Franz Weissenberger. Foto: „Zehn Jahre Franz Weissenberger KG – eine Firmenchronik”

Franz Weissenberger war als Angehöriger der deutschen Minderheit in der  jugoslawischen Teilrepublik Kroatien aufgewachsen. Seine Familie war nach dem zweiten Weltkrieg schlimmen Repressalien ausgesetzt, er selbst dient den Wehrdienst in  Titos Jugo-Armee ab und lernt Maurer – bevor seine Familie dann doch nach Deutschland ausreist.

Im immer noch aufstrebenden Wirtschaftswunderland Bundesrepublik findet er schnell Arbeit und gründet mit Fleiß, Cleverness und Unterstützung des Familienclans bald eine eigene Firma. Es folgte ein unglaublicher Aufstieg, in dessen Verlauf Bergisch Gladbachs Innenstadt beinahe radikal verändert worden wäre – und ein krachender Fall.

Ende der sechziger Jahre taucht Franz Weissenberger in Bergisch Gladbach auf, baut ein paar Häuser und versucht schließlich, ins kommunale Baugeschäft zu kommen. Stadtsanierung mit viel Beton und noch mehr froher Erwartung massiver Einwohnerzuwächse war weithin angesagt, nicht nur, aber vor allem auch in Bergisch Gladbach.

Doch Weissenbergers erstes Versuch auf diesem Spielfeld wird zum Flop. Der Jungunternehmer plant einen gewaltigen Neubau des Bergischen Löwen auf dem Marienplatz hinter dem Theater, früher Wochenmarkt, heute ein öder Parkplatz.

Franz Weissenbergers Vision für Bergisch Gladbach: unten links der geplante neue Bergische Löwe

Doch der Verleger Franz Heider, ein entschiedener Gegner des Weissenberger-Projekts, wirft in die fortgeschrittene Planung ein Bömbchen. Der CDU-Ratsherr macht auf dem Marienplatz ein altes Wegerecht geltend – und das lässt er sich nicht abkaufen. Der erste Löwen-Plan des Baulöwen ist damit perdu.

Bauunternehmer Franz Weissenberger. „Zehn Jahre Franz Weissenberger KG. Firmengeschichte 1962-1972.”

Danach kommt es zur Kernspaltung der Gladbacher Stadtpolitik in Sachen W. die fast fünf  Jahre dauert: Eine Mehrheit in der damals regierenden großen Koalition von CDU und SPD unterstützt den immer neue Bauten hochziehenden Selfmade-Mann fast vorbehaltlos, ein harter Kern in der CDU-Fraktion, verstärkt durch die zweiköpfige FDP, hält zäh dagegen. Zwischen den Fronten agiert der umsichtige Stadtdirektor Otto Fell, der mit Schläue und preußischer Korrektheit  versucht, die Stadtpolitik auf geradem Kurs zu halten.

Ein kleines Beispiel: Weissenberger baut das Forum, die heutige Stadtbücherei, und platziert auf den drei Fahnenmasten neben dem Bau ein breites Schild mit der stolzen Inschrift „Gestiftet von Franz Weissenberger“ in Leuchtbuchstaben. Das muss jeden Passanten zu der Annahme verleiten, das Forum sei ein Weissenberger-Geschenk an die Bergisch Gladbacher Bürger.

Weissenberger mit Landrat Kraemer und Architekt Henn. „Zehn Jahre Franz Weissenberger KG.”

Als Fell auf dem sonntäglichen Weg zur Kirche mit seiner Familie am Forum vorbeikommt und die Protz-Reklame sah, ruft er er die Feuerwehr und lässt das Schild abmontieren. Franz Weissenberger, mit Frau gerade auf Weltreise, wird von der Bergischen Landeszeitung in einem Luxushotel in Honolulu von Fells Coup informiert und ist „not amused“.

Doch sein Unternehmen floriert und expandiert trotz solch kleiner Widrigkeiten.  Weissenberger baut zwei Luxushotels, eins in Bensberg (heute ein Appartmenthaus) und eins in Refrath (heute eine Seniorenresidenz). Als letzteres eingeweiht wird, hält der Schriftsteller Günter Grass die Festrede – als Dank für eine saftige Weissenberger-Spende an die SPD – und garniert sie mit Wahlkampf-Sprüchen, was den ebenfalls anwesenden und nicht gerade auf den Mund gefallenen Landrat Konrad Kraemer (CDU) zu heftigem Einspruch  veranlasst.

Weissenberger baut auch das Kreishaus am Rübezahlweg, und zwar ohne Dachkonstruktion, was erstaunlicherweise erst  30 Jahre später auffiel.

Die berühmte Weissenberger-Flotte: ein knallroter Kadett für jeden Mitarbeiter.„Zehn Jahre Franz Weissenberger KG.”

Internationale Schlagzeilen macht Weissenberger, als er jedem Mitarbeiter ein Auto schenkt. Bauarbeiter erhalten einen Opel Kadett, Führungskräfte einen Mercedes, alle Fahrzeuge in leuchtendem Rot, Kennzeichen GL-W.

