Im Kinderdorf Bethanien wird die Wärme mit Pellets erzeugt und über ein Nahwärme-Netz in die Gebäude verteilt. Foto: Thomas Merkenich

Öl- und Gasheizungen sollen verschwinden, Wärmepumpen und Wärmenetze kommen – damit Bergisch Gladbach bis 2045 klimaneutral wird. Die Umstellungen leisten müssen v.a. Bürger:innen und Unternehmen – die Stadt liefert mit dem kommunalen Wärmeplan bis Jahresende dafür nur eine Basis und einen Rahmen. Jetzt legt sie einen Zwischenbericht mit einer gründlichen Bestandsaufnahme und einigen Überraschungen vor. Und ruft zur Beteiligung auf.

Die Verunsicherung der Menschen auch in Bergisch Gladbach, wie sie in Zukunft heizen sollen und wie die Umstellung finanziert werden soll, ist groß. Das sieht auch der zuständige Beigeordnete Ragnar Migenda so – und will dem Stadtrat bis Ende des Jahres einen kommunalen Wärmeplan zum Beschluss vorlegen. Dieser Wärmeplan wird aber keine Vorgaben liefern, wer wann wie heizen soll – sondern die möglichen Optionen aufzeigen.

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„Am Ende ist das nur ein Konzept“, sagt Migenda, „aber es soll systematisch und verbindlich Wege für Bergisch Gladbach aufzeigen.“ Es handele sich um „eine informelle Planung, wie die Wärmewende gelingen kann“, ergänzt Jana Latschan, die als Klimamanagerin angefangen hatte und jetzt die Stabsstelle Wärmeplanung leitet. Der Plan enthalte weder Zwänge noch neue Fristen.

Ragnar Migenda ist als erster Beigeordneter u.a. für die Stadtplanung und den Klimaschutz zuständig. Foto: Thomas Merkenich
Hintergrund: Speerspitze Bergisch Gladbach

In einigen Bereichen der Klimapolitik liege die Stadt meilenweit zurück, räumt Migenda ein, zum Beispiel bei der Ausstattung der öffentlichen Gebäude mit Solaranlagen. Bei der Wärmeplanung, wo die Stadt im November 2023 ganz neu starten konnte, bilde sie jedoch „eine Speerspitze“. Als eine der ersten Kommunen habe Bergisch Gladbach einen Förderantrag gestellt und auch bewilligt bekommen. Der rund 155.000 Euro teure Wärmeplan wird zu 90 Prozent von Bund und Land finanziert.

Philipp Schönenborn von der Belkaw warnt davor, den Wärmeplan als Fahrplan zu verstehen – er zeige lediglich die Möglichkeiten auf, handeln müssen am Ende vor allem die Eigentümer.

Wir sind mit den Ingenieuren extra durch die Stadt gefahren, damit sie uns geglaubt haben, wie alt die Häuser in Bergisch Gladbach tatsächlich sind. Jana Latschan

Drei wichtige Schlüsse ziehen Migenda und Latschan aber schon jetzt bei der Vorlage eines Zwischenberichtes:

  1. sei der Immobilienbestand in Bergisch Gladbach noch sehr viel älter und damit sanierungsbedürftiger, als erwartet und auch als in vergleichbaren anderen Städten.
  2. seien größere Fernwärmenetze aufgrund der größtenteils lockeren Siedlungsstruktur nicht wirtschaftlich; die meisten Haushalte werden dezentrale Lösungen (vor allem Wärmepumpen) einsetzen müssen, in einigen Bereichen kommen auch kleinere Nahwärme-Netze in Frage.
  3. gehe es zunächst bei allen Beteiligten darum, den Wärmebedarf zu senken, um den Investitionsaufwand zu reduzieren.
Je mehr rot, desto älter die Häuser in Bergisch Gladbach. Aus diesem Jahrhundert stammen nur die wenigen grünen Flecken.

Aufruf zur Beteiligung

Zunächst legt die Stadt einen 156-seitigen Zwischenbericht vor, der eine gründliche Bestands- und Potenzialanlayse enthält, sowie einen Entwurf für Zielszenarien, Strategie und Maßnahmen. Nicht zuletzt mit Hilfe der Daten der Schornsteinfeger wurde ein kleinteiliger Wärmeatlas für 28.237 Gebäude mit 33.257 Wärmeanlagen in der ganzen Stadt zusammengetragen, der den Ist-Zustand ebenso wie den Wärmebedarf dokumentiert.

