Am Sonntag feiert die Gaststätte Bützler in Gronau ihren 150. Geburtstag. Seit 33 Jahren führt Pascalina Mangiras die urige Kneipe, die von innen noch fast genauso aussieht wie in den 1960ern. Ansonsten hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Die Wirtin hat uns davon ebenso nostalgisch wie unterhaltsam erzählt.

Ein fast unscheinbares Haus im Dünnhofsweg, einer ruhigen Gronauer Seitenstraße. Die Fassade leuchtet relativ frisch verputzt, rundherum ausschließlich Wohnhäuser. Bunte Blumen weisen den Weg hinein, in eine der ältesten Kneipen von Bergisch Gladbach: die Gaststätte Bützler.

Foto: Thomas Merkenich

Die Tür ist noch verriegelt. Buchstäblich: Pascalina Mangiras hebt von innen den alten Riegel aus der Verankerung und lässt mich eintreten. Die Wirtin – kurze, schwarze Haare, modische Brille, herzliches Lächeln – öffnet eigentlich erst um 16.30 Uhr.

Dass ich an diesem Vormittag schon um 11 Uhr rein darf, liegt daran, dass wir uns unterhalten wollen. Über die Gaststätte, die diesen Sonntag 150 Jahre alt wird. Und über die Wirtin, die vor 33 Jahren nicht ganz freiwillig in diese Rolle schlüpfte. Aber von Anfang an.

Kolonialwarenladen mit Bierausschank

Es war das Jahr 1876, als im heutigen Dünnhofsweg 67 die „Gastwirtschaftshandlung von W. Anton Bützler“ eröffnete, ein, wie es damals hieß, Kolonialwarenladen mit Flaschenbier-Ausschank. Fast 100 Jahre blieb es unter der Führung der Familie Bützler, wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Nach einem 20-jährigen Intermezzo, in der das Ehepaar Berscheid die Gaststätte unter seinem Namen führte, übernahmen 1993 Pascalina Mangiras und ihr damaliger Mann Chris – und baten die Bützlers, denen das Haus nach wie vor gehörte, zum ursprünglichen Namen zurückzukehren: Gaststätte Bützler.

Wir sind im Paradies gelandet, denn es regnete Kamellen

Pascalina – der Name verrät es schon, er bedeutet übrigens „Osterlämmchen“ – stammt ursprünglich aus Griechenland. Ihr Vater nahm sie und die Schwester 1966 mit nach Bochum. Als die Zechen nach zwei Jahren schlossen, kehrte die Familie zunächst in die Heimat zurück. Nur um 1970 den nächsten Versuch zu starten. Und der gelang.

Pascalina erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie in Bergisch Gladbach ankamen: „Es war Karnevalssamstag, alles war voller Schnee, und wir Kinder dachten, wir sind im Paradies gelandet, denn es regnete Kamellen.“

Die damals Zwölfjährige sprach kein Deutsch und sagt doch, dass sie sie sich nie fremd gefühlt habe. Sie ging zunächst zur griechischen Schule, lernte aber aus eigenem Antrieb schnell die neue Sprache, absolvierte eine Lehre als Arzthelferin. „Ich habe die Arbeit geliebt“, sagt sie, „ich konnte Menschen helfen.“

Doch ihr Mann, der bei Zanders arbeitete, hatte einen Traum. Er wollte eine Kneipe haben. Als die Berscheids aufhörten, war die Sache klar.

„Ausländer“ übernehmen die Gaststätte

Die Gäste, die schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten in den Gasthof kamen, waren zunächst nicht begeistert, dass „Ausländer“ ihn übernehmen würden. „Die haben gefragt: Gibt es dann überhaupt noch Schnitzel?“, sagt Pascalina lachend.

Und? „Klar. Das ist ja immer noch eine Kneipe. Und das meine ich nicht abwertend, ich liebe das Wort Kneipe.“

Foto: Thomas Merkenich

Pascalinas deutscher Schwager war Koch, er stellte sich mit ihr in die Küche, schrieb die Karte, brachte ihr bei, Gulaschsuppe, Grillhaxe und Jägerschnitzel zuzubereiten. Doch nach drei Monaten musste er sich zurückziehen, sie musste alleine zurechtkommen. Und wie das so ist – „wenn man ins kalte Wasser geschmissen wird, kann man schwimmen.“

In den darauffolgenden Jahren brachte sich Pascalina alles bei, was noch fehlte. Sie wurde selbst zur Köchin; Google-Maps-Rezensionen heben die hohe Qualität des Essens hervor. Mittlerweile stehen auch griechische Speisen auf der Karte, Weinblätter und Zaziki, Souflaki, Beefteki. Und auch Kölner Sterneköche essen gelegentlich hier, verrät Pascalina mit einem Augenzwinkern.

