In der Schlossstraße erinnern neue Stolpersteine an zwei ukrainische Zwangsarbeiter. Sie gehen auf Recherchen von Schülerinnen und Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums zurück. Sie waren dabei auf ein bis heute nicht vollständig aufgeklärtes Kriegsverbrechen im Schlosspark Bensberg gestoßen. Ihre Arbeit macht die Schicksale von Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow und anderer Zwangsarbeiter in Bergisch Gladbach sichtbar.

Es war der 22. März 1945, nur noch wenige Wochen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow im Schlosspark von Bensberg erschossen wurden. Die beiden Ukrainer waren von den Deutschen aus den besetzten Gebieten verschleppt worden, zur Zwangsarbeit im Deutschen Reich.

Bei ihrer Ermordung waren sie 19 und 20 Jahre – und damit nur wenig älter als die Schülerinnen und Schüler des Projektkurses „Erinnerungskultur“ des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG) – die jetzt dafür gesorgt haben, dass zwei kleine Denkmäler an ihr Schicksal erinnern.

Foto: Thomas Merkenich

Vor dem Kino in Bensberg haben sich an diesem verregneten Freitag 30 Menschen eingefunden, um bei der Verlegung der Stolpersteinen für Wladimirow und Winogradow dabei zu sein.

Die neuen Stolpersteine, die auf dem Bürgersteig vor dem Cineplex Kino neben Eimern, Werkzeugen sowie einem roten Kehrblech mit Schippe schon bereit liegen, gehen auf die Recherchen der Schüler:innen zurück.

Kinosaal als Zwangsarbeiterlager

Henriette Seufert. Foto: Thomas Merkenich

Demnach wurden die Männer im November 1944 von Köln nach Bensberg verlegt und mussten für das Tiefbauamt der Stadt Bensberg arbeiten, unter anderem beim Bau von Luftschutzanlagen. Untergebracht waren sie in der Gaststätte „Rheinischer Hof“ in der heutigen Schlossstraße 45-60, wo ein Kinosaal als Zwangsarbeiterlager diente. 

Henriette Seufert, 17 Jahre, erzählt, dass sie länger recherchiert hätten, um herauszufinden, wo die Unterkunft der Zwangsarbeiter lag. „Dass es hier war, wo ich schon als Kind ins Kino gegangen bin, ist schon krass.“ 

Am Tag vor der Verlegung der Stolpersteine besuche ich Lale Gerbershagen und Sebastian Schuch, beide 18 Jahre, beim Aufbau einer Ausstellung in ihrer Schule OHG. Die Ausstellung wird nach der Verlegung der Stolpersteine eröffnet. Neben Kurztexten, historischen Fotos und Dokumenten machen Zeichnungen im Stil einer Graphic Story die Geschichte der Zwangsarbeiter in Bergisch Gladbach am Beispiel von Wladimirow und Winogradow anschaulich.

Henriette Seufert, Sebastian Schuch, Lale Gerbershagen. Foto: Thomas Merkenich

Mehr als 3.000 Zwangsarbeiter waren demnach zwischen 1939 und 1945 im Raum Bergisch Gladbach und Bensberg beschäftigt, fast 62 Prozent von ihnen galten als sogenannte Ostarbeiter. Untergebracht in Lagern, von denen es mehr als 50 im heutigen Stadtgebiet gab, waren sie für viele Gladbacher Arbeitgeber tätig, vom Tiefbauamt der Stadt über Firmen wie Zanders oder das Gussstahlwerk Risch.

Laut Zeitzeugen gab es sogar einen Außendienstmitarbeiter, der für das Arbeitsamt Bergisch Gladbach in den besetzten Gebieten der damaligen Sowjetunion eingesetzt wurde. Er soll junge Männer für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich „rekrutiert“ haben, die dann in Güterwaggons ins Deutsche Reich transportiert wurden. 

Während Schuch und Gerbershagen die Plakate aufhängen, scrollt Kursleiterin Theresa Reusch durch die Webseite für digitale Stolpersteine NRW. Gemeinsam mit Geschichtslehrer Dirk Leistikow leitet sie den Kurs. „Guckt mal, sie sind schon online“, sagt sie zu ihren Schülern.

