Shari und André Dietz setzen sich für mehr Inklusion - auch in Bergisch Gladbach - ein. Foto: Thomas Merkenich

Der Alltag mit vier Kindern ist wuselig, bringt Herausforderungen und jede Menge Abenteuer mit sich. Das gilt umso mehr, wenn eines der Kinder einen seltenen Gendefekt und Pflegegrad 5 hat. Shari und André Dietz geben Einblicke in ihr besonderes Familienleben und schildern, was sie sich in Sachen Inklusion in Bergisch Gladbach wünschen.

Im Hause Dietz wird Inklusion gelebt. Ausgesucht hat sich das die Familie nicht. Aber von ganzem Herzen angenommen. Shari und André Dietz wohnen mit ihren vier Kindern und zwei Hunden in einem Haus mit großem Garten in Bergisch Gladbach. Ihr zweites Kind, Mari, wurde mit einem seltenen Gendefekt geboren – und das Paar damit zwangsläufig zu Experten in Sachen Inklusion.

„Innerhalb unserer Familie funktioniert Inklusion“, sagt André Dietz. Aber wie sieht es außerhalb aus? In der Kita, der Schule, beim Einkauf, in der Freizeit? Wie lebt es sich als Familie in Bergisch Gladbach, wenn ein Kind eine Behinderung und Pflegegrad 5 hat?

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Darüber sprechen wir mit den Eltern, die beide in der Öffentlichkeit stehen. André Dietz ist Schauspieler, Shari Dietz Autorin und Digital Creator (siehe Infokasten). Beide machen sich in ihren Büchern und den sozialen Medien für das Thema Inklusion und gelebte Vielfalt stark.

Vier Kinder an vier Schulen

Eines stellt Shari Dietz zu Beginn des Gesprächs klar: „Zuallererst sind wir eine Familie mit vier Kindern.“ Denn die Familie bestehe zu einem Großteil aus Kindern ohne Behinderung. Viele der Themen und Herausforderungen beträfen alle Familien. Etwa nach den Sommerferien wieder in den Alltag zurückzufinden – noch dazu, wenn vier Kinder vier verschiedene Schulen besuchen und drei davon den Elternabend am gleichen Tag veranstalten. 

„Natürlich ist unser Familienalltag anstrengend“, bekennt André Dietz. „Aber unsere Kinder profitieren auch von der gelebten Inklusion. Es hat sie zu sozial offenen Menschen gemacht.“

Und doch betreffen Maris Geschwister automatisch Dinge, „weil sie eine Schwester mit Behinderung haben“, ergänzt die 39-Jährige. Als Familie würden sie aufgrund bestehender Barrieren eingeschränkt, wenn es um gemeinsame Unternehmungen geht.  

Die Eltern berichten bemerkenswert offen aus dem Alltag pflegender Eltern, dem langen Weg zur Diagnose, von Bürokratie und Anträgen für Inklusionshelfer oder Hilfsmitteln wie einen elektrischen Reha-Buggy. Vor allem aber sprechen sie immer voller Liebe für Mari – und alle ihre Kinder.

Der Start in GL und die Kita-Zeit

Die damals noch vierköpfige Familie Dietz zieht Anfang 2014 von Köln nach Bergisch Gladbach, kurz nach Maris Geburt. Der ältere Bruder besucht eine fußläufig erreichbare Kita, in die auch Mari mit zwei Jahren gehen soll. Zu der Zeit erhält Mari die Diagnose Angelman-Syndrom – und die Kita lehnt die Aufnahme ab. 

„Das war für mich das Allerschlimmste“, erinnert sich Shari Dietz mit Tränen in den Augen. „Wir waren am Boden zerstört wegen dieser krassen Diagnose. Aber für mich war klar, dass Mari trotzdem in diesen Kindergarten gehen kann.“ Die Einrichtung war ebenerdig, zudem sollte Mari eine Einzelfallbetreuung bekommen. 

Die Kita begründet die Ablehnung unter anderem damit, dass es keine Räume für Therapien und keine höhenverstellbaren Wickeltische gebe. „Zu dem Zeitpunkt ging man noch davon aus, dass Mari nie laufen können würde“, erklärt André Dietz. Was sich als falsch erwiesen hat. 

