Für Ostern empfehlen wir: Einen aufwühlenden belarussischen Pageturner, ein fulminantes schräges Spektakel mit schwarzem Humor und einen vielschichtigen Roman über das Leben einer modernen Frau.

Sasha Filipenko: Die Jagd. 
Diogenes 2022, € 23,00.

Der bereits 2016 erschienene Roman des jungen belarussischen Autors ist jetzt endlich auch ins Deutsche übersetzt worden und füllt damit eine wichtige Lücke im Verständnis des aktuellen Geschehens in Osteuropa. Damals von manchem Kritiker als übertrieben bezeichnet, ist das Buch jetzt aktueller denn je und inzwischen von der Realität komplett eingeholt worden.

Südfrankreich: Slawin, ein russischer, staatsnaher Oligarch, residiert mit seiner Familie in einem pompösen Anwesen und lässt seine Kinder auf französische Eliteschulen gehen. Er genießt die Vorzüge Westeuropas und tummelt sich auf seiner Yacht zwischen den Schönen und Reichen. Wenn da nicht ein kleines Problem wäre, das sich bald als ein sehr großes erweist und das heißt Quint.

Russland: Der Investigativjournalist Anton Quint recherchiert wie ein Besessener an einer Enthüllungsstory über Slawin, der in seiner Heimat vehement alles Demokratische anprangert. Dieser Heuchelei und Doppelmoral sowie Korruption und dubiosen Geldgeschäften versucht Quint auf den Grund zu gehen und treibt dadurch seinen Widersacher immer mehr in die Enge. 

Slawin sieht Rot. Er setzt seine Gefolgsleute auf den Plan. Ziel ist es, Quint auszuschalten, nicht durch Mord, sondern durch ein besonders perfides Mittel, nämlich Psychoterror. Die (Hetz-)Jagd wird ausgerufen.

Der Terror beginnt mit Lärm in seinem Wohnhaus, böse Gerüchte machen die Runde und es wird eine ungeheure Schmutzkampagne gestartet. Aber Quint ist hartnäckiger als gedacht. Umgehend werden ihm die Daumenschrauben angelegt, man nimmt sich nun seiner Familie an, schonungslos und brutal. Das Geschehen eskaliert komplett. Jetzt sieht Quint Rot ….

Filipenko hat in Russland studiert und dort als Journalist und Autor gearbeitet. Seine nicht systemkonforme Haltung sowohl gegen seine Heimat Belarus als auch Russland hat 2020 dazu geführt, dass er mit seiner Familie nach Westeuropa ins Exil gehen musste. Ein Autor, der ganz genau weiß, wovon er schreibt.

So ist dieses Buch nicht einfach nur ein Thriller, sondern birgt einen Realismus und eine Brutalität in sich, die manchmal schwer zu ertragen sind. Aktuelles und sorgfältig recherchiertes Zeitgeschehen kombiniert mit Hochspannung auf hohem literarischen Niveau machen diesen Roman aus. Der schnelle Schreibstil macht ihn zu einem wahren Pageturner mit einem ungewöhnlichen aber schlüssigen Ende. Verstörend, aufwühlend, beeindruckend, genial! 

(Sylvia Jongebloed)

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C.K. McDonnell: The Stranger Times. 
Eichborn Verlag 2021, € 20,00.

Dieser Auftakt einer neuen Reihe, aus der Feder des irischen Stand-up-Comedian Caimh McDonnell, begeistert nicht nur Fantasy-Fans – versprochen!  

Hannah Willis hat sich gerade von ihrem untreuen Ehemann getrennt und dabei – versehentlich – das Haus niedergebrannt. Nun will sie wieder auf eigenen Beinen stehen und dafür braucht sie dringend einen Job. Die Stellenanzeige der Wochenzeitung The Stranger Times ist nicht unbedingt ihre erste Wahl, aber in der Not frisst der Teufel eben Fliegen.

Als Hannah erstmals den Redaktionssitz der Zeitung aufsucht, dämmert ihr bereits, dass hier einiges schräg läuft. Es handelt sich um eine alte, entweihte Kirche mit dem charmanten Hinweis an der Tür: „Dies ist keine Kirche mehr. Belästigen Sie Gott woanders.“

Ihr zukünftiger Boss und Chefredakteur, Vincent Banecroft, ist das wandelnde Klischee eines schlecht gelaunten Iren. Obwohl fachlich kompetent, ist auch er mehr oder weniger bei dieser Zeitung – die sich allem vermeintlich Übernatürlichem widmet – gestrandet. Er lebt in seinem Büro, frönt einem ausgeprägten Alkoholkonsum und schimpft wie ein (irischer) Rohrspatz. 

