Im Alter von 100 Jahren ist Philomena Franz gestorben. Die Auschwitz-Überlebende hatte viele Jahrzehnte lang für die Verständigung und Versöhnung zwischen Sinti, Roma, Juden und Deutschen gekämpft – und war seit etwas mehr als einem Jahr Bergisch Gladbachs Ehrenbürgerin. Am Mittwoch ist sie in ihrer Wohnung friedlich eingeschlafen.

„Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich.“

Dieser Satz war so etwas wie ihr Lebensmotto. Philomena Franz war Musikerin, Tänzerin, Autorin und Sinti. Sie hat die Vernichtungslager der Nazis in Auschwitz und Ravensbrück überlebt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitet sie als Schriftstellerin und leistet über viele Jahrzehnte hinweg einen großen Beitrag dazu, dass sich die deutsche Erinnerungskultur auch dem Schicksal der Sinti und Roma zuwendet.

Am 28. Dezember 2022 ist Philomena Franz in ihrer Wohnung friedlich eingeschlafen, teilt die Stadt Bergisch Gladbach mit. „Im Namen aller Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt spreche ich der Familie von Frau Franz mein tief empfundenes Beileid aus“, erklärt Bürgermeister Frank Stein: „Ich habe die Verstorbene erst sehr spät kennengelernt, war aber um so faszinierter von ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebensgeschichte.“

Bürgermeister Frank Stein bei seiner Laudatio im August 2021. Foto: Thomas Merkenich

Erst am 13. August 2021 Stein ihr die Ehrenbürgerwürde verliehen, im Juli 2022 zum 100. Geburtstag gratuliert. „Weit über die Grenzen von Bergisch Gladbach hinaus hat sie die Menschen gelehrt, was es bedeutet, Hass, Folter und Vernichtung zu erfahren und trotzdem stets für Liebe und Versöhnung einzutreten,“ würdigt Stein jetzt die Verstorbene. Franz hatte viele Jahre in Rösrath gewohnt und gewirkt, lebte zuletzt aber in Refrath.

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„Wenn wir hassen, verlieren wir. Wenn wir lieben, werden wir reich.“

In einer ergreifenden Feierstunde ist Philomena Franz die Ehrenbürgerwürde der Stadt Bergisch Gladbach verliehen worden. Bürgermeister Frank Stein zeigte in seiner Laudatio auf, warum die Auschwitz-Überlebende und lebenslange Verfechterin von Liebe und Aussönhung, diese Auszeichnung mehr als verdient hat. Eine besonderes Kompliment erhielt die 99-Jährige jedoch von zwei anderen Ehrenbürgern.

„Ich musste für Himmler singen“

Philomena Franz ist Sinti, Musikerin, Tänzerin, Autorin. Und Auschwitz-Überlebende. Zweimal flüchtet sie aus dem KZ, wird zum Schein hingerichtet, entgeht nur knapp der Gaskammer. Im Gespräch mit dem Bürgerportal schildert die künftige Ehrenbürgerin der Stadt Bergisch Gladbach Szenen aus ihrem Leben, die auf drastische Weise zeigen, welches Grauen die Nazis über ihre Familie gebracht haben.


Philomena Franz hielt Vorträge in Schulen, Volkshochschulen, Universitäten und Kirchen, in Funk und Fernsehen. Ihr Erzählstil habe vermochte, das Unaussprechliche plastisch nahezubringen, heißt es im Nachruf der Stadt Bergisch Gladbach weiter.

Damit habe sie vor allem bei jungen Menschen das Interesse an der Vergangenheit geweckt – und das Bewusstsein, dass so etwas nie wieder passieren dürfe. Sie habe stets dazu ermutigt, Fremdes kennen und verstehen zu lernen, egal welcher Herkunft es entstammt.

Philomena Franz bei der Verleihung der Ehrenbürgerinnen-Würde 2021. Neben ihr Roswitha und Erich Bethe, ebenfalls Ehrenbürger:innen der Stadt Bergisch Gladbach. Foto: Thomas Merkenich

Erich Bethe, ebenfalls Ehrenbürger der Stadt Bergisch Gladbach, hatte bei der Feierstunde 2021 daran erinnert, wie es Philomena Franz immer wieder gelungen sei, Hunderte von Schülern mit ihren Berichten in ihren Bann zu schlagen. „Philomena, Du bist gleich mehrfach durch die Hölle gefahren – aber ich kenne keinen, der so herzhaft lachen kann wie Du“, sagt Bethe, „Philomena, du bist phänomenal“.

Philomena Franz: Die Autorin (Auswahl)
Märchensammlung: Zigeunermächen (1982)
Biografie: Zwischen Liebe und Hass (1985) 
Gedichte: Tragen wir einen Blütenzweig im Herzen, so wird sich immer wieder ein Singvogel darauf niederlassen (2013)

„Auch im hohen Alter kämpfte Philomena Franz noch unermüdlich für Versöhnung und interkulturelles Miteinander. Sie vermittelte in vielfältiger Weise, dass Toleranz aus dem Herzen wachsen muss“, erklärt Bürgermeister Stein.

„Ich bin mir sicher, dass ihr Erbe tiefe Wurzeln schlagen wird, und ich wünsche mir sehr, dass es auch in Zukunft viele Menschen von ihrem Format gibt, die die Erinnerung nicht verblassen lassen und einen Zeitgeist prägen, der alle Menschen gemeinsam in Frieden miteinander leben lässt,“ sagt Stein.

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Redaktion

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2 Kommentare

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  1. Großartig und aller Ehren wert war es, dass Frau Franz als Zeitzeugin jahrzehntelang in zig Schulen gegangen und von den NaziGräuel berichtet hat. Jetzt sind alle Zeitzeugen verstorben. Hoffentlich wurden viele Zeitzeugen auf digitalen Medien interviewt und damit den Nachgeborenen auf diese Weise noch präsent sein.

  2. Ich habe das große Glück gehabt Philomena Franz persönlich zu begegnen und ihren Bericht über ihr Leben zu hören. Ich habe alle Bücher von ihr, sie gehören in ein Buchregal zu der Sammlung Zeitgeschichte der Holocaust Überlebenden. Ich gedenke ihr in Verehrung und Bewunderung für ihr Überleben und nachher weiter leben.