Das mit der Inklusion funktioniert
hier überhaupt nicht.Shari Dietz über die Kita-Zeit

„Die Kita, übrigens eine katholische, hat Gründe vorgeschoben. Man hätte es regeln können, aber hat es nicht gewollt“, ist Shari Dietz überzeugt. Für Maris großen Bruder sei es „sehr schlimm“ gewesen, dass seine Schwester nicht in seine Kita gehen konnte – so wie die gleichaltrige Schwester seines besten Freundes. 

Und so muss Mari täglich mit dem Auto in einen weiter entfernten Kindergarten gefahren werden. Speziell ausgebildete Erzieher:innen habe es dort nicht gegeben und „wir hatten dort immer den Stempel ‚Eltern mit behindertem Kind‘. Da haben wir zum ersten Mal gemerkt: Das mit der Inklusion funktioniert hier überhaupt nicht“, berichtet die Mutter.

(Fehlende) Inklusion in der Schule

Mit dem Wechsel auf die Schule „konnten wir endlich etwas durchatmen“, sagt Shari Dietz. Auf der Friedrich-Fröbel-Schule sei Mari nicht mehr das Kind mit der Behinderung, da dort alle eine Behinderung haben. Mari wird morgens von einem Bus zu Hause abgeholt und nach dem Unterricht wieder zurückgebracht.

„Die Schule ist Weltklasse“, schwärmt André Dietz und schränkt im gleichen Atemzug ein: „Aber es ist eine Förderschule. Grundsätzlich wünschen wir uns Inklusion in Schulen. Und glauben an das Konzept.“ Viele Kinder mit Behinderung seien in Regelschulklassen gut aufgehoben, auch die Kinder ohne Behinderung profitierten davon.

Für Mari sei die Fröbelschule allerdings die einzig denkbare Schule. Ihr Grad der Behinderung lasse den Besuch einer Regelschule nicht zu, erläutert André Dietz. Die Zwölfjährige kann nicht sprechen, ihr Entwicklungsstand sei mit dem einer Ein- bis Zweijährigen vergleichbar. Auf der Fröbelschule lerne sie rudimentäre Dinge wie Essen, Trinken, zur Toilette gehen oder Farben auseinanderzuhalten – „was wirklich toll ist“.

Schul-Patenschaften

Es müsste mehr Kooperationen und Patenschaften zwischen Förder- und Regelschulen geben, findet Shari Dietz. Als Beispiel nennt sie eine Schüler-AG des Gymnasiums Herkenrath an der Fröbelschule. „Die gab es schon, als ich auf dem Gymnasium war. Ich habe nicht mitgemacht, weil ich dachte, dass ich mit Menschen mit Behinderungen nicht umgehen kann.“ Die 39-Jährige schüttelt über sich selbst den Kopf.

„So etwas müsste es häufiger geben, damit möglichst viele daran teilnehmen“, findet ihr Mann. Oder gemeinsame Schulhöfe. „Aber angesichts des maroden Zustands der Schulen und der finanziellen Lage sehe ich solche Konzepte in naher Zukunft leider nicht.“

Shari und André Dietz bei der Aktion “GL spricht auf dem Riesenrad”. Foto: Thomas Merkenich
Shari und André Dietz, ihre Familie und ihre Bücher

Shari Dietz ist 39 und stammt aus Bergisch Gladbach. Nach ihrem Abitur hat sie Medienkommunikation und Journalismus studiert und in einer Werbeagentur gearbeitet. Die Autorin produziert auf Instagram regelmäßig Inhalte zu den Themen Familie, Kinder (mit Behinderung), Design, Mode und Garten.

André Dietz ist 51 Jahre alt und kommt aus Koblenz. Der Schauspieler, Autor und Moderator wurde unter anderem durch seine Rollen in den Fernsehserien „Unter Uns“ und „Alles was zählt“ bekannt. Für die Dokumentationen „Zum Schwarzwälder Hirsch“ und „Herbstresidenz“ wurde er mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimmepreis ausgezeichnet.

Shari und André Dietz sind seit 2011 verheiratet und leben seit 2014 in Bergisch Gladbach. Sie haben vier Kinder – einen Jungen und drei Mädchen – im Alter zwischen 9 und 14 Jahren. Ihr zweites Kind, Tochter Mari, kam mit dem seltenen Angelman-Syndrom zur Welt.

