ine Impfdosis war in der Praxis noch verfügbar. Die Spritze mit der Dosis wird mit Datum und Uhrzeit der Aufbereitung versehen, damit sie vor Ablauf der Haltbarkeit von sehs Stunden rechtzeitig verabreicht wird, Foto: Holger Crump

Die Drittimpfungen in der Hausarztpraxis von Frauke Reichel in Bergisch Gladbach laufen grundsätzlich rund. Mit ihrem Kollegen Franz Borsien impfte sie nach und nach ihre Patient:innen, nach Vorgabe der Stiko. Doch in der Praxis gibt es immer wieder neue Probleme, zuletzt fiel eine ganze Impfstofflieferung aus. Und auch die ständigen, neuen Ansagen der Politik machen die Arbeit der Praxen nicht einfacher.

„Heute ist der Super-GAU“, stöhnt Frauke Reichel. Die Fachärztin für Innere- und Allgemeinmedizin wollte diese Woche mit ihrem Team bei der Booster-Impfung vorankommen. „Wir hatten 90 Patienten einbestellt, und dann Null Impfstoff bekommen“ sagt Reichel.

Der Impfstoff wird über die Apotheken bereitgestellt. Eine Unterbrechung in der Kühlkette sei der Grund dafür gewesen, dass der Kühlschrank in Reichels Hausarztpraxis in der Paracelsusstraße nun leer bleibt.

Hausärztin Frauke Reichel: In diesen Behältern hätte sich eigentlich der Impfstoff für 90 Patienten befinden sollen, Foto: Holger Crump

Täglich kleine Mini-GAUs

Die Auswirkungen sind nicht ohne: „Zwei unserer drei Mitarbeiterinnen waren heute damit beschäftigt, Termine abzusagen und neue zu vergeben. Zusätzlich zum normalen Praxisbetrieb“, schildert Reichel. Der Versuch, über das Gesundheitsamt an das Vakzin von BionTech zu gelangen, schlug fehl. „Da geht keiner ans Telefon.“

Die Ärztin nimmt sich einen Kaffee, setzt sich und erzählt: „Das läuft so seit Beginn der Pandemie. Täglich kleine Mini-GAUs.“

Reichel berichtet von bürokratischen Hürden: Freitags kündige beispielsweise die Politik an, dass ab Montag die Corona-Tests wieder kostenlos seien. Bis dazu das grüne Licht von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) komme, sei es schon Montagnachmittag. Die Freigabe der KV sei wichtig, um als Praxis rechtlich abgesegnet zu sein. Das gelte auch für die Vorgaben von der Ständigen Impfkommission (Stiko).

„Inzwischen stehen aber die Patienten Schlange, weil sie von den Ansagen der Politik – die gerne am Wochenende erfolgen – aufgeschreckt wurden und umgehend reagieren.“ Die Hausärzte an der Basis müssten dieses asynchrone Vorgehen auffangen.

Dennoch: Frauke Reichel und ihr Team stehen zu 100 Prozent hinter den Impfungen. „Es ist toll, dass wir Teil der Pandemie-Bekämpfung sein können“, schildert sie. Die Booster-Impfungen seien zum Beispiel wichtig, um die Ansteckungsgefahr für die geimpften Personen selbst sowie die Gefahr der Weitergabe des Virus zu minimieren. „Das ist quasi eine Erinnerung an das Immunsystem!“

Impfstoff binnen Wochenfrist

Michaline Tynczyk, Arzthelferin in der Hausarztpraxis Borsien & Reichel, telefoniert mit Patienten, um die Termine der Booster-Impfung zur verlegen, Foto: Holger Crump

Vor drei Wochen habe der Andrang zugenommen, man könne diesen aber gut abarbeiten. „Wenn den Impfstoff da ist“, meint sie lakonisch. Dies bereite ihr momentan die größte Sorge.

Auch wenn sich die Beschaffung vereinfacht habe. „Seit dieser Woche können wir den Impfstoff mit einer Woche Vorlauf bestellen, zuvor waren es zwei Wochen“, schildert sie. Nun könne man besser auf Anfragen reagieren.

Sie würden natürlich gemäß der Stiko-Empfehlung boostern, also nur Patienten ab 70 Jahren. „Unsere Risikopatienten haben wir gottseidank bereits durch.“ Auch Patient:innen, deren zweite Impfung noch keine sechs Monate her ist, bekomme schon einen Termin. Dann eben im Januar.

Warum es bei den niedrigschwelligen Impfangeboten, etwas beim Impfteam der Feuerwehr, zu so hohen Wartezeiten komme, könne sie nicht nachvollziehen. Viele Personen, die sich dort impfen lassen, klagen über lange Wartezeiten bei den Hausärzten und bemühen sich selbst um Boostern ohne Termin.

