Die bevorstehende Ausstellung „Trügerische Landschaft“ des AdK (Arbeitskreis der Künstler) beschäftigt sich mit den Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl vor 40 Jahren. Diese Erinnerung an die atomare Katastrophe ist wichtig – lenkt sie doch den Blick auf die ständig wachsende „normale“ Bedrohung. 

Das Konzept der Ausstellung „Trügerische Landschaft“ des AdK stellt die Frage: „Welche Auswirkung hat die Strahlung in Tschernobyl direkt und langfristig auf die Umwelt, die Gesundheit, also Erbanlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen?“

Ein großes Gebiet ist durch radioaktive Strahlung, die wir nicht sehen, riechen, schmecken oder hören, für lange Zeit kontaminiert. Tausende Menschen starben, erlitten bleibende gesundheitliche Schäden, mussten ihre Heimat verlassen. 

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Die Erinnerung an die Gefahren radioaktiver Strahlung von Atombombentests und Unfällen in Nuklearanlagen lenkt den Blick aber auch auf andere Gefahren – um die es in diesem Text geht. 

Natürliche trügerische Landschaften 

  • Moore und Treibsand
  • Das Wattenmeer mit seinen Prielen
  • Frische Schneedecken über Gletscherspalten
  • Felsstürze und Gerölllawinen in Gebirgen 

Unnatürliche trügerische Landschaften

  • Belastete Böden nach Atombombentests im Bikini-Atoll, in Sibirien, auf Kamtschatka etc.
  • Truppenübungsplätze mit Munitionsresten – auch hier in der Wahner Heide.
  • Verklappte Weltkriegs-Munition in Nord- und Ostsee. Mehrere Millionen Tonnen Phosphor und TNT vergiften Strände, Fische, Krebse, Muscheln und Vegetation. 
  • Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg – allein über Köln wurden 1,5 Millionen Bomben abgeworfen. Über 10% sind nicht explodiert, nur die wenigsten seit 80 Jahren gesucht, gefunden und entschärft.
  • Altlasten in zugedeckten Mülldeponien überall – besonders in ehemaligen Industriegebieten – auch aus der Papierherstellung und Zinkverhüttung.
  • Kontaminierte Landschaften nach dem Einsatz von Chemikalien zum Abbau von Rohstoffen – wie aktuell Teile der Atacamawüste zur Gewinnung des weltweit begehrten Lithiums.
  • Hochtoxischer Abraum aus Bergbau (Blei bei Stolberg, Verseuchung bei Wismut als Folge der Urangewinnung für russische Atombomben, Salz).
Foto: Klaus Hansen

Hinzu kommen Schäden in unserem Ökosystems lokal, regional und weltweit: 

  • Seit der Antike: Bleirohre in Rom und römischen Kolonien.
  • Chemieunfälle überall auf der Welt – auch Leverkusen ist immer wieder in den Schlagzeilen („Die Bevölkerung war zu keiner Zeit gefährdet!“), Seveso und Bhopal mit tausenden von Toten und Leidenden bis heute.
  • Zement und Beton mit riesigen CO2-Anteilen.
  • Zerstörungen ganzer Städte durch Bomben und Granaten in aktuellen Kriegen.
  • Verschmutzung der Küsten durch Ölteppiche nach Schiffshavarien.
  • Feinstaub aus Reifen- und Bremsbelägen-Abrieb von über 1,5 Milliarden Autos. Allein in Deutschland gibt es rund 50 Millionen PKW. 
  • CO2 aus weltweiter Mobilität – es gibt bis zu 200.000 (!) Flüge pro Tag. 
  • Feinstaub aus industrieller Produktion. 
  • Die Langzeitwirkung von Insektiziden und Pestiziden, deren Folgen auf uns nicht ausreichend erforscht sind.
  • Eintrag kontaminierter Flüssigkeiten aus Industriebetrieben in Bäche, Flüsse und Böden.
  • Die für unser Überleben wichtigen Weltmeere sind durch Müll und Mikroplastik mit extrem langen Abbauzeiten gefährdet. Die Langzeitwirkung ist ebenfalls noch ungeklärt.
Foto: Klaus Hansen

Immer mehr, mehr, mehr

Quantitatives, nicht qualitatives Wirtschaftswachstum ist das Leitbild unserer Gesellschaft. Unser Energiehunger bedeutet Ausbeutung natürlicher Ressourcen, führt zur Zerstörung von Lebensräumen und zu stetig wachsender Müllproduktion. 

