Tom Hegermann im Gespräch mit Victoria Allen, von Schildgen nach New York. Foto: Phillip Bösel

Die Ausstellung „Jüdische Biografien“ im Himmel un Ääd in Schildgen zeichnet das Schicksal von Opfern des Holocausts in Bergisch Gladbach und in der Partnerstadt Ganey Tikva nach. Bei einer weit reichenden Veranstaltung zur Eröffnung machten Kinder der Leidtragenden deutlich, wie die Erlebnisse in der Nazi-Zeit bis heute nachwirken. Und eine Versöhnung dennoch möglich ist.

Alles begann mit Achim Rieks und Ulli Poggel. Die beiden hatten sich schon 2021 auf die Suche nach jüdischen Schicksalen in Schildgen während der nationalsozialistischen Diktatur gemacht und ihre Recherchen in einer Broschüre veröffentlicht.

Diese Sammlung war Anlass dazu, die Kontakte des Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V. in die israelische Partnerstadt zu nutzen, um dort Biografien jüdischer Holocaust-Leidtragender zu sammeln. Entstanden ist daraus eine Ausstellung mit Fotos und eine weitere Broschüre, die die jüdischen Biografien aus Ganey Tikva und Bergisch Gladbach gemeinsam präsentiert. 

Fotoausstellung: Jüdische Biografien
Dienstag bis Freitag: 9 – 18 Uhr
Samstag: 9 – 13 Uhr
bis zum 25.09.2022
Begegnungscafé Himmel un Ääd, 
Altenberger-Dom-Str. 125, Bergisch Gladbach-Schildgen 

Eine Fotoausstellung will eröffnet werden, und so luden der Himmel un Ääd e.V. und der Städtepartnerschaft Ganey Tikva – Bergisch Gladbach e.V. in den Gemeindesaal der Herz-Jesu-Kirche in Schildgen ein.

Lesungen machen die Personen lebendig

Durch das Programm der feierlichen Ausstellungseröffnung führte der Journalist und Moderator Tom Hegermann mit großer Sachkenntnis und viel Empathie.

Claudia Timpner (Intendantin von Theas Theater) und Gerd Pohl (Chef des Puppenpavillons Bensberg) lasen Auszüge der Geschichten und machten die unterschiedlichen Personen lebendig. Diese Gänsehaut-Momente wurden durch Musik des Green Smart Sax Quartett abgelöst und durch Interviews mit hinterbliebenen Töchtern ergänzt. 

Foto: Susanne Schlösser

Ursula Völkner erinnert an Ilse Edelmann und Erich Deutsch

Zunächst nahm Ursula Völkner auf dem kleinen Sofa in der Mitte der Bühne Platz. Ihr Großvater, Dr. Erich Deutsch, wurde in das KZ Theresienstadt deportiert und dort erschlagen.

Tom Hegermann entlockte Ursula Völkner einige Erinnerungen an ihre Mutter, Ilse Edelmann. Diese war von ihren Erfahrungen als Halbjüdin in Nazi-Deutschland so verunsichert, dass sie der Tochter erst von ihrem jüdischen Erbe erzählte, als diese 16 Jahre alt war.

Ilse Edelmann war mit Tochter Ursula nach dem Kriegsende in Bergisch Gladbach geblieben, obwohl sie dort Gefahr lief, ihre Peiniger zu treffen – was leider auch geschah. Sie wählte aber Bergisch Gladbach vor allem als Heimatort, weil sie hier in Politik und Gesellschaft ihren Beitrag zu einem besseren Deutschland leisten wollte.

Auch Ursula Völkner engagiert sich bis heute aus dem gleichen Grund im sozialen Bereich. Sie fürchtet – gerade vor dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte – die Verrohung der Gesellschaft durch Respektlosigkeit, Intoleranz und Hass, besonders auch in den sozialen Netzwerken. 

Von Jascha Lülsdorf zu Jacques Lowe

Die zweite Interviewpartnerin wurde per Zoom aus New York zugeschaltet. Victoria Allen ist die Tochter von Jascha Lülsdorf aus Schildgen, der den Holocaust überlebte, weil die mutige Gastwirtin Christine Quirl ihn und seine jüdische Mutter versteckte.

Jascha wanderte später in die USA aus und nannte sich fortan Jacques Lowe. Der Name sagt Ihnen nichts? Vermutlich haben Sie aber schon seine Arbeiten gesehen, denn Jacques war der Fotograf der Kennedy-Familie, und seine Fotos wurden weltberühmt.

Zeit seines Lebens trug er einen Zorn in sich, den seine Tochter Victoria erst sehr spät verstehen lernte, als sie nämlich erfuhr, dass er ein Holocaust-Überlebender war. Nie hatte er seinen Kindern von seinem Schicksal erzählt. Seinen Platz im Leben hat er erst in seiner Arbeit als Fotograf gefunden, der durch die Linse auf das Wesentliche blickte und es festhielt. Zu Deutschland hatte er jedoch Zeit sein Lebens ein schwieriges Verhältnis.

Von Transnistrien nach Ganey Tikva

Von New York ging es dann per Videoschalte nach Ganey Tikva, zu Ruthy Vortrefflich. Ruthys Vater überlebte ein Hunger-Lager in Transnistrien und lernte in Rumänien nach dem Krieg Martha kennen, die ihrerseits den Holocaust unter der schützenden Hand ihres Arbeitgebers überstand.