In ihrer gemeinsamen Praxis gebe es zeitnah Termine, entgegnet Reichel, theoretisch könne sie bis zu 300 Patienten pro Woche boostern. „Die Regelversorgung steht, auch bei ansteigender Nachfrage“, sagt sie. Wenn, ja wenn denn der Impfstoff da ist.

Dennoch: Sie habe auch von Ärzten gehört, die nur an zwei Tagen die Woche impfen würden. Vielleicht sei das der Hintergrund der Berichte über lange Vorlaufzeiten bei den Terminen. Das Impfen, das koste nun einmal Ressourcen.

Hier werden normalerweise die Spritzen für die Booster-Impfung aufgezogen, wenn Impfstoff vorhanden ist, Foto: Holger Crump

Schulung per Youtube

Und der Aufwand ist nicht gering: Reichel macht klar, dass die Impfung nicht nur aus dem kurzen Pieks besteht. Hinzu käme die Terminvereinbarung, die Bestellung von Material und Impfstoff, ein Aufklärungsgespräch, eine eventuelle Nachsorge, und die Ausstellung des Impfzertifikats.

Zudem müsse der Impfstoff mit Kochsalz aufbereitet werden. Eine Aufgabe die normalerweise ein Apotheker übernehmen würde. „Das Verfahren wurde uns per Youtube-Video vermittelt“, schmunzelt Reichel. Aber auch das hätten sie gestemmt bekommen.

Ist der Impfstoff einmal aufgezogen, dann sei er nur sechs Stunden haltbar. „Das macht die Organisation ebenfalls etwas komplex.“ Genau wie die Tatsache, dass Termine stets für sieben Patienten vergeben werden müssten. So viele Impfungen ließen sich aus einem Fläschen gewinnen.

Dafür erhalte eine Hausarztpraxis rund 20 Euro pro Patient. In den Impfzentren liege die Vergütung für die Ärzte deutlich höher.

Eine Impfdosis war in der Praxis noch verfügbar. Die Spritze mit der Dosis wird mit Datum und Uhrzeit der Aufbereitung versehen, damit sie vor Ablauf der Haltbarkeit von sehs Stunden rechtzeitig verabreicht wird, Foto: Holger Crump

Absprachen über WhatsApp

Wäre es besser die Impfzentren zu reaktivieren? „Nein“, sagt Frauke Reichel. Eine gestörte Kühlkette könne auch deren Nachschub treffen, darüber hinaus stehe ja die Regelversorgung. Die Hausärzte in Bergisch Gladbach hätten zudem eine WhatsApp-Gruppe gebildet um sich gegenseitig zu unterstützen. „Hat aber heute leider nicht geholfen, der Impfstoff ist nicht da.“

Zwar habe man im Kreis der Hausärzte überlegt, mobile Impfangebote zu starten. „Aber das macht ja jetzt die Feuerwehr.“ Nach Ansicht der Ärztin sind zwei Lager im Impfgeschehen aktiv, die sich wenig oder nicht abstimmen würden. „Das ist eigentlich schade.“

Impfen ist Solidaritätspflicht

Auf die Frage, was sie Impfgegnern mit auf den Weg geben wolle, wird Frauke Reichel deutlich: „Das Impfen ist eigentlich eine Solidaritätspflicht. Letztlich verlangen die Ungeimpften, dass wir uns für sie boostern lassen.“ Dafür habe sie wenig Verständnis.

Sie habe zu Beginn der Pandemie viel geredet, viele Menschen überzeugt. Nun kämen meist die Überzeugten zum Boostern. „Seit Beginn das Pandemie arbeitet das gesamte Team, unsere MTAs und Sprechstundenhilfen, mit Hochdruck an der Bekämpfung des Corona-Virus.“

Dass die Skeptiker sich als Hemmschuh bei der Eindämmung der Pandemie erweisen, das ist für sie allem Anschein nach der größte GAU. Noch vor dem fehlenden Impfstoff.

Anmerkung: Zwischenzeitlich ist nach Angaben der Hausarztpraxis über den Kreis Impfstoff nachgeliefert worden. Die Booster-Impfungen konnten wieder aufgenommen werden.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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3 Kommentare

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  1. Warum benutzen diese Ärzte keine datenschutzgerechte Signal-Gruppe?

    Ich finde es inakzeptabel, wenn Ärzte Whats-App mit einem Smartphone benutzen, mit dem sie auch mit Patienten telefonieren, deren Nummern mit Namen sie womöglich sogar im Smartphone gespeichert haben: sie verstoßen damit gegen das Recht der Patienten auf Schutz ihrer Daten.

  2. Danke danke allen Kollegen und natürlich denHelferinnen
    Nerven, körperliche und psychische (Resilienz) Kondition und Vorfreude auf Ferien
    WhatsApp Gruppe(n) gabs bei mir „damals“ noch nicht…