Auf dem Tablett erscheint eine Landkarte – im Kölner Raum ist sie mit Einträgen gespickt. Jeder von ihnen zeigt den Standort eines Stolpersteins an. „Hier in Bensberg, da war bislang ein Riesenloch. Jetzt haben wir da zwei Steine“, zeigt sich die Deutsch- und Kunstlehrerin zufrieden. „Wo sich Menschen lange Zeit engagieren, da gibt es viele Steine.“ 

Der WDR hat die Stolpersteine des berühmten Kunstprojekts von Gunter Demnig ins Internet geholt, doch ob analog oder digital – jeder Stolperstein geht auf die Initiative von Bürgerinnen und Bürgern zurück.

Zur Sache: 11 Stolpersteine in Bergisch Gladbach

Zusätzlich zu den beiden Steinen für Konstantin Wladimirow und Walery Winogradow ist am vergangenen Wochenende in Refrath vor der Kreativitätsschule ein weiterer Stolperstein für Anna Maria Herbrands verlegt, die dort gewohnt hatte und 1941 von den Nationalsozialisten in Hadamar vergast worden war.

Darüber hinaus gibt es schon seit längerer Zeit acht Stolpersteine:

  • Gertrud Stockhausen, Bärbroich, mehr Infos
  • Erich Deutsch, Altenberger-Dom-Straße 128, mehr Infos
  • Elise und Reinhold Joschkowitz, An der Tent 2, mehr Infos
  • Henriette Zimmermann, Ahornweg 9, mehr Infos
  • Erna Kahn, Bensberger Straße 188a, Wikipedia
  • Ernst Danzig, Bensberger Straße 188a, Wikipedia
  • Harry Freymuth, Hüttenstraße 40, Wikipedia
Ansprechstellen für neue Stolpersteine

Wer selbst eine Initiative für weitere Stolpersteine starten möchte sollte sich zunächst an die Initiative von Gunter Demnig wenden. Bei der Stadt Bergisch Gladbach kann man sich direkt beim Bürgermeisterbüro melden, bearbeitet werden die Projekte dann vom Fachbereich 4 mit dem Stadtarchiv.

Anfangs hätten sie überlegt: „Wie gelingt Erinnerung heute?“ erzählt Reusch. Schnell sei klar gewesen, dass das Visuelle wichtig sei, sagt Reusch. „Man will es wirklich vermitteln, das geht nicht nur über den Text.“ Ein Glücksfall, dass Henriette Seufert ein echtes Illustrationstalent ist und die Recherchen graphisch umsetzen konnte.

Warum nicht mehr Schüler:innen als diese drei den Kurs gewählt haben? Zu viel Konkurrenz durch andere Projektkurse wie „Englisch und Nachhaltigkeit“ oder den MINT-Kurs Raketenbau, sagt Leistikow. Für die drei Jugendlichen selbst scheint die geringe Teilnehmerzahl kein Thema zu sein.

Sie machten mit der Recherche dort weiter, wo der Vorgängerkurs aufgehört hat. Damals sei aufgedeckt worden, dass zwei Zwangsarbeiter im Schlosspark erschossen wurden, sagt Lale Gerbershagen. „Die hatten aber keine Zeit mehr, das aufzuarbeiten.“ 

Mehr zum Thema

Gedenken an die NAPOLA im Schloss: „Jahre später trage ich hier das Erbe“

Seit gestern weisen zwei Stelen auf einen schwarzen Fleck in der Geschichte des Bensberger Schlosses hin: Hier hatten die Nazis eine ihrer „Nationalpolitischen Lehranstalten“ unterhalten, Jugendliche zum Hass erzogen und zwei Zwangsarbeiter ermordet. Eine Geschichte, die Schüler:innen des OHG ausgegraben und aufgearbeitete hatten. Und den Impuls für die Mahnmale gegeben hatten.

In der einzigen Quelle, die es zum Tathergang gibt, sei die Rede von „zwei jugendlichen Ausländern – Russen oder Polen – die bei einem Weindiebstahl […] von auswärtiger, ortsfremder Hitlerjugend erschossen wurden“, liest der Schüler Sebastian Schuch vor. Diese Version sei aber weder durch weitere Dokumente noch durch Zeugenaussagen belegt.

Wie Archivarbeit geht, habe ihnen Markus Schmidt beigebracht. Schmidt, Fernsehjournalist im Ruhestand, hat den Jugendlichen im Umgang mit Quellen geholfen. Das habe ihm Spaß gemacht, sagt er. Denn wenige wüssten, was in Bensberg passiert sei.

