Fotos: Philipp J. Bösel / enigmart.de

Mit einer Gedenkveranstaltung hat der Integrationsrat zusammen mit Vertreter:innen der Stadtgesellschaft, Kirche, Politik und Verwaltung, auf dem Quirlsberg einen Gedenkort für die Opfer der Terrorband NSU eingeweiht – und dabei eine direkte Linie aus der Vergangenheit in Gegenwart und Zukunft gezogen. „Wehret den Anfängen“ sei zwar keine neue Erkenntnis, sagte Bürgermeister Frank Stein. Sie sei aber wichtiger denn je.

Elf noch kleine Apfelbäume säumen den schmalen Weg quer über die Wiese zum Kirchgarten der Gnadenkirche. Sie stehen für die zehn Opfer der rechtsextremen Terrororganisation NSU, der elfte Baum für die vielen ungenannten Opfer von rassistischer Gewalt, sagte Redoun Tollih, Vorsitzender des Integrationsrats, bei der Einweihung des Gedenkortes auf dem Quirlsberg.

Redoun Tollih begrüßt die Gäste

Bergisch Gladbach verfüge über eine lebendige Erinnerungskultur, sagte Tollih – und gewinne mit der Obstbaum-Allee einen weiteren Gedenkort hinzu. Er forderte die Stadtgesellschaft auf, diesen Ort zu schützen und im Alltag anzunehmen, mit Veranstaltungen und Begegnungen hier auf dem Quirlsberg.

Bürgermeister Frank Stein lobte die Beharrlichkeit des Integrationsrats, der schon 2020 einen entsprechenden Antrag gestellt hatte und jetzt dank der Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde endlich den idealen Ort gefunden habe. Wie die anderen Redner schlug er den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart: Zwar seien seit dem furchtbaren Nagelbombenanschlag in der Mülheimer Keupstraße bereits 20 Jahre vergangen, aber die Gesellschaft stehe heute mehr denn je in der Verpflichtung, Zivilcourage zu zeigen und sich gegen Gewalt einzusetzen.

Frank Stein (r.) mit dem Hausherrn auf dem Gelände der evangelischen Kirche, Pfarrer Carsten Bierei.

Und die beginne nicht erst bei den Handgreiflichkeiten, sondern immer dann, wenn Menschen missachtet werden, betonte Stein: „Mit der verbalen Gewalt fängt es an. Der Spruch ‘Wehret den Anfängen’ ist zwar nicht neu – aber er trifft es!”

Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates, erinnerte daran, dass den Opfern aus der Keupstraße und ihren Angehörigen viele Jahre lang zusätzliches Unrecht angetan worden war, weil Polizei und Medien die selbst verdächtigt hatten und nur durch Zufall die wahren Täter gefunden worden waren. Der Eindruck, von den Menschen mit internationalem Hintergrund in Deutschland gehe eine große Gefahr aus, sei falsch. Es war aber auch Keltek, der bei der Schweigeminute für die Opfer ausdrücklich darum bat, auch dem in Mannheim von einen offenbar islamistischen Gewälttäter getöteten Polizisten und seiner Angehörigen zu gedenken.

Für die angemessene musikalische Begleitung sorgten im Duett Isabelle Kretschmer und der Saxophonist Raik Weidemann.

Fotos: Philipp J. Bösel

Dokumentation: Mit dem NSU-Mahnmal 10+1 wird an folgende Opfer erinnert

  • Enver Şimşek / ermordet am 09. September 2000, Nürnberg
  • Abdurrahim Özüdoğru / ermordet am 13. Juni 2001, Nürnberg
  • Süleyman Taşköprü / ermordet am 27. Juni 2001, Hamburg
  • Habil Kılıç / ermordet am 29. August 2001, München
  • Mehmet Turgut / ermordet am 25. Februar 2004, Rostock
  • Ismail Yaşar / ermordet am 09. Juni 2005, Nürnberg
  • Theodoros Boulgarides / ermordet am 15. Juni 2005, München
  • Mehmet Kubaşık / ermordet am 04. April 2006, Dortmund
  • Halit Yozgat / ermordet am 06. April 2006, Kassel
  • Michèle Kiesewetter / ermordet am 25.April 2007, Heilbronn

Die Kampagne 10+1 ins Leben hatte der Landesintegrationsrat Nordrhein-Westfalen 2020 ins Leben gerufen, nachdem mehrfach Erinnerungsstätten für die NSU-Opfer geschändet oder zerstört wurden. Bereits 20 Städte haben diese Anregung aufgegriffen, 20 weitere sollen folgen.

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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  1. Solange mittels solcher Aktionen bzw der gezielten Nicht-Aktionen im Gedenken an Susanna F. und andere Opfer von unkontrolliert eingereisten und oft trotz schwerster Straftaten nicht abgeschobener Migranten genau diese Opfer verhöhnt und als Opfer zweiten Ranges diskreditiert werden, werden die Wahlergebnisse auch nicht anders werden. Ganz einfach.
    Bei den Hinterbliebenen der Opfer vom Breitscheidplatz war Steinmeier übrigens nie. Aber die sind ja so gewollt. Das müssen wir aushalten. Denn alle Flüchtlinge sind ja mit Gold aufzuwiegen, haben wir ja gelernt.
    Ja, ich bin zynisch. Aber solange islamistische und individuelle Gewalt verherrlicht werden, werden sich Wahlergebnisse nicht ändern. Dafür müsst ihr nicht mich jetzt hier belöffeln, wie es eure Schnappatmung jetzt verlangt. Dafür müsst ihr nur realistisch und objektiv sein.

    1. „Bei den Hinterbliebenen der Opfer vom Breitscheidplatz war Steinmeier übrigens nie.“ – Sehr bezeichnend für die Halbwahrheiten, mit denen Sie hier operieren. Da Steinmeier erst im Jahr nach dem Anschlag am Breitscheidplatz Bundespräsident wurde und vorher keine entsprechende Funktion hatte, ist das nicht weiter verwunderlich. Dafür hat sich sein Amtsvorgänger Gauck selbstverständlich mit den Hinterbliebenen getroffen, zuvor gab es für die Opfer eine Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag.

      „Nicht-Aktionen im Gedenken an Susanna F.“ – Natürlich gab es da Aktionen, etwa die Gedenkkundgebung in Mainz am 11. Juni 2018.

      „Ja, ich bin zynisch.“ – Nein, Sie argumentieren polemisch und demagogisch.

      1. Vor genau einem Jahr jährte sich das Verbrechen zum fünften Mal. Da war kein Bundespräsident Steinmeier…

        Eine privat initiierte Kundgebung, keineswegs eine seitens der Regierung.

        Wer arbeitet hier mit Halbwahrheiten?

    2. ” Dafür müsst ihr nur realistisch und objektiv sein.”
      Gewagter Satz bei solchen Beitrag.