Ich bin jetzt hier Chef. Wenn dir das nicht passt, kannst du ja gehen

Ihr persönlich sei es allerdings egal, ob jemand Sternekoch, Professor oder Bauarbeiter sei: „Für mich sind alle Gäste gleich. Jeder bezahlt zwei Euro für sein Kölsch.“

Das sei früher anders gewesen. Bevor die Mangiras anfingen, hätten die Gäste das Sagen gehabt, hätten bestimmt, was das Kölsch und der Schnaps kosteten. Dass die neuen Wirte das änderten, missfiel vielen.

Ansonsten blieb übrigens fast alles so, wie es war. Der Schankraum und die Zapfanlage von 1957, die Fensterfront und der Thekenanbau von 1960. Die historischen Kassettentüren, die „Asbach-Uralt“-Lampe über der Theke. Nur die braunen Balken überstrich Pascalina in Grün. Grund genug für viele Stammgäste, sich zu beschweren.

Sie blieb entspannt: „Ich habe gesagt, ich bin jetzt hier Chef. Wenn dir das nicht passt, kannst du ja gehen.“ Doch  niemand ging. „Das war deren Kneipe. Viele sind schon mit ihren Großvätern hergekommen.“

Wir sind hier wie eine große Familie

Es war eine Männerwelt, in der Pascalina sich fortan bewegte. Morgens um 10 kamen die Herren zum Frühschoppen. War die Tür einmal um 10.02 Uhr noch nicht geöffnet, klopfte der alte Toni und rief, ob die Wirtin verschlafen hätte.

Wenn sie nach einer Mittagspause wieder öffnete, war die Theke um 16.30 Uhr brechend voll. Teilweise standen die Gäste in zweiter oder gar dritter Reihe dahinter. Da wurde „geknobelt und gekartet“ und dazu eine halbe Packung Zigaretten geraucht. „Da brauchtest du keinen Deckel, die haben immer das gleiche getrunken“, erzählt Pascalina.

Foto: Thomas Merkenich

Sie gewöhnte sich daran, sagt: „Wenn Männer da sind, bin ich Mann, wenn Frauen da sind, bin ich Frau.“ Dass sie mehr unter Männern war, merkt man daran, dass sie von sich selbst als „Chef“ spricht, aber auch an ihrer Körpersprache, mitunter an ihrem Tonfall.

Sie lässt sich nichts gefallen. „Ich bin geradlinig und sage die Wahrheit. Ich mag keinen Betrug, keine Lügen. Wer beim Knobeln schummelt, ist raus. Und wer mich unfreundlich behandelt, den behandele ich auch unfreundlich.“

Das kommt allerdings wohl eher selten vor. Lieber erzählt Pascalina davon, wie sie immer auf ihre Gäste zählen konnte. „Wir sind hier wie eine große Familie.“ Egal, was sie brauche, immer würde ihr jemand helfen.

Wie sich die Gastwirtschaft verändert hat

Natürlich waren auch früher schon Frauen unter den Gästen. Pascalina zeigt auf einen kleinen, runden Tisch in der Ecke des urigen Gastraums. Seit vielen Jahren treffen sich dort jeden Donnerstagabend die „Frauen vom Turnen“. Zwölf, 13 Frauen, die früher alle rauchten – „ich konnte manchmal nicht erkennen, wenn ihre Gläser leer waren“, erzählt die Wirtin lachend.

Mittlerweile rauche nur noch eine von ihnen. Das Nichtraucherschutzgesetz habe viel verändert, sagt die Wirtin, die übrigens selbst weder raucht noch trinkt. Dass drinnen nicht mehr geraucht werden darf, findet sie persönlich gut.

Nicht so gut gefallen ihr andere Dinge, die sich in den letzten Jahren verändert haben. Der Frühschoppen etwa sei dabei auszusterben. Immer weniger Gäste kamen morgens, sodass Pascalina unter der Woche irgendwann nur noch mittwochvormittags öffnete. Für drei Gäste. „Ich habe gesagt, solange der alte Ludwig kommt, wird das weitergeführt.“

Der alte Ludwig wurde fast 100. Nun gibt es nur noch sonntags Frühschoppen, für die Herren, die zuverlässig nach der Kirche kommen und bis zum Mittagessen bleiben. Der jüngste von ihnen ist 42. Pascalina sagt: „Wenn die nicht mehr kommen, ist der Frühschoppen durch.“ Die heutigen Frauen wollten sonntags was mit ihren Männern unternehmen.