Natürlich trägt Politik Verantwortung. Aber wir Bürgerinnen und Bürger müssen uns nach unserem Anteil an der Zerstörung des Planeten fragen. Denn wir sind Konsumenten, die mit ihren Kaufentscheidungen, ihrem Mobilitätsverhalten und ihrem Lebensstil tagtäglich Einfluss nehmen.

Beispiel: Wasserproblem

In landwirtschaftlich genutzte Böden sind seit Jahrzehnten die zur Erhöhung der Erträge genutzte Gülle, andere Dünger und zur Bekämpfung von „Schädlingen“ eingesetzte Insektizide und Pestizide gesickert. Und damit ins Grundwasser. 

Das aktuelle Niedrigwasser im Rhein besteht zum großen Teil nicht mehr aus sauberem Quellwasser, aus der Schneeschmelze oder aus Regenwasser. Es kommt aus Zuflüssen belasteter Bäche und Flüssen und der – nicht reduzierten – Menge der Abwässer industrieller Anlagen. Durch die alternde Gesellschaft erhöhen sich die Medikamentenrückstände. Durch Verdunstung wächst der Anteil der Verschmutzung.

Eine Rheinausbaggerung führt zum schnelleren Abfließen, bringt aber nicht mehr Wasser. Die Umdisponierung der Schiffsladungen auf die vielfache Menge großer LKW erhöht die Zahl der Staus und es werden überproportional mehr Treibhausgase und Feinstaub emittiert. Das ist das Gegenteil einer nachhaltigen Lösung.

Künftige Generationen werden unter hohem Aufwand verschmutztes Wasser aus verseuchten Brunnen und Uferfiltrat in trinkbares Wasser verwandeln müssen. Inzwischen wird an der großtechnischen Rezyklierung von Trinkwasser aus Kläranlagen gearbeitet.

ParadoxDie eingesetzten Pestizide und Dünger führen langfristig zu geringeren Erträgen, weil Böden und Brunnen für die Landwirtschaft nicht mehr verwendet werden können. Viele Insektenarten sind als Bestäuber fast ausgemerzt. 

Foto: Klaus Hansen

Beispiel: Treibhausgase 

Die bereits in unserer Atmosphäre vorhandenen Treibhausgase sind wahrscheinlich nicht mehr zu reduzieren. Deswegen müssen wir weitere Emissionen aus fossilen Energien massiv verhindern, damit die Erderwärmung langsamer vor sich geht. Die Kosten der Versuche, eine „heile“ Umwelt herzustellen, werden unerhört steigen. 

Beispiel: Ewigkeitschemikalien

Auf dem ganzen Planeten finden sich überall an Land und in den Ozeanen „Ewigkeitschemikalien“ (PFAS). Wie auch Mikroplastik geraten sie in die Nahrungskette. Die Folgen für unser aller Leben sind ungeklärt.

Beispiel: Erwärmung der Ozeane

Wir erleben die Zerstörung der Lebensgrundlagen vieler Meeresbewohner. Durch Müll, Chemikalien, Überfischung. Die Erwärmung lockt invasive Arten ins Mittelmer, giftige Algenblüten, auch in der Ostsee und in großen Seen zerstören das Ökosystem.

Beispiel: Energie

Seit 1975 hat sich die Erdbevölkerung von 4,5 Milliarden Menschen auf weit über 8 Milliarden fast verdoppelt. Prognostiziert sind 12 Milliarden bis 2050. Energiebedarf und Müllmengen steigen. Und mit ihm auch der Verbrauch der fossilen Ressourcen, wenn wir keine schnelle Änderung im Denken und Handeln erreichen. Besonders für die exponentiell wachsende Künstliche Intelligenz wird extrem viel Energie und Wasser benötigt.

Beispiel: Flüchtlinge 

Wer als Folge von Dürren, Bränden oder Überschwemmungen nichts mehr zu verlieren hat, wird seine Heimat verlassen und für sich und seine Kinder eine bessere suchen. Und wir Europäer glauben, mit Zäunen und Stacheldraht die zu erwartenden Flüchtlingsströme an unseren Grenzen aufhalten zu können. Stattdessen müssen wir eine geregelte Integration zur Aufnahme und Ausbildung einer großen Zahl von Flüchtlingen aufbauen. In unserer alternden, in den Ruhestand gehenden Gesellschaft brauchen wir mehr Arbeitskräfte.

Jahr für Jahr ertrinken im Mittelmeer mehr als 3.000 Kinder, Frauen und Männer beim Versuch, Europa zu erreichen. Die Zahl der Opfer, die auf anderen Fluchtrouten sterben, kennen wir nicht einmal. 