Einige Basisfakten:

Neun von zehn Heizungen in Bergisch Gladbach werden noch fossil betrieben, 77 Prozent der Wärme wird mit Gas produziert; die Gasheizungen sind für 71 Prozent der korrespondierenden Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. Auf Heizöl entfällt noch 16 Prozent der Wärmeproduktion, und 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Alle anderen Energieträger sind noch zu vernachlässigen.
63 Prozent der Heizenergie wird in Haushalten verbraucht, 24 Prozent bei Gewerbe, Handel und Dienstleistungen, 11 Prozent in der Industrie und nur zwei Prozent in der Stadtverwaltung selbst, die CO2-Emissionen (Grafk rechts) sind ähnlich verteilt.
Der Anteil Erneuerbarer Energien und unvermeidbarer Abwärme am Verbrauch von Wärme liegt bei nur 3,2 %. Davon stellen Biomasse und Strom die größten Anteile. 

Dieser Bericht (Dokumentation unten) ist jetzt öffentlich – damit die Bürgerschaft noch bis zum 20. September Stellungnahmen abgeben kann. Dafür hat die Stadt ein eigenes Internet-Portal eingerichtet. „Mit den Stellungnahmen wollen wir die Qualität und Legitimität des Wärmeplans erhöhen,“ erläutert Latschan.

Heike Behrendt, Jana Latschan
Jana Latschan (r.) zusammen mit Klimaschutzmnagerin Heike Behrend.. Foto: Thomas Merkenich

Im Vorfeld hatte die Verwaltung mit allen wichtigen Akteuren in der Wirtschaft und Stadtgesellschaft beraten. Die Belkaw unterstützt die Stadt und hat dafür als neutrale Experten das Ingenieursbüro BET aus Aachen beauftragt.

Jetzt ist die Bürgerschaft aufgerufen, sich zu informieren und zu äußern. Die Rückmeldungen werden evaluiert und eingearbeitet – damit der komplette Wärmeplan noch im Dezember im Hauptausschuss und Stadtrat diskutiert und möglichst auch beschlossen werden kann.

Hintergrund: Optionen der Verbraucher:innen

Schon jetzt berichtet Philipp Schönenborn, gebe es bei der Belkaw überhaupt keine Nachfrage mehr nach neuen Gasanschlüssen. Wer jetzt baue, setze auf Wärmepumpen. Darüber hinaus gebe es bereits jetzt in einigen Bereichen (wie etwa in Refrath, im Hermann-Löns-Viertel und in Lerbach) kleine Wärmenetze, so etwas sei häufiger möglich. Großverbraucher wie Krankenhäuser könnten auch Bio-Methan einsetzen oder – wie zuletzt das Bethanien-Kinderdorf – moderne Pelletbrenner. Für eine zentrale Fernwärme-Lösung sei Bergisch Gladbach zu wenig dicht bebaut.

Hintergrund: Optionen für die Energieerzeugung

Für den künftigen Heizbedarf wird viel erneuerbare Energie benötigt. Die kann laut Potenzialanalyse aus Solaranlagen auf Dächern und auf Freiflächen, aus Geothermie, Wärme von Bächen und vor allem Luft, aus Abwässern sowie Abwärme erzeugt werden. Der Wärmeplan geht jedoch davon aus, dass diese Energie nicht ausreicht – und die Differenz durch „grüne“ Gase gedeckt wird.

Hinter all den Anstrengungen steht das Ziel, dem sich auch Bergisch Gladbach im Klimaschutzkonzept verpflichtet hat, bis 2045 treibhausneutral zu werden. Mehr als die Hälfte aller Treibhausgase, die in Bergisch Gladbach ausgestoßen werden, geht auf die Heizungsanlagen zurück. Das heißt, hier sind riesige Investitionen erforderlich, um die Heizungen umzustellen, mehr erneuerbare Energie zu erzeugen und die Häuser zu dämmen.

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Das Bethanien Kinderdorf hat sich seiner alten Ölheizung entledigt und ist auf eine moderne Nahwärme-Anlage umgestiegen, die mit Holzabfällen betrieben wird. Angesichts der Bedingungen in der weitläufigen, von Gottfried Böhm entworfenen Anlage, aber auch mit Blick auf das Klima die beste Option, urteilen Belkaw und RheinEnergie, die das Projekt als Generalunternehmer umgesetzt haben. Einige hundert Tonnen CO2 sollen damit pro Jahr eingespart werden.

