Joline Kemp vor dem Stadtpanorama von Beit Jala, Bergisch Gladbachs Partnerstadt in Palästina

Als Zwölfjährige unternahm Joline Kemp mit der IGP ihre erste Reise nach Beit Jala. Das Ziel damals war ein Theater-Workshop mit palästinensischen und israelischen Schülern. Jetzt reiste die heute 24-Jährige erneut in die palästinensische Partnerstadt: als angehende Ergotherapeutin, mit Laptop und Lehrbüchern im Gepäck. Bei einem Studienpraktikum in der Behinderteneinrichtung Lifegate sammelte sie Stoff für ihre Bachelorarbeit.

Joline Kemps Bachelor-Thema ist die ergotherapeutische Versorgung in den palästinensischen Gebieten. Wie steht es um Wissen und Praxis in dieser Therapieform, welchen Zugang haben die Menschen dazu, wie ist das gesellschaftliche Bild von Krankheit und Behinderung?

Dabei konnte sie auch vom profunden Wissen von Lifegate-Gründer Burghard Schunkert profitieren, der vor drei Jahren auch schon hier in Bergisch Gladbach referiert hat. „Ich kenne in Deutschland keine Einrichtung, die so strukturiert ist wie Lifegate – Kindergarten, Schule, Werkstatt und die Therapieangebote allesamt unter einem Dach,“ berichtet Kemp.

Mitarbeit in allen Abteilungen 

Ihr war wichtig, die gesamte Einrichtung kennen zu lernen. Daher nutzte Kemp den ersten Monat dazu, jeweils eine Woche in der Schule, im Kindergarten, in der sogenannten Specialclass für mehrfach behinderte Menschen und in der Werkstatt zu arbeiten.

In der zweiten Hälfte begleitete sie die Therapeutinnen und Therapeuten in ihrem Arbeitsalltag, war in Einzel- und Gruppenbehandlungen dabei und führte Interviews. „Ich glaube, dass es ein Konzept mit sehr viel Potenzial ist – nicht nur in Palästina“, so ihre Erkenntnis. 

Freundschaft begann mit Theater 

Kamps erste Berührung mit Beit Jala reicht bis 2009 zurück. Damals kamen sechs palästinensische Jugendliche fürs Theaterspiel an die Strunde. Joline Kamps Eltern nahmen Juliana Salah und einen weiteren Gastschüler bei sich zu Hause auf. Die beiden Mädchen schlossen Freundschaft, Joline reiste 2010 und 2011 nach Beit Jala und lernte die Stadt, Land und Leute kennen.

In der Folgezeit nahm der Kontakt zwar ab, Kemp aber vergaß die Begegnungen nicht. Gut für beide Seiten. Denn als sie im vergangenen Jahr beschloß, dass sie für ihre Bachelorarbeit erneut nach Beit Jala reisen würde, flatterte nach kurzer Rücksprache die Einladung von Julianas Eltern Rania und Jamal ins Haus, bei ihnen zu wohnen.  

Viel Leben in einem Raum

 „Für die Familie spielte es keine Rolle, dass wir uns so viele Jahre nicht gesehen hatten. Ich hatte plötzlich vier Schwestern und einen Bruder mehr“, erzählt Kemp. „Für alle war es selbstverständlich, dass ich bei ihnen wohnte und Teil der Familie war.“

Kemps Bleibe war das palastähnliche Stadthaus der Salahs, noch aus osmanischer Zeit. „Das Verrückte ist, dass sich das Leben dort eigentlich nur in einem einzigen Raum abspielt, der Eingangsbereich, Küche und Wohnzimmer zugleich ist.“ Jedenfalls beste Voraussetzungen für ungewöhnliche Einblicke in den Alltag einer palästinensischen Familie.  

Mit den Augen der Erwachsenen neu entdeckt 

Hinzu kam so manches Déjà-vu. Bereits ihre ersten beiden Aufenthalte in Beit Jala hatten bei Kamps bleibende Eindrücke hinterlassen. „Das Land in seiner ganzen Vielfalt, sowohl den schönen als auch traurigen und erschreckenden Eindrücken, hat mich schon damals gefesselt“, erinnert sie sich. Und jetzt lagen alle Erinnerungen plötzlich wieder offen vor ihr.

Abrahams Herberge mit dem inzwischen in die Hausleitung aufgerückten Mohammed Faraje, die deutsche Schule Talitha Kumi, Bethlehem und die Altstadt – mit den Augen der Erwachsenen entdeckte Joline die vertrauten Orte ihre Teenagerjahre neu. 

Komisches Gefühl 

Für die geplanten Besichtigungsreisen blieb nur wenig Zeit. Kemp wollte möglichst viel ihrer freien Zeit mit der Familie verbringen. „Für mich war es ein komisches Gefühl, nach der Arbeit oder am Wochenende mit dem Bus nach Israel zu fahren, einen Ausflug nach Jerusalem oder Tel Aviv zu machen und dann zurück zu den Salahs zu kommen, davon zu berichten und zu wissen, dass die Familie  nicht die Möglichkeit hat, mal eben rüber zu fahren oder mit zu kommen.“ 

Bewusste Beschäftigung mit der Situation vor Ort  

Was hat Joline Kemp nach Deutschland mitgenommen? Auf jeden Fall reichlich Recherchematerial für den Bachelor.

Dazu vieles, wofür es keine Prüfungsnoten gibt: Mehr Wertschätzung für die gewohnten Freiheiten zu Hause. Berührende Momente bei der Arbeit mit den behinderten Menschen in Lifegate. Das Geschenk unglaublicher Gastfreundschaft, die Selbstverständlichkeit, umsorgt und Teil der Familie gewesen zu sein. Den Anstoß zu einer bewussteren Beschäftigung mit der politischen und gesellschaftlichen Situation vor Ort. „Ich nehme so vieles mit, was für mich bisher schwer in Worte zu fassen ist, was sich noch im Hintergrund abspielt und erst einmal verarbeitet werden will.“  

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