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Sie ist so etwas wie die bessere Hälfte von Bergisch Gladbach: Die Gartensiedlung Gronauer Wald. Gegründet vor 125 Jahren, ist sie die älteste Gartenstadt Deutschlands. Das Bürgerportal wirft in einer kleinen Serie einen Blick auf Geschichte und Geschichten des malerischen Viertels. Wir starten mit den „Zwitscherkisten“ am Platz an der Eiche“, mit deren Hilfe Anna und Richard Zanders höchstpersönlich in die Geschichte der Siedlung einführen.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

„Die Zwitscherkisten sind ein Geschenk der Stadt aus Anlass des 125-jährigen Bestehens der Gartensiedlung Gronauer Wald“, sagt Frank Grobolschek. Der Vorsitzende des Freundeskreis Gartensiedlung Gronauer Wald deutet auf zwei Stahlskulpturen am Platz an der Eiche. Dem Zentrum der Gartensiedlung Gronauer Wald.

Seit ein paar Wochen stehen die beiden ca. 180 cm hohen Skulpturen dort zwischen Parkbänken unter einem Blätterdach. Es sind Abbildungen berühmter Personen: Anna und Richard Zanders. Die Gründer der Gartensiedlung Gronauer Wald.

Made in Bergisch Gladbach

Zwitscherkisten – das sind Stahlskulpturen, versehen mit einer Kurbel und einem Dynamo. Damit wird Strom erzeugt, um gespeicherte Audio-Dateien wiederzugeben. Entwickelt wurden die Zwitscherkisten in Bergisch Gladbach, von der Firma Dörich Metallbau. Die Kisten sind, in verschiedensten Designs und Ausführungen, mittlerweile in ganz Deutschland zu finden.

In der Gartensiedlung Gronauer Wald zwitschern sie demnächst mit dem Konterfei Richard Zanders und seiner Frau Anna. Der Fotograf Till Erdmenger (Foto rechts) hat die Skulpturen auf Basis von historischen Portraits der beiden entwickelt. Er ist ebenfalls im Freundeskreis aktiv, wohnt wie Grobolschek (Foto links) in der Gartensiedlung.

„Nachdem uns die Stadt das Geschenk mit den Zwitscherkisten gemacht hatte entschied sich der Freundeskreis, die beiden prominenten Zanderianer damit abzubilden“, so Grobolschek zum Entstehungsprozess. „Es war nur konsequent Anna und Richard für die Skulpturen auszuwählen.“ Ihnen sei das malerische Wohnviertel schließlich zu verdanken.

Hinweis der Redaktion: Die Kisten sind bereits fertig installiert, allerdings können die Audiodateien im Moment noch nicht abgespielt werden; das soll aber rechtzeitig zum Jubiläum ab der 32. Kalenderwoche fertig sein. Sie können sich die Dateien aber im Bürgerportal bereits anhören, siehe etwas weiter unten.

Richard Zanders

Richard Zanders, einer der Söhne von Carl Richard und Maria Zanders, hatte nicht nur die Papierfabrik geführt, er war zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch Stadtverordneter und engagiert sich als Städteplaner, u.a beim Neubau des Rathauses 1905/06 und der Erneuerung von Schloss Lerbach 1893.

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Zanders: Der Aufstieg einer großen Marke

Die Papierfabrik Zanders prägt seit fast 200 Jahren das Bild und Geschehen der Stadt Bergisch Gladbach. Das Unternehmen gehörte zu den führenden Konzernen der Papierindustrie – und stürzte tief. Im Moment kämpft die Papierfabrik erneut um ihre Existenz. Für das Bürgerportal der Anlass, in einer Serie in die Geschichte der Traditionsfirma einzutauchen.

Rund 6.500 Euro habe das Zwitscher-Projekt gekostet, viele ehrenamtliche Stunden nicht eingerechnet. Sechs Monate habe man für die Realisation gebraucht, sagt der Vorsitzende des Freundeskreises.

Fiktiver Briefwechsel

Nun thronen Anna und Richard also inmitten ihres „Sozial-Projekts“, wie es im Flyer der Stadt über die Gartensiedlung heißt. Hat man die Zwitscherkiste einmal mit der Kurbel aufgeladen und einen Knopf gedrückt, wird man Zeuge eines kleinen Dialgos zwischen Anna und Richard.

Zu hören ist ein fiktiver Briefwechsel, in dem sich die beiden über Annas Idee der Gartensiedlung austauschen.

„Die Firmen in England bauen jetzt ganz neue Viertel für Ihre Arbeiter! Meinst Du nicht, wir könnten auch eine solche Siedlung bei uns errichten?“ zeigt sich Anna nach einer England-Reise begeistert. Hören Sie es sich selbst an:

„Deine Ideen sind fabelhaft!“ so die postwendende Antwort von Richard. Er erläutert das Konzept und seine Idee für Bergisch Gladbach ausführlich:

Die Sache kommt ins Rollen, mit bekanntem Ausgang.

