Stefan Markel lässt das Sensenmähen wieder aufleben. In Kursen vermittelt er die Geschichte dieser 4.000 Jahre alten Kulturtechnik. Sie ist nicht nur leiser als die dröhnenden Zwei- und Viertakter, die heute auf den Wiesen ihren Dienst verrichten. Das Mähen mit der Sense hat auch einen weiteren, handfesten ökologischen Vorteil. In dieser Serie stellen wir Handwerker in Wort und Bild vor, die vom Aussterben bedroht sind.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Wir treffen uns früh am morgen im Bergischen Museum in Bensberg. Die Sonne steht knapp am Horizont und scheint durch die Baumwipfel. Stefan Markel ist unser Sensenmann. Er will uns zeigen, wie mit der Sense gemäht wird. Eine Wiese des Museums steht als Demonstrationsfläche bereit.

Foto: Thomas Merkenich

„Eigentlich ist es schon viel zu spät“, sagt Markel. Wiesen müsse man früh mähen, wenn die Feuchtigkeit die Stengel noch prall und saftig stehen lasse. Dann gehe das Mähen gut von der Hand. „Man sollte fertig sein wenn die Sonne aufgeht.“ Später sei das Gras zu schlapp.

Mähen im Stehen

„Schon die Ägypter haben mit der Sense gemäht“, berichtet er. Die Sense sei quasi eine Verlängerung der Sichel. Der Vorteil: Man muss sich beim Mähen nicht bücken. Markel hat sich intensiv mit der Kulturgeschichte der Sense beschäftigt. Das wird deutlich, wenn er zwischen den einzenen Arbeitsschritten immer wieder mit Details zum Sensenmähens aufwartet.

Spannend erzählt er von der Herstellung des Sensenbaums und der Sensenblätter, weiß wie die Technik in verschiedenen Ländern der Erde eingesetzt wird, ob im Wald, im Garten oder auf Ackerflächen.

Aber auch welche Rolle die Sense als Waffe im Mittelalter gespielt hat. So rührt das Wort „Sensenmann“ von Bauern her, welche die Sense im Mittelalter im Kampf gegen Ritter nutzten und diese aus der Distanz köpften. Sie waren zu erfolgreich damit, meint Markel, das wurde daraufhin verboten.

Wie kommt Stefan Markel überhaupt auf das Thema Sense? „Ich habe mal eine Auszeit genommen und bin gegen Kost und Logis bei Bauern unterwegs gewesen“, sagt er. „In Südtirol habe ich das Mähen mit der Sense gelernt. Am Hang in den Bergen – dort lässt sich das Gras anders gar nicht schneiden.“

Sensenbaum und Sensenblatt

Gutes Werkzeug und gute Technik sei dafür vonnöten, sonst wird es nichts. Der Sensenbaum, also der lange hölzerne Griff, sei früher von Stellmachern produziert worden. Jedes Stück nahezu ein Unikat: „Es muss in Länge und beim Abstand der Griffe eigens auf den Körper des Schnitters angepasst werden“, sagt Markel. Das gelte früher wie heute. Sensen aus dem Baumarkt würden daher nichts bringen, sie passten meist nicht auf den Nutzer.

Als Material nutze man in der Regel Esche. Das Holz verbinde Flexibilität mit einer gewissen Robustheit des Materials. „So ein Sensenbaum hält dann theoretisch ein Leben lang.“ Das ist nachhaltiger als motorgetriebene Geräte, wo der Ärger oft schon nach Ablauf der Garantie beginnt.

Das stählerne Sensenblatt hingegen sei – anders als der Sensenbaum – abgestimmt auf das Schnittgut, erklärt Markel. „Darum hat ein Schnitter immer mehrere Blätter dabei.“

Der Sensenmann zieht seine Klingen aus dem Rucksack. Sie unterscheiden sich in Länge und Breite. „Je kürzer das Blatt, desto härter das Mähgut.“ Selbst fingerdicke Stengel ließen sich damit mähen.

Hergestellt würden sie von Schmieden, oder früher auch vom Sensenhammer in Schlebusch. Bei guter Pflege überlebe solch ein Blatt gut und gerne die Lebensspanne eines Schnitters, lasse sich 100 bis 200 Jahre nutzen. Wieder ein Pluspunkt bei der Nachhaltigkeit.