Der Boss kleidet sich in teure Pelze sowie papageienhaft bunte Klamotten, feiert seinen Ruhm mit ausschweifenden Festen, bei denen schon mal eine gesottene Riesenschlange frisch aus dem Dschungel serviert wird und die Prominenz der Kölner Unterwelt hin und wieder vorbeischaut. Es sind halt die losen Siebziger. Ansonsten fällt der bizarre Baulöwe den Resten des Bergisch Gladbacher Establishments auf die Nerven, die keine Geschäfte mit ihm machen.

Schon um die Jahreswende 1972/73 gibt es nicht nur Gerüchte, sondern auch handfeste Hinweise, dass das verzweigte Imperium des Franz W. ins Wanken gerät. In Holland bietet er im Sommer verdeckt sämtliche Immobilien zum Verkauf an. Kredite werden immer hektischer im „revolving system“ abgelöst, minderwertiges Gelände wird mit Hilfe williger Kommunalfürsten in Stunden zu teurem Bauland und noch auf dem Acker von ebenso willigen Banken beliehen.

Da war für Weissenberger und seinen Mitarbeitern die Welt noch in Ordnung. Foto: „10 Jahre Franz Weissenberger KG.”

Im Herbst 1973 kommt es zum längst erwarteten großen Crash, ausgerechnet wegen eines entgangenen städtischen Auftrags für den Bau der Paffrather Gesamtschule. Weissenberger meldet im Oktober beim Bensberger Amtsrichter Konkurs an.

Die Folgen sind mehr als turbulent. Weissenberger-Arbeiter, die seit drei Monaten keinen Lohn mehr gesehen haben, veranstalten mit der roten Kadett-Flotte Protest-Rallyes. Stadtdirektor Otto Fell schläft mit einer geladenen Pistole auf dem Nachtskonsölchen.

Und der Konkursverwalter gibt nach kurzer Zeit mangels Masse auf: Im undurchschaubaren Firmengestrüpp ist nichts mehr zu holen, es folgt eine wüste Liquidation, bei der von der Maurerkelle bis zum Flambierwagen fast alles verschwindet. Nach dem Motto: Wer zuerst kommt, stiehlt am schnellsten.

Nur das Weissenbergersche Privatvermögen verschwindet nicht. Superteure Pelze, exklusiver Schmuck, kostbares Geschirr und vieles andere wird schlicht verschoben, nämlich an vermeintliche Vertrauenspersonen übereignet (die sich übrigens später nicht mehr an gewisse Vereinbarungen erinnern können). Im April 1974 wird Franz Weissenberger festgenommen, ausgerechnet an dem Tag, an dem Kanzler Willi Brandt, den er in seinen Luxushotels mehrfach bewirtet hatte, wegen der Guilleaume-Affäre zurücktritt.

Weissenberger sitzt zwei Jahre in Untersuchungshaft, bevor die dreistellige Millionenpleite vor dem Kölner Landgericht in einem mehrmonatigen Prozess aufgearbeitet wird. Die Anklage gegen Franz W., Familienangehörige und leitende Mitarbeiter lautet auf Konkursverbrechen. Heraus kommen allerlei Schiebereien und ein paar handfeste Bestechungsfälle, was zu Amtsverlusten in der Bergisch Gladbacher Politikerriege führt.

Peter Weissenberger mit Geschäftsführer Dieter Andrä und Autor Horst Breiter (l). Foto:„10 Jahre Franz Weissenberger KG.“

Aber niemand fällt wirklich hart, die Netzwerk-Hängematten funktionieren. Weissenberger wird zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er jedoch nicht antreten muss. Seine Anwälte – die erste Garde in der Sparte Wirtschaftskriminalität – beantragen Revision. Kurz danach schafft der Gesetzgeber den Straftatbestand Konkursverbrechen ab und ersetzt ihn durch das minderstrafbewehrte Vergehen. Der zweite Prozess dauert drei Tage, Franz Weissenberger verlässt das Gericht als freier Mann.

Danach hörte man wenig von ihm, er verschwindet aus dem Schlaglicht auch der lokalen Aufmerksamkeit. Von einer zweiten Pleite ist mal die Rede, die über Strohmänner gelaufen sein soll. Später von unternehmerischer Tätigkeit im kroatischen Zagreb.  Öffentlich wirksam wird davon so gut wie nichts. Franz Weissenberger ist Lokalgeschichte geworden – und taucht erst jetzt wieder in den Lokalzeitungen auf. RIP.

Weitere Informationen aus den Archiven:

  • Aufstieg und Fall eines Baulöwens, BLZ 2009
  • Höher als der Kirchturm: Der neue Bergische Löwe, KSTA 1969
  • Für manchen Bauherrn war Hausbau ein billiger Spaß, KSTA 1974

Horst Breiler

hat fast 40 Jahre die Bergische Landeszeitung in Bergisch Gladbach geleitet, seit 2007 im Ruhestand. Weissenbergers Aufstieg und Fall hatte er aus der Nähe verfolgt.

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