Einfamilienhaus für den kleinen Mann

1897 kauften Anna und Richard Zanders ein 30 Hektar großes Grundstück im heutigen Stadtteil Heidkamp, zwischenHeidkamper Straße und Richard-Zanders-Straße. Inspiriert von den Gartenstadt-Konzepten in Großbritannien wollten die beiden Wohnraum für die Arbeiter der Papierfabrik schaffen.

Karte: Open Street Map

Nahe am Arbeitsplatz gelegen und günstig zu erwerben, sollten sie die Menschen an das Unternehmen binden, der Verteuerung der Grundstückspreise und der Verdichtung der Innenstädte entgegenwirken. „Dem kleinen Mann ein Einfamilienhaus“ ermöglichen, das war der Grundgedanke.

Eine Stiftung überließ den Bewohnern die Häuser als Nutzereigentum. Die Finanzierung überstieg nicht die Kosten einer damaligen Mietwohnung. Dennoch wurden die Objekte rasch Gegenstand von Spekulationen. Eine 1913 gegründete Siedlungsgesellschaft machte es sich zur Aufgabe, die Preissteigerungen zu verhindern.

Bis 1980 sind rund 690 Häuser mit knapp 1.400 Wohnungen entstanden.

Podcast aus dem Jenseits

Die Texte der Zwitscherkiste stammen aus der Feder von Till Erdmenger, der auch den Part von Richard Zanders eingesprochen hat. Yogalehrerin Kati Kratz, die gleich um die Ecke wohnt, lieh Anna ihre Stimme.

Musikalisch unterlegt sind die Texte mit Max Bruchs Streichquartett Nr. 1, c-Moll, Op. 9 sowie dessen Klavierquintett g-Moll, jeweils das Adagio des zweiten Satzes. Musiker um Roman Salyutov haben den Soundtrack begeisteuert. Die Wahl des Kopmponisten ist stimmig. Schließlich war Bruch eng mit Richards Mutter Maria befreundet, die ihn wiederum als Mäzenin förderte.

125 Jahre Gronauer Wald

Der Freundeskreis Gartensiedlung Gronauer Wald würdigt den Geburtstag des Viertels mit verschiedenen Aktionen:

Samstag, 27. August, 15 Uhr: Gartenfest am Platz an der Eiche.
Offizielle Einweihung der Zwitscherkisten zum Gartenfest durch einen Vertreter der Stadt

Buch „125 Jahre Gartensiedlung Gronauer Wald“ mit vielen Texten und Bildern zur Geschichte der Gartensiedlung und der Arbeit des Freundeskreises. Erscheint zum Gartenfest im Heider Verlag, 24,80 Euro. Erhältlich beim Freundeskreis, im Heider Verlag und im Buchhandel.

Die Stadt gibt zum Jubiläum eine Neuauflage des Flyers zur Gartensiedlung heraus. Neben Informationen über die Anfänge der Gartensiedlung informiert er über den Rundweg durch die Gartensiedlung. Download am Ende dieses Beitrags.

Ob der Verzicht auf eine historisierende Sprache bei den Texten der Zwitscherkisten Sinn macht oder nicht, darüber mag man streiten. Gewitzt ist die Idee allemal, den Ursprungsgedanken der Gartensiedlung auf diese Weise seinen Protagonisten in den Mund zu legen.

Inmitten der historischen Bauten, inszeniert als mediale Zeitreise, wie ein Podcast aus dem Jenseits. Das bleibt bei den Nuztern hängen und lockt sicher einige Interessenten.

Bewusst gewählter Aufstellort

Der Standort der Zwitscherkiste wurde bewusst gewählt, in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde, berichtet Grobolschek. „Was liegt näher als das Herz der Gartensiedlung Gronauer Wald für die Zwitscherkisten zu nutzen.“

Die beiden Skulpturen fügen sich gut in das Rund, im Schatten der alten Eiche, vor den alten Fassaden. Hier ging schließlich auch alles los: Vor Ort steht der „Unterlerbacher Hof“, das älteste Gebäude der Gartensiedlung. Das Fachwerkhaus wurde einst vom Gut Lerbach an diesen Platz versetzt. 

Zudem kreuzt die Erlebnisroute Ost – ein Wanderweg von der Quelle der Strunde an den Rhein – den malerischen Platz.

„Und der Rundweg durch die Gartensiedlung beginnt hier unter den Eichen“, blickt Grobolschek zufrieden auf die Infotafel ein paar Meter weiter. Aber das ist schon die nächste Geschichte.

Der neue städtische Flyer zur Gartensiedlung Gronauer Wald zum Download

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Holger Crump

ist Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Es kommt mir vor wie ein Märchen aus uralten Zeiten. Ist diese Geschichte, Teil unserer Stadtgeschichte, manchen heute wirkenden Architekten, dem Gestaltungsbeirat und dem Bauamt eigentlich nicht bekannt?

  2. Einen schönen guten Abend,
    Die neue Form ist viel besser lesbar. Vorher musste ich das iPhone immer im Querformat lesen weil die Schrift sonst zu klein war. Danke
    Liebe Grüße
    Ursula Bohlscheid