Die Fotografen Hartmut Schneider und Christoph Gerhartz zeigen ihre Arbeiten im neuen Kulturort in Heidkamp – gegensätzlicher kann Fotografie kaum sein: Schneider zeigt Dokumentarfotos, die ungeschönt und entlarvend sind. Gerhartz inszeniert traumhafte, cineastische Dystopien. Beide verbindet ein scharfsinniger Blick auf menschliche Gefühlswelten. 

„Für mich gehören Kultur und Wohlbefinden eng zusammen“, sagt Michael Lux, Betreiber der Lux-Hallen. Die Umnutzung der zuvor leerstehenden Hallen zu einem Kulturraum war lange ein Herzensprojekt, das er nun seit diesem Jahr verwirklicht.

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Den neuen Treffpunkt im Heidkamper Veedel nehmen die Menschen dankbar an – einige bieten sogar ihre Hilfe an, berichtet er. Die Atmosphäre ist bewusst ungezwungen und offen. Auch die Kuration der aktuellen Ausstellung legt Lux gezielt in die Hände der Künstler Hartmut Schneider und Christoph Gerhartz.


Vom Lesen zum Denken

Hartmut Schneider; Foto: Thomas Merkenich

Hartmut Schneider hat Sonderpädagogik studiert, an Sonderschulen gab er Wahlkurse für Fotografie, erzählt er. Später führte er als stellvertretender Schulleiter an der Fachoberschule für Gestaltung das Fach Fotografie ein. In der Ausstellung „! MenschSein“ in den Lux-Hallen zeigt er jetzt Porträtfotos von einigen Schülern aus dieser Zeit.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade schwierige Schüler gerührt reagieren, wenn sie ein Bild von sich in großem Format sahen: Ich soll es wert sein, so fotografiert zu werden?“, berichtet Schneider.

Ich bin Beobachter. Ich habe das Bedürfnis, unterwegs zu sein. Da merke ich mein rheinisches Geblüt.Hartmut Schneider

Er fotografiert seit er zehn ist, mit 13 kam er von der Volksschule zum Arbeiten in die Chemische Fabrik Kalk. „Was mich gerettet hat? Dass ich mit 14 die Stadtbücherei entdeckt habe. Denn bei uns zu Hause wurde nicht gelesen.“

Schneider las vor allem über Archäologie, Luft- und Raumfahrt, deutsche Klassiker – und „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“ von Eugen Kogon. „Das hat mich weggehauen. Ich wusste vom Dritten Reich nichts. Mein Vater war im Krieg und hat das dargestellt wie ein Pfadfinderabenteuer. Als Heranwachsender hat mich das Buch erschüttert.“ Das habe bis heute angehalten – auch die Angst, dass „das wieder in einen Abgrund führt“.

Dokumentation von Demos

Der Titel „Mensch sein!“ ist mehrdeutig: ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit, aber auch der Hinweis darauf, dass auch „die Nazis“ Menschen sind und Menschenwürde haben und dass man überlegen muss, ob man sie zurückholen kann, sagt Schneider.

Foto: Hartmut Schneider. Konfrontation-Polizei-Nazi

Er zeigt Momentaufnahmen von verschiedenen Demos der letzten Jahre, „viele dokumentierte Veranstaltungen“ – Bilder mit jungen Männern, die sich vermummen, hasserfüllt in die Kamera blicken und inmitten gewaltsamer Konfrontationen mit der Polizei zu sehen sind.

„Mit zwei Kameras und Objektiv behängt, ist man erkennbar als Feind“; es habe Morddrohungen gegeben, sagt Schneider. Er habe diese Leute angezeigt – erfolglos. „Jede Situation, die hier fotografiert ist, ist mit einem erheblichen Risiko verbunden und mit Angst.“ Dennoch habe er Leute hinter Gitter gebracht; er sei als Zeuge mit Beweisfotos zur Verhandlung berufen worden, führt er aus. 

Hinweis der Redaktion: Hartmut Schneider ist auch Autor des Bürgerportals, hat für uns u.a. von lokalen Veranstaltungen der AfD berichtet.

Er habe tausende Fotos auf Social Media veröffentlicht. „Das Kommentieren haben vor allem andere übernommen. Das ist vielleicht wirkungsvoller, als wenn man sich selbst verteidigt.“

Journalismus und Kunst

Das journalistisch Dokumentierende und der künstlerische Ausdruck sind zwei Paar Schuhe, betont Schneider. Aber es gibt Überschneidungen wie beispielsweise die bewusst suggestiv zusammengestellte Serie, wie Schneider erklärt: Feuerwehrleute nach dem Archiveinsturz in Köln, März 2009. Außerdem ein Profilfoto einer Person – mutmaßlich aus dem rechtsextremen Umfeld, als Drittes ein Foto eines Jugendlichen, „der noch nicht weiß, wohin es geht.“

Diese Komposition sei ihm wichtig: Welche Lebensentwürfe haben diese drei Menschen? Gibt es Gemeinsamkeiten? Welches Weltbild haben sie jeweils?