Foto: Klaus Hansen

Beispiel: Wirtschaftswachstum

Alles, was wir zum Überleben brauchen, ist auf unserem Planeten vorhanden. Mehr aber auch nicht. Wer heute noch quantitatives Wachstum zur Lösung der Probleme propagiert, handelt verantwortungslos – sogar gegen sich selbst. 

Jeder Hitzetag kostet Deutschland schon jetzt mehrere hunderte Millionen Euro. Dennoch verschiebt unsere Regierung Maßnahmen gegen den Klimawandel in die Zukunft und subventioniert stattdessen mit dem Tankrabatt den Verbrauch fossiler Energien. 

Zerstörerisches Wachstum sehen wir besonders beim überbordenden Tourismus: Auf der Flucht aus dem Alltag und der Suche nach Sehnsuchtsorten werden diese von den Suchenden selbst zerstört.

So zynisch es klingt: Wachstum wird es vielleicht nur noch bei der Zahl der Kriege und Katastrophen, bei dem Versuch der Bewältigung ihrer Folgen und bei der Zahl ihrer Opfer geben.

Beispiel: Waldsterben

Die Schuldigen waren damals schnell gefunden. Der Borkenkäfer soll es gewesen sein. Tatsächlich aber konnte er unseren Nadelbäumen den Garaus nur so schnell machen, weil saurer Regen die Wälder geschädigt und der Klimawandel des Käfers Lebensbedingungen rasant verändert haben. 

Holz bindet CO2, die Zement-Produktion dagegen setzt riesige Mengen CO2 frei. Durch klügeren Einsatz von Holz könnten erhebliche Mengen eingespart werden.

Foto: Klaus Hansen

Beispiel: Waldbrände

Die Brände großer Waldgebiete und Landschaften führen weltweit zur Vernichtung von unzähligen Existenzen, zu riesigen materiellen Verlusten, zum Tod hunderttausender Tiere, zu Ernteausfällen, zur Vernichtung von Artenvielfalt bei Tieren und Pflanzen. Und betreffen somit uns alle. 

Beispiel: Klimaanpassung

Was ist, wenn wir die beschwichtigende „Klimaanpassung“ bereits verpasst haben? Die Evolution wird uns Menschen, den Tieren und Pflanzen keine Zeit zur Anpassung lassen: Dafür sind die Belastungen unseres Ökosystems seit Beginn der industriellen Revolution vor 250 Jahren zu rasant gewachsen.

Wie viele Jahrhundertkatastrophen passen in ein Jahrzehnt?

Der Soziologe Harald Welzer zitiert in einem Interview des Kulturmagazins „K.WEST“ von 4/2008 den deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas mit der „schönen Bemerkung, dass mit zunehmender Zivilisierung die Einsicht in unsere Probleme wächst, aber die Fähigkeit abnimmt, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen“. Das scheint auch für politische Entscheider zu gelten. 

In diesem Interview spricht Welzer auch über Apokalypse-Blindheit. Und dass es viele Anlässe für Auseinandersetzungen als Folge des Klimawandels geben wird: Massenmigration, Ressourcenknappheit, Gesellschaftszusammenbrüche.

Foto: Klaus Hansen

Apokalypse-Blindheit 

Welche Risiken darf oder muss eine Erdbevölkerung auf einem Planeten mit einer begrenzten Menge an Vorräten eingehen, wenn sie ihren wachsenden Energie- und Versorgungsbedarf decken und gleichzeitig ihr Überleben sichern, Elend und Übersterblichkeit, Krankheiten verhindern und soziale Gerechtigkeit schaffen will?

Warum steht das Thema auf der Agenda der Politik nicht ganz oben? Ist es die Angst vor der nächsten Wahl, bis wir keine mehr haben? Was hindert uns und unsere Politiker an einem konsequenten zukunftsorientierten Handeln? 

Jeder noch so kleine Schritt hilft, die Klimaveränderung abzubremsen. Jede unterlassene Fahrt mit einem Auto ist sinnvoll, ist ein Gewinn. Der zur eigenen Entlastung häufig genutzte Verweis auf die Emissionen der bevölkerungsreichsten Länder China und Indien ist verlogen. Pro Kopf sind wir für das 2,5 fache der langlebigen Treibhausemissionen verantwortlich. Denn wir leben schon seit langem über unsere Verhältnisse. Ausbeutung anderer gehört offensichtlich zu unserer DNA. Zukunft hat das natürlich nicht. 

Foto: Klaus Hansen

Wo ist er, der homo sapiens?