Direkt in Hannahs erster Arbeitswoche wird Simon, quasi ein Teammitglied, tot aufgefunden. Er soll vom Dach eines Hochhauses gesprungen sein. Während die Polizei von Selbstmord ausgeht, ist Vincent davon überzeugt, dass hier jemand nachgeholfen haben muss. So begibt sich das Team der The Stranger Times anstatt der Ordnungshüter auf Spurensuche und stößt dabei auf jede Menge ungewöhnliche Vorkommnisse und rätselhafte Personen. 

Dem Autor ist mit diesem Buch ein hervorragender Genre-Mix aus Fantasy- und Kriminalroman gelungen. Die humorvolle, lockere Art zu Erzählen macht von der ersten bis zur letzten Seite großen Spaß, dabei ist der sprachliche Stil zu keinem Zeitpunkt platt oder fade. Die chaotischen, liebenswürdig-schrägen Charaktere sind wunderbar ausgearbeitet und wer britischen, schwarzen Humor mag, kommt hier voll auf seine Kosten. 

Der zweite Band „This charming Man“ ist Anfang des Jahres auf Englisch erschienen, es kann also nicht mehr lange dauern, bis wir von neuen, kuriosen Begebenheiten rund um The Stranger Times auch auf Deutsch lesen können. 

(Anja Kaul)

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Arianna Farinelli: Aufbrüche.
S.Fischer Verlag 2021, € 24,00.

Die in Rom geborene Autorin lebt seit mehr als 20 Jahren in New York und ist Professorin für Politikwissenschaften. In ihren Debütroman hat sie auch Autobiographisches mit einfließen lassen.

Vor 20 Jahren lernt die Italienerin Bruna in Rom den Italoamerikaner Tom kennen, und die beiden verlieben sich. Bruna verlässt ihre Heimat, um Tom in die USA zu folgen. Obwohl seine Eltern von Anfang an gegen die Beziehung sind, heiraten die beiden und bekommen zwei Kinder.

Bruna und Tom machen im Laufe der Jahre beide Karriere, sie als Professorin für Globalisierung und er als Mediziner. Das wiederum führt dazu, dass sie sich unmerklich immer mehr auseinanderleben. So weit so gut, ein normaler Familienroman scheint es, aber weit gefehlt.

Bruna fühlt sich zunehmend mit den Kindern alleingelassen. Hinzu kommt, dass ihr Umfeld ihr auch nach den langen Jahren in den USA immer noch suggeriert, eine Fremde zu sein, eine Migrantin in New York.

Auch ihre Kinder haben sich unterschiedlich entwickelt. Ihre Tochter ist zu einer starken Persönlichkeit herangereift. Ihr Sohn, der schon als Kind lieber mit Puppen gespielt hat, hinterfragt mit fortschreitendem Alter zunehmend sein Geschlecht. Unterstützung erfährt er hauptsächlich durch seine Schwester. Seine streng konservativen Großeltern äußern offen ihr Missfallen und sein Vater hat eigene Konflikte, die ihn belasten.

Bruna, von den vielen Problemen inzwischen total überfordert, beginnt eine Liebesaffäre mit einem ihrer Studenten, einem Afroamerikaner, wird schwanger und wieder verlassen, weil sich der junge Mann dem IS anschließt. Wie geht es jetzt weiter, werden sich die verschiedenen Knoten lösen können?

Vielschichtig, ungewöhnlich und sehr intelligent, das umschreibt diesen Roman am besten. Farinelli ist ein kleines Kunststück gelungen. Mit einer scheinbaren Leichtigkeit widmet sie sich den großen Themen unserer modernen Zeit, und man merkt ihr mit jeder Zeile an, dass sie weiß wovon sie schreibt.

So wird aus dem Schicksal einer Italienerin in New York die Geschichte von uns allen: Rassismus, Migration, Culture Clash, Gleichberechtigung, geschlechtsspezifische sowie politische Ausrichtungen, nichts wird ausgelassen. Gekonnt und literarisch ausgefeilt webt die Autorin unaufgeregt und einfühlsam das Leben einer modernen Frau. Ganz große Unterhaltung!   

(Sylvia Jongebloed)

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Viel Spaß beim Lesen,

Ihre Birgit Lingmann und Pia Patt

Pia Patt und Birgit Lingmann führen die Buchhandlung Funk

Die Buchhandlung Funk existiert seit vielen Jahrzehnten in Bensberg und ist seitdem Bestandteil des kulturellen Lebens von Bergisch Gladbach. Mehr als zehn Jahre waren Pia Patt und Birgit Lingmann (geborene Jongebloed) bereits in der Buchhandlung Funk beschäftigt, als sie im Oktober 2015 das Geschäft von Almut Al-Yaqout übernahmen.

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Pia Patt, geboren 1974 in Köln, verheiratet, 2 Katzen, wohnt in Lindlar. Sie wurde in der Buchhandlung Funk zur Buchhändlerin ausgebildet und interessiert sich besonders für Kinderbücher, Krimis, und Belletristik. Wenn sie nicht gerade liest, kümmert sie sich um ihren Garten oder feilt an ihren...

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