In ihrem ersten gemeinsamen Buch „Alles Liebe – Familienleben mit einem Gendefekt“ (2019) schreiben Shari und André Dietz darüber, wie sie als Paar das Schicksal als Chance nutzen. Mit ihrem Kindebuch „Ich bin Mari“ (2022) geben sie ihrer nicht sprechenden Tochter eine Stimme und erzählen, wie sie die Welt erlebt. Auch ihr zweites Kinderbuch „Maris Märchen“ (2025) rückt die Themen Diversität und Inklusion in den Fokus.  

Positive Erfahrungen hat die Familie mit der Grundschule von Maris drei Geschwistern gemacht. „Sie kann sich dort bei Schulfesten überall frei bewegen. Alle wissen Bescheid. Und kennen Mari, auch aus unserem Buch, das im Unterricht besprochen wird“, erzählt die Mutter.  Ähnlich erlebt es die Familie in ihrem Stadtteil. „Wir stoßen in unserem direkten Umfeld kaum auf Widerstände. Die Menschen begegnen Mari und uns sehr offen“, sagt André Dietz. 

Hin und wieder passiere es, dass Eltern ihre Kinder von Mari zurückziehen, weil sie nicht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen. „Wir gehen sehr offensiv und oft auch humorvoll damit um, setzen auf Dialog, versuchen ihnen Maris Verhalten zu erklären.“ Damit seien sie meist auf Verständnis gestoßen. 

Inklusion im Supermarkt

Als gutes Beispiel dafür, wo Inklusion funktioniert, nennen die Eltern ihren Stamm-Supermarkt. Der hat einen speziellen Einkaufswagen für Mari angeschafft, in dem sie sicher sitzen kann, und den auch andere Familien für ihre (größeren) Kinder mit Behinderung nutzen. 

„Das ist eine große Hilfe. Weil Mari immer zur Fleischwurst und den Süßigkeiten möchte und Dinge aus den Regalen nimmt“, sagt die Mutter. „Alle kennen uns und unser Kind und man muss nichts erklären, wenn sie etwas auf den Boden schmeißt.“

Super sei der Cap-Markt in Paffrath, der Arbeitsplätze für alle schaffe und Menschen mit Behinderung beschäftige. „Daran könnten sich manche Unternehmen mal ein Beispiel nehmen.“

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Der CAP-Markt in Paffrath lebt Inklusion: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten in dem Supermarkt Seite an Seite. Die Atmosphäre ist herzlich und familiär, das schätzen nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch viele Kund:innen. Wir haben Emine Altunkilic, die für Hygieneprodukte verantwortlich ist, aber auch alles andere kann, eine Schicht lang begleitet.

Die Sache mit der Freizeitgestaltung

„Die Freizeitgestaltung ist unser größtes Thema“, sagt Shari Dietz und seufzt tief. Aktuell besucht Mari einmal wöchentlich einen Kurs an der Musikschule, zusammen mit ihrem Vater. Es ist ihr einziger Freizeit-Termin.

„Wir wünschen uns inklusive Sport-Angebote in unserer Nähe, in denen es nicht um Leistung geht, sondern um den Spaß an Bewegung.“, sagt Shari Dietz. „Warum kann nicht jeder Turnverein auch eine Gruppe anbieten, in der auch Menschen mit Behinderung mitmachen können?“ Bisher hätten die Eltern kein Angebot für ihre Mari gefunden, die am liebsten tanzt.

Auch im öffentlichen Raum wünscht sich die Familie Plätze für alle Menschen jeden Alters, mit oder ohne Behinderung. „Spielplätze sollten Orte der Begegnung sein, an dem sich alle Menschen gern aufhalten. Die gibt es hier nicht“, sagt André Dietz. 

Der Skatepark könnte so ein Ort sein, findet Shari Dietz: „Eine der wenigen sportlichen Aktivitäten, die wir als Familie gemeinschaftlich machen können, ist Fahrradfahren oder Inline Skaten, wenn Mari im Rollstuhl sitzt. Ich verstehe nicht, warum man diese verfallene Anlage nicht erneuern und zu einem Park für alle umgestalten kann.

