Rainer Winkelhausen. Foto: Thomas Merkenich

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Seit 1936 sorgt der Friseursalon Winkelhausen auf der Odenthaler Straße für den perfekten Schnitt. Handwerkliches Können, ein Auge für aktuelle Trends und stete Weiterbildung seien die Grundlagen für ein erfolgreiches Geschäft, sagt Rainer Winkelhausen. Doch das Preisdumping der Barbershops, die wie Pilze aus dem Boden schießen, macht seinem klassischen Handwerk zu schaffen.

Text: Holger Crump, Fotos: Thomas Merkenich

Rainer Winkelhausen steht am Empfang seines kleinen Salons. Ein Typ wie Wolfgang Joop, modischer Best Ager. Sein Damen-Herren-Salon ist dezent eingerichtet, mit stilvollen Akzenten. Ein üppiger Kronleuchter an der Decke. Graue Farbtöne, im Mix mit Holz und Steinen, bestimmen das Dekor.

„Im Dezember 1936 hat mein Vater das Geschäft hier eröffnet“, blickt der Friseurmeister zurück. 1977 sei er eingestiegen, nach der Lehre beim Friseur Hebbinghaus, „damals, auf der Ferrenbergstraße.“ Mit dem Vater habe er noch sieben Jahre zusammengearbeitet.

1981 dann der eigene Meisterbrief, 40 Jahre ist das nun her. Winkelhausen ist gebürtiger Hebborner, aber er wohnt mittlerweile in Porz-Zündorf. Das Haus, in der sich das von außen so unscheinbare Friseurgeschäft befindet, hat er verkauft. Und ist jetzt Mieter in den vormals eigenen vier Wänden.

Foto: Thomas Merkenich

Weniger Dauerwelle, mehr Bart

Die Trends im Friseurgeschäft hätten sich seit seinem Start im Salon verändert: So sei bei den Damen die klassische Dauerwelle weniger gefragt, erzählt Winkelhausen. Dafür habe das Färben zugenommen.

Bei den Herren sei die Bartpflege wieder up to date. Das sei für ihn aber nichts Neues. „Mein Vater hat früher oft rasiert, vor allem sonntags. Da war das Geschäft voller Zigarrenqualm der wartenden Kundschaft, man hat kaum was gesehen“ berichtet der Friseur.

Folglich habe man auch Zigarren zum Kauf angeboten. „Die lagen in der Schublade, zusammen mit Kondomen“, grinst er. Auch die gehörten mal zum Geschäft.

Anfang der 1970er Jahre fiel das Rasurgeschäft den aufkommenden Elektrorasierern zum Opfer. Da machte das jeder selbst zuhause, der Bart kam aus der Mode. Aber jetzt ist er nicht nur bei Hipstern wieder en vogue. Ein guter Schnitt und die Pflege würden beim Barbier wieder nachgefragt.

Social Media ist wichtig

Auch die Relevanz des Internets habe zugenommen. Social Media sei ihm wichtig, der eigene Web-Auftritt wird gerade überarbeitet. „Da dürfen wir nicht stehen bleiben, Mode und Technik entwickeln sich weiter, man muss mit der Zeit gehen.“ Über die Kanäle kämen viele Anfragen rein. Winkelhausen investiert. Kleine Werbefilme würden im neuen Jahr auf die Webseite gestellt. Damit wolle er aktuelle Mode-Trends bewerben

Der Standort des Salons an der Odenthaler Straße gilt jedoch nicht unbedingt als der Szene-Treffpunkt der Region. Woher bekommt er seine Impulse, wie bleibt er am Ball? 

„Da arbeiten wir mit einem Hersteller zusammen“, erklärt Winkelhausen. Die würden ihn und sein Team regelmäßig schulen, bei Farbe, Technik, Schnitten für Damen und Herren. Zudem seien sie auf Friseurmessen unterwegs und sich dort über Trends informieren.