Corona hat die Theke kaputt gemacht

Eine weitere einschneidende Veränderung brachte die Pandemie. Nicht nur die, dass sich die Gaststätte seitdem mittwochs einen Ruhetag gönnt. Auch die Tatsache, dass sie wohl geschlossen hätten, wenn sie das Bützler nicht Ende der 90er nach fünf Jahren Pacht gekauft hätten. Obwohl ihr Mann sich zu dem Zeitpunkt bereits immer mehr herausgezogen hatte und Pascalina die Kneipe praktisch alleine schmiss.

Nein, für sie ist es noch substanzieller als das: „Corona hat die Theke kaputt gemacht.“ Die Theke, die „Seele“ der Kneipe.

Früher war sie immer brechend voll, immer. Heute sei sie mal voll, mal leer, sagt Pascalinas Sohn Zissis, der das Bützler seit rund acht Jahren mit ihr zusammen führt. Er sagt: Die Leute kämen mehr zum Essen, säßen eher an den Tischen.

Zissis Mangiras. Foto: Thomas Merkenich

Denn, auch die Trinkkultur habe sich verändert: „Mein Sohn ist fast 17, er hat noch nie ein Kölsch getrunken und zeigt auch keinerlei Interesse daran.“ Obwohl die Familie im zweiten Stock des Hauses lebt, über der Kneipe und über Pascalina im ersten Stock; obwohl die Enkel täglich in der Gaststätte vorbeischauen, um der Oma in der Küche Hallo zu sagen.

Es waren harte Jahre, aber schöne

Und noch etwas ist anders, erzählt Zissis: „Früher kamen die Leute, um zu erfahren, wie es den Nachbarn geht, was in der Straße los ist, in Bergisch Gladbach. Die Theke war quasi Social Media.“

Heute scrollen die Menschen durch Facebook, Instagram oder Tiktok. Verabreden sich per WhatsApp zum Knobeln, und wenn einer absagt, überlegen sich die anderen auch, ob sie kommen – anstatt wie einst in die Kneipe zu gehen, um zu sehen, wer da ist.

Pascalina wirkt wehmütig, als sie sagt, „es waren harte Jahre, aber schöne“. Die Jahre, in denen sie sieben Tage die Woche öffnete, bis auf drei Wochen im Sommer und Weihnachten. Die Jahre, in denen die Theke voll war. Die Jahre der alten Stammgäste, von denen inzwischen viele auf dem Friedhof liegen.

Der „alte Jupp“ und die Kegelbahn

Doch sie liebt ihre Arbeit, ihre Kneipe nach wie vor. „Ich habe nie das Gefühl gehabt, ich muss arbeiten. Ich mache das einfach gerne. Ich bin stolz, wenn die Leute zufrieden hier raus gehen.“ Und das tun sie, siehe Google-Maps-Rezensionen.

Immer noch kommen die Turnfrauen, kommen die inzwischen Erwachsenen, die schon im Bauch ihrer Mütter hier waren und längst selbst Kinder haben. Immer noch kommt der „alte Jupp“, 100 Jahre alt. Immer noch ist die Kegelbahn so gut wie jeden Tag gebucht – eine von wenigen, die es in Bergisch Gladbach noch gibt.

Im „Sälchen“, der bis zu 100 Menschen Platz bietet, werden regelmäßig Hochzeiten gefeiert, später die Taufen der Kinder, ihre Kommunion oder Konfirmation, 18. und 80. Geburtstage, Beerdigungen. Die Gaststätte lebt bis heute von den Familien, die ihr über Generationen treu bleiben.

Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten spendet Pascalina übrigens alle Tageseinnahmen. So auch am kommenden Sonntag, wenn das Bützler sein 150-jähriges Bestehen feiert.

Pascalina ist inzwischen 68. Ein Alter, in dem andere sich in die Rente verabschieden. Nicht so Pascalina: Sie will die Kneipe weiterführen, solange sie kann. Weil sie sie liebt. Und weil sie nicht weiß, was sie sonst tun sollte. Und vielleicht auch, weil nicht klar ist, ob ihr Sohn alleine weitermachen wird.

Sie nimmt sich ein Vorbild an ihrer Mutter, die, bis sie 84 Jahre alt war, jeden Abend in der Küche Gemüse geschnippelt hat.


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ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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