„Davor liegt aber ein allererster Schritt, der auf keinen Fall vergessen werden sollte“, betont Latschan: Zunächst sollten alle Möglichkeiten der Energieeinsparung genutzt werden – und dann könne man schauen, wie man den restlichen Wärmebedarf klimafreundlich decken kann. Dass es Einsparpotenzial gebe, habe sich ja zu Beginn des Ukrainekriegs gezeigt, erinnert Migenda.

Konkret: Was lässt sich einsparen?

In der Potenzialanalyse des Wärmeplan wird das theoretische Potenzial zur Reduktion vom Raumwärme- und Warmwasserbedarf mit 511 GWh/a berechnet. Das entsprechend fast 60 Prozent des aktuellen Wärmebedarfs. Dafür müssten aber bis 2045 jedes Jahr fünf Prozent aller Gebäude saniert werden. Aktuell ist es pro Jahr nur ein Prozent. Der Wärmeplan geht jedoch unter realistischen Annahmen davon aus, dass sich der Wärmebedarf unter dem Strich nur um 23 Prozent reduziert.

In Fokusgebieten untersuchen, was geht

Dennoch bleiben am Ende gewaltige Investitionen. Wie die finanziert werden, dass müsse die Politik entscheiden, sagt Migenda. Und wohl kaum auf kommunaler Ebene, sondern in Land und Bund. Angesichts der Kosten jetzt stehen zu bleiben, sei jedoch keine Alternative – denn dann würden die Kosten der Klimaanpassung der der Klimakrise nur noch größer. Energie werde in Zukunft insgesamt deutlich teurer, daher sei es im Interesse jedes einzelnen, seine Verbräuche zu minimieren und in klimafreundliche Technik zu investieren.

Die Stadtverwaltung selbst will sich drei sogenannte Fokusgebiete vornehmen, die jeweils für eine bestimmte Siedlungsstruktur stehen: zum Beispiel klassische Wohngebiete, Viertel mit vielen Baudenkmälern oder Gewerbegebiete mit sehr großen Verbrauchern, sagt Migenda. Dort könne man lernen und die Erkenntnisse duplizieren. Zur Auswahl werde die Verwaltung dem Rat folgende Gebiete vorschlagen:

  • Quirlsberg mit dem evangelischen Krankenhaus (EVK),
  • ein Teil der Gronauer Gartensiedlung mit dem Finanzamt,
  • Frankenforst mit der Anbindung an das Gewerbe- und Industriegebiet. 

Und natürlich werde auch das Zanders-Areal, das derzeit noch völlig isoliert und ohne Energie-Infrastruktur ist, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Wärme der Zukunft bilden – künftig auch mit den umliegenden Stadtteilen vernetzt.

Mehr Infos: Alle Materialien zur Wärmeplanung hat die Stadt auf dieser Website zusammengestellt

Dokumentation:

Journalist, Volkswirt und Gründer des Bürgerportals. Mail: gwatzlawek@in-gl.de.

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  1. ehem. Mitglied des Rats, Sachkundiger Bürger für die Grünen

    Danke liebes Klimateam! Es wurde Zeit, dass wir uns ehrlich machen und dieses Dokument ist – auch wenn es noch gründlich analysiert werden will – ein wichtiger Beitrag dazu.

    Danke Herr Havermann, dass Sie uns mal wieder auf die weit verbreitete Haltung hinweisen, dass es so befreiend ist mit dem Finger auf jemand anderen zu weisen. Es ist natürlich drollig, dies auf Ragnar Migenda zu tun, der, dem Bericht zu Folge, noch gar nicht in der Stadt war, als 99% der Entscheidungen getroffen wurden, die uns heute auf die Füße fallen.

    Fakt ist, dass wir uns in Bergisch Gladbach pro Nase jedes Jahr 3 Tonnen CO2 Emissionen für die wohlige Wärme gönnen, das alleine reicht, um niemals das 1,5° Ziel zu halten und das sind ja nun nicht die einzigen Emissionen. Das ist änderbar, aber nicht mit der Haltung das geht mich nix an, da sind andere Schuld.

    Jede/r der/die eine Investitionsentscheidung seit 1990 getroffen hat, sei es zu Dach, Fenster, Dämmung, Heizung oder Neubau hat sich für oder gegen den Schutz des Klimas entschieden und der Volksmund weiss, wer billig kauft, kauft zweimal. Nun haben wir uns also daran gewöhnt und halten es für unser Recht die Welt jedes Jahr mit 3t CO2 fürs Heizen zu belasten, so viel, wie ein durchschnittlicher Erdenbürger für alles braucht.

