Kinderärztin Uta Römer. Foto: privat

Viele Eltern haben inzwischen von „Apps auf Rezept“ gehört, den so genannten Digitalen Gesundheitsanwendungen. Gibt es diese auch für Kinder und Jugendliche? Wenn ja, welche – und was sind ihre Chancen und Grenzen? Dr. med Uta Römer erklärt die Details.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind medizinische Apps oder webbasierte Programme, die bei der Erkennung, Überwachung, Behandlung oder Linderung von Krankheiten helfen und von Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen auf Rezept verordnet werden können.

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Damit eine App sich „DiGA“ nennen darf, muss sie:

  • als Medizinprodukt der Risikoklasse I oder IIa zugelassen sein,
  • vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) auf Funktion, Sicherheit, Datenschutz und Daten­sicherheit geprüft werden,
  • einen nachweisbaren positiven Versorgungseffekt zeigen (z. B. weniger Symptome, bessere Lebensqualität oder besseres Krankheits­management).

Erst dann wird sie in das offizielle DiGA-Verzeichnis aufgenommen, nur diese Apps können auf Kassenrezept zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung genutzt werden.

Wichtig: Normale Fitness- oder Wellness-Apps aus dem App-Store sind keine DiGA, auch wenn sie gesund klingen. Sie wurden in der Regel nicht als Medizinprodukt geprüft.

Wofür werden DiGA hauptsächlich eingesetzt?

Die meisten DiGAs richten sich bislang hauptsächlich an Erwachsene. Das zeigt ein Blick in das DiGA-Verzeichnis und Übersichten von Krankenkassen. DiGAs gibt es zum Beispiel bei:

  • Psychische Gesundheit: Depression, Angststörungen, Panik, Burn-out, Essstörungen
  • Schlafstörungen: Insomnie, Schlaftraining
  • Chronische Erkrankungen: Diabetes Typ 2, Multiple Sklerose, Herzinsuffizienz, Tinnitus
  • Schmerz & Orthopädie: Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Schulterbeschwerden
  • Lebensstil & Sucht: Adipositas, Rauchentwöhnung, schädlicher Alkoholkonsum

Charakteristisch ist:

  • Die Apps bieten strukturierte Programme (z. B. auf Basis kognitiver Verhaltenstherapie),
  • enthalten Informationen zur Erkrankung,
  • und begleiten Patient:innen mit Übungen, Tagebüchern und Feedback.

Welche DiGA gibt es für Kinder und Jugendliche?

Für Kinder und Jugendliche ist das Angebot im Vergleich zu Erwachsenen noch deutlich kleiner. Fachartikel sprechen von einer Versorgungslücke: Trotz wachsender DiGA-Zahl für Erwachsene gibt es bisher nur sehr wenige Anwendungen, die ausdrücklich für Minderjährige konzipiert oder zugelassen sind.

Ein wichtiger Grund dafür ist, dass Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit in dieser Altersgruppe aufwändiger sind (z. B. wegen Einwilligung der Sorgeberechtigten, Datenschutz und Entwicklungsbesonderheiten) und viele Hersteller deshalb zunächst Angebote für Erwachsene entwickeln.


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DiGA für Eltern mit Indikation beim Kind

hiToco® – ADHS-Elterntraining (DiGA):

  • DiGA für Familien mit Kindern von etwa 4-11 Jahren mit ADHS-Diagnose oder -Verdacht.
  • Die App wird von den Eltern genutzt, nicht vom Kind – mit Videos, Übungen und alltagsnahen Strategien zur Stressreduktion und Verhaltenssteuerung.
  • Sie ist als DiGA zugelassen, wird vom BfArM gelistet und kann von Fachärzt:innen oder Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen verordnet werden.

