Lina Ait Hmani erläutert, wie der OHG-Literaturkur s die Geschichte der NAPOLA aufgearbeitet hat. Foto: Philipp J. Bösel

Seit gestern weisen zwei Stelen auf einen schwarzen Fleck in der Geschichte des Bensberger Schlosses hin: Hier hatten die Nazis eine ihrer „Nationalpolitischen Lehranstalten“ unterhalten, Jugendliche zum Hass erzogen und zwei Zwangsarbeiter ermordet. Eine Geschichte, die Schüler:innen des OHG ausgegraben und aufgearbeitete hatten. Und den Impuls für die Mahnmale gegeben hatten.

Lina Ait Hmani ist eine der Schüler:innen, die im Schuljahr 2023/24 mit ihrem Literaturkurs den Spuren des Nationalsozialismus in Bensberg nachgegangen und dabei auf die Nationalpolitische Lehranstalt / Erziehungsanstalt (NAPOLA) gestoßen waren. Nicht irgendwo in Köln, sondern direkt in der Nachbarschaft, im Bensberger Schloss, gab es eine dieser Eliteschulen der Nazis.

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Lina Ait Hmani hat vor einer Woche ihr Abitur bestanden, sie vertritt bei der feierlichen Einweihung der Mahnmale ihren Literaturkurs. Und sie hat einen persönlichen Bezug zum Ort des Geschehens. Sie habe als Kind oft im Schlosspark gespielt, berichtet sie bei ihrer Ansprache. Der Park sei ihr immer sehr wichtig gewesen. Als sie Jahre später erfuhr, dass dort nicht nur eine Eliteschule für Nazis beheimatet war, sondern auch zwei Menschen ermordet wurden, wollte sie mehr wissen.

Was ist eine NAPOLA?

Eine Nationalpolitische Lehranstalt / Erziehungsanstalt (NAPOLA) war ein Internat für junge Männer, in dem sie für die SA oder SS ausgebildet wurden. Es war die Elite-Schule der Nazis. Dort wurde ihnen die nationalsozialistische Ideologie beigebracht, bei den Leistungen zählte ausschließlich der Sport.

Die Aufnahme der NAPOLA geschah in der Regel plötzlich. Zum Teil wurden die Schüler gegen den Willen der Eltern eingezogen. Oft bekamen sie nicht einmal die Chance, sich zu verabschieden. Das Verhältnis zwischen Eltern und Sohn wurde gekappt.

Sehr viele Details und Hintergründe hatte der OHG-Literaturkurs in einer Ausstellung vorgestellt, die jetzt auch auf einer Website umfangreich dokumentiert sind.

„Hier wurden Leute getötet und Jahre später trage ich hier das Erbe,“ bringt Lina Ait Hmani ihre Empfindungen auf den Punkt. Sie meine damit nicht, dass die gegenwärtigen Generationen Schuld haben. Sondern: „Wir alle tragen das Erbe, uns zu erinnern und dafür zu sorgen, es nie zu vergessen.“

Ein ehemaliger Schüler einer NAPOLA betrachtet die Stele (oben). Unten links Alexander Graf, Frank Stein und Lina Ait Hmani nach der Enthüllung. Fotos: Stadt GL, Philipp J. Bösel

Die NAPOLA habe einen systematischen Missbrauch von Jugendlichen betrieben, um sie als Waffen einzusetzen. „Ihre Jugend wurde ihnen geklaut und mit Zerstörung und Hass ersetzt“, sagt Lina Ait Hmani. Der Druck der Gesellschaft und die psychischen Tricks der Nazi-Schule hätten dafür gesorgt, dass die Schüler der Ideologie folgten.

Lina Ait Hmani versteht die Stelen daher als Appell an die junge Generation: „Wir müssen daran arbeiten und uns an unsere Wurzeln erinnern. Wir tragen die Verantwortung, uns zu erinnern. Wir tragen ein neues Erbe.”

Zur Erinnerung wurden jetzt, wie von den Schüler:innen gefordert, Mahnmale aufgestellt und eingeweiht. Es sind zwei Stelen mit kurzen Texten und QR-Codes, die zur eigens angelegten Website über die NAPOLA führen. Dort findet sich eine Fülle von Informationen.

Eine Stele steht im Park hinter dem Schloss, sie ist dem Gedenken an die zwei Zwangsarbeiter gewidmet, die vermutlich von der Hitler-Jugend in der NAPOLA ermordet wurden.

Die zweite Stele befindet sich auf dem kleinen Platz rechts vor dem Eingang zum Schlosshof. Sie weist auf die Geschichte der NAPOLA hin.

Zu Beginn der Einweihung begrüßt Alexander Graf die Versammelten. Er vertritt die Generali-Versicherung, der Schloss und Gelände gehören und die dort eine Fortbildungsakademie unterhält.

Bürgermeister Frank Stein hält sich bewusst kurz und erzählt, wie er die Schüler:innen bereits für das Projekt mit dem Heimatpreis auszeichnen durfte. Auch er betont, dass es wichtig sei, die deutsche Vergangenheit nicht zu vergessen.

Er wünsche sich, dass die Stelen die Passanten zum Nachdenken bringen: „Wie hätte ich mich denn verhalten, was hätte ich denn gemacht?“ Auch er glaubt, dass die Jugendlichen von den Nazis für schreckliche Zwecke missbraucht wurden.

Theresa Reusch, die den Projektkurs geleitet hatte, erklärt, dass längst noch nicht alles in Bergisch Gladbach aufgearbeitet worden sei.

Das OHG bleibe dran, ein neuer Projektkurs für die zukünftige Q1 unter dem Titel „Geschichte und Deutsch“ starte im neuen Schuljahr. Reusch und ihr Kollege Dirk Leistikow wollen den Spuren weiter folgen. Sie ruft dazu auf, sich mit Informationen oder Hinweisen zum Thema bei ihnen zu melden.

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  1. Ein bemerkenswertes und bewundernswertes Engagement – gerade in einer Zeit, in der das Wegschauen (Klimakatastrophe, das Schicksal von Migrantenfamilien, Hass und/oder gleichzeitig Gleichgültigkeit gegenüber sozial Schwächeren etc.) Auftrieb zu bekommen scheint.

    1. (Klimawandel, von Männern in Krisengebieten zurückgelassene Frauen und Kinder, Kritik an faulen Menschen die wirklich Bedürftigen und sozial Schwächeren die verfügbaren Gelder streitig machen)

  2. Vielen Dank an die Schüler*innen und Lehrer*innen für ihr Engagement gegen das Vergessen und das Hinschauen, wo so viele nicht hinschauen wollen.

  3. sehr gut!
    (das ging ja, für Bergisch Gladbacher Verhältnisse und alles was ich so lese, wahrnehme, selbst erleben darf/muss, sehr schnell)
    das finde ich wirklich gut und sehr angemessen –
    – Nicht vergessen!

    diese Veranstaltung hätte ich sehr gerne besucht – habe ich hier vorab als Termin, Info, Nachricht nicht mitbekommen, leider – (wurde dies veröffentlicht?)

    ich war in der Schule, an dem einen (einzigen) Tag der Ausstellung, Präsentation

    Danke euch!