Wo ist er, der vernünftige, weise, wissende, denkende Mensch? Die Aussage „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben“ hat wohl keine Zukunft. „Kinder sind unsere Zukunft“ kann als Hoffnung durchgehen, weil diese Kinder das Denken und Handeln verändern müssen. Denn unser bisheriger Lebensstil führt ins Chaos.

Was wird, wenn die Gewinne des klassischen Wirtschaftswachstums vor allem von Reparaturen, Wiederaufbau, Aufforstungen, Renaturierung, Entschädigungen, Versicherungen etc. aufgefressen werden, statt in Zukunftsinvestitionen zum Überleben zu fließen? Das Geld für sinnvollere Investitionen wird fehlen: Für Bildung, für Ernährung, für die Wasserversorgung, für das Gesundheitswesen, für sozial gerechtere Gesellschaften.

Innovationsoffen statt technologieoffen

Dogmatisches Denken blockiert dialektisches Denken. Die Floskel von der „Technologieoffenheit“ hält sich hartnäckig. Zeitgemäß aber wäre eine Offenheit für Innovationen – gerade bei politischen Entscheidern. 

Es gibt weltweit viele gute Ideen und bereits praktizierte Lösungen: Intensiver Ausbau erneuerbarer Energien, begrünte Fassaden und Dächer, Bäume, Alleen, Begrünung bisher versiegelter Flächen, Renaturierung von Mooren, begradigten Bächen und Flüssen, Veränderung der Mobilität, des Individualverkehrs, konsequente Tempolimits, Stapelung von Parkplätzen, neue Baumaterialien, besseres Recycling, andere Kunststoffe, weniger Müll etc.

Wetterextreme hat es schon immer gegeben. Nur noch nicht so viele so häufig in so kurzer Zeit. Europa erhitzt sich schneller als andere Regionen der Welt. Warum leugnen einige noch den menschengemachten Klimawandel? Wie werden die von Trotz getriebenen Wähler der Rechtspopulisten reagieren, wenn sie begreifen, dass ihre Heilsbringer keinen Tropfen Regen zusätzlich bringen oder gar die Erderwärmung abbremsen?

Foto: Klaus Hansen

Bescheidende Hoffnung

Das vorindustrielle Niveau der Klimadaten werden wir nicht mehr erreichen. 

Aber in den wichtigsten Medien wird über die vielen Katastrophen nicht mehr als isolierte lokale oder regionale Ereignisse berichtet, sondern seit geraumer Zeit werden Ursachen, Zusammenhänge und Folgen beschrieben. Selbst Gute-Laune-Medien, die sich dem Infotainment verschrieben haben, scheinen zu begreifen, dass ihre Unredlichkeit verantwortungslos ist.

Wenn Politiker trotz des Wissens um die Katastrophen nicht handeln, werden sie bald Getriebene sein. Wenn Politik verzagt, wird Bürgerprotest und Engagement umso wichtiger. Denn wir bestimmen mit, welche Prioritäten wir als Gesellschaft setzen. Was aber sind wir selbst bereit zu verändern? Und wieviel „immer mehr“ brauchen wir wirklich? Es lohnt, Fridays for Future und ähnliche Organisationen zu unterstützen. Bewundernswert, wie viele junge Menschen sich engagieren.

Fazit

Die Katastrophe von Tschernobyl hat einen großen Landstrich in der Ukraine unbewohnbar gemacht. Durch den aktuellen Krieg wächst die Gefahr einer neuen Strahlenbelastung. Die Erinnerung der AdK-Ausstellung an die atomare Katastrophe ist wichtig – lenkt sie doch den Blick auf die ständig wachsende „normale“ Bedrohung. 

Denn der CO2-Ausstoß, die Erderwärmung, die Aufheizung der Ozeane, die Belastung durch Ewigkeitschemikalien und der Feinstaub betreffen uns alle, die ganze Welt. Keine schönen Aussichten.

Den Ausstoß schädlicher Treibhausgase schnell und massiv zu verringern, wäre ein Gewinn für alle. Deswegen ist jeder noch so kleine Beitrag wichtig. Die Verantwortung des Einzelnen lässt sich nicht abschieben, nicht auf andere Menschen oder Nationen.

Wer darauf hofft, dass sich die neuen Möglichkeiten der KI zur Systemanalyse einsetzen lassen, um Antworten zu erhalten, wie die Wirtschaft auf CO2-arme Produktion umgestellt werden könnte, muss sich damit auseinandersetzen, dass die KI möglicherweise den Menschen und seine Profitgier als Ursache der derzeitigen Misere erkennt und Maßnahmen veranlasst, die den Menschen nicht gefallen. Ohne Menschen reguliert die Natur sich selbst.

ist Fotograf, Designer und Kommunikationsberater.

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