Foto: Thomas Merkenich

Harter Lockdown

Corona habe ihm und seinem Team enorm zugesetzt. Insgesamt sei der Salon vier Monate dicht gewesen. Winkelhausen musste seine Mitarbeiterin in Kurzarbeit schicken, er selbst ging an sein Erspartes, beantragte Grundsicherung. Der Vermieter streckte ihm gerade einmal eine Monatsmiete.

Auf die staatlichen Corona-Hilfen, die im Lockdown vergeben wurden, ist Winkelhausen nicht gut zu sprechen. Die Überbrückungshilfe 1 musste wieder zurückerstattet werden, er erfüllte – wie so viele – die Vergabekriterien nicht. Das Geld war vornehmlich für Fixkosten gedacht.

Die zweite Hilfszahlung kam nur zur Hälfte der beantragten Höhe an. Hinzu kamen die Abwicklungskosten für den Steuerberater, der die Hilfen beantragen musste. 

Winkelhausen selbst war im Lockdown jeden Tag im Geschäft, habe versucht den Kontakt zu seinen Kunden zu halten. Vielleicht hat sich das ausgezahlt? Immerhin läuft es nun wieder, unter Einhaltung der 3G-Regeln.

„Wir konnten noch eine zusätzliche Mitarbeiterin einstellen, der Kundenstamm ist gewachsen“, zeigt sich Winkelhausen zufrieden. „Ich hoffe wir sind aus dem Gröbsten raus!“

Foto: Thomas Merkenich

Billigkonkurrenz

Nicht nur Corona hat dem Geschäft zugesetzt. Auch die zunehmende Billigkonkurrenz durch Barbershops treibt ihn um. „Einen Haarschnitt kann man nicht für zehn Euro verschenken“, moniert der Friseurmeister. Trend-Frisuren wie der Fade-Cut würden 45 Minuten am Stuhl in Anspruch nehmen. „Wie soll man bei den Niedrigpreisen auf einen ordentlichen Stundenlohn kommen?“ fragt er.

Im Damensalon könne er mittlerweile immerhin sechzig Euro pro Stunde nehmen. „Dafür fährt heute aber kein Handwerker mehr auf die Baustelle“, klagt er. Im Ergebnis könne er auch keine hohen Gehälter zahlen. Und das mache es wiederum schwierig, Nachwuchs zu finden.

Dabei verlangten die Kunden – zu Recht – Fachkenntnisse, exzellentes Know-how der Mitarbeiter. Man laufe schließlich mit dem Ergebnis des Friseurbesuches durch den Alltag. Eine schwierige Situation, in der sich das Friseurhandwerk befindet.

„Die haben den Herrenschnitt nicht erfunden“, wird er Richtung Barbershops deutlich. Und denkt laut darüber nach, wie es wohl mit deren Qualifikationsnachweisen aussehen möge.

Foto: Thomas Merkenich

Klassischer Friseursalon stirbt aus

All das führe dazu, dass es Salons wie Friseur Winkelhausen in 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben werde, ist er überzeugt. Seine Tochter sei zwar Meisterin, studiere aber mittlerweile Sozialarbeit. Der Sohn sei Elektromeister, auch von dieser Seite kündigt sich kein Nachfolger für den Familienbetrieb an.

Das Angebot ausweiten – darin könnte nach Ansicht von Rainer Winkelhausen eine Lösung bestehen. Kosmetik und Gesundheitsdienstleistungen mit in den Salon integrieren, sich breiter aufstellen. In Köln gebe es Salons, die diesen Weg gingen. Das wäre nochmal ein Traum, den der Friseurmeister in der Odenthaler Straße gerne realisieren würde.

Weitere beiträge der serie zu handwerksberufen, die vom aussterben bedroht sind

Ob es klappt, bevor der Name Winkelhausen draussen von Schild vor der Tür verschwindet, steht in den Sternen. Einstweilen ist er froh, durch die zusätzliche Mitarbeiterin mal einen Tag frei nehmen zu können. Oder in Urlaub zu fahren.

Nach einer dritte Generation der Familie Winkelhausen in der Odenthaler Straße 171 – danach klingt das alles nicht.

Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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