Der erfahrene Reporter betont aber, wie wichtig es gerade heute sei, sich stets zu fragen: „Wer erzählt mir diese Geschichte und warum gerade jetzt? Stimmt sie überhaupt?“ Und fügt entschieden hinzu: „Da muss mehr passieren an den Schulen.“

Schuch zeigt mir anhand der Ausstellungsplakate, dass die Quelle erst 1948 verfasst wurde, fast drei Jahre nach der Tat – als Entlastungsschreiben für Max Müller, in der Nazi-Zeit Ortsgruppenleiter der NSDAP in Bensberg und stellvertretender Bürgermeister. 

Was das bedeutet, bringt Journalist Schmidt am Tag der Verlegung auf den Punkt: Die Aussage sei gemacht worden, um Müller vom Bürgermeister der Stadt Bensberg in einem Schiedsgerichtsverfahren der Alliierten gegen Kriegsverbrecher rauszuhauen.

Überraschender Fund in Köln

Als Seufert, Schuch und Gerbershagen bei ihren Recherchen im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln überraschend auf ein Interview aus dem Jahr 2003 stoßen, „hat das alles über den Haufen geworfen – und die Recherche aufregend gemacht“, erinnert sich Sebastian Schuch. 

Der Zeitzeuge Semjon Gryzak, ebenfalls Zwangsarbeiter in Bensberg, schildert in dem Audiointerview eine etwas andere Version des Vorfalls. Demnach habe er sich mit anderen vor den Nazis der NAPOLA, der Nationalsozialistischen Lehranstalt im Schloss, versteckt.

Statt ihrer wurden aber die beiden Ukrainer gefunden, die eine Kiste Wein aufgetrieben hatten und auf das Ende des Krieges warteten. Sie seien noch in der Nacht erschossen wurden, Gryzak und seine Leute hingegen habe man laufenlassen. „Sonst wäre uns das Gleiche passiert.“ 

Wer die beiden erschossen hat – und wer die Verantwortung dafür trägt, ist bis heute nicht aufgeklärt. Fest steht jedoch: Ortsgruppenleiter Max Müller war in der Nacht vom 22. März 1945 in Bensberg – und habe mit hoher Wahrscheinlichkeit von dem Vorfall gewusst, sagt Schuch. 

Vor dem Cineplex in Bensberg harren die Menschen geduldig unter den Regenschirmen aus, während Frank-Matthias Mann die Steine mit dem Gummihammer in das feine Schotterbett treibt, die Oberfläche anschließend mit einem Spachtel glättet und sie zuletzt sauberfegt.

Mann vertritt Gunter Demnig, der aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen kann. Mann erhebt sich und rezitiert die Inschriften mit tragender Stimme, die an Konstantin Wladimirow und Walery Winoradow erinnern.

Sebastian Schuch. Foto: Thomas Merkenich

Eine Schweigeminute lang verharrt Mann, den Blick in die Ferne gerichtet. Dann sammelt er sein Werkzeug ein, die Umstehenden lösen sich, Gespräche beginnen.

Sebastian Schuch lächelt zufrieden. „Wir haben zu Ehren der beiden etwas erreicht, was länger als unsere Schulzeit oder der Kurs währt.“

Lale Gerbershagen. Foto: Thomas Merkenich

„Das Puzzle zusammensetzen, sodass alles irgendwo einen Sinn ergibt, das war beeindruckend.“ Sagt Lale Gerbershagen. 

Für den neuen Projektkurs haben sich schon fünfzehn Schülerinnen angemeldet. „Ins Archiv gehen und Akten anschauen, dann kann spannend sein“, merkt Dirk Leistikow an. Er hofft, dass sie im nächsten Projektkurs „Erinnerungskultur“ noch mehr über die Verantwortlichen herausfinden werden.


Sie finden diesen Artikel gut? Sie sind mit unserer Arbeit zufrieden? Dann können Sie uns gerne mit einem Einmalbeitrag unterstützen. Das Geld geht direkt in die journalistische Arbeit.

Oder Sie werden Mitglied im Freundeskreis, erhalten exklusive Vorteile und sichern das Bürgerportal nachhaltig.


ist freie Journalistin, Autorin und Regisseurin.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.