Ziel ist es, Eltern zu stärken und darüber indirekt das Verhalten und die Belastung des Kindes zu verbessern. Eltern lernen, ihr Erziehungsverhalten anzupassen, alltägliche Konflikte zu entschärfen und das Problemverhalten des Kindes (z. B. Unruhe, Impulsivität) besser zu verstehen und zu begleiten. Die DiGA ersetzt keine Diagnostik oder Therapie, kann aber ein wichtiger Baustein einer multimodalen ADHS-Behandlung sein. Studien und Herstellerangaben zeigen, dass sich dadurch das externalisierende Problemverhalten der Kinder sowie der Stress der Eltern reduzieren lassen.

DiGAs für Jugendliche (12–17 Jahre)

Einige ursprünglich für Erwachsene entwickelte DiGA öffnen sich schrittweise für Jugendliche, z. B. bei orthopädischen Problemen oder Schmerzen:

Mawendo (orthopädische Übungen):

  • Digitale Trainings­anwendung bei Patella Problemen
  • Zugelassen ab 12 Jahren(mit Zustimmung der Eltern)
  • Langfristige, eher kontinuierliche Unterstützung

companion patella – individualisierte Bewegungstherapie bei Knieschmerz

  • Web-App bei vorderem Knieschmerz (z. B. patellofemorales Schmerzsyndrom)
  • Zugelassen für Patient:innen von 14–65 Jahren
  • Ein fest umrissenes 90-Tage-Programm mit klarer Verlaufsdokumentation

Im Bereich psychische Gesundheit (z. B. Depression, Angst, Essstörungen) sind viele DiGA noch ausschließlich ab 18 Jahren zugelassen, obwohl die Belastung bei Jugendlichen stark zunimmt.

Wichtig: Das DiGA-Verzeichnis wird laufend aktualisiert, Apps können neu hinzukommen oder auch wieder gestrichen werden. Für eine aktuelle Übersicht lohnt ein Blick in das Online-Verzeichnis des BfArM oder die Nachfrage in Ihrer Kinder- oder Hausarztpraxis.

Wie bekomme ich eine DiGA für mein Kind?

Grundsätzlich gibt es zwei Wege, wie eine DiGA von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden kann:

Verordnung durch Ärzt:innen oder Psychotherapeut:innen:

Kinder- und Jugendärzt:innen, Kinder- und Jugendpsychiater:innen sowie Psychotherapeut:innen können eine passende DiGA verordnen, ähnlich wie ein Medikament. Die Verordnung erfolgt meist elektronisch (eRezept) oder auf einem klassischen Rezept.

Mit dem Rezept wenden Sie sich an Ihre Krankenkasse, die einen Freischaltcode für die App generiert. Anschließend laden Sie die App aus dem App-Store herunter und geben den Code ein.

Direktantrag bei der Krankenkasse:

Eltern können sich auch direkt an die Krankenkasse wenden und nach einer konkreten DiGA fragen. In der Regel ist eine gesicherte Diagnose erforderlich (z. B. ADHS, Kniebeschwerden), die durch Arztbriefe/Befunde belegt wird.

In beiden Fällen gilt:

  • Die DiGA muss im BfArM-Verzeichnis gelistet sein.
  • Bei Minderjährigen ist die Einwilligung der Sorgeberechtigten notwendig.
  • Die Kosten werden von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen; eine Zuzahlung wie bei Medikamenten gibt es derzeit in der Regel nicht.

Grenzen der DiGAs

DiGAs sind kein Notfallinstrument. Bei Suizidgedanken, akuten Krisen, schweren Infekten oder plötzlicher Verschlechterung gilt es immer sofort ärztliche/notärztliche Hilfe aufzusuchen.

DiGA ersetzen keine Psychotherapie oder ärztliche Behandlung, sie können diese nur begleiten und unterstützen. Außerdem sollte die Bildschirmzeit altersgerecht begrenzt bleiben, auch wenn die App „medizinisch“ ist.

Sprechen Sie uns gern an, wenn Sie überlegen, ob eine digitale Gesundheitsanwendung zu Ihrem Kind passt.

Ihre Dr. Uta Römer und Praxisteam

Hier geht es zur Webseite meiner Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendmedizin in Refrath.


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Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie hat eine Praxis in Refrath.

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