„Ssssssstttt“

Für die Wiese in Bensberg wählt Markel ein langes Blatt von rund 80 Zentimetern. Mit einer massiven Metallklammer – das Sensenschloss – zieht er das Blatt am unteren Ende des Sensenbaums fest. „Der Winkel zwischen Blatt und Baum lässt sich individuell auf den Schnitter einstellen. Hat man es einmal raus, erzielt man die besten Ergebnisse.“ Früher wurden die Blätter mit nassen Lederriemen am Sensenbaum befestigt. „Einmal getrocknet, hielt das bombenfest.“

Stefan Markel setzt die Sense an. Mit einem „Ssssstttt“ fährt das scharfe Blatt durch das feuchte Gras, die Stengel kippen zur Seite. Etwas Technik ist dabei erforderlich: Die rechte Hand hält den Sensenbaum und bestimmt die Höhe, in der man das Gras kappt. „Das bekomme ich, wenn es sein muss, auf Golfplatzniveau“, sagt Markel.

Die linke Hand führt die Sense im Kreis um den Schnitter. Läuft es rund, hat man „den Bogen raus.“ Ein geflügeltes Wort, das seinen Ursprung beim Sensenmähen hat.

Mit etwas Übung verinnerlicht der Schnitter die Bewegung rasch, das Mähgut landet in einer Reihe. Markel erzählt: Diese Schwade sei früher auf einer so genannten Puppe geschichtet worden, zum weiteren trocknen. Kein Halm durfte liegenbleiben. Das Gras diente als Viehfutter und war entsprechend kostbar, um die langen Wintermonate in unseren Breitengraden zu überbrücken.

Wetzen und Dengeln

Ssssstttt: „Am Geräusch, mit dem die Sense das Gras schneidet, erkenne ich ob die Sense gut eingestellt und scharf ist“, erläutert Markel. Rasch hat er eine ansehnliche Fläche auf der Wiese gekürzt. Alle paar Minuten zieht er einen feuchten Wetzstein aus einer kleinen Tasche am Gürtel.

„Damit wird entgratet, nicht geschärft“, widerlegt er eine unausgesprochene Vermutung und zieht den Stein mit schnellen Bewegungen über die Schnittkante des Blattes. Die Schnittkante, das ist ein millimeterfeiner, schmaler Grat vorne am Sensenblatt. Es verbiegt sich, wenn das Blatt zum Beispiel auf einen Stein trifft. Der Wetzstein richtet die Kante wieder auf. Das bringt die Schneidefähigkeit zurück.

Hat sich die Schneidekante abgenutzt und ist stumpf, kommt das so genannte Dengeln zum Einsatz. Mit kleinen Hämmern wird das Sensenblatt bearbeitet. Der Schnitter treibt Material des Sensenblattes nach vorne an die Schnittkante, wo es verdünnt und verdichtet wird.

Sense und Smartphone

Drei Arbeitsgänge seien dafür erforderlich, meint Markel. Bei einem Blatt von 70 Zentimeter Länge komme der Schnitter auf 700 Schläge pro Arbeitsgang. Da ist Feinarbeit gefragt, „fast wie beim Goldschmied“: Haut man daneben, verzieht sich das Blatt.

Um das Dengeln zu erleichtern, hätten findige Köpfe in England den Schlagdengler entwickelt, erklärt Stefan Markel und zieht einen fingerdicken Stift nebst Hülse aus der Tasche. „Material treiben und ausdünnen erledigt man so in einem Arbeitsgang“, erklärt er.

Markel hat diese Technik noch weiter entwickelt. Sein „Dengelbengel“ lässt sich auf einen Bohrhammer aufsetzen. Gesagt, getan – das Gerät rattert los. Das Dengeln, das früher viel Zeit in Anspruch genommen hat, lässt sich so in minutenschnelle erledigen. „Sense und Smartphone“, grinst Markel nach der Demonstration. Mit diesem Kniff hat er die 4.000 Jahre alte Technik quasi in die Neuzeit katapultiert.

Insekten-Smoothie

Und das ist heutzutage wertvoller denn je. Das Sensenmähen ist nicht nur nachhaltiger, indem Sensenbaum und Sensenblatt jahrzehntelang genutzt werden können. Es schont auch die Umwelt. Markel berichtet von einem Experiment:

In Ratingen habe man eine Wiese in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte sei per Sense gemäht worden, die andere mit einem herkömmlichen Rasenmäher. Anschließend habe man Hühner auf die Wiese gesetzt. Die pickten freilich nur auf der einen Hälfte der Wiese, die mit der Sense gemäht worden sei.

Die Erklärung ist entwaffnend einfach: „Der Rasenmäher verquirlt Fauna und Flora zu einem Insekten-Smoothie, da finden die Hühner kein Futter mehr. Das rotierende Messer zerhackt einfach alles“, schildert Markel. „Das Mähen mit der Sense hingegen schont die Insekten. Die fallen lediglich vom Blatt und leben weiter.“

Weitere Infos zum Mähen mit der Sense finden Sie auf den Webseiten der Sensenschule.

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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