möglichkeiten der Inszenierung aus, indem er z.B. mit seinem Schatten an der Wand ein wunderbares Pas de deux im Galerieraum darbietet.

Diese Evolution führte auch zu den sogenannten Labs aus transparenten Acrylglas, die aktuell im Fokus von Broermanns Schaffen stehen. Ausgehend von dem Gedanken, die Farbe von der Leinwand zu trennen, entwickelte der Künstler zunächst bunte Würfel, die als Hängung oder auch als Plastik funktionieren.

Von dort war es nur ein kleiner Schritt zu den Lab-Objekten, in denen Broermann das Spiel der Farben und Formen im Raum erneut aufgreift, durch die Transparenz jedoch eine weitere Ebene einbringt. Und – ohne es zu wollen? – ästhetisch wieder zu seinen Streifenbildern aufschließt.

„Michael Broermann – Frühstück im Grünen“
10. September 2021 bis 4. Dezember 2021
Partout Kunstgeschichte & Kunstkabinett, Straßen 85, 51429 Bergisch Gladbach
Geöffnet: Dienstag, Donnerstag, Freitag von 16 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 13 Uhr
Künstlergespräche: 09.10. und 26.10.2021, 04.11. und 19.11.2021 sowie am 04.12.2021
Infos: auf den Webseiten der Galerie
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, erhältlich in der Galerie.

So vielfältig das Werk von Michael Broermann auf den ersten Blick auch sein mag: Die Auseinandersetzung mit seinem Oeuvre zeigt immer wieder überraschende Verbindungen auf, Verweise zwischen den Arbeiten, Übergänge und Emanzipation der Motive. Hier steht nichts für sich, aber alles für einen: Michael Broermann hat sich weder Denk- noch Kreativitätsverbote auferlegt.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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