Ruthy berichtete von den Anfängen der Eltern in Israel. Sie hätten Europa nur verlassen, um den Eltern von David nach Israel zu folgen. Tatsächlich waren die Vortrefflichs viel zu sehr in der deutsch-österreichischen Kultur verankert, um sie ganz aufzugeben.

Die Vortrefflichs sprachen zu Hause deutsch, die Integration fiel nicht leicht. Die Sehnsucht nach Europa ist den Töchtern und Enkeltöchtern ins Herz gegeben. Ruthys Töchter leben heute in der Schweiz und in den Niederlanden.

Tom Hegermann im Gespräch mit Ruth Vortrefflich, der Bürgermeisterin von Ganey Tikva. Foto: Philipp Bösel

Ein versöhnlicher Blicke auf Deutschland

Victoria und Ruthy wissen um das Böse, das Nazi-Deutschland und Europa im Griff hatte, und es gehört zu ihrer Familiengeschichte. Beide sehen jedoch heute Deutschland und die Deutschen versöhnlich. Victoria sagt, sie nehme jeden Menschen als einzelnes Individuum und gebe jedem eine Chance.

Ruthy hat die österreichisch-deutsche Herkunft immer schon mit ihrem Namen behalten (auch „Ruthy“ wird deutsch ausgesprochen), hat schon als Kind immer wieder mit den Eltern Deutschland besucht. Die persönlichen Kontakte und der Schüleraustausch zwischen der HaRishonim Junior High School und dem Otto-Hahn-Gymnasium sind ihr sehr wichtig, um heute Menschen zusammenzuführen, sich kennen und schätzen zu lernen.

106 Schülerinnen und Schüler hatten sich zuletzt (vor Corona) in Ganey Tikva für den Schüleraustausch gemeldet – fast der gesamte Jahrgang. Nur 20 duften nach einem Auswahlverfahren die Reise antreten. „Wer sich kennt, hasst sich nicht!“ – das ist Ruthys Devise.

„Unterwegs zu besseren Tagen“

So ähnlich formuliert es auch Asif, der Enkelsohn von Zwi Eshed, der früher Herman Obstfeld war: „Schau, jedes Land hat eine Geschichte, und einige Leute haben schreckliche Fehler gemacht, aber ich weiß, Deutschland tut, was immer es kann, um diese dunklen Tage auszugleichen … . Ich glaube, wir leben in anderen Zeiten, an anderen Tagen. Und trotzdem wir von antisemitischen Entwicklungen auf der ganzen Welt hören, glaube ich, die ganze Welt ist entschlossen, die Fehler, die im Laufe der gesamten Geschichte gemacht wurden, nicht zu wiederholen. – Ich glaube, wir sind nicht nur unterwegs hin zu anderen Tagen, sondern zu besseren Tagen.“

Die Geschichten der Leidtragenden des Holocaust sind in einer Broschüre mit Fotos zusammengetragen. Sie ist im Begegnungscafé Himmel und Ääd in Schildgen erhältlich – gerne gegen Spende. Dort hängen auch die Fotos der Menschen aus Ganey Tikva und Bergisch Gladbach, die in der Broschüre beschrieben werden.

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Susanne Schlösser

ist Beisitzerin im Städtepartnerschaft Ganey Tikva - Bergisch Gladbach e.V.

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4 Kommentare

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  1. Vielen Dank an ALLE Beteiligten für diesen unvergesslichen Abend! Zeichnete er doch das reiche Erbe jüdischen Lebens in GL nach und hob es als Aufgabe für Gegenwart und Zukunft ins Bewusstsein. Ganz stark auch die Live-Schalte nach New York (Victoria Allen) und Ganey Tikva (Ruthy Vortrefflich). Was mir an diesem Abend noch einmal deutlich wurde: Es geht bei diesem Thema nicht nur um schreckliche Schicksale, sondern ebenso um großartige, starke Menschen im Hier und Jetzt. Danke auch für den so anschaulich gemachten Katalog und die begleitende Ausstellung im Himmel & Äd.

  2. Es war ein ergreifender Abend. Claudia Timpner und Gerd Pohl haben die Texte in ergreifender Weise lebendig werden lassen, obwohl ich sie kannte. Ein einziger Fehler im Beitrag: Ruthy Vortrefflich wäre die beste Bürgermeisterin, aber die Bürgermeisterin von Ganey Tikva heißt Lizy Delaricha

  3. Gerd J Pohl und allen, die die (leider meist schrecklichen) Erinnerungen als Mahnung für die Nachgeborenen bewahren, großen Dank !

  4. Es war ein bewegender und beeindruckender Abend, und ich bin dankbar, dass ich einen kleinen Teil zum Gelingen beitragen durfte. Aus den Biographien der Verfolgten zu lesen und anschließend deren Nachfahren zugeschaltet zu bekommen – nun, das ist auch für einen langgedienten Rezitator etwas ganz Ungewöhnliches. Die Veranstaltung hallt auch jetzt noch in mir nach und wird mir dauerhaft in Erinnerung bleiben. Dank an alle, die sie ermöglicht haben!