Shari Dietz (vor einigen Jahren) mit ihren vier Kindern auf dem Spielplatz an der Saaler Mühle: Mari steht neben der Rutsche, auf der ihre drei Geschwister sitzen. Foto: Catja Vedder

Fehlende Inklusion auf Spielplätzen

Neue Spielplätze (wie der an der Saaler Mühle) seien häufig schön gestaltet, „aber oft nicht zu Ende gedacht“. Menschen mit Rollstuhl oder Rollator könnten diese nicht erreichen, wenn der Boden aus Sand bestehe. „Wir haben uns davon nie aufhalten lassen und das immer irgendwie hingekriegt. Zur Not habe ich Mari getragen“, berichtet André Dietz. Aber man sollte vor der Neugestaltung Inklusion mitdenken und mit Menschen sprechen, die sich auskennen. 

Dass es auch anders geht, haben sie auf Spielplätzen in anderen Städten gesehen. Sie berichten von einem bodentiefen Dreh-Karussell, das auch Mari mit Rollstuhl nutzen kann, Gummi-Fallmatten statt Sand, Schaukeln mit Sicherheitsbügeln (ähnlich wie in einer Achterbahn). 

Die fehlende Inklusion auf Spielplätzen und in der Freizeitgestaltung hatten bei unserer Aktion „GL spricht auf dem Spielplatz“ einige Familien kritisiert.

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Kaputte Spielgeräte, fehlende Angebote für Kinder mit Behinderung und lieblos gestaltete Spielplätze: Wir waren mit „GL spricht“ auf dem Spielplatz und haben Familien nach ihrem Alltag in Bergisch Gladbach gefragt. Herausgekommen ist ein ehrliches Stimmungsbild – mit klarer Kritik, aber auch viel Zuneigung zur eigenen Stadt.

„Wo kann Inklusion besser beginnen, als auf einem Spielplatz, wo Kinder miteinander spielen und sich kennenlernen?“, fragt André Dietz. Solche Orte müssen in Bergisch Gladbach geschaffen werden. 

„Die schaffen wir in unserem Garten und in unserem Haus. Denn so, wie es im Kleinen innerhalb unserer Familie etwas mit unseren Kindern macht, würde es auch etwas mit unserer Gesellschaft machen. Damit eine Shari als Jugendliche eben nicht sagt ‚Ich kann nicht mit Behinderten umgehen‘“.

Die Sache mit den Ferien

Die für sie anstrengendste Zeit des Jahres hat die Familie vor kurzem hinter sich gebracht: „Die Sommerferien sind für uns eine Katastrophe“, gesteht André Dietz. „Jede Kita und jede OGS bietet eine Ferienbetreuung an. Aber für Kinder wie Mari gibt es das nicht“, bemängelt Shari Dietz. 

„Mari langweilt sich zu Hause. Aber wir können nicht sechs Wochen nicht arbeiten,“ sagt der Vater. Die Zwölfjährige benötige eine 1:1-Betreuung, 24 Stunden am Tag, auch nachts. „Wenn wir nebenher noch arbeiten, sind wir auch einfach mal fertig mit den Nerven.“ Auch wenn sie im Alltag von einem Au Pair und einer Haushälterin unterstützt werden.

Andere Familien, die ein behindertes Kind haben, und „nicht so privilegiert sind, zerbrechen an den Herausforderungen. Dadurch, dass wir damit an die Öffentlichkeit geben, therapieren wir uns ein Stück weit selbst“, so André Dietz. „Wir machen das aber vor allem für unsere Tochter, um für sie eine bessere Welt zu schaffen – und auch ein besseres Bergisch Gladbach.“

Trotz allem finden Shari und André Dietz, dass Bergisch Gladbach ein guter Ort zum Leben. „Aber mit der Inklusion ist es wie mit einem Haus: Man ist nie damit fertig und muss immer daran arbeiten.“


Shari und André Dietz berichten am Montag, 21. September, von 18 bis 20 Uhr über ihren Alltag und ihre Erfahrungen. Unter dem Motto „Wie viel Inklusion braucht Bergisch Gladbach?“ diskutieren sie in der Volkshochschule (VHS) Bergisch Gladbach mit den Teilnehmer:innen unter anderem darüber, wo es hakt und was sich ändern sollte.

Moderiert wird der Abend von Sonja Schumacher von InBeCo. Sie ist Gründerin des inklusiven Tanztheaters „Lichtgestalten“. Weitere Infos und Anmeldung auf der Internetseite der VHS.


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ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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