Mich fasziniert, wenn ein Bild ein Kopfkino anregt.Hartmut Schneider

Nebenan hängen poetische Fotos wie das von einem andächtig lesenden Obdachlosen inmitten seiner Habseligkeiten während der Lit.Cologne. Oder der lesende „Zocker“ auf der Galopprennbahn Weidenpesch. 

„Für so ein Bild muss man ein bisschen Glück haben. Zwei Sekunden davor oder danach ist es nicht mehr diese Situation“, sagt Schneider.


Cineastischer Ausstellungsraum

Christoph Gerhartz; Foto: Thomas Merkenich

Eine eigentümlich morbide Stimmung, die das alte Gemäuer der Lux-Hallen ausatmet, passt hervorragend zu den Fotografien, die Christoph Gerhartz ausstellt – er kommt eigens aus der Eifel nach Heidkamp. Hier hat der Fotograf seine Serie „Somewhere 8 pm“ bewusst mit minimalem Licht und geheimnisvollen Objekten inszeniert.

Im abgedunkelten Raum steht etwas verloren ein alter Schreibtisch mit gelb leuchtender Schreibtischlampe. Daneben ein blecherner Wecker – die Zeit ist stehengeblieben: Zeiger auf 8 Uhr. Im Hintergrund liegt eine schmuddelige, nackte Matratze direkt vor der Fotografie „Papa“, die einen Mann auf einer Matratze zeigt, der auf nacktem Industrieboden liegt.

Auch die anderen Fotos, die auf Leinwände aufgezogen wurden, zeigen minimalistische Interieurs und einsame Figuren, dramatisch beleuchtet.

Foto: Thomas Merkenich

Amerikanische Vorbilder

Idee der Serie sei es, „die Zeit anzuhalten und in die Wohnzimmer zu schauen“, erzählt Gerhartz. Dieser Gedanke steht bei ihm symbolisch für menschliche Isolation und Einsamkeit, Ängste, Identitätssuche oder Perspektivlosigkeit.

Aber die Fotos sollen nicht plakativ sein; letztlich obliege es den Betrachtern, individuelle Bedeutung hineinzuinterpretieren, sagt er bestimmt.

Initiativ war das erste Bild „Isolation“ von 2022. Das Foto ist inspiriert von Edward Hoppers „Morning sun“. Es zeigt den eigenen, damals 18-jährigen Sohn, als dieser an Corona erkrankt war. „Eine Haut, zerbrechlich wie Porzellan“, erinnert sich Gerhartz.

„MenschSein!“
Vernissage: 9.5.26, 16 Uhr
mit dem Jazztrio Eleven kV.
Täglich geöffnet – bis 26. Mai
Führungen auf Anfrage.

Lux-Hallen
Oehmchenstraße 18
51469 Bergisch Gladbach
Website

Weitere Infos auf der Website der Künstler:
www.christophgerhartz.de,
www.hartmutschneider.de

Ein gefühlter Kontrast zu den Klischees von Jugend und aus der Zeit gefallenen Erwartungen an junge Menschen, „die doch eigentlich gegen die Erwachsenen rebellieren“, sagt Gerhartz. Mit diesem Foto gelangte er damals auf der Shortlist des Vonovia Awards, sagt er stolz. Auch die anderen Fotos erklären sich aus seiner Biografie – zugleich symbolisieren sie für ihn die heutigen Krisen der Welt.

Manchmal entwickelt sich ein Bild aus vielen anderen.Christoph Gerhartz

Eine ähnlich düstere grün-blaue Ästhetik und Titel wie „Schweigen“ und „Wandschauer“ suggerieren bekannte Kinomomente und offenbaren große amerikanische Vorbilder wie den Filmregisseur David Lynch oder den Fotografen Gregory Crewdson. Für die düstere Stimmung und das Licht investiert Gerhartz viel Zeit; sie sind Ausdruck seines individuellen Stils, erklärt er.

Digitales Handwerk

Gerhartz arbeitet mit digitaler Fotomontage. Er fotografiert Modelle im Fotostudio und baut dann alles Schritt für Schritt mit weiteren Einzelelementen zusammen, die durchaus auch mal von einer KI stammen können, sagt er.

Er hat viel Erfahrung mit Fotobearbeitung und kann als Grafiker perfekt improvisieren. Spannend sind die Details: Hier muss man genau hinschauen, wie bei „Metamorphose“, wo junge und alte Körper verschmelzen.

Im Photoshop kenne ich jeden Shortcut, das ist für mich wie für andere Schreibmaschine schreiben.Christoph Gerhartz

Das Potpourri, aus dem er schöpft, ist im Laufe der Jahre immens gewachsen: In seinem Fotoarchiv findet er beispielsweise eine mystische Garagenzeile, der er den typisch bergischen Nebel und ein kleines Mädchen hinzufügt. Alles händisch und gekonnt mit dem Rüstzeug eines erfahrenen, digitalen Handwerkers. Erworben hat er das in der Ausbildung an der KISD, der Köln International School of Design.

Dabei erzählt er seine Geschichte aus dem Kopf in die visuellen Ebenen – es entsteht eine sentimentale Stimmung, düster und dystopisch, getaucht in dunkle Farben. Die morbiden Wände tun ihr Übriges, um die traurigen Figuren ins Hier und Jetzt zu holen.


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Medienkünstlerin und Kulturjournalistin

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