    Oder für diejenigen, die es lieber in € haben, die der Zukunft pro Jahr Kosten zwischen 600 und 2.100€ pro Nase aufbürden wollen, denn das Umweltbundesamt stellt fest:

    “Wir empfehlen die Verwendung eines Kostensatzes von 195 € 2020 / t CO 2 äq für das Jahr 2020 bei einer Höhergewichtung der Wohlfahrt heutiger gegenüber zukünftigen Generationen und eines Kostensatzes von 680 €2020 / t CO 2 äq bei einer Gleichgewichtung der Wohlfahrt heutiger und zukünftiger Generationen.”

    Wir können das Spiel, dass es immer die anderen waren und es schlimmere Übeltäter gibt natürlich noch eine Zeit spielen, interessiert das Klima aber nicht, oder Verantwortung übernehmen!

  2. Dieser Tage hatte ich ein Gespräch mit einer Rentnerin. Die Gasheizung ihres kleinen Hauses war kaputt. Nicht sinnvoll zu reparieren.

    Der herbeigerufene Experte eines örtlichen Unternehmens sagte ihr eine deutlich 5-stellige Summe für die klimafreundliche Installation einer Wärmepumpe nebst der notwendigen Begleitmaßnahmen (Isolierung, Fenster, Heizkörper, …) voraus.

    Dieses Geld hatte die Dame nicht und hat eine neue Gasheizung in Auftrag gegeben. Die klimafreundliche Lösung war weit entfernt von ihren finanziellen Möglichkeiten.

    Ich denke, solche oder ähnliche finanzielle Situationen wie bei dieser Rentnerin wird es tausendfach in Bergisch Gladbach geben – wahrscheinlich zunehmend. Dabei werden auch Mieter letztendlich die Kosten für aufwändige Heizungserneuerungen tragen müssen.

    Viele Bürgerinnen und Bürger werden deshalb – möglicherweise große und konkrete – Zukunfts-Sorgen haben. Ich und meine Familie haben die jedenfalls – ganz offen gesagt.

    Insofern wäre es aus meiner Sicht passend, wenn die Stadtverwaltung diesen Sorgen zumindest in einem ganz kleinen Kapitel ihres Konzeptes „Klima.Schutz.Zukunft.“ Rechnung tragen würde. Auch wenn sie für die Kosten der Wärmewende sicherlich nicht aufkommen kann. Vielleicht gibt es ja aber auch so etwas wie eine geniale „schlanke Lösung“ für kleine Geldbeutel oder noch ganz andere Ideen…

    Die technischen Herausforderungen der Wärmewende sind groß. Aber die sozialen sind wesentlich größer.

    Zumindest bei den Vertretern der Bürgerschaft, dem Stadtrat, sollte dieser Aspekt m.E. eine Rolle spielen.

    1. Das Thema Förderung beim Heizungstausch ist v.a. bei der Bundesregierung angesiedelt und Bestandteil des Heizungsgesetzes. Heute ist die dritte Förderrunde gestartet, nun können alle Eigentümer eine Förderung (von bis zu 70 Prozent) beantragen.

      Aktuelle Berichte dazu finden Sie hier:
      https://www.zdf.de/nachrichten/politik/deutschland/heizungsgesetz-eigentuemer-wohnung-haus-100.html
      https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/klima-nachhaltigkeit/heizungsgesetz-bis-zu-70-prozent-zuschuss-in-der-dritten-foerderrunde-19944587.html
      https://www.zeit.de/wirtschaft/2024-08/heizungsgesetz-heizungsaustausch-foerdermittel-gasheizung-oelheizung-waermepumpe

  3. Vielleicht sollte die Stadt erst mal vor Ihrer eigenen Tür kehren und das Potential ausschöpfen, dass Photovoltaik-Anlagen auf Dächern städtischer Gebäude anbieten statt in dieser Hinsicht letzte Stadt in Deutschland zu sein. Herr Migenda ist dafür bekannt, Änderungen oder Verbesserungen anzumahnen, die ande3re bezahlen müssen!

    1. Man kann (und sollte) das eine tun, ohne das andere zu lassen. Die Wärmeplanung kann die Stadt aber auf keinen Fall auslassen, denn dazu ist